Blitz-Überfall: eine kriminelle Modeerscheinung in Brasilien

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

“Als ich zur Seite blickte, hatte ich schon einen Revolver am Kopf“
Der Bericht eines Blitz-Überfall-Opfers – ein Verbrechen, von dem die Bewohner der grossen Städte terrorisiert werden.

Der Blitz-Überfall – eine kriminelle Modalität, bei der das Opfer festgehalten wird, während die Banditen sich mit seiner Kreditkarte an Geldautomaten bedienen – kam in den grossen Städten gegen Ende der 90er Jahre in Mode, und hat seither von Jahr zu Jahr zugenommen. Allein im Jahr 2005 informierten 3.240 Brasilianer die Polizei – 33% von ihnen Einwohner des Bundesstaates São Paulo – dass sie Opfer von einem Blitz-Überfall geworden seien. Man nimmt an, dass diese Zahl allerdings noch wesentlich höher liegt, denn ein grosser Teil der Überfallopfer zieht es vor, lieber Stillschweigen zu bewahren und den Vorfall nicht polizeilich zu registrieren. Dies war auch der Fall bei dem Informatik-Analisten Sidney Dantas, 30 Jahre alt. Ende 2005 wurde er von zwei Banditen überfallen, als er zu seiner Arbeitsstelle in Moema fuhr, einem Stadtteil der oberen Mittelklasse von São Paulo. Er büsste 600 Reais ein und war fortan von einem Trauma befallen, welches ihn “paranoid“ gemacht hat – jedes Mal, wenn er vor einer roten Ampel anhalten muss.

“Bis heute bekomme ich es mit der Angst, wenn ich jemanden in meine Richtung kommen sehe“, sagt er. Hier ist sein Bericht:

“Es war gegen 8:30 Uhr morgens, und ich hatte gerade meinen Wagen vor unserem Büro eingeparkt. Ich schaute durch den Rückspiegel und sah zwei Jugendliche, die auf dem Trottoir entlang schlenderten. Sie erweckten keinerlei Verdacht in mir. Ich brauchte eine kurze Zeit im Auto, um mein Handy, mein Notizbuch und meine Aktenmappe zusammenzuraffen. Als ich dann nochmal zur Seite blickte, hatte der eine schon die Waffe an meinem Kopf: “Spring auf den Beifahrersitz, Brother. Wir machen jetzt eine kleine Runde“. Meine erste Reaktion war folgende, ich sagte: “Bleib ruhig, nicht schiessen, ich habe zwei Kinder. Ihr könnt das Auto haben“. Aber er gab zurück: “Wir wollen dein Auto nicht – nur dein Geld von der Bank“.

Sie waren noch sehr jung: einer war vielleicht 20 Jahre alt und der andere höchstens 18. Zischten mir zu, dass ich mit die Hände auf den Knien zu halten habe und mich nicht bewegen solle: “Sonst regeln wir das gleich hier“. Ich hatte noch nie im Leben einen Revolver aus der Nähe gesehen. Als ich dann den kalten Lauf der Waffe am Kopf spürte, verging ich vor Angst. Vor einem Revolverlauf sitzen zu müssen und zu wissen, dass der Kerl mit einem einfachen Krümmen des Zeigefingers einem das Lebenslicht ausblasen kann, ist der nackte Terror! Man hört so viele Geschichten von Überfällen, wo alles gut abgeht – aber am Ende, einfach so aus Grausamkeit, drückt der Bandit doch ab . . . Und ich fragte mich: “Wann erschiessen sie mich“?

Wir fuhren los, der ältere der beiden am Steuer. Auf dem Rücksitz war der jüngere damit beschäftigt, meine Aktenmappe umzudrehen – er schüttete den Inhalt auf den Boden und fischte sich die drei Kreditkarten aus meiner Brieftasche. Dann befahl er mir, die Codes auf ein Papier zu schreiben, und gab dann alles einem dritten Banditen, der bereits an der nächsten Strassenecke auf uns wartete. In diesem Moment teilten sie mir mit, dass ich erst freigelassen würde, wenn jener Dritte anrufe, um ihnen mitzuteilen, dass er das Geld hatte abheben können. Während dessen drehten wir ein paar Runden in dem Stadtviertel – insgesamt warteten wir zirka 45 Minuten. Der Bandit hinter mir legte seine Waffe nicht aus der Hand. Der neben mir, verbarg die seine zwischen seinen Beinen – jedesmal, wenn wir an einer Ampel halten mussten, fasste er seinen Revolver wieder fester. Fast während der gesamten Zeit sprachen sie nicht mit mir, versuchten auch keinerlei Smalltalk. Ab und zu sprachen sie ein paar Worte untereinander, mokierten sich darüber, dass der andere solange brauche. Dieses Schweigen war schrecklich, machte mir Angst. Ich hatte keine Ahnung, was wohl in deren Köpfen vorgehen mochte, also dachte ich nur an das Schlimmste. Stellte mir die Verzweiflung meiner Frau und meiner zwei Kinder vor, wenn sie erführen, dass ich gestorben sei.

Einer der nervenzerreissendsten Momente war der, als uns ein Streifenwagen der Polizei begegnete, und der Junge auf dem Rücksitz äusserst nervös wurde. Er drückte mir den Revolverlauf in die Seite und flüsterte: “Mach ja kein Zeichen, Brother. Sonst wird es nur schlimmer für Dich“. Wir fuhren etwa drei Häuserblocks hinter dem Streifenwagen her. Mein Auto hat keine verdunkelten Scheiben (Insulfilm – in Brasilien erlaubt), und man kann von aussen alles sehen, was im Wagen vorgeht. Einen Moment dachte ich erleichtert : „Fertig, es ist zuende, die Polizei wird es merken“. Aber im gleichen Moment kam auch wieder die Angst: wenn die Banditen eingekesselt würden, wäre ich der Erste, der stirbt. Ich wusste, dass es denen Ernst war, als sie mir drohten. Wenn irgendeine grössere Stresssituation entstehen würde, war mir klar, dass sie als erste Reaktion schiessen würden.

Nachdem die Polizei an einer Strassenecke abgebogen war, ein andere schrecklicher Moment für mich: der dritte Bandit rief an und sagte, dass zwei von den Karten-Codes falsch seien. Aufgrund meiner Nervosität hatte ich die beiden Codes verwechselt – den der einen Bank auf die andere geschrieben. Ich berichtigte den Irrtum, was mir jedoch mehrere Rippenstösse von dem hinter mir mit dem Revolverlauf einbrachte. “Du wirst sterben, Kerl“! schrie er mir ins Ohr – ich fühlte mich klein und impotent, die ganze Zeit über. Sie sind mutiger und stärker als du, weil sie mit einer Waffe in der Hand Situation kontrollieren. Nach weiterem Warten rief der Dritte endlich wieder an und berichtete, dass es ihm gelungen sei, 600 Reais abzuheben. Dann fuhren wir noch etwa zehn Minuten so herum, bis sie mich endlich freigaben. Und das geschah erst nachdem der Bandit auf meinem Rücksitz eine Frau in einem Toyota erblickt hatte. Er sagte: “Lass ihn jetzt laufen, wir machen den Toyota“. Als sie ausgestiegen waren, liessen sie die Tür offen und meine Schlüssel im Anlasser. Aber es dauerte ein bisschen, bis ich endlich glaubte, dass es vorbei war. Ich blieb etwa fünf Minuten reglos sitzen – fühlte mich unfähig die Tür zu schliessen oder auf den Fahrersitz zu wechseln. Ich zitterte. Am folgenden Tag wachte ich mit Schmerzen am ganzen Körper auf – wegen der Spannung unter der ich gestanden hatte. Es schien so, als ob ich die schlimmsten Prügel meines Lebens bekommen hätte. Bevor sie aus meinem Auto ausstiegen, hatte der eine Bandit noch gesagt: “Vergiss nicht, dass wir wissen, wo du arbeitest“. Also ging ich nicht zur Polizei, um die Geschichte zu registrieren. Ich bin davon überzeugt, dass deren Drohung mehr Gewicht hat, als der Schutz der Polizei in unserem Land“.

WO, WANN UND WIE GESCHIEHT DAS VERBRECHEN

  • Die häufigsten Umstände eines Blitz-Überfalls. Sie zu vermeiden – wo immer dies möglich erscheint – ist eine Form von Umsicht und Vorsorge.
  • Mehr als 80% der Opfer werden überfallen, wenn sie vor einer Ampel anhalten müssen oder im Begriff sind, ihren geparkten Wagen zu verlassen.
  • In fast allen Fällen ist das Opfer im Moment des Überfalls abgelenkt: es telefoniert mit dem Handy, nimmt den Autoradio aus seiner Fassung oder kramt im Handschuhfach.
  • In mehr als 90% der Fälle ist das Opfer allein. Bei mehr als einer Person im Auto sind kaum Verbrechen dieser Art registriert worden.
  • Die Banditen ziehen für ihre Überfälle Autos vor, deren Scheiben nicht mit dem verdunkelnden “Insulfilm“ beklebt sind, denn sie wollen den Fahrer beobachten können.
  • Die Mehrzahl der Entführungen geschieht in verkehrsreichen Gebieten, aber ein Überfall wird selten auf den grösseren Avenidas und wichtigsten Strassen durchgeführt: die Banditen ziehen Nebenstrassen vor, mit weniger Personen- und Autoverkehr.

Quelle: VEJA, Ausgabe N°. 1 10. Januar 2007, Seite 72 von Camila Pereira
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther für BrasilienPortal

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Supermax für die Superbösen
Pelican Bay, eines der sichersten Gefängnisse der Vereinigten Staaten, verwahrt seine Gefangenen in absoluter Isolation. Niemals wurde hier eine Flucht oder eine Rebellion registriert.

Auf einem gigantischen Areal von 1,1 Millionen Quadratmetern verwahrt das Supermax von Pelican Bay – unterhalten von der Regierung des amerikanischen Bundesstaates Kalifornien – den Ausbund der amerikanischen Verbrecherwelt. Mehr als 1.300 Männer, unter ihnen Bandenchefs, Serienmörder und solche Strafgefangene, die als Bedrohung für andere Mitgefangene gelten – sie alle bewohnen diese Spezialeinheit eines Gefängniskomplexes, der als einer der sichersten in den USA gilt. In den fast zwanzig Jahren seiner Existenz hat Pelican Bay noch nie eine Flucht oder Rebellion registrieren müssen.

Die Zellen des Supermax sind 2,5 auf 3,5 Meter gross, individuell und ohne Fenster. Die Insassen verbringen 23 Stunden pro Tag darin. Die einzige zum Sonnen vorgesehene Stunde, ebenfalls allein, findet in einem Solarium aus Beton statt. Mit sechs Meter hohen Wänden, hat dieser Ort lediglich eine kleine Öffnung im Dach, durch welche man ein Stückchen vom Himmel sehen kann. “Dies ist das Kontakt-Maximum der Gefangenen mit der Aussenwelt“, sagt der Leutnant Ken Thomas, Public-Relations-Manager der Anstalt. Zirka 900 Gefängnisbeamte sind im Supermax tätig. Am Eingangstor verkündet ein kleiner Anschlag: “Denke daran, wo du arbeitest“. Über dieser Inschrift, Fotos von Waffen, die in Zellen entdeckt wurden. Trotz der Stille und der scheinbaren Ruhe, welche auch im Innern der Anstalt herrschen, stehen die Vollzugsbeamten kontinuierlich unter schlimmstem Druck – und alle in Pelican Bay wissen warum. Erst kürzlich wurde einer der Beamten von einem Gefangenen per improvisiertem Blasrohr angegriffen. Um diese Art von Waffe herzustellen, sammeln die Gefangenen kleine Stückchen Plastik, zum Beispiel von einer Zahnbürste. Angespitzt und geschliffen werden sie zu Pfeilen, die aus Papierröhrchen verschossen werden. Nach diesem Angriff entdeckten die Beamten, welche zur Durchsuchung der Zellen beauftragt waren, eigenartige Markierungen an den Wänden der Zellen. Man fand dann später heraus, dass diese Markierungen mit vitalen Zentren des Körpers einiger Beamten übereinstimmten. Über Code-Bezeichnungen, welche die Namen bestimmter Beamten angaben, fand man Markierungen, welche die Höhe ihrer Augen und ihres Halses darstellten. “Einen Ort wie Pelican Bay zu kommandieren, ist keine einfache Arbeit. Wenn du nicht stets einen Schritt vor den Inhaftierten bist, kann das zu einem Desaster führen“, sagt Robert Horel, der Direktor.

Im Gegensatz zu dem was in brasilianischen Hochsicherheitsgefängnissen abläuft, gibt es für die Insassen des kalifornischen Supermax keine maximale Inhaftierungs-Spanne. Für mehr als zwei Drittel von ihnen (75% der dort inhaftierten haben lebenslänglich, und die meisten ohne Recht auf Strafrevision) ist Pelican Bay die Wohnung für den Rest ihres Lebens. Während in Brasilien ein Verurteilter – unabhängig von seinem Strafmass – höchstens zwei Jahre in solchen Hochsicherheitsanstalten wie “Presidente Bernardes“ (São Paulo) oder “Catanduvas“ (Paraná) inhaftiert werden darf. Und dies ist lediglich einer der vielen Unterschiede zwischen den amerikanischen Supermax-Anstalten und den Hochsicherheitsgefängnissen in Brasilien. Der grösste Unterschied allerdings bezieht sich auf die Art und Weise der Isolierung der Gefangenen – im Supermax von Pelican Bay ist sie praktisch total!

Dort finden Besuche innerhalb eines kugelsicheren Unterhaltungraumes statt. Die Gespräche werden mittels eines Interfons geführt. Sie werden von Beamten mitgehört und können ausserdem aufgezeichnet werden. In keinem Moment hat der Inhaftierte körperlichen Kontakt zu der Besuchsperson. Telefongespräche sind nicht erlaubt. Als er vom Veja-Reporter erfuhr, dass allein in den Gefängnissen von São Paulo zirka 200 Handys pro Monat entdeckt wurden, machte Direktor Horel ein erschrecktes Gesicht. “Das ist unglaublich“! rief er aus. In Pelican Bay ist es unmöglich bei den Gefangenen ein Handy einzuschmuggeln. Sowohl die eintreffenden, wie auch die hinausgehenden Briefe werden geöffnet. Das deshalb, weil die Inhaftierten mangels anderer Optionen ihren draussen agierenden Komparsen verschlüsselte Botschaften per Post senden. In einem kleinen Raum der Anstalt lösen sich vier Beamte in der Analyse von Tausenden Briefen ab – beim Versuch, die von den Gangs benutzten Code-Systeme zu knacken. Entdeckungen werden in einem Computer-System festgehalten, zu dem auch andere Strafanstalten Zugang haben – ebenfalls die Polizei und das FBI.

Diese Analyse von Briefen hat bereits Früchte getragen. Zum Beispiel konnten dadurch Drogenlieferungen ausserhalb der Gefängnisse beschlagnahmt werden und Personen, die von Banditen zum Tode verurteilt waren, konnten gerettet werden. “Ausserdem konnten viele bei uns dechiffrierte Briefe in Gerichtsprozessen als Indiz verwendet werden, dass zum Beispiel ein bestimmter Gefangener, Cgef einer Gang und Auftraggeber eines Verbrechens war“, bestätigt Ken Thomas. Eine völlig andere Situation als bei uns in Brasilien, wo die Inhaftierten – insbesondere die gefährlichsten – sogar das Recht zu Intimbesuchen haben, und ihre Korrespondenz darf nicht gelesen werden. Das PCC und ihre Führer könnten keins ihrer vom Gefängnis aus kommandierten Verbrechen verübt haben, wenn sie in einer Haftanstalt sässen wie dem Supermax von Pelican Bay!

IN BRASILIEN LEIDER NICHT SO SUPERnach oben

Die brasilianischen Gefängnisse, welche unter dem “Regime Disciplinar Diferenciado“ (RDD – Differenziertes Disziplinar-Verfahren) funktionieren – wie “Catanduvas“ zum Beispiel, basieren auf dem amerikanischen Modell des “Super Max“. In diversen Aspekten sind sie allerdings weniger rigoros als das Original.

VERGÜNSTIGUNGEN GEFÄNGNIS “CATANDUVAS“ (RDD) GEFÄNGNIS PELICAN BAY (Supermax)
Intim-Besuche Der Sexual-Kontakt zwischen dem Inhaftierten und seiner Frau ist erlaubt, und die Frequenz wird vom Anstaltsdirektor festgelegt. Es gibt keine Intim-Besuche
Sonnenbad Die Inhaftierten nehmen zwei Stunden pro Tag ein Sonnenbad – allein in einem Solarium. Die Inhaftierten nehmen ein eine Stunde pro Tag ein Sonnenbad – allein in einem Solarium.
Maximale Zeit der Internierung Nach dem Gesetz darf ein Inhaftierter in einem Gefängnis wie Catanduvas nur ein Jahr verwahrt werden – kann maximal auf ein weiteres Jahr verlängert werden. Hier gibt’s das nicht!Amerikanische Gefangene können Ableistung ihrer gesamten Haftstrafe in einem Supermax herangezogen werden.
Kommunikation Aussenwelt Der Inhaftierte kann einen Antrag auf Telefon stellen, aber der ist der Befürwortung der Administration unterstellt.Die Couverts von Briefen werden zwar geöffnet, aber der Inhalt des Schreibens darf nicht gelesen werden. Telefongespräche sind nicht erlaubt. Die Briefe werden von Gefängnisbeamten analysiert, die trainiert sind, in ihnen Informationen zu entdecken, womit sie zum Beispiel Rebellionen und Morde verhindern helfen.

Quelle: VEJA, Ausgabe N°. 1 10. Januar 2007, Seite 72 von Rafael Correa aus Crescent City, Kalifornien
Bearbeitung/Übersetzung Klaus D. Günther für BrasilienPortal