Die PCC

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Unter dem Vorwand, Strafgefangene zu verteidigen, beherrscht diese Bande den Drogenhandel in den Gefängnissen, erobert Dealing-Points ausserhalb der Gefängnisse und setzt Millionen von Reais um.

“O Primeiro Comando da Capital (PCC)“ – (Das Erste Kommando der Hauptstadt) – ist die grösste aktive Verbrecher-Organisation Brasiliens. Mit 15.000 Mitgliedern im Bundesstaat São Paulo (5.038 von ihnen identifiziert und katalogisiert), bemüht sich diese Gruppe, ihre Idee zu verbreiten, dass sie für die Verbesserung der Lebensbedingungen für Strafgefangene in den Gefängnissen kämpfe.

Nichts falscher als das! Das oberste Ziel der PCC ist dasselbe wie jenes des einfachsten Diebes und Halsabschneiders: schnell und einfach Geld verdienen. In diesem Fall mit dem Handel von Drogen, spezialisiert auf Kokain. Heutzutage besitzt diese Gang das Verkaufsmonopol für Drogen innerhalb der Gefängnisse von São Paulo. Vor kurzem sind sie auch dazu übergegangen, die “Points“ ausserhalb der Gefängnisse zu erobern. Und sie haben Erfolg mit ihren Investitionen. “Der Drogenhandel hat dem PCC eine grosse Macht gegeben. Das Kokain ist es, was die “Facção“ bewegt“, sagt der Polizeiinspektor Godofredo Bittencourt, der acht Jahre lang die “Untersuchungs-Abteilung für das Organisierte Verbrechen“ (DEIC), der zivilen Polizei von São Paulo, geleitet hat.

Als sich der PCC im Jahr 1993 formierte, lebten seine ersten Anführer von den Schutzgeldern, die sie von Strafgefangenen in den Gefängnissen von São Paulo erpressten. Sie verlangten Geld gegen “Personenschutz“. Wer nicht mitmachte, wurde zum Tod verurteilt. Während jener Zeit spezialisierte sich der PCC auf die Promotion von Gefängnisaufständen, mit dem Ziel, die Regierung zu Zugeständnissen für ihre einsitzenden Anführer zu zwingen. Auf diese Weise erreichten Strafgefangene zum Beispiel die Einführung von wöchentlichen Intim-Besuchen, welche bis dato nur in wenigen Gefängnisanstalten erlaubt waren, und die Zusicherung eines “Jumbo“ – einer wöchentlichen Lieferung von Nahrungsmitteln, welche von ihren Familien zubereitet worden waren – die als grösste Gelegenheit für das Einschmuggeln von Drogen, Waffen und Handys in die Gefängnisse benutzt wird. Es dauerte nicht lange, da organisierte die Gang auch Aktionen ausserhalb der Gefängnisse. Anfänglich waren das Überfälle. Ihr Interesse am Drogenhandel begann im Jahr 2001.

“Der PCC war eine Verbindung von Dieben, welche Betrügereien und Verbrechen gegen den Besitz anderer beging, aber sie wechselten Kern ihres Interesses, als sich der Drogenhandel als ein aussergewöhnlich lukratives Geschäft entpuppte“, bestätigt der Kapitän Ulisses Puosso, Chef des “Intelligenzzentrums der Militärpolizei“ von São Paulo.

Der Verkauf von Kokain ist das lukrativste Geschäft in der Welt des Verbrechens. Ein Kilogramm der Droge – mit einem Wert von 5.000 USD in São Paulo – bringt 15.000 USD Gewinn im Einzelhandel. Keine andere finanzielle Transaktion hat eine ähnliche Gewinnmarge. Ausserdem setzt sich ein Drogen-Dealer weniger Risiko aus als ein Bankräuber, zum Beispiel. Der PCC monopolisierte den Drogenhandel in den Gefängnissen. Gegenwärtig wird jedes Gramm des in den Gefängnissen verkauften Stoffs von der Gang kontrolliert. Eine Untersuchung vom “Ministério Público“ hat gezeigt, dass im Durchschnitt jede Gefängniseinheit 1,5 Kilo Kokain pro Monat verkonsumiert. Sao Paulo hat 144 Gefängnisse und Strafanstalten. Man schätzt deshalb, dass der PCC nur in den Gefängnisanstalten mehr als 200 Kilo der Droge monatlich umsetzt. Das Resultat dieser Operation ist fantastisch: Ein Gewinn von 2 Millionen Dollar alle 30 Tage!

Ab 2003 begann der PCC auch in den Drogenhandel ausserhalb der Gefängnisanstalten zu “investieren“. Dafür bediente sich die Gang solcher Mitglieder, die nach Absitzen ihrer Strafe auf die Strasse zurückkehrten. Normalerweise halten Banditen im Neubesitz ihrer Freiheit den Kontakt mit der PCC aufrecht – sie wissen, dass sie früher oder später erneut im System des Strafvollzugs landen werden. Diese vorgeschobenen Kräfte des PCC – sie werden “Piloten“ genannt – suchten dann die Besitzer von Kokain-Verkaufsstellen auf, um ihnen “ihren Schutz“ anzubieten. Dann warteten sie ab, bis sich ihnen die Gelegenheit bot, die Kontrolle über die “Bocas“ an sich zu reissen. São Paulo hat 25 grosse Verteilerregionen für Kokain, die von der Militärpolizei aufgezeichnet sind. Man nimmt an, dass der PCC bereits 17 von ihnen übernommen hat.

Statistiken der “Polícia Federal“ vermitteln eine Idee vom Gewicht des PCC auf dem Drogenmarkt in São Paulo. Im Jahr 2005 gehörten 40% der von der Polizei auf Strassen und Landsitzen des Bundesstaates beschlagnahmten grossen Kokain-Lieferungen dieser Gang. Dies entspricht mehr als einer Tonne des Stoffs pro Jahr. Um dieses gigantische Schema in Bewegung zu halten, eröffnet der PCC Standquartiere in anderen zwei Bundesstaaten: Paraná und Mato Grosso do Sul. Dies sind strategische Gebiete, denn sie grenzen an Paraguay und Bolivien, grosse Zentren von Kokain-Lieferanten. Und wie bei allen grossen Verbrecherorganisationen gilt die Hauptsorge des PCC der Geldwäsche. Zu diesem Zweck finanziert die Gang “Laranjas“ (Orangen) genannte Geschäftsleute, welche in legalen Unternehmen tätig sind. Die Polizei von São Paulo weiss bereits, dass das Geld des PCC in Kooperativen von Van-Taxis, Tankstellen, Geschäftsaufgaben und im Gebrauchtwagenhandel “gewaschen“ wird. Der Geldhaufen, welcher sich in jenen Firmen ansammelt, wird auf Bankkonten überwiesen, die von Familienangehörigen und Verwandten der oberen PCC-Bosse eingerichtet worden sind.

Das Interesse der Gang am Drogenhandel ergab sich zusammen mit dem Beitritt vom Marcos Willians Camacho, dem “Marcola“, in ihre Kommando-Zentrale. Sein Aufstieg fand im Jahr 2001 statt, inmitten einer blutigen Auseinandersetzung um die Macht. Marcola entfernte die ehemaligen Anführer und erliess seine “Todesurteile“. Wer sich ihm widersetzte, wurde eliminiert. Marcola bewies sich als kompetenter Administrator. Zu Beginn entschied er, die von den Bandenmitgliedern praktizierten Erpressungen zu “erleichtern“: anstatt Geld zu jeder Gelegenheit zu verlangen, setzte er eine monatliche Geldeintreibung fest – für die “Kasse des Kollektivs“. In der Praxis fahren die Strafgefangenen fort, die Gang zu bezahlen, und das Geld, wie schon zuvor üblich, fliesst in die Taschen der Anführer des PCC. Innerhalb der Masse der Gefängnisinsassen definierte Marcola seine “Gerentes de Tráfico“ (Drogenhandels-Sekretäre) neu.

drogenkriminalitat6Marcola entwickelte eine Rede von sozialem Anstrich zur Rechtfertigung seiner Führung. Eine Strategie der Mystifikation. “Marcola tut so, als ob die anderen Strafgefangenen innerhalb der Entscheidungen der Gang eine Stimme haben, und so hält er sich an der Macht“, sagt der Promoter Márcio Sérgio Christino vom “Ministério Publico“ in São Paulo, der seit Jahren die Gang verfolgt. Das Szenenspiel Marcolas und seiner “Compadres“ begreift auch eine periodische Herausgabe von Erklärungen mit ein, in denen der PCC Kritik am Strafvollzugs-System übt, sich über schlechte Behandlung der Insassen beklagt und die Obrigkeit zur “Respektierung der Menschenrechte“ aufruft. Macola und seine Komparsen haben sogar eine ONG (OGN) geschaffen, die sie “Nova Ordem“ (Neue Ordnung) getauft haben – sie wird von Ex-Polizisten geleitet. Mit ihr hatten sie vor, sich an der Debatte über die öffentliche Sicherheit in São Paulo zu beteiligen. Glücklicherweise wurde die Verbindung jener OGN zu den Banditen noch rechtzeitig aufgedeckt und ihr Plan damit vereitelt.

Der politisch korrekte Diskurs des PCC, der nichts weiter ist als eine verdeckte “Marketing-Aktion“, scheiterte an den letzten Wellen der von der Gang angeführten Attentate im Jahr 2006. Die Attacken – eine Reaktion auf die strengere Gangart der Staatsregierung hinsichtlich der Bekämpfung der Gang – resultierten in der Isolation der Anführer des PCC im Hochsicherheitsgefängnis von „Presidente Bernardes“ (Paraná). Die Massnahme wurde vom “Palácio dos Bandeirantes“ (Sitz des Gouverneurs von São Paulo) mit mindestens fünf Jahren Verspätung endlich getroffen. Aber besser spät als niemals!

Wie das Problem gelöst werden kann:

  • Die totale Isolation der Führungsspitze des PCC aufrecht erhalten – ihre Anführer in Hochsicherheitsgefängnissen verwahren, und die Zahl der Besuche von aussen noch wesentlich mehr beschränken, sowie alle Gespräche mit Verwandten und Advokaten abhören, so wie es in den Hochsicherheitstrakten der USA gehandhabt wird.
  • Die “Via Rápida“ (Schneller Vollzug) in die Praxis umsetzen, welche einen schnellen Rausschmiss von Vollzugsbeamten vorsieht, die beim Einschmuggeln von Waffen und Drogen in die Gefängnisse beide Augen zudrücken. Dieser Gesetzesvorschlag existiert schon seit zwei Jahren, wird aber in der Praxis ignoriert.
  • Die finanzielle Bewegung des PCC unterbinden. Seit zwanzig Jahren schon wurden 232 von der Gang betriebene Bankkonten aufgedeckt. Sie bewegten mehr als 36 Millionen Reais in zwölf Monaten – zwischen 2005 und 2006. Dieser Wert ist gespenstisch, und er repräsentiert nur einen Teil des Finanzflusses der Gang. Diese Geldmittel verfolgen, sie blockieren und verhindern, dass neue Unternehmen für ihre Geldwäsche aus dem Boden schiessen, ist die polizeiliche Aufgabe der Gegenwart – nicht nur um die Maschine zu blockieren, welche die Gang in Bewegung hält, sondern auch um einen Volltreffer in ihrer Existenzgrundlage zu landen : die Taschen eines halben Dutzends von Drogenbaronen zu füllen.

DER PCC HEUTEnach oben

Das “Erste Kommando der Hauptstadt“ funktioniert dank einer rigorosen, vertikal verlaufenden Struktur. Heute ist das einzige Ziel der Gang, mit dem Handel von Drogen Geld zu machen und es mit der Akquisition von legalen Geschäften zu “waschen“.

LIDER (Anführer)
Marcos Camacho, der “Marcola“, ist der oberste Anführer des PCC. Er ist es, der alle strategischen Aktionen der Gang definiert.

A CÚPULA (Die Kuppel – die Administration)
Bestimmt, wer in den Gefängnissen und in den vom PCC beherrschten Favelas Drogen verkaufen darf. Ausserdem plant sie Angriffe und Rebellionen.

TORRE (Turm)
Dies ist der “Botschafter“ der Gang. Er vermittelt Befehle der “Cúpula“ und kontrolliert die aus dem Drogenhandel fliessenden Gewinne.

INNERHALB DER GEFÄNGNISMAUERN
PILOTO (Pilot)

Jeder Pilot befiehlt in einem Gefängnis. Er leitet den Drogenhandel, führt Rebellionen an und eliminiert widersetzliche Mitgefangene.

SINTONIA (Vermittler)
Mit einem Handy unterhält dieser Mann tägliche Verbindung mit anderen Gefängnissen. Und er gibt alle Nachrichten und Informationen an den Piloten weiter.

DISZIPLINA (Disziplinierter)
Ein Beauftragter: Erpresst gewöhnliche Mitgefangene, fordert Schulden ein und führt Ermordungen aus.

PRESO BATIZADO (Getaufter Gefangener)
Um in die Gang aufgenommen zu werden, muss er sich einer Bluttaufe unterziehen. Er schwört den Anführern Loyalität im Austausch gegen Personenschutz.

BIN LADEN (Bin Laden)
Gegen Drogen führt er risikoreiche Unternehmen durch, wie zum Beispiel einen Omnibus anstecken und Polizisten angreifen.

ADVOGADO (Advokat)
Benutzt professionelle Vorschriften, um sich Eintritt in die Gefängnisse zu verschaffen und als „Brieftaube“ der Banditen zu fungieren.

AUSSERHALB DER GEFÄNGNISMAUERN
PILOTO EXTERNO (Externer Pilot)

Kontrolliert eine “Zelle“ – so nennen sie eine administrative Division – des PCC ausserhalb der Gefängnisse. Neben dem Verkauf von Drogen innerhalb der Favelas, versorgt er auch die Gefängnisse in seinem Aktionsradius mit Kokain.

AJUDANTE-DE-ORDENS (Befehls-Adjutant)
Bereitet Handies und drogen vor, die von den Besuchern inds Gefängnis geschmuggelt werden sollen.

ARMEIRO (Bewaffner)
Er ist der Beauftragte des Waffenarsenals des PCC und hält Gewehre, Maschinengewehre und Pistolen in gutem Zustand und stets zum Einsatz bereit.

TESOUREIRO (Schatzmeister)
Registriert die finanzielle Bewegung des Drogenhandels, sowie die Geldverleihungen an Mitglieder der Gang.

RECOLHE (Einnehmer)
Ein Bote, der zwischen den einzelnen Dealing-Points hin und herrennt, um den Gewinnanteil der “Cúpula“ entgegenzunehmen und abzuliefern.

SOLDADO (Soldat)
Ein integriertes Mitglied der Gang, der bereits im Gefängnis seine Strafe abgesessen hat und wieder auf freiem Fuss ist. Erhält Kommissionen aus seinem Drogenhandel, Entführungen und Raubüberfällen – bezahlt einen Monatsbeitrag von 1.000 Reais an die Gang für dieses Recht.

OS COLABORADORES (die Zubringer)
VISITA (Besucher)
Der PCC verlangt, dass die Familien der einfachen Strafgefangenen dabei helfen, Drogen und Handy-Telefone ins Gefängnis zu schmuggeln.

PRESO COMUM (einfacher Gefangener)
Er wird monatlich erpresst. Wer nicht kollaboriert, dessen Familie wird bedroht.

AGENTE PENITENCIÁRIO (Vollzugsbeamter)
Viele von ihnen drücken im Fall von PCC-Mitgliedern beide Augen zu. Einige erhalten Schmiergeld vom PCC, aber die grosse Mehrheit unterwirft sich aus Angst.

LARANJA (Orange)

Schlüsselfigur im Schema des PCC. Er wird benutzt um das Geld aus dem Drogenhandel “zu waschen“. Normalerweise ist er Besitzer einer Tankstelle oder eines Gebrauchtwagenhandels.

Quelle: VEJA, Ausgabe N°. 1 10. Januar 2007, Seite 63 von Fábio Portela
Bearbeitung/Übersetzung Klaus D. Günther – RJ – für BrasilienPortal