Indigene Völker unabdingbar für Regenwald-Schutz

Veröffentlicht am 19. Januar 2014

In der Mata Atlântica sind 120 Terra indígenas (Gebiete der Indios) verzeichnet. Die dort lebenden Indios sind allerdings nahezu unsichtbar, wie Marcio Barragana Fernandes vom Conselho do Mosaico Lagamar es ausdrückt. Er und Vertreter der staatlichen Institution zum Schutz der indigenen Völker (FUNAI) setzen sich dafür ein, dass die Indios an den Schutzprojekten zum Atlantischen Regenwald beteiligt werden. Aber auch die Indios kämpfen um ihr Recht und um mehr Aufmerksamkeit.

Auf den ersten Blick wirkt Juliana Kerexu Mariano eher zurückhaltend. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer neunjährigen Tochter hat sie sich einen Platz in der hintersten Stuhlreihe gesucht. Etwa 75 Workshop-Teilnehmer sitzen vor ihr. Bei dem Workshop Ende November 2013 in Paranguá im Bundesstaat Paraná geht es um die Grundlagen für das Programm “Biodiversität und Auswirkungen des Klimawandels in der Mata Atlântica“. Es geht darum, wie die der atlantische Regenwald besser geschützt und der Klimawandel abgeschwächt werden kann. Dabei sollen die Menschen, die dort leben, zugleich aktiv eingebunden werden.

Juliana Kerexu Mariano, Roseane Yva Mariano Acosta und Rosalina Kerexu Mariono Rodrigues, Repräsentanten der Indios Guarani beim Workshop

Repräsentanten der Guaraní-Indianer: Juliana Kerexu Mariano, Roseane Yva Mariano Acosta und Rosalina Kerexu Mariono Rodrigues

Die Mata Atlântica ist Julianas Lebensraum. Juliana gehört zum Indiostamm der Guarani und repräsentiert die Frauen des Dorfes Pindoty. Pindoty liegt auf der Insel Cotinga in der Meeresbucht von Paranaguá und ist als “Terra Indígena” ausgewiesen. Damit genießt das “Aldeia”, das Dorf, einen gewissen Schutzstatus. Nicht alle Indio-Ansiedlungen sind jedoch als eigene Reservate oder Schutzgebiete ausgewiesen. Einige sind lokal zwar bekannt, offiziell aber nicht anerkannt oder registriert, wie das Dorf zwischen den beiden Küstenstädten Antonina und Guaraqueçaba. Rivelino Gabriel de Castro, dessen Indigener Name Verá Kuaray Haxa lautet, ist Cacique, Stammeschef, dieser Ansiedlung. Auch er ist zum Workshop in die moderne Hafenstadt gekommen. Er will mehr darüber erfahren, was es für Projekte geben wird und wie diese das Leben seines Volkes beeinflussen werden.

Beteiligung der Indios an Schutzprojekten besonders wichtig

marcio-barraganaMarcio Barragana Fernandes, Präsident des Beratungsgremiums Conselho do Mosaico Lagamar, hält die Beteiligung der Indios für besonders wichtig. “Wir dürfen die Indios nicht aussen vor lassen”, so Marcio Barragana. Schließlich gehe es beim Schutz der Mata Atlântica auch um den Lebensraum der Indios sowie um deren Zukunft. Das Conselho ist ein Zusammenschluss der Gemeinden, die im sogenannten Mosaik Lagamar liegen, im Küstenbereich von Paraná sowie dem südlichen Abschnitt des Bundesstaates São Paulo. Im Beratungsgremium, das im Oktober gegründet wurde, sind bereits zwei Indios als Repräsentanten ihrer Völker vertreten. Wichtig ist die Mitwirkung der Indios aber auch, um zu wissen, wo es in der Mata Atlântica Ansiedlungen gibt, und um später Konflikte zu vermeiden, wie Fernandes betont.

Die aktive Beteiligung der indigenen Völker von Anfang an, sei es bei der Ausweisung von Schutzgebieten oder von Reservaten, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Konflikte zwischen Indios und Großlandwirten (Fazendeiros) sind keine Seltenheit, wenn es darum geht, den indigenen Völkern ihr angestammtes Land zurückzugeben. Selbst blutige Auseinandersetzungen und Morde kommen leider auch heute noch vor.

Nach offiziellen Angaben leben in Brasilien etwa 600.000 Indios. Im Bereich der Mata Atlântica sollen es 100.000 Indios sein. Sie gehören den unterschiedlichsten Ethnien an wie den Guarani, den Kaingang, Terena, Potiguara, Kaiowa oder den Tupiniquim, und sie haben Brasilien geprägt. Viele Namen von Flüssen und Städten gehen auf einen indianischen Ursprung zurück, wie der Name der Stadt Paranaguá. Er bedeutet so viel wie “großes, rundes Wasser”. Die Indios sind in Paranaguá selbst indes kaum anzutreffen. Lediglich ihre Handwerksarbeiten, wie geschnitzte Puma und Schildkröten sowie Korbwaren, werden in Andenkenläden zum Kauf angeboten. Sie selbst leben fernab der Städte.

“Wir sind ein Volk des Waldes, das mit dem Wald lebt”, sagt Juliana Kerexu Mariano. Schon allein deshalb hätten sie bereits ein gewisses Bewusstsein für den Schutz der Natur, ist Juliana Kerexu überzeugt. Für Nicht-Indios, so die junge Frau, mag der Schutz des Regenwaldes und der Natur schon ein wenig schwieriger sein. Dass sie dennoch an dem Workshop teilnimmt, liegt für sie auf der Hand. Es ist wichtig, mehr über die Zusammenhänge zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und dem Klimawandel zu lernen, auch, um das Wissen weitergeben zu können, wie sie sagt. “Wir denken dabei nicht nur an uns, sondern an die Gesamtheit”, so Juliana Kerexu. Wobei mit dem Begriff „Gesamtheit“ die Indios, Nicht-Indios und die Umwelt gemeint sind.

Landwirtschaft und Erhalt des Regenwaldes gleichzeitig möglich

Aber auch von den Indios lässt sich lernen, etwa über die Pflanzen des Regenwaldes. Da ist der Erva-Mate, ein Tee, der bei den Indios als gesundheits- und kraftspendendes Getränk galt. Er ist heute ein beliebtes Erfrischungsgetränk, das in keinem Supermarkt fehlt. Aus dem Guaco, ebenso heimisch in der Mata Atlântica und bei den indigenen Völkern als Heilpflanze bekannt, wird ein schleimlösender Hustensaft gewonnen und aus dem Baleeira-Strauch ein entzündungshemmendes Arzneimittel.

Die Erkenntnis, dass sich Landwirtschaft und der Erhalt des Regenwaldes vereinen lassen, geht ebenso auf das Wissen der traditionellen Völker Südamerikas zurück. Viele der Indios bewirtschaften den Wald auch heute noch auf traditionelle Art und Weise. Eine Bewirtschaftungsform, die ökologisch nachhaltig ist, wie João Paulo Severo von der staatlichen Institution zum Schutz der indigenen Völker (FUNAI) betont. Der moderne Ausdruck für diese Art Wald-Landwirtschaft lautet “Agrofloresta”. Cacique Verá Kuaray Haxa bestätigt, dass in seinem Dorf bei Guaraqueçaba nach den Methoden der Agrofloresta Nahrungsmittel angebaut werden. Nahrungsmittel wie die nahrhafte Maniok-Wurzel, die fester Bestandteil der brasilianischen Küche ist. Sie kann wie eine Kartoffel verwendet oder zu Mehl verarbeitet werden. Angebaut werden ebenso die einer Süßkartoffel ähnliche Kara sowie viele andere Gemüsearten und Früchte wie die Papaya.

Beim “Agrofloresta” wird der Wald nicht abgeholzt. Im Gegenteil. Er ist wichtigster Bestandteil dieser Anbaumethode. Die Bäume bieten Schutz vor der sengenden Tropensonne und den starken tropischen Regenfällen. Sie sorgen für ein ausgeglicheneres Kleinklima und die Humusschicht wird stetig mit Hilfe ihrer Blätter erneuert. Die Millionen kleinen Lebewesen, die dort im Boden ihren Lebensraum finden, tragen zur Gesundheit des Bodens und somit der angebauten Kulturpflanzen bei. Die Bäume regulieren den Wasserhaushalt und bieten mit ihren Wurzeln Schutz vor Erosion. Statt einer Monokultur wird eine Multikultur gepflegt. Im Nebeneinander der Kulturen rankt sich Chu-Chu an Obstbäumen hoch. Das Gemüse ähnelt dabei einer Zucchini. Vor ihr wachsen Bohnen, Mais und andere Kulturpflanzen. Was bei dieser Anbaumethode fehlt, sind Unkrautvernichtungsmittel, Pestizide und künstlicher Dünger. Sie kommen nicht zum Einsatz.

Diese alternative Öko-Anbaumethode wurde mit Hilfe von Versuchsanbauten und Studienergebnissen von Wissenschaftlern, Landwirtschaftstechnikern, Forstwirschaftlern und Praktikern weiter verfeinert. Etliche Kleinlandwirte, die nur wenige Hektar Land besitzen, arbeiten bereits erfolgreich mit der Anbaumethode der Agrofloresta. Um ihre Bio-Produkte besser an die Großmarkthallen verkaufen zu können, schließen sich viele der Kleinlandwirte zu Kooperativen zusammen. Abnehmer sind aber auch die Schulküchen und Krankenhäuser.

Größere Biomasse kommt dem Klimaschutz zugute

Geht es nach den Willen der Workshop-Teilnehmer, soll die Methode der Agrofloresta im Bereich der Mata Atlântica stärker gefördert werden, da durch sie der Artenreichtum des Urwaldes nicht verringert, sondern erhöht wird. Mehr Pflanzenarten bedeuten eine größere Biomasse durch die mehr Treibhausgase gespeichert werden können, was wiederum dem Klimaschutz zugute kommt. Für die Indios bedeutet die Wald-Landwirtschaft indes einen wichtigen Beitrag zur Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und somit einen Beitrag zur Unabhängigkeit von staatlichen Hilfen.

João Paulo Severo erwartet von der Teilnahme der Indios an dem binationalem Programm zum Schutz der Mata Atlântica aber noch mehr. Er verweist auf die Bedeutung einer Analyse unter Einbindung der Indios, um dann gezielt helfen zu können. So erhofft er sich auch Projekte, mit denen die Lebensqualität der Indios verbessert werden kann und bei denen gleichzeitig der Naturschutz seinen Platz findet.

Dass es möglich ist, den Atlantischen Regenwald zu erhalten und gleichzeitig alle davon profitieren, darüber ist sich Juliana Kerexu sicher. “Gemeinsam können wir viel erreichen”, sagt sie, während sie einen Blick auf das Informationsmaterial über das Programm “Biodiversität und Auswirkungen des Klimawandels in der Mata Atlântica“ wirft. Mit dem Workshop wurde der erste Baustein zu diesem Programm gelegt. Weitere Treffen sollen folgen, Treffen, an denen sich auch Vertreter der indigenen Völker beteiligen werden.