Die Netze der sexuellen Ausbeutung zerstören, heisst die Devise in Manaus

Veröffentlicht am 14. Mai 2014

In Manaus – der Hauptstadt von Amazonien – drehen sich die Vorbereitungen für die Fussball-Weltmeisterschaft nicht nur um die notwendige Infrastruktur für den Ansturm der Besuchermassen. Im Bundesstaat Amazonas, der sich mit schweren Denunzierungen sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen auseinanderzusetzen hat, drehen sich die Vorbereitungen auch um eine Strategie zur Verhinderung einer Zunahme solcher Verbrechen und ihrer Opfer während der WM.

913586-direitos_copa_manausDie Aufsicht der zentralen Hafenregion der Hauptstadt ist angewiesen, eine verstärkte Truppe von Aufsichtsbeamten einzusetzen, die sich speziell um Beobachtungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen kümmern sollen.

Nach Auskunft der Psychologin Daniele Soares werden die Mädchen zunehmend früher Opfer von Sexualverbrechen. “Hier in Manaus liegt das durchschnittliche Alter solcher ausgebeuteten Mädchen bei 11 Jahren. Das ist absurd! Aber es gibt Personen, die solche Mädchen auf den Strich schicken“.

Im Hafen von Manaus regiert die Stille, wenn man auf das Thema Kinderausbeutung zu sprechen kommt. Händler, Besucher, Reisende, Verkäufer – niemand wagt sich, auch nur ein Wort über dieses Thema beizusteuern.

Clodoaldo von der Hafenaufsicht, enthüllt, dass die Besitzer von Hausbooten mehr Geld verdienen, wenn ihre Boote im Hafen von Manaus vor Anker liegen, als wenn sie mit ihnen unterwegs sind. Und das deshalb, weil sie ihre Boote als Bars und auch als Motels zur Verfügung stellen. Bei Razzien durch die Hafenpolizei fand man sowohl ausgebeutete Mädchen als auch Jungen in den Hängematten und Lotterbetten der Schiffe. “Das ist ein Geschäft, das mehr einbringt als der Transport von Waren ins Hinterland – der Konsum von Getränken, die Feste und all das andere dort drinnen“.

Auch die Indio-Mädchen stehen auf dem sexuellen Ausbeutungsprogramm in Manaus, so berichtet die Abgesandte des Karapãna-Volkes, Maria Alice. “Die Verführer beschwatzen die Eltern und bieten ihnen verschiedene Vergünstigungen an – und die Indios stellen schliesslich ihre Töchter für diese Arbeit zur Verfügung, für den Sexual-Tourismus.

Einer der Wege, der sexuellen Ausbeutung entgegenzutreten und die Rechte der Kinder zu schützen, ist der Sport. Erfahrungen, die das Leben der Knaben an der Peripherie der Grossstadt Manaus verändern, stammen aus dem Fussball.

“Wir sind stolz, wenn sie zu uns kommen und sagen: Herr Lehrer, ich hab’ es geschafft – auch die Eltern suchen uns auf, um uns zu unserer erfolgreichen Arbeit zu gratulieren, und dass wir ihren Kindern geholfen haben“, sagt der Lehrer Clodomildo. Mit seiner bescheidenen Art und in seine Arbeit verliebt, gibt er jeden Tag Unterricht – morgens und nachmittags – in einem Stadtteil mit Erdstrassen, der “Compensa“ (Entschädigung) heisst, in der Westzone von Manaus.

Einer seiner 170 Schüler ist Jerlisson, 15 Jahre alt, der zur selben Zeit in die Schule eintrat, als man mit dem Bau der “Arena da Amazônia“ begann, dem Stadion, in dem die Partien Amazoniens zur Fussball-WM ausgetragen werden. “Ich werde die Wahrheit sagen: Ich habe nur auf der Strasse gelebt. Habe dann angefangen auf dem Schulgelände Ball zu spielen und aufgehört mit dem Strassenleben. Jetzt lerne ich nachmittags und komme morgens und abends zum Training. Verbringe meine ganze Zeit mit Ball spielen und lernen“.

maracana_governo do rioJedoch nicht nur die bevorstehende WM hat das Interesse der Kinder von Manaus für den Sport intensiviert. Für eine Gruppe Indios des Oberen Rio Negro sind die Olympischen Spiele 2016, in Rio de Janeiro, die Gelegenheit, ihr Leben zu ändern und auf das Potenzial der indigenen Kinder und Jugendlichen Brasiliens aufmerksam zu machen. Die Gruppe aus zwölf Athleten ist nach Manaus umgezogen, um dort an einem Wettbewerb mit Pfeil und Bogen teilzunehmen. Anderson Santos, 15 Jahre alt, aus dem Volk der “Cambeba“, wurde bereits als ein Teilnehmer am olympischen Bogenschiessen ausgewählt. “Ich wusste nicht, dass dieser Wettbewerb mit Pfeil und Bogen mein Leben verändern würde. Bis ich in die brasilianische “Seleção“ aufgenommen wurde“, sagt er.

Seit fast vier Monaten hat Nelson, 14 Jahre alt, sein Dorf am Unteren Rio Negro verlassen, um sich mit dem Training zu beschäftigen. Er hatte einen kleinen Holzbogen in Gebrauch, der mit einer Tiersehne bespannt war – jetzt beherrscht er eine professionelle Ausrüstung. Sein grösster Wunsch ist “2016 Olympia-Champion zu werden“.