Die Bürger und ihre Stadt

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

Im Verlauf meiner 45 Jahre in Brasilien bin ich viel herumgekommen – habe in mehreren städtischen Zentren längere Zeit gewohnt und gearbeitet und die Bürger der jeweiligen Stadt ausgiebig beobachten können. Dabei habe mich an gewisse eigenwillige Sitten und Gebräuche (fast) gewöhnt – aber ich kann nicht umhin zuzugeben, dass mich ihre Unsitten, oder sagen wir besser, ihre mit meiner eigenen, typisch deutschen, Erziehung und Kultur nicht zu vereinbarenden Eigenschaften und Gewohnheiten, stets einen gewissen Abstand haben einhalten lassen, der mehr innerlicher Art ist und nur von meinen engeren Freunden bemerkt wird – mit anderen Worten: ich bin auch nach 45 Jahren in diesem Land noch nicht zum Brasilianer geworden – leider, meinen diese Freunde.

Brasilianerinnen_gemaltes Gesicht3“Brasilianer sein“ heisst für viele Betroffene, das Leben als eine Art Glücksspiel zu betrachten und nicht allzu ernst zu nehmen – ein Spiel, in dem man selbst eine Figur darstellt, und sich von Gott, Jesus Christus, der Jungfrau Maria sowie unzähligen anderen Schutzheiligen hin und herschieben lässt – oder von den verschiedenen afrikanischen Gottheiten des Candomblé, je nachdem, unter welchem Dach man geboren wurde. Vor jedem neuen Zug in diesem Spiel ruft man seine Spielmacher um Schutz an: “Pelo amor de Deus“ (um der Liebe Gottes willen), “Nossa Senhora me ajude“ (Mutter Gottes steh’ mir bei). Fast alle Brasilianer pflegen ihre zahllosen täglichen Versprechen mit dem unverbindlichen Zusatz abzugeben “se Deus quiser“ (so Gott will) und bereiten damit gleich eine Ausrede fürs Nichteinhalten vor – oder sie bedanken sich für einen erfolgreichen Zug im Spiel des Lebens mit einem “Graças a Deus“ (Gott sei Dank). Neben jenen, die sich von ihrer Religiosität durch das Spiel führen lassen, gibt es die anderen Zeitgenossen, die ihre eigenen Wege einzuschlagen gedenken und Abkürzungen bevorzugen, weil sie meinen, so schneller ans Ziel zu kommen: sie verfallen dem Glücksspiel, steigen ins Drogengeschäft ein, ertränken ihren Frust im Alkohol und verstossen gegen sämtliche Spielregeln, indem sie andere Figuren belügen, betrügen, sie bestehlen und sogar vom Brett stossen. Das typisch brasilianische “Spiel mit dem Leben“ kann man besonders in den hiesigen Grossstädten tagtäglich beobachten: im chaotischen Verkehr, zum Beispiel, in dem sich weder Autofahrer noch Fussgänger an die Spielregeln halten – sogar Gehbehinderte und Mütter mit Kinderwagen überqueren bei Rot die Strasse und scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass ihr oberster Spielmacher, der Liebe Gott, sie vor den heranrasenden Bussen beschützen wird, denn auch er ist ja Brasilianer! Den Teufel schieben sie dagegen gerne jenen “ausländischen“ Kritikern zu, “die sie in ihrer Freiheit, Spontaneität und Lebensfreude nur beneiden“ und ihnen deshalb Steine aufs Spielfeld werfen. Auch ich gehöre für einige dazu.

In einer brasilianischen Grossstadt wie São Paulo, Rio de Janeiro oder Belo Horizonte – alle mit vielen Millionen Einwohnern – begegnet man enormen Verhaltensunterschieden zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten – und diese Bürger aus Ober-, Mittel- und Unterschicht darf man, hinsichtlich ihrer Erziehung, ihres Auftretens in der Öffentlichkeit und ihres Umgangs mit der Stadt und deren Umwelt, nicht in einen gemeinsamen Topf werfen. Allen gemein ist allerdings die Tendenz, Regeln und Vorschriften nicht allzu ernst zu nehmen (der Brasilianer hat seine eigene Auffassung von persönlicher Freiheit, die meistens auf Kosten seiner Mitbürger geht – die jedoch, wenn sie keine Gringos sind, wie ich, an schlafraubenden Lärm, das Auge beleidigenden Abfall und die Nase reizenden Gestank von Kindesbeinen an gewöhnt sind). Sogar Verkehrsregeln und Verkehrsschilder, welche im Ernstfall Leben bewahren oder gar retten könnten, werden regelmässig von den weitaus meisten Teilnehmern umgangen bzw. ganz bewusst missachtet – hier fahren Radfahrer mit Vorliebe gegen die Einbahnstrasse und bei Dunkelheit ohne Licht, Fussgänger kreuzen bei Rot wie bei Grün die Strassen und Autofahrer nach Einbruch der Nacht ebenfalls, Busse blockieren die Kreuzungen, wenn die Ampeln auf Rot schalten, und lösen damit ein nervtötendes Hupkonzert der behinderten Gegenseite aus, die Grün hat, aber wegen solcher Ignoranten nicht durchfahren kann, denn die haben bis heute nicht begriffen, dass man erst in eine Kreuzung einfährt, wenn der Rückstau auf der anderen Seite Platz für den gesamten Bus gemacht hat – gar nicht zu reden von den mutwilligen Übertretungen auf den Fernstrassen. Was Wunder, dass Brasilien eine der höchsten Unfallstatistiken der Welt vorzuweisen hat – an den letzten Feiertagen zwischen Weihnachten und Neujahr sind mehr als 200 Menschen auf den brasilianischen Fernstrassen gestorben!

Viel zu viele Brasilianer sterben tatsächlich wie die Fliegen – ebenso schnell und ebenso sinnlos. Das Schlimmste aber ist, dass ihr unbedachtes Verhalten oft auch solche Menschen mit in den Tod reisst, die normalerweise durchaus umsichtig zu handeln pflegen, aber zum Beispiel als Passagiere eines am Steuer eingeschlafenen Busfahrers, oder als Mitreisende in einem Auto, dessen Fahrer unter Missachtung der durchgehenden Mittellinie überholt und frontal auf einen entgegenkommenden LKW knallt, der Willkür solcher Verbrecher ausgeliefert sind. Die weitaus meisten Unfälle ergeben sich aus überhöhter Geschwindigkeit, und die wiederum, so hat man erst vor kurzem festgestellt, ist meist die Folge übermässigen Alkoholkonsums der am Steuer Sitzenden. Anfang diesen Jahres 2008 hat der Staat reagiert und den Verkauf von Alkohol im Bereich von Fernstrassen verboten (was für ein Quatsch, denn sogar mein Nachbar hat sofort damit geprahlt, dass er nun eben einen Kasten Bier von zuhause im Kofferraum mitnimmt) – und nun braucht man ein Heer von Polizisten, welche die Einhaltung dieses Erlasses auch kontrolliert, denn die entsprechenden Etablissements an den Strassen, sind nicht ohne weiteres dazu bereit, auf eine ihrer besten Einnahmequellen zu verzichten. Allein an Karneval hat der Staat durch seine “Polícia Federal“ Strafzettel von vielen Millionen Gesamtwert an aufsässige Tankstellen- und Shopping-Besitzer verteilt – und schon frohlockte der Nachrichtensprecher im Fernsehen, dass die Statistik der “Karnevalstoten auf den Strassen gegenüber dem Vorjahr um sieben Prozent gesunken“ sei!

Gegenwärtig diskutiert man im Senat den Vorschlag, einen Autofahrer, der einen Unfall mit Todesfolge verursacht, wie einen gewöhnlichen Totschläger zu behandeln und zu verurteilen – viele Beobachter bezweifeln allerdings jetzt schon, dass dieser Vorschlag Gesetz wird – denn dies ist eine der besonderen Eigenschaften der brasilianischen Regierung, besonders unter Lula: sie präsentiert eine der schlappesten – und deswegen nicht respektierten – Strafgesetzgebungen der Welt – in der zum Beispiel ein zu dreissig Jahren verurteilter Mörder bei guter Führung schon nach zwei Fünfteln (also 12 Jahren) wieder auf freiem Fuss sein kann! Ergo, hat man bereits zahlreiche Beispiele dafür, dass solche Verbrecher rückfällig werden – aber leider morden und vergewaltigen diese Individuen viel schneller und häufiger als die Mitglieder der Regierung in der Lage sind, ein Gesetz zu verabschieden – und man wird von letzteren zahllose Ausreden hinsichtlich ihres offensichtlichen Schneckentempos zu hören bekommen – schnell und effizient sind sie einzig und allein, wenn es um einen erneuten Beschluss ihrer Diätenerhöhung geht!

Das immer wieder genasführte Volk nimmt seine Politiker schon längst nicht mehr ernst, denn nur mit Humor lassen sich deren kontinuierliche, leere Versprechungen überhaupt noch ertragen. Also werden sie zur Zielscheibe allerlei skurriler Geschichten, offenen Spotts und makabren Witzes – wie zum Beispiel in folgender Episode:

“Ein klimatisierter Bus voller Abgeordneter aus Brasilia befand sich auf dem Heimweg von einer Wahlkundgebung. Es regnete in Strömen und die prekäre Landstrasse voller Schlaglöcher war gefährlich glatt. Prompt kam das schwere Fahrzeug in einer engen Kurve ins Schleudern, als der Chauffeur die Bremsen betätigte, und stürzte einen Abhang hinunter. Ein “Caipira“ (brasilianischer Inlandbewohner, der eine kleine Landwirtschaft zur Selbsterhaltung betreibt) näherte sich den rauchenden Trümmern und besah sich die Bescherung – dann spuckte er in die Hände und erwies den Opfern des Unglücks mit Hacke und Schaufel die letzte Ehre.

Es dauerte ein paar Tage, dann sah sich der einfache Landmann plötzlich von Journalisten umringt, die durcheinander quasselten – Vertreter von der “Polícia Federal“ waren da, und vom Polizeiinspektor wurde er gefragt: “Sie haben also die Unfallopfer beerdigt“? “Jawohl Herr Inspektor – damit sie nicht anfangen zu riechen“! Waren sie denn alle sofort tot“? Der einfache Mann vom Land rieb sich ein bisschen verlegen die Hände und antwortete dann: “Nun, Herr Kommissar, sie wissen ja sicher, wie diese Politiker so sind – einige von denen behaupteten, dass sie es noch nicht seien – aber wir beide wissen ja wohl, wie die lügen“!

Und während die Brasilianer des Inlands – besonders die “Sertanejos“ des halbtrockenen Nordostens – sich eigentlich nur darum sorgen, ob es in diesem Jahr genügend regnen wird, damit der Mais und die Bohnen aufgehen und ihre Familien eine bescheidene Mahlzeit auf den Tisch bekommen, verfallen die Brasilianer in den Grossstädten allen erdenklichen Vorstellungen und Versuchungen an das grosse Geld zu kommen – die einen durch harte, ehrliche Arbeit in einem Angestelltenverhältnis, das von der einfachen Putzfrau über den Industriearbeiter bis zum Exekutiv-Beauftragten reicht, während jene, die weder lesen noch schreiben können, sich als so genannte “Camelós“ (fliegende Händler) versuchen, deren illegales Angebot in erster Linie Schmuggelwaren aus Paraguay umfasst – unter ihnen allerdings auch solche, die Putzlappen- und Geschirrhandtücher aus Mutters Konfektion anbieten oder Torten, Kuchen und andere Backwaren aus Grossmutters Küche. Die letzte Kategorie sind dann die Bettler und Vagabunden, welche die belebten Strassen, Plätze und Parks von Rio als eine lästige, stinkende und krakeelende Menge von Individuen belagert, die sich nicht geniert, in der Öffentlichkeit ihre Exkremente abzusetzen und den Vorübergehenden die offene Hand hinzuhalten – einige von ihnen treten auch direkt fordernd auf.

Es ist befremdend zu beobachten, wie gleichgültig gewisse besser gestellte Bürger, zum Beispiel in Rio de Janeiro, mit dieser offensichtlichen Misere umgehen, die sich aus der Geschichte Brasiliens erklären lässt: Schon in der Kolonialzeit, als man zuerst die Indianer und später die Afrikaner aus den portugiesischen Kolonien ins Joch der Sklaverei presste, wurden die Wurzeln für eine Gleichgültigkeit der weissen portugiesischen Oberschicht gegenüber den Leiden fremder Ethnien geschaffen: Ein verwundeter oder kranker schwarzer Sklave wurde nicht wichtiger genommen als ein kranker Hund, manchmal weniger – einen Indianer, dem man unterwegs begegnete, durfte man ungestraft abschiessen, wie ein wildes Tier – diese ehemalige feudalherrschaftliche Ignoranz hat sich zwar im Lauf der Jahrhunderte zunehmend gemässigt, ist aber heutzutage immer noch zu erkennen, besonders wenn man einmal die rein weissen Bürger beobachtet, wie routiniert und ungerührt sie einer bittend ausgestreckten schwarzen Hand ausweichen.

Noch gestern habe ich mich mit ein paar Polizisten unterhalten, die in dem von einem hohen Eisengitter umgebenen Park vor unserem Haus die Ordnung und Sauberkeit dieser öffentlichen Anlage aufrecht erhalten sollen. Sie kontrollieren während der Öffnungszeiten – zwischen 08:00 und 20:00 Uhr – täglich das Gelände. Das hohe Eisengitter soll jene vagabundierenden Strassenbewohner von einer Invasion des Parks abhalten – tut es aber nicht: Die erklettern in der Dunkelheit die spitzigen Eisenstangen und springen hinüber – baden im Zierteich, schlafen auf den Bänken oder dem stets sorgfältig getrimmten Rasen und hinterlassen dann am nächsten Morgen ihre Exkremente, Berge von Plastiktüten und –bechern, Bier- und Schnapsflaschen, blutige Binden und zerrissene Zeitungen. Diese Berge von Müll in dem sonst so schön angelegten Park mit dem sinnigen Namen “Praça Paris“ (Pariser Platz) nahm ich zum Anlass, um den Polizisten mein Befremden darüber auszudrücken, dass sie es nicht fertig bringen, solches zu verhindern. Worauf sie mir erklärten, dass diese Sauerei nachts passiere – und nachts fahre eben nur ab und zu ein Streifenwagen aussen vorbei.

Im Verlauf unseres Gesprächs erfuhr ich auch, dass es sehr wohl von der Präfektur eingerichtete Obdachlosen-Asyle – so genannte “Abrigos“ – für die Randbevölkerung gibt, in denen diese Menschen auch ab und zu Zuflucht suchen, besonders im Winter (zwischen Juni und August), wenn in Rio das Thermometer bis auf +14 Grad zurückgeht (dort gibt es ein Bett für sie und zweimal am Tag eine warme Mahlzeit) – aber man kann sie nicht zwingen, auch dort zu bleiben, also lungern sie an warmen Tagen, und das sind die meisten im Jahr, in den Stadtteilen herum, wo sie sich eine milde Gabe erhoffen – zum Beispiel in Copacabana, wo sich die meisten Touristen aufhalten. “Es ist eine Tatsache, dass die grosse Mehrheit dieser Individuen durchaus dazu in der Lage wäre, einfache Handarbeiten auszuführen – sehr viele sind junge, kräftige Männer und Frauen – aber sie wollen nicht arbeiten – lieber die Hand aufhalten, in der Sonne liegen und sich einen ansaufen“, bemerkte Albuquerque, einer der Polizisten, der Jahre in der Sozialarbeit tätig gewesen ist, wie er sagt. “Man muss die Bürgerschaft dahingehend beeinflussen, keinerlei Geld mehr in ausgestreckte Hände zu geben, erst dann kommen die zur Besinnung“ – und damit meinte er die Herumtreiber und Vagabunden.

Noch viel mehr Abfall produzieren die “Camelós“, jene Strassenhändler, die in Rio de Janeiro auf allen Trottoirs und öffentlichen Plätzen der Geschäftsviertel präsent sind und ihre Schmuggelwaren in selbstgezimmerten Ständen oder auf ausgebreiteten Decken nicht nur feilhalten, sondern in regelrechten Brüll-Duellen den Vorüberhastenden in die Ohren schreien – manche tragen die Waren auch am Körper mit sich herum oder schieben sie mit dem Fahrrad oder einem Wägelchen vor sich her. Wichtig ist, dass man mobil ist, denn wenn eine Polizeistreife sich nähert – vor der sich die Händler gegenseitig per Handy warnen – dann wird der Kram schnell in einen Rucksack gepackt, die Decken werden zusammengerafft und das Wägelchen wird in einen dunklen Hausgang geschoben. Immer wenn die Polizisten nahen, können die Fussgänger aufatmen – jetzt stolpert man nicht mehr über ausgebreitete Computerteile oder quer zum Fussgängerstrom aufgepflanzte Drahtgestelle mit Piratenkopien von CDs – man kann wieder normal übers Trottoir flanieren. Allerdings macht sich die Polizei nicht die Mühe, diese “Kleinstverbrecher“ auch dingfest zu machen – sie kassieren höchstens ihre Waren, falls sie mal einen direkt auf dem Trottoir erwischen – aber in die Hauseingänge rings herum verfolgen sie die sich dort versteckenden Händler nicht. Das kann man so oder so auslegen – allgemein gilt als Volksmeinung, dass sich die Polizisten vor den Händlern und deren gefährlichen Beziehungen zur Unterwelt fürchten. Also ist ihr sporadisches Erscheinen einzig und allein nur gedacht, um dem Publikum ihre Aktivität vor Augen zu führen. Wenn gegen 21:00 Uhr abends diese Strassenhändler endlich die Heimreise in ihre Vorortdomizile antreten, dann lassen sie Berge von Verpackungen, weg geworfenen Essensresten und persönlichem Dreck zurück, der ein Heer von Strassenfegern während der Nacht in Atem hält.

Nun ist es aber nicht nur die Stadt selbst, die wie im Fall von Rio de Janeiro, zunehmend in die Dekadenz abrutscht: sämtliche Strassen voller gefährlicher Schlaglöcher, die öffentlichen Anlagen und Plätze verdreckt, historische Gebäude am Verfallen, die Guanabara-Bucht eine Kloake, der Smog zwischen den Büropalästen der Innenstadt zum Schneiden, und die herumhetzenden Menschen längst ohne das ehemals so gerühmte “gewinnende brasilianische Lächeln“ im Gesicht – auch die Peripherie der Stadt , ein Bereich, unter dem man in Rio de Janeiro in der Regel jene kilometerlangen Strände versteht, an denen seine Bürgern besonders an den Wochenenden Erholung suchen, diese Stände ersticken gegen Sonntagabend im zurückgelassenen Müll der Wegwerfgesellschaft. Seinen Abfall auf die Strasse zu werfen, am Strand zurückzulassen oder auf dem Picknick-Platz im Wald, scheint mit jener “persönlichen Freiheit“ zutun zu haben, auf die jeder Brasilianer so unheimlich stolz ist. Das heisst, er betrachtet die Möglichkeit, seinen leeren Pappbecher in einen dafür aufgestellten Müll-Container zu werfen, als eine Einschränkung derselben – selbst wenn letzterer nur wenige Meter von ihm entfernt ist. Und wenn ich es wagen sollte, ihn daraufhin anzusprechen, hebt er den Becher nicht etwa mit einer entschuldigenden Geste wieder auf, sondern er gibt ihm wahrscheinlich einen Tritt und sagt, dass “er sich hier in seinem Land befände und ich mich zurück in meins scheren solle, wenn es mir hier nicht gefalle“! Nun, die Logik dieser Argumentation lässt zwar einiges zu wünschen übrig – typisch ist jedoch die heftige Reaktion auf eine Kritik seiner Verhaltensweise: die toleriert er auf keinen Fall!

Wie weit die Brasilianer noch vor einer tatsächlichen Bewusstwerdung gegenüber ihrer Natur, ihrer Umwelt und deren notwendigem Schutz entfernt sind, möchte ich anhand eines Gesprächs aufzeigen, das sich erst vor ein paar Tagen zwischen der Chefin eines grossen Shopping-Centers von Rio (Lojas Americanas) und mir ergab. Eigentlich hatte ich sie aufgesucht, um mich über die Langsamkeit zu beschweren, mit der die Kassiererinnen in der Lebensmittelabteilung die Warteschlangen abfertigten – doch unser Gespräch nahm dann einen ganz anderen Verlauf:

Dona Sônia war eine grosse Wasserstoff-Blondine, in den Vierzigern und ziemlich beleibt, deshalb ganz in Schwarz und mit übertrieben viel goldfarbenem Strass behängt. Sie kam mir in dem langen Korridor ihres Büros lächelnd entgegen und hörte sich meine “Beschwerde“ stehend an – als sie dann verstanden hatte, dass ich Deutscher bin, lud sie mich in ihr Büro ein, bot mir ihr gegenüber einen Stuhl an und begann plötzlich redselig drauflos zu plappern. Sie selbst sei ebenfalls “eine Deutsche grossmütterlicherseits“ – worauf ich sie unterbrach, um unser Gespräch in Deutsch weiterzuführen, was einen bedauernden Augenaufschlag ihrerseits zur Folge hatte – nein, sprechen könne sie meine Sprache nicht, aber sie sei schon mehrmals in Deutschland gewesen, sie liebe dieses Land usw. usw. – zum zig-sten Mal bekam ich eine jener exaltierten Lobeshymnen zu hören, mit denen sich Brasilianer bei ausländischen Besuchern beliebt machen wollen, was aber bei mir jedes Mal ins Gegenteil umschlägt, weil ich solche Anbiederung hasse.

Schliesslich gelang es mir, unser Gespräch auf einen Vergleich zwischen brasilianischen und deutschen Supermärkten zu lenken – vor allem wollte ich ihr einmal die Schnelligkeit vor Augen zu halten, mit der “unsere“ Kassiererinnen eventuelle Warteschlangen abwickeln – und da hatte ich wohl bei ihr einen Nerv getroffen, jedenfalls tönte sie plötzlich, dass “sie die deutschen Supermärkte aus eigenen Studien bestens kenne“ und mir deshalb auch ganz genau sagen könne, was sie bei uns störe – und, dass sie “das brasilianische System viel besser“ finde! Und dann traute ich meinen Ohren nicht:

“Bei ihnen müssen die Kassiererinnen auch keine Waren in Plastiktüten einpacken, wie sich das bei uns gehört“, tönte sie – “wenn ihre Kunden eine Plastiktüte haben wollen, müssen sie auch noch dafür bezahlen – bei uns sind die gratis! In Deutschland werden Milch und andere Flüssigkeiten sogar noch wie im Mittelalter in Glasflaschen verpackt – während Sie bei uns alles in Plastikverpackung bekommen, die man in den Müll werfen kann – ihre Flaschen müssen Sie umständlich gegen Pfand wieder abliefern! Nun sagen sie selbst: ist doch viel praktischer und bequemer bei uns in Brasilien, hab’ ich recht“?

Und ich staunte noch viel mehr, als sie eine Gegenargumentation meinerseits erst gar nicht zuliess, sondern fortfuhr, dass sie selbstverständlich alle jene Argumente hinsichtlich Umweltschutz bestens kenne – und die seien für ein so kleines Land wie Deutschland ja auch durchaus angebracht – aber Brasilien sei eben gross genug . . .

Am nächsten Tag stiess ich in der Tageszeitung GLOBO auf einen Artikel, der sich lang und breit über die Bedrohung der Umwelt durch den Plastikmüll der Grossstädte ausliess – z.B. aus Polyathylen-Tüten, die bis zu einhundert Jahre brauchen, um sich im Boden aufzulösen – aber wie immer: hier in Brasilien redet man nur darüber – erst müssen die Menschen sterben, bevor jemand reagiert. Siehe Dengue-Fieber: Seit mehr als fünf Jahren laufen Kampagnen des Gesundheitsministeriums im Fernsehen, in denen die Bevölkerung aufgerufen wird, mögliche Brutstätten (Blumentöpfe, Wasserkästen, Flaschen, Büchsen, Autoreifen etc.) der Aedis aegyptii (die Krankheit übertragende Stechmücke) in ihrem Umfeld trockenzulegen – allein die unglaubliche Bequemlichkeit der Einen und die noch entsetzlichere Ignoranz der Andern lässt solche Aufrufe zur Vernunft einfach ins Leere verpuffen. Jetzt, nachdem sich die Krankheit 2008 zu einer Epidemie ausgewachsen hat, ist das Geschrei genau derer überall zu hören, die sich vorher einen Dreck um irgendwelche Vorsorgemassnahmen geschert haben – weil alle Krankenhäuser überbelegt sind, und weil ihre Kinder sterben. Und in diesem Fall kann man dem Staat nur eine indirekte Schuld anhängen – eine historische sozusagen: Weil er über Jahrhunderte hinweg seinem Volk Erziehung und Bildung vorenthalten hat, muss er sich gewiss nicht wundern, wenn plötzliche Appelle und Massnahmen nicht greifen, die eine solche Erziehung und Bildung voraussetzen.

Dies gilt für das gesamte brasilianische “Spiel des Lebens“: Wäre man je dazu erzogen worden, wie man sich in diesem Spiel am besten verhält – seinen Kindern gegenüber, seinen Nachbarn und seinen Mitmenschen – dass die Regeln einer Gesellschaft ihrer Harmonie dienen, sie also respektiert werden müssen – dass Freiheit in dieser Harmonie zu finden ist und Glück ebenfalls – dann könnte dieses wundervolle Land endlich seine so lange erwartete und ersehnte Zukunft erreicht haben – als eines der schönsten Länder unseres Planeten.