Die faszinierende Artenvielfalt des Atlantischen Regenwaldes » Seite 2

Veröffentlicht am 2. Februar 2014

B_3874Angesichts all der Vielfalt fällt es schwer, sich nur auf einen Teilbereich zu konzentrieren. So studiert André Meijer längst schon die Vogelwelt, die Schmetterlinge und sogar auch Bremsen und Mücken. Seit Jahren zeichnet er auf, wo und wann er welche Arten gesehen oder zwitschern gehört hat, studiert die Literatur über sie und stellt Vergleiche an. Sogar die Bevölkerung bezieht er bei seinen Bestandsaufnahmen mit ein, befragt Fischer und Anwohner, zeigt ihnen beispielsweise Fotos vom roten Ibis, den Guará, um herauszufinden, ob sich der im Süden Brasiliens seltene Vogel an der Küste Paranás wieder ausbreitet. Dabei geht es nicht nur um bloße Bestandsaufnahmen. Durch seine Fragen werden die Bewohner des Regenwaldes aufmerksam auf die Schönheit und den Wert ihres Lebensraumes mit all seinen Pflanzen und Tieren.

Das gelingt Meijer auch mit seinen “Cartas”, seinen Berichten über all das, was er bei seinen Erkundungen sieht und erlebt. Dabei beschreibt er auf unterhaltsame Weise wissenschaftliche Erkenntnisse. Etwa darüber, wann er die “feine und sympathische Stimme” des risadinha (Camptostoma obsoletum) Jahr für Jahr zum ersten Mal hört. Der Vogel lebt im Sommer auf der Hochebene Paranás, überwintert jedoch im Regenwald an der Küste.

Meijer lebt abgeschieden in der Nähe von Guaraqueçaba mitten im Atlantischen Regenwald. Bei seinen fast täglichen Erkundungstouren legt er schon mal 10 oder 20 Kilometer zu Fuß zurück. Mit Berichten und Veröffentlichungen versucht er, genügend Geld zu verdienen, um sich weiter seinen Studien widmen zu können. Diese sind wichtig, wie auch all die anderen Studien, die über die Mata Atlântica angefertigt werden. Sie sollen zu wichtigen Erkenntnissen und auch zum Erhalt des Bioms beitragen.

foto0162Ähnlich wie bei den Pflanzen, sind auch die Zahlen über die vorkommenden Tierarten herausragend. Gezählt wurden bisher 849 Vogelarten, 370 Amphibien, 200 Reptilien, 270 Säugetiere und 350 Fischarten. Dazu kommen mehr als 2.000 Schmetterlingsarten und unzählige andere Insekten. Allerdings sind bereits etliche der Tiere in ihrem Bestand bedroht: 118 Vogelarten, 16 Amphibien, 38 Säugetiere und 13 Reptilien sowie 59 Fischarten. Zu den vom Aussterben bedrohten Tieren gehören auch der Jaguar und der Mico-Leão, ein kleines Äffchen. Die Gesamtzahlen sind erschreckend. Von den über 600 Tierarten Brasiliens, die vom Aussterben bedroht sind, haben über 380 in der Mata Atlântica ihren Lebensraum.Gleiches gilt für die Pflanzen. Von den 472 Pflanzenarten, die in der Roten Liste Brasiliens verzeichnet sind, gehören 276 über die Hälfte der bedrohten Arten der Mata Atlântica an.

Etliche der Tiere und Pflanzen sind bereits äußerst extrem bedroht, weil sich ihr Lebensraum immer weiter verringert, sie in isolierten Regenwaldinseln leben. Ganz besonders trifft es beispielsweise eine Unterart des bugio-ruivo, eine Affenart, die nur in der Mata Atlântica in einer begrenzten Region zwischen den beiden brasilianischen Bundesstaaten Bahia und Minas Gerais vorkommt. Von dem Affen mit dem rötlichen Fell existieren nur noch um die 250 erwachsene Tiere in ihrem natürlichen Umfeld.

bugio-mata-atlantica1999 wurde die Mata Atlântica in die Liste der Hotspots aufgenommen. Das ist keineswegs glorreich, vielmehr soll es aufrütteln. Denn aufgenommen werden in die Liste der Hotspots Biome, die mindestens 1.500 endemische Pflanzenarten aufweisen und von denen gleichzeitig bereits drei Viertel ihrer ursprünglichen Fläche verloren gegangen ist. In den weltweit 34 Hotspots konzentrieren sich 50 Prozent aller bisher bekannten Pflanzenarten und 42 Prozent der Wirbeltiere – und das, obwohl die Fläche sämtlicher Hotspots zusammen gerade einmal 2,3 Prozent der Erdoberfläche ausmacht. Von Brasilien sind gleich zwei Biome als Hotspots der trockene Cerrado und eben die Mata Atlântica.

Während der enorme Artenreichtum des Atlantischen Regenwaldes zu schwinden droht, werden gleichzeitig stetig neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt, wie die Stachschweinart Coendou speratus. Sie wurde von den Wissenschaftlern der Universität Pernambucos im April 2013 erstmals beschrieben. Ebenso im vergangenen Jahr wurde in der Reserva Natural Vale im Bundesstaat Espírito Santo erstmals der Fruchtbaum Ephedranthus dimerus kartiert.

Wie wichtig die Artenvielfalt für uns Menschen ist, zeigt sich am Beispiel der Jararaca (Bothrops jararaca). Aus dem Gift der im Atlantischen Regenwald heimischen Viper wird das den Bluthochdruck regulierende Medikament Captopril gewonnen. Untersuchungen laufen noch zum Gift der “Aranhas-armadeiras” (Phoneutria sp.), braunen Spinnen, die zur Verteidigung und zum Angriff ihre vier vorderen Beine wie Scheren in die Höhe halten. Das Gift gilt als äußerst wirksames Schmerzmittel. Ein entzündungshemmendes Mittel wird aus dem Busch erva-baleeira (Cordia verbenacea) hergestellt und aus den Blättern des Baumes Espinheira Santa (Maytenus ilicifolia) ein Medikament gegen Magenbeschwerden. Schon allein wegen dieser Beispiele sollten wir gut daran tun, die Mata Atlântica zu schützen, um sie mit all ihrer Vielfalt zu erhalten. “Vielleicht wird ja irgendwann einmal aus einer ihrer Pflanzen ein Impfstoff gegen Krebs entwickelt”, wie es Marcio Barragana Fernandes, Präsident des Beratungsgremiums Conselho do Mosaico Lagamar, ausdrückt.