Selbsterfahrung: Wie lebt es sich in Brasiliens Küstenregenwald? » Seite 2

Veröffentlicht am 23. Februar 2014

guerteltierManchmal ist der Waldweg voll mit den Blättern der Bromelien. Affen lieben Bromelienherzen, sagt João. Sie würden sie ausreissen, auszutzeln und die Reste dann auf den Boden werfen. Ob das wohl der Wahrheit entspricht? Einige der “Caboclos”, Einheimische, die fernab von den Städten leben, haben ihren Spaß daran, mir, der “Gringa”, der Ausländerin, einen Bären aufzubinden. Ich höre ihnen trotzdem gerne zu. Sie erzählen lebhaft die schönsten Geschichten, Geschichten über Töpfe voller Gold, die hier irgendwo vergraben sein sollen, über Gnome, die alle möglichen Streiche spielen, über einen unterirdischen Gang, der wie das Labyrinth von Minotaurus die Menschen zur Verzweiflung bringt.

Der Wald ist voller Geheimnisse und Legenden, wie der vom Urutau. In einer unserer ersten lauen Sommernächte hier im Wald schallte plötzlich ein lauter Juhitzer zu uns. Ju-hu-hu-huu machte es, so als würde gleich jemand aus lauter Freude am Leben zum Jodeln anfgangen. Der Jodler kam nicht. Es blieb indes die Frage, welches Tier hinter diesem Jauchzer steckt. Wir fragten herum und bekamen viele Antworten. Eine Eule. Nein, ein Greifvogel. Nein, ein Stachelschwein. Später entdeckten wir, dass das Stachelschwein ein Vogel namens Urutau ist. Nach einer Legende der Indios wurde ein Mädchen, weil es nicht von der Liebe zu ihrem Stiefbruder ablassen wollte, in den Vogel Urutau verwandelt. Was mir als Jauchzer vorkommt, ist in den Ohren der Indios allerdings ein Seufzer über die verlorene Liebe.

antoninaZweimal in der Woche verlasse ich seufzend für ein paar Stunden mein grünes Paradies, um im Internetcafé in der Stadt mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Auf dem Land und im Wald gibt es bislang kein Internet, kein Telefon und auch keinen Handy-Empfang. Die Signale der wenigen Antennen, die außerhalb der großen Stadtzentren aufgestellt sind, schaffen es nicht, sich ihren Weg durch den dichten Regenwald zu bahnen. Immerhin haben wir mittlerweile Strom. Es hat lange gedauert, bis wir die Bürokratie durchlaufen hatten und wir die notorisch unterbesetzte Naturschutzbehörde überzeugen konnten, dass wir alle Umweltgesetze einhalten. Für den Stromanschluss ist die Genehmigung der Umweltbehörde notwendig. So kann zumindest teilweise die Einhaltung der Umweltgesetze kontrolliert werden.

Laut Gesetz muss unter anderem entlang jedes Fließgewässers ein Uferrandstreifen von mindestens 30 Metern auf beiden Seiten eingehalten werden, 20 Prozent jedes Grundstücks müssen als Reserva Legal, als Vorbehaltsfläche für den Naturschutz ausgewiesen werden und zu Biotopen wie Quellen oder Sümpfen sind 50 Meter Abstand einzuhalten. Gut die Hälfte unseres Grundstückes steht somit unter absoluten Naturschutz. Die andere Hälfte unterliegt strengen Regelungen und Gesetzen, die notwendig sind, um das, was von der Mata Atlântica übrig geblieben ist, zu erhalten. Doch sie erschweren einem auch das Leben. So darf selbst ein abgestorbener Baum, der droht auf das Haus zu fallen, nicht ohne Genehmigung gefällt werden. Bis die Genehmigung ausgestellt wird können jedoch Monate vergehen.

Nicht umgeschnitten werden dürfen auch die Bananen, die am Ufer unseres Bächleins wachsen, auch wenn sie dort nicht hin gehören. Um Bananen zu ernten, muss die Staude aber umgeschnitten werden. Damit wir nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, haben wir sechs verschiedene Bananensorten auf die Lichtung rund ums Haus herum gepflanzt. Denn zu einem richtigen Anwesen gehören Bananen. Dazu gehören auch Bäume wie die Goiabeira (Guaven), Jabuticaba und natürlich Zitrusfrüchte und das berühmte Cana de açúcar (Zuckerrohr). Kurz, eine Obstwiese ist unerlässlich. Ein Schlaraffenland ist aber auch der Regenwald mit seinen leckeren Früchten wie den Jambo, den Araça oder den Palmfrüchten. Allerdings bin nicht nur ich erpicht auf sie. Heiss begehrt werden sie auch von den Tukanen, den Sittichen und all den anderen Vögeln, die sich in der Mata Atlântica so tummeln.

Es ist ein anderes Leben im Wald. Vieles ist anstrengender und komplizierter oder erfordert eine entsprechende Logistik. Doch die Ruhe, das Grün um uns herum und die Erlebnisse mit den Wildtieren wiegen alles auf. Zudem hat uns der Stromanschluss das Leben am Rande des Regenwaldes ungemein erleichtert. Jetzt kann ich Zucchini, Tomaten und sonstiges Gemüse im Kühlschrank lagern, um es vor den 40 Grad suptropischer Sommerhitze zu schützen. Ich kann mir abends ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank genehmigen. Statt mit der Gasfunzel im Halbdunkeln herumzutappen, kann ich nachts bei Licht noch arbeiten und lesen oder dem Monopoly frönen und über Parkstraße und Schlossallee wandern während draußen in der Dunkelheit der Hammerfrosch quakt, die Zikaden schrillen und das Gürteltier schmatzt.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, wie es sich im Regenwald so lebt, können sie dies in meinen Blog!