Biodiversität und Auswirkungen des Klimawandels in der Mata Atlântica

Veröffentlicht am 5. Januar 2014

Der Klimawandel macht vor Ländergrenzen nicht Halt. Während sich Naturkatastrophen häufen, versucht die Bundesrepublik mit einem binationalen Programm zum Erhalt des Atlantischen Regenwaldes, der Mata Atlântica, und so zum Klimaschutz beizutragen. Über die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Entwicklungsbank KfW werden bis 2017 14,3 Millionen Euro in das Projekt zum Schutz der Mata Atlântica investiert. Im Vordergrund stehen dabei der Erhalt der Biodiversität, die Auswirkungen des Klimawandels sowie eine nachhaltige Entwicklung der lokalen Wirtschaft in den betroffenen Gebieten.

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Viele Anstrengungen wurden bereits und werden unternommen, um die acht Prozent, die vom Atlantischen Regenwald Brasiliens, übrig geblieben sind, zu erhalten. Etwa 300 Nicht-Regierungs-Organisationen wie die SOS-Mata Atlântica, Gemeinden, Bundesstaaten, die brasilianische Regierung und auch private Unternehmen und Einrichtungen versuchen seit Jahren mit den verschiedensten Projekten, Anreizen und auch Verboten, zum Erhalt des einzigartigen Konglomerates verschiedenster Lebensräume der Mata Atlântica beizutragen. Vieles wurde schon erreicht. So sank die Rate der Abholzung auf etwa 20.000 Hektar im Jahr, während sie in den 80 Jahren noch bei über 100.000 Hektar lag. Aber es muss noch viel getan werden. Auch deshalb, weil ein neues Problem hinzu gekommen ist: der Klimawandel. Der Erhalt der Wälder und besonders der tropischen Regenwälder steht an erster Stelle, wenn es darum geht, den Klimawandel abzumildern. Die artenreichen tropischen Regenwälder weisen eine enorme Biomasse aus, in der die klimaschädlichen Kohlenstoffgase gebunden werden können.

Bedrohtes Biosphärenreservat und nationales Naturerbe

Doch wie lässt sich ein Gebiet, das mit seinen knapp 164.000 Quadratkilometern fast viermal so groß ist wie die Schweiz, überhaupt umfassend schützen? Es ist keine leichte Aufgabe. Von der Unesco wurde die Mata Atlântica angesichts ihrer Vielfalt an Pflanzen und Tieren längst als Biosphärenreservat eingestuft. Im brasilianischen Grundgesetz wurde sie 1988 als Nationales Erbe (Patrimônio Nacional) ausgewiesen. Im Jahr 2006 wurde zudem das Gesetz zum Schutz der Mata Atlântica verabschiedet. Darüber hinaus greift ebenso das allgemeine Naturschutzgesetz Brasiliens, der Código Florestal. Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass Schutzgebiete, Gesetze und Verbote bei Weitem nicht ausreichend sind. Notwendig sind vielmehr konkrete Aktionen. Genau dort will das binationale Programm „Biodiversität und Auswirkungen des Klimawandels in der Mata Atlântica“ ansetzen.

daniela-oliveira-ingrid-prem„Wir stehen vor der Herausforderung, die Mata Atlântica zu erhalten, ihre Fläche zu vergrößern und die Lebensqualität der Menschen, die in ihr leben zu verbessern“, fasst Marcio Barragana Fernandes, Präsident des Beratungsgremiums Conselho do Mosaico Lagamar die Anforderungen zusammen, die das Programm zu stemmen hat. Das Programm wird technisch und finanziell von der Bundesrepublik Deutschland über die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Entwicklungsbank KfW mit 14,3 Millionen Euro unterstützt. Brasilien steuert weitere vier Millionen Euro hinzu. Daniela Oliveira (li.) vom brasilianischen Umweltministerium geht davon aus, dass die Summen zwar nicht ausreichend sein werden, um all das zu erreichen, was notwendig wäre. Sie erhofft sich von dem Programm aber dennoch eine nachhaltige Wirkung. Auch deshalb, weil zum ersten Mal nicht mit dem Gießkannenprinzip vorgegangen wird, sondern in drei großen Gebieten gezielt angesetzt werden soll, wie sie sagt. Die drei Schwerpunktbereiche auf die sich das Programm bezieht umfassen die Mata Atlântica von Rio de Janeiro, den Verbund des Küstenregenwaldes von Paraná und São Paulo sowie den Bereich im Süden von Bahia. Darüber hinaus versucht das Programm Kräfte zu bündeln, Nicht-Regierungs-Organisationen, Gemeinden, Institute, Universitäten und vor allem die Zivilbevölkerung einzubinden. „Nur gemeinsam können wir es schaffen, das Biom ausreichend zu schützen und den Klimawandel abzumildern“, so Ingrid Prem (re.). Sie leitet bei der GIZ den Bereich Nachhaltigkeit tropischer Wälder in Brasilien.

Dass das Programm auf einen demokratischen Prozess setzt und versucht, alle Beteiligten einzubinden, wurde auch bei dem Workshop deutlich, der unlängst in der Hafenstadt Paranaguá im Bundesstaat Paraná als Auftakt zu dem Schutzprojekt stattfand. Vertreter verschiedener Ministerien, Umweltverbände, Nicht-Regierungs-Organisationen und der betroffenen Bevölkerung sowie Repräsentanten der indigenen Völker diskutierten dabei darüber, welche der bereits vorhandenen Projekte am wirkungsvollsten sind, wie diese weiter verbessert oder ausgebaut werden könnten und welche neuen Projekte und Ansatzpunkte notwendig sind.

Erhaltung, nachhaltige Nutzung und Wiederaufforstung des Küstenregenwaldes

Als die drei wichtigsten Säulen des Programmes nennt Daniela Oliveira den Erhalt des Bioms, seine nachhaltige Nutzung und die Wiederherstellung bereits degradierter Flächen. Wie der Workshop verdeutlichte werden viele Ansatzpunkte dazu notwendig sein. Unter anderem sollen die Gemeinden, die im Bereich des Atlantischen Regenwaldes liegen, dazu animiert werden „Planos municípais“ zu erstellen. Dabei handelt es sich um eine Art Landschaftsplan, in dem sowohl Schutzflächen als auch Entwicklungsflächen für die Siedlungen enthalten sein sollen. Mit den Plänen soll unter anderem eine weitere unkontrollierte Zersiedelung verhindert und gleichzeitig eine nachhaltige Entwicklung der Gemeinden garantiert werden.

Fest steht, dass der Atlantische Regenwald nur gemeinsam mit Hilfe der Gemeinden und der Menschen, die in und von ihr leben erhalten werden kann. Für etliche Bewohner der Mata Atlântica bedeutet der Naturschutz jedoch eine starke Einschränkung, weil sie durch ihn Teile ihrer oft ohnehin schon kleinen Anwesen nicht landwirtschaftlich nutzen können. „Auf uns lastet ein enormer Druck, aber irgendwie müssen auch wir überleben können“, fasst Lauro Silvio Löschner das Problem der Kleinlandwirte zusammen, die häufig mit einem geringen Einkommen auskommen müssen. Löschner lebt mit seiner Familie im Landschaftsschutzgebiet von Guaraqueçaba, das zur Mata Atlântica gehört, und vertritt die traditionelle Gemeinschaft der dort ansässigen Kleinlandwirte. Geht es nach den Willen der Workshopteilnehmer und des Programmes sollen sie künftig Hilfen erhalten unter anderem eine Bezahlung sogenannter Umweltdienste beispielsweise für den Schutz von Waldflächen und Trinkwassereinzugsgebieten. Zudem ist an eine technische Unterstützung gedacht, wie etwa zur Einführung des ökologischen Landbaus. So wird den Kleinlandwirten eine Einkommensperspektive geboten und werden sie gleichzeitig dazu animiert, den Regenwald aktiv zu schützen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist ebenso die Wiederaufforstung degradierter Flächen. Mit ihr soll zum Einen erreicht werden, dass kleinere Mosaikteile des Regenwaldes wieder miteinander verbunden werden, um so Korridore und Lebensräume für Puma und andere in der Mata Atlântica lebende Wildtiere zu bieten. Zum Anderen ist die Wiederaufforstung ein wichtiges Instrument, um für mehr Biomasse zu sorgen und so den Klimawandel abzumildern.

Das Programm „Biodiversität und Auswirkungen des Klimawandels in der Mata Atlântica“ ist ein komplexes Vorhaben, das viele Facetten abdecken soll. Wie, das fasst Prem mit folgendem Beispiel zusammen: “Es ist auf jeden Fall kostengünstiger einen noch halbwegs intakten Mangrovenwald zu schützen und wieder herzustellen, als Dämme für den Uferschutz zu bauen. Die Mangroven bieten einen Uferschutz, sind Brutstätte der Meerestiere und bieten den Menschen eine Einkommensquelle. Forsten wir Wälder auf, schaffen wir auch Kohlenstoffspeicher und tragen somit zu einem stabileren Weltklima bei.”