Verteiler-Zentrum São Paulo

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Wenn man die Sicherheitsvorkehrungen in São Paulo verbessern würde, hätte dies einen enormen Schock im ganzen Land zur Folge. Der Bundesstaat beherbergt Hunderttausende von Banditen und ist Verteiler-Zentrum aller Schlechtigkeiten, die nach Brasilien gelangen.

São Paulo ist die brasilianische Hauptstadt des Verbrechens. Als Wohnraum von 22% der brasilianischen Bevölkerung, ist der Bundesstaat für 30% der Diebstähle, 32% der Überfälle und 48% der Diebstähle von LKW-Ladungen im Land verantwortlich. Im Jahr 2002 legte die Militärpolizei von São Paulo eine Datenbank an, um sie mit Informationen über die Aktivitäten der Verbrecherbanden zu füttern. Es wurden lediglich solche Kriminelle registriert, die in Gruppen agierten und von der Polizei mehr als einmal festgenommen worden waren. Gelegenheitsräuber liess man aus. Das Resultat ist erschreckend: es wurden 300.000 Delinquenten aufgelistet, mit Familiennamen und Vornamen, Fotos und Adressen. Das heisst, das 0,8% der Einwohner von São Paulo Verbrecher sind!

Der grösste Teil von ihnen ist im Drogenhandel integriert. Die paulistanischen Banditen haben einen enormen Einfluss auf die Verteilung der Drogen in Brasilien gewonnen. Seit den 90er Jahren fliesst der grösste Teil des Kokains, der im Land zirkuliert, durch den Bundesstaat São Paulo, bevor er andere Verbraucher-Zentren erreicht, wie Rio oder Belo Horizonte. “São Paulo ist zum logistischen Zentrum der Drogenverteilung in Brasilien geworden“, bestätigt auch der Polizeiinspektor Getúlio Bezerra, verantwortlich für die Verbrechensbekämpfung bei der “Polícia Federal“ (PF). Im Jahr 2005 beschlagnahmte die PF in São Paulo 25% des im Land vorhandenen Kokains. Es gibt soviel Drogen in diesem Staat, dass sich bereits Gruppen gebildet haben, die sich auf die Absicherung der Transporte von Kokain und Marihuana spezialisiert haben.

Derselbe Bundesstaat führt auch das Ranking im Fall von gestohlenen LKW-Ladungen an, ein Delikt, das wahre Epidemie-Levels erreicht hat. Nach Auskunft des Syndikats der Transportunternehmen von São Paulo geschehen 48% dieser Verbrechen in ihrem Bundesstaat. Dies erklärt zum Teil daraus, dass ein Grossteil aller Waren des Landes über São Paulos Strassen transportiert werden. Die Verbrecher verkaufen die heisse Ware über den offiziellen Kommerz und können auf die Abnahme und Verschwiegenheit unehrlicher Geschäftsinhaber zählen. Wie der Drogenhandel, ist dies ein lukratives Geschäft. Eine Ladung Medikamente, zum Beispiel, kann einen Wert von 1 Million Reais darstellen.

Eine andere paulistanische Plage ist der Autodiebstahl. Nach Auskunft Versicherungen stammen 55% aller geklauten Autos aus dem Bundesstaat São Paulo – etwa 5.000 pro Monat. Viele davon werden für Überfälle benutzt und dann irgendwo abgestellt. Ein grösster Teil jedoch wird in ihre Bestandteile zerlegt und als Ersatzteile weiterverkauft. Die Polizei hat eine Landkarte angefertigt, auf der 309 solcher illegaler Teile-Werkstätten verzeichnet sind. Wenn ein Auto in eine solche “Werkstatt“ angeliefert wird, wird es in weniger als einer Stunde in seine Bestandteile zerlegt. Und dann werden die Teile sofort weiterverkauft. Wer den Wagen geklaut hat, erhält etwa 1.000 Reais dafür. Der Besitzer der Zerlegungsanstalt hat einen Gewinn von zirka 4.000 Reais.

Obwohl São Paulo allerhöchste Kriminalitätsstatistiken aufweist, hat sich in den letzten Jahren ein gewisser Rückgang der Zahlen bemerkbar gemacht. Das Auffallendste dabei sind die Ermordungen, rückläufig seit dem Jahr 2000. Innerhalb dieses Zeitraums verringerte sich der Index von Ermordungen fast um 50%, und er liegt heute unter dem nationalen Durchschnitt. Diese Besserung läuft parallel zur zunehmenden Aufklärungsrate der Polizei – und zu einer konsequenten Bestrafung der Schuldigen. Es ist eine bedeutende Verbesserung. Aber noch fehlt erschreckend viel, bevor sich der Staat einer gewissen Sicherheit rühmen kann.

Wie das Problem gelöst werden kann:

  • Es muss ein zentrales Intelligenz-Organ geschaffen werden, welches die Verbrechensbekämpfung in São Paulo orientiert. Heute ist die Verbrechensbekämpfung im Bundesstaat noch nicht einmal koordiniert. Die zivilen und militärischen Polizeiorgane sowie das “Ministério Público“ arbeiten nicht zusammen, und nicht einmal ihre Datenbanken!
  • Die Strafgesetzgebung härter gestalten für Mitglieder von organisierten Banden. Heute erhält der Anführer einer Räuberbande, die LKWs überfällt, um die Ladung zu stehlen, dieselbe Strafe wie ein kleiner Dieb, der einen Autofahrer vor der roten Ampel beklaut! Schluss machen mit diesem Ungleichgewicht in der Strafgesetzgebung ist eine der dringendsten Forderungen im Bericht der CPI (Untersuchungskommission) des Waffenhandels, die noch in diesem Jahr vom National-Kongress diskutiert werden dürfte.
  • Die Zahl der auf der “Via Dutra“ patrouillierenden Polizei um 40% aufstocken – der Strasse zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, auf der zirka 15% des gesamten Kokains unseres Landes transportiert werden. Mit weniger Drogen in der Hand verlieren die Gangs an Kapital und folglich auch an Macht.

Die Zentrale der Kriminalität
São Paulo beherbergt 22% der brasilianischen Bevölkerung, aber ist verantwortlich für einen wesentlich höheren Verbrechensindex. Ausnahme ist die Zahl der Ermordungen, die zunehmend rückläufig ist in diesem Bundesstaat.

São Paulos Beteiligung am Gesamt der Verbrechen im Land:
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POLIZEI: KORRUPTION X EHRBARKEIT

Polizisten: Diejenigen, die sich retten können, trauen sich nicht mehr, die Uniform anzuziehen. Die Routine eines PM (Militärpolizisten) in Brasilien scheint genau darauf abgestimmt zu sein, eine Legion von Korrupten zu produzieren.

Der Soldat der “Polícia Militar“ von São Paulo, João, (um ihn zu schützen ist sein Name geändert worden) ist 39 Jahre alt und hat 18 Berufsjahre hinter sich. Er erhält einen Nettolohn von 2.060 Reais und, um ihn aufzubessern, hat er noch einen Nebenjob, der ihn – den einen über den anderen Tag – fast 25 Stunden ununterbrochen fordert. Der PM wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer Favela der Ostzone von São Paulo. Wegen der Banditen, die im selben Stadtteil wohnen, hat er seine Familie gebeten, der Nachbarschaft zu erzählen, dass er Angestellter der SABESP sei. Aber nicht nur vor den Banditen verbirgt João seinen Beruf. Auch vor ehrbaren Personen hätte er kein gutes Gefühl, wenn er zugeben müsste, dass er Polizist ist. Das deshalb, weil er bei solchen Gelegenheiten hat feststellen müssen, dass ein grosser Teil der Anwesenden ihn entweder mit “Ekel, Wut oder Angst“ betrachtet. João wurde niemals angeklagt, Schmiergeld zu erhalten oder jemanden zu erpressen. Auch droht ihm kein Prozess, weder bei der Militärjustiz noch beim Zivilgericht. Seine Kollegen sehen in ihm einen ehrbaren Polizisten. So wie 400.000 andere brasilianische Militärpolizisten, trotz alledem lebt João eine Routine, die massgeschneidert scheint, um aus ihm einen korrupten Polizisten zu machen.

2005 schloss die Militärpolizei von São Paulo zwölf Polizisten wegen Korruption aus ihren Reihen aus. Im Jahr zuvor waren es fünf. Das sind unscheinbare Zahlen, welche höchst wahrscheinlich nicht die wirkliche Dimension des Problems in der Korporation darstellen. Ein Indiz dafür ist der Unterschied zwischen der Anzahl von für Verbrechen bestraften PMs und der Anzahl von Korruptionsanzeigen gegen Polizisten, die bei der “Ouvidoria“ (Anhörungsstelle) der PM eingingen: das waren 38 im Jahr 2005 und 31 im Jahr 2004 – um nur bei den wenigen Beschwerden zu bleiben, welche offiziell bekannt geworden sind.

Die Vereinigung der Kommandanten und Soldaten der “Polícia Militar“ von São Paulo schätzt, dass 90% der Soldaten in der Praxis einen (illegalen) Nebenjob betreiben, um ihr Salär aufzubessern. Die Routine bei der Militärpolizei vereinfacht dieses Schema. Dort sind 12 Stunden Dienst abzuleisten gegen 36 Stunden Ruhezeit. Im Fall des Polizisten João benutzt der einen grossen Teil seiner Ruhezeit, um als Wachmann bei einem Supermarkt zu arbeiten, was ihm am Monatsende 700,00 Reais extra einbringt. Sein Problem ist, dass er im Polizeidienst von 11:00 bis 23:00 Uhr Dienst tun muss und an seinen freien Tagen ab 22:00 Uhr im Supermarkt, wo er um 6:00 Uhr früh fertig ist. Das bedeutet, dass João seine Extraarbeit am Morgen verlässt und praktisch direkt im Polizeiquartier weitermacht. Er hat gerade mal Zeit, zuhause ein Duschbad zu nehmen und seine Kleider zu wechseln.

Eine Untersuchung, welche bis jetzt noch nicht veröffentlicht wurde, hat die Stress-Levels verglichen, denen in Brasilien die verschiedensten Berufskategorien ausgesetzt sind. Und kam zu dem Ergebnis, dass Polizisten die meist gestressten Personen sind. An zweiter Stelle – praktisch unentschieden – stehen die Fahrer der städtischen Omnibusgesellschaften, die Kontrolleure des Flugverkehrs, sowie Ärzte und ihre Hilfskräfte. Die Psychologin Ana Maria Rossi, Präsidentin der brasilianischen Filiale jener Vereinigung, welche die besagte Studie durchführte – die “International Stress Management Association“ – erklärt zu diesem ersten Platz im Ranking: “Selbst Personen, die unter hohem Druck in verantwortungsvollen Stellen arbeiten, können nach ihrer Arbeitszeit wieder relaxen. Nicht die Polizisten“. Vor allem nicht in Zeiten der “Entenjagd“, wie die Praxis des Abschiessens von Polizisten und Wachleuten kurzerhand genannt wird – eingeführt von Mitgliedern der PCC während der Attacken im vergangenen Jahr. Während der blutigsten dieser Attacken auf Anordnung jener Verbrecherorganisation, die letztes Jahr im Mai São Paulo erschütterte, wurden 41 Sicherheitsbeauftragte getötet und 38 verletzt – in der Mehrzahl PMs. Ausser diesen Morden, wurden 56 Häuser von Polizisten durch Banditen beschossen. João, besorgt, gab seiner Frau Unterricht in der Selbstverteidigung mit der Pistole.

Im Lauf seiner achtzehn Jahre bei der Militärpolizei hat João immer auf der Strasse Dienst getan. Als Soldat hat er schon Bankräuber verfolgt, geholfen, Gruppen von Drogenhändlern festzunehmen und hat auch bei der Befreiung eines Entführungsopfers mitgewirkt. Zur Erinnerung an jene Operationen hat er eine schwarze Mappe angelegt, die er stets mit sich führt. Da hinein kommen Zeitungsausschnitte von Fällen, an denen er mitgewirkt hat, Auszeichnungen von Vorgesetzten und Dankesbriefe von Personen, denen er behilflich gewesen ist. Das ist sein einziger Stolz in diesem Beruf mit so wenig Anerkennung. Das Prestige der Polizisten bewegt sich ganz unten in Brasilien. Eine Studie des Instituts “Datafolha“ vom Mai des vergangenen Jahres hat gezeigt, dass 56% der Interviewten mehr Angst vor der Polizei haben, als Vertrauen in sie. Armer João. Arme Brasilianer.

Wie das Problem gelöst werden kann:

  • Es muss eine separate Karriere für die Untersuchungsbeamten geschaffen werden. Heute sind sie Militärpolizisten wie alle anderen, und dazu verurteilt, die polizeiinterne Untersuchungskommission wieder zu verlassen, um an der Seite von Kollegen zu dienen, die sie vielleicht wegen Korruption und anderer Delikte vorher verfolgt haben. „Es ist schwer, dem Korporativismus auf diese Weise zu entrinnen“, bestätigt Walter Maierovitch, Spezialist für organisiertes Verbrechen und Präsident des “Instituto Brasileiro“ Giovanni Falcone. Einige Polizeieinheiten dieser Welt, wie zum Beispiel die von Irland, haben bereits das Modell einer unabhängigen Untersuchungskommission eingeführt.
  • Die Arbeitsroutine muss verändert werden. Heute arbeiten die Polizisten in einem Turnus von 12 bis 24 Stunden hintereinander und haben dann 36 bis 72 Stunden dienstfrei. Der Gouverneur von Rio, Sérgio Cabral, hat bereits angekündigt, dass der Bundesstaat vorhat, acht Stunden Freizeit der Polizisten zu “kaufen“. Damit würde er die Zahl der Polizisten auf den Strassen erhöhen und gleichzeitig die Zeit verkürzen, in der sie ihrer Dienststelle fernbleiben – und, konsequenterweise, für parallele Dienstleistungen zur Verfügung stehen, die selten legal genannt werden können.
  • Initiativen müssen erweitert werden, welche die Anerkennung der guten Polizisten promovieren und mithelfen, die Selbstachtung dieses Berufsstandes wieder herzustellen. “Prestige und Respekt sind von grundlegender Bedeutung in jedem Beruf“, meint der Coronel José Vicente da Silva. Es ist drei Jahre her, da hat das Institut “Sou da Paz“ (Ich bin des Friedens) in São Paulo Polizisten ausgezeichnet, die sich innerhalb ihres dienstes ausgezeichnet hatten. Im vergangenen Jahr erhielt jeder der Gewinner eine Prämie von 6.000 Reais für ihren vorbildlichen Einsatz.

Die der Polizei am meisten zugeschriebenen Verbrechen
In São Paulo:
→ Mord
→ Autoritäts-Missbrauch
→ Aggression
→ Bestechlichkeit
→ Bedrohung

In Rio de Janeiro:
→ Erpressung / Bestechlichkeit
→ Autoritäts-Missbrauch
→ Verschleppung von Delikten
→ Bedrohung
→ Aggression

Quelle: VEJA, Ausgabe N°. 1 10. Januar 2007, Seite 66, von Camila Pereira
Bearbeitung/Übersetzung Klaus D. Günther für BrasilienPortal
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