Jugendliche Delinquenten

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Violência no Rio de Janeiro, basta!!!
(Video gegen Gewalt und Kriminalität in Rio de Janeiro)

Der Stamm der verlorenen Kinder
Mit einem Revolver in der Hand zielen Jugendliche auf die Frustration und treffen Unschuldige.

Die Kriminalitätsstatistiken demonstrieren, dass ein grosser Teil der in Gewaltverbrechen Verwickelten ein ziemlich genau definierbares Profil aufweisen. Es sind Jugendliche männlichen Geschlechts, in einem Alter zwischen 15 und 24 Jahren, in der Regel mittellos und Bewohner der Peripherie der grossen urbanen Zentren. Ermordung ist in den meisten Fällen die Todesursache in dieser Altersgruppe – die Statistik liegt bei 40%. Ebenfalls die meisten dieser Jugendlichen waren in irgendwelche Delikte wie Autodiebstahl oder Drogenhandel verwickelt. Das Jugendverbrechen – sowohl wegen seiner statistischen Relevanz, als auch wegen seiner Konsequenzen gegenüber der Gesellschaft – ist eins der grössten aller Probleme der öffentlichen Sicherheit.

drogenkriminalitat8Um dieses Problem richtig zu verstehen, muss man vor allem erst einmal die vielen Mythen wegfegen, von denen es umgeben ist. Eine Arbeit der Universität von São Paulo hilft uns vielleicht dabei. Diese Studie basiert auf einer Analyse der “Prontuarios“, jener stattlichen Auffangstationen, mit insgesamt 2.400 Internierten der “Fundação Estadual do Bem-Estar do Menor“ (FEBEM – Staatliche Anstalt zum Wohl des Minderjährigen) zwischen 1960 und 2002. Die Ergebnisse, welche das Magazin VEJA exklusiv veröffentlicht, demonstrieren, dass in den letzten vier Jahrzehnten – also zur selben Zeit, wie die Teilnahme von Jugendlichen an der allgemeinen Kriminalität nachweisbar gewachsen ist – sich sowohl die schulische Ausbildung als auch die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt für diese jungen Gesetzesbrecher wesentlich verbessert haben (siehe Anhang). Diese Tatsache ist insofern bemerkenswert, als sie eine weit verbreitete Annahme hinsichtlich der Kriminalität unter Jugendlichen Lügen straft: nämlich die, dass eine bessere Schulbildung und die Bereitstellung von Arbeitsplätzen allein schon in der Lage seien, die Statistik der Gewalt zu mindern. “Die Studie zeigt, dass diese Mittel nicht genügen, um die Ausbrüche von Kriminalität unter Jugendlichen zu verhindern“, bestätigt die Psychologin Marina Bazon, orientierende Autorität bei dieser Studie und Spezialistin für Jugendkriminalität.

Und warum ist das so?
Für Erzieher und Soziologen gibt es für dieses Phänomen zwei Antworten. Die erste bezieht sich auf die Qualität der den Jugendlichen zur Verfügung stehenden Erziehung. Ein grosser Teil (67%) der Delinquenten, die in die Anstalt der FEBEM (2002) verbracht wurden, hatten die Volksschule zwischen dem 5. und dem 8. Schuljahr absolviert – aber die Mehrheit (66%) von diesen frequentierten keine Schule mehr im Moment ihrer Festnahme. Diese Daten zeigen, dass die öffentlichen (staatlichen) Schulen unfähig sind, Jugendliche von Straftaten abzubringen. “Wenn sie anfangen, die Stunden zu schwänzen, schwindet die Chance, sich für einen guten beruflichen Ausbildungsplatz zu qualifizieren, noch mehr. Angesichts von schlecht bezahlter Knochenarbeit verstehen sie bald, dass die Welt der Kriminalität ihnen die Möglichkeit besserer und schnellerer Bezahlung bietet“, erklärt Marina Bazon.

Die zweite Antwort steckt in einer perversen Kombination: mehr gelernt haben, selbst wenn dieses Wissen noch in seinen Anfängen steckt, zusammen mit dem relativ geringen Arbeitslohn dafür, trägt dazu bei, im Jugendlichen eine gewisse existenzielle und materielle Frustration auszulösen, die sich ein Ventil schafft in Überfällen und Diebstahl. “Besonders bei Diebstahl von persönlichem Eigentum ist nicht Hunger oder Bedürftigkeit der Grund. Der Junge überfällt jemanden nicht, weil er keine Schuhe hat, sondern weil er ein paar Marken-Turnschuhe haben will“, sagt der Soziologe Michel Misse vom “Nucleo de Estudos de Cidadania, Conflito e Violencia Urbana (NECVU)“ – ein soziologisches Institut, welches der Universität von Rio de Janeiro angegliedert ist. Eine von der NECVU durchgeführte Studie, die sich auf Daten der “Segunda Vara de Infancia e Juventude“ von Rio de Janeiro stützt, zeigt, dass jugendliche Straftäter zunehmend zu Gewaltverbrechen neigen. Bis 1994 übertraf die Zahl der Diebstahlsdelikte jene der Überfälle. Heute hat sich dieses Verhältnis ins Gegenteil verkehrt. Die Zahle der bewaffneten Überfälle zwischen den Jahren 1960 und 2004 sprang von 264 auf 5.377 – ein Anwachsen von fast 2.000%!! Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der Diebstahlsfälle um 165%!

Wie das Problem gelöst werden kann:

  • Programme schaffen, die auf die Jugend zielen. Die öffentliche Politik hinsichtlich der Kriminalitätsbekämpfung hat keine Wirkung auf den jugendlichen Delinquenten gezeitigt, bestätigen die Spezialisten. Es wird notwendig, besondere Initiativen für Jugendliche zu schaffen. “Es genügt zum Beispiel nicht, eine “Bolsa Família“ (Unterstützungsgeld für arme Familien) einzurichten und Geld zu verteilen“, sagt der Soziologe Cláudio Beato, Koordinator des “Centro de Estudos de Criminalidade e Segurança Pública“ von der staatlichen Universität von Minas Gerais.
  • Ein Beispiel für eine spezifische Initiative bestünde darin, Alternativen anzubieten, welche die Exponierung der Jugendlichen gegenüber der Kriminalität reduzierten. Ganzzeitschulen, mit Projekten, welche sich inklusive über die Wochenenden erstrecken, haben in Gebieten der Peripherie gute Resultate gebracht. “Es ist nötig, das Problem der Kriminalität durch die Optik des Delinquenten zu beobachten“, sagt der Erzieher Claudio de Moura Castro.
  • Die gute, alte Sozialhilfe des Staates wieder aufleben lassen. Dies würde verhindern helfen, dass desstrukturierte Familienjugendliche Verbrecher produzieren.

Besser erzogen und noch gefährlicher
Eine Studie der Uni São Paulo beweist, dass sich die Kriminalität unter den Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten fast verzehnfacht hat – obwohl sie zur selben Zeit wesentlich mehr Zugang zu Schulen hatten als früher, und sich der Arbeitsmarkt auch für sie stark verbessert hat.

Jugendliche Delinquenten als Analphabeten:
1960: 17%
bis zum Jahr 2002: 1,5%

Jugendliche Delinquenten, die zwischen 5 bis 8 Jahren Grunderziehung in einer staatlichen Volksschule mitgemacht haben:
1960: 12%
bis zum Jahr 2002: 67,5%

Junge Angestellte, die festgenommen werden mussten:
1960: 9%
bis zum Jahr 2002: 30%

Beteiligung von Jugendlichen an Verbrechen (auf 100.000 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren):
1960: 11,6
bis zum Jahr 2002: 112,5

Die am häufigsten begangenen Delikte sind (im Jahr 2002):
→ Vergewaltigung 1,5%
→ Totschlag 4%
→ Drogenhandel 7%
→ Raub und Diebstahl 71%
→ andere Delikte 16,5%.

Quelle: VEJA, Ausgabe N°. 1 10. Januar 2007, Seite 81 von Heloisa Joly
Bearbeitung/Übersetzung Klaus D. Günther für BrasilienPortal