Einwanderung 1854

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

In jene Zeit der Tätigkeit Vergueiros und Perret-Gentis fällt auch die erste Einwanderung aus Obwalden in Sitio Grande, zwischen Jundiahy, Itaicy und Campinas im Bundesstaat São Paulo.

Nach den hier im Lande gepflogenen Nachforschungen konnten noch die Namen von 26 Familien und einigen angeschlossenen ledigen Personen festgestellt werden. (Vgl. das Verzeichnis im Anhang Nr. 1). Danach waren es ungefähr 150 Personen, die sich auf die Reise begeben hatten. In Santos wurden sie von der Compagnie Vergueiro in Empfang genommen und an den Commenddor Antonio de Queiroz Telles (Barão de Jundiahy) weitergegeben.

Dieser hat sie auf Grund der Parcerie- (Halbpart) – Verträge auf seine Besitzungen bei Jundiahy mitgenommen und auf seinen verschiedenen Fazenden, Sitio Grande, Lagôas, Bahia beschäftigt. Die Reise wurde auf einem Segelschiff gemacht und dauerte 62 Tage von Hamburg bis Santos. Schon auf dem Meere waren 35 Personen, meist Kinder gestorben. In den Niederlassungen folgten in kurzer Zeit weitere 24 im Tode nach.

Die Gesamtreisedauer von Obwalden bis an die Arbeitsstätte mit allen Aufenthalten in Hamburg und Santos und mit der 20 tägigen Landreise von der Heimat bis zum Einschiffungshafen berechnet sich nach den noch erhalten gebliebenen Papieren der Familie von Zuben auf 4 Monate. Manche Familien waren 9, 10 und 11 Köpfe stark. Die Wolff hatten 9 Kinder bei sich, die Sigrist 8, Nikodem Anderhalden 7 und die meisten übrigen 3 bis 5 Kinder. Bei den primitiven Einrichtungen eines Segelschiffes, den Strapazen so weiter Landreisen und den schlimmen Begleiterscheinungen langer Seefahrt in tropischem Klima kann die grosse Sterblichkeit bei der Überfahrt nicht wundern.

Geschwächt an Gesundheit, krank an Seele und meist an Körper verliessen sie, vermindert an Zahl, Mitte Juli 1854 in Santos das Schiff um am 21. Juli ihrem Patrão, dem schon genannten Antonio de Queiroz Telles, von der Firma Vergueiro & Cia “mit allen Bedingungen“ des eingegangenen Vertrages übergeben zu werden. Und nun ging die Reise erst recht weiter. 100 Kilometer landeinwärts ging der Weg zu Fuss, per Maulesel, per Karren, die kleinen Kinder in den Tragkörben der Tiere oder an der Brust der Mütter, mit Sack und Pack.

Sítio Grande
Auf Sítio Grande, da in hügelig bergige Gegend damals noch weitab vom Verkehr lag, zeigte sich bald, wer sich durchsetzen wollte und konnte. Diejenigen, welche in ihrer Schweizer Heimat schon Feld und Waldarbeit getan hatten, kamen mit der neune Beschäftigung des Hackens und Pflückens bald zurecht. Wer sparen und haushalten gelernt hatte, kam auch in der Neuen Welt voran. Wer bequem und leichtsinnig war, blieb auf dem Weg. Die von Zuben, die Sigrist, die Wolff, die Burch, die Jakober, Britschgi, Fanger und Ifanger brachten es weiter. Manche von ihnen erreichten auch in ihrem persönlichen Verhältnis zum Fazendeiro eine bessere Stufe. Die Tüchtigsten aus diesen Familien wurden mit der Zeit mit der Aufsicht über die Sklaven, mit der Verwaltung der Güter, mit der Leitung von Fazenden betraut. Bald hoben, sich die fleissigen Ausdauernden Elementen hervor, währen die anderen Einwanderer in den Hintergrund gerieten, um mehr und mehr aus dem Gesichtskreis zu verschwinden.

Die 26 ursprünglich vorhandenen Familien sind in den 80 Jahren seit der Einwanderung auf sieben Geschlechter zusammengeschrumpft, durch Aussterben, Aufgehen in anderen Familien infolge Heirat, durch Rückwanderung und Abwanderung. Die 7 Familien haben sich aber in sich auf 70 vermehrt und statt der 90 ursprünglich verbliebenen Personen zählen wir heute 400 Abkömmlinge (d. h. Namensträger) der 1854 Eingewanderten. Gänzlich verschwunden sind die Bieler, die Karlinazi, Langensand, Anderhalden, Kiser, Grüter, von Flue, Bannwart, Kernhüsler, Enz Wallimann, Burch-Arbers, Müller. Wenn einzelne dieser Namen auch heute noch in und um Helvetia vorkommen, so rührt dies daher, dass inzwischen wieder Träger solcher Geschlechternamen eingewandert sind, wie die Bannwart, Enz, Müller.

Den grössten wirtschaftlichen und sippenmässigen Aufschwung haben von den ersten Einwanderern die Sigrist und von Zuben genommen. Sie gehören heute in ihrer Familiengesamtheit zu den grössten Grundbesitzern des Gebietsdreiecks Campinas – Indaiatuba – Judiahy und haben sich mit den Schweizer Einwanderern der 80er und 90er Jahre so eng vermischt und verbunden, dass sie mit ihnen eine geschlossene Einheit bilden. Eine Durchsicht ihrer Stammbäume (siehe Anhang VII) bestätigt es. Die Sigrist, Wolff, Britschgi und von Zuben waren es auch, die als erste zu Eigenbesitz gelangten.

Sítio Grande und die anderen Besitzungen der Familie de Queiroz Telles bleiben auch in der Folgezeit der Schauplatz der Schweizer Einwanderung aus Obwalden. 1874 war Niklaus von Zuben, der Stammvater des brasilianischen Zweiges der Familie im Alter von 68 Jahren gestorben. Er hatte es noch erleben dürfen, dass seine Familie von der Einwanderungsschuld frei wurde, und konnte die Gewissheit mit ins Grab nehmen, dass seine Witwe Anna Maria, geb. Amstalden, die an der Schwelle ihres 50. Lebensjahres stand, mit Hilfe der herangewachsenen Kinder nunmehr bares Geld zurücklegen könne.

In einigen Jahren war die Familie von Zuben auch so weit, dass die Mutter daran denken konnte, in die Schweiz zurückzukehren, um dort ohne Sorgen ihren Lebensabend zu verbringen. Im Jahre 1880 trat sie die Reise in die Heimat an, nach der ihre Sehnsucht mit den Jahren immer stärker geworden war. Das alte Elternpaar Franz Sigrist und seine beiden Söhne Paul und Blasius sowie drei Britschgis hatten sich angeschlossen. Witwe von Zuben konnte sich nun auch leichter von der Familie trennen, denn ihre älteren Kinder hatten alle drei schon eigenen Hausstand gegründet. Nikolaus hatte 1870 die Josefa Fanger, Anton 1872 die Therese Sigrist und Anna Maria den Johann Ifanger (Galle Hans) geheiratet. Ihre beiden in Brasilien geborenen Töchter Maria und Katharina nahmen sich Männer aus der zweiten Einwanderung, die erstere einen Vetter Josef Amstalden und die letztere einen Alois Britschgi, beide im Jahre 1881 ins Land gekommen.

Bei dem Patrão von Sítio Grande, dem Commendador Antonio de Queiroz Telles, Barão von Jundiahy, hatte es im Laufe des abgelaufenen Vierteljahrhunderts ebenfalls Veränderungen gegeben. Der Baron hatte 1870 im Alter von 81 Jahren das Zeitliche gesegnet. Seine Söhne Joaquim Benedito, Manuel, Salvador, José, Francisco Antonio, Luis und die Tochter Gertrudes hatten sich in den grossen väterlichen Besitz geteilt. Jedes der Kinder nannte seinen Anteil nach seinem Namen. So entstanden auf dem Terrain von Sítio Grande u. a. die Fazenden São Francisco, São Luiz, Santo Antonio, Santa Gertrudes. Joaquim war Herr auf Bahia und nannte ausserdem noch die grosse Fazenda Santa Maria bei Santa Cruz das Palmeiras südlich von Casa Branc (nördlich von Campinas) sein Eigen. Und überall war Mangel an Arbeitern. So brauchte Francisco de Queiroz Telles allein zwei Turmas (Abteilungen) Kolonisten. Und die Witwe von Zuben wird gewiss auch den Auftrag gehabt haben, für Sítio Grande neue Arbeitskräfte zu werben. Von Zubens wie Sigrists hatten das volle Vertrauen Chico Telles (wie die ehemaligen Kolonisten heute noch Franciso de Queiroz Telles nennen), der wie seine Geschwister mit den Schweizer Kolonisten sozusagen, aufgewachsen und ihnen auch menschlich näher gekommen war.

Auszug aus dem Buch: “Colônia Helvetia, von Dr. Weizinger“