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Die Vorgeschichte

Colonia Helvetia
Die Colonia Helvetia verdankt ihre Entstehung Schweizer Einwanderer der 50er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts aus dem Kanton Unterwalden und ob dem Wald, kurz genannt Obwalden. Den Grundstein zu dieser so bekannt und berühmt gewordenen Kolonie legten im April 1888 vier Obwaldner Familien namens Ambiel, Amstalden, Bannwart und Wolff. Die ersten drei Familien waren 1881, die letztere bereits 1854 eingewandert. Da sich die spätere Einwanderung auf der früheren aufbaut und von ihr bedingt ist, ist es notwendig auf die ältere Zeit zurückzugreifen und sie in die Darstellung der Geschichte der Kolonie Helvetia einzubeziehen.

Vorgeschichte
Die klimatischen, wirtschaftlichen und völkischen Verhältnisse in Staate São Paulo hatten von jeher schon dazu beigetragen, dass die germanischen und romanischen Auswanderer mit Vorliebe sich hierher wandten. Insbesondere die Schweizer liessen sich im Staate São Paulo gerne nieder. Ein Schweizer Generalkonsul, der aus Vevey gebürtige Carles Perret-Gentil, war um 1850 der Vorkämpfer der Schweizer Einwanderung in diesem Staate. Ausgehend von der Tatsache, dass Brasilien viele kräftige Arme brauche und mit der Gründung von Kolonien sowohl seinen Schweizer Landsleuten wie dem brasilianischen Staate (und wohl auch im selbst) geholfen wäre, hatte er die Siedlungsfrage eifrig studiert und war zu System der sogenannten Parcerieverträge gekommen.

Der freie Kolonist sollte die Arbeit auf den landwirtschaftlichen Gütern leisten und dafür die Hälfte des Ertrages der Ernte erhalten. Perret-Gentil war so sehr von der Güte seiner Idee eingenommen, dass er 1851 sogar sein Amt als schweizerischer Generalkonsul niederlegte, grosse Ländereien im Staate São Paulo kaufte, die Kolonie Superaguy auf der “Ilha das Peças“ anlegte und mit dem Senator José Vergueiro eine Generalagentur in Santos gründete, um sich ganz der Kolonisation und Immigration zu widmen. Eine Propagandaschrift, die er als Frucht seiner Studien verfasst hatte, liess Vergueiro drucken und in Brasilien wie in Europa, besonders aber in Deutschland und in der Schweiz verbreiten.

Die Wirkung dieser umfangreichen Werbung trat bald ein, unterstützt von Agenten und Auswandererbüros, die überall eingesetzt wurden. Ein Zustrom von Einwanderen aller Art begann über den Atlantic. Geeignete und Ungeeignete, Fleissige und Arbeitsscheue, Nüchterne und Leichtsinnige, Sparsame und Verschwenderische, Gesunde und Kränkliche, Starke und Schwache; alle Sorten Menschen wurden des Geschäftes und Gewinnes halber gleichsam als Immigrationsware zusammengerafft und nach Brasilien gebracht. Jahrelange, peinlichste und unangenehmste Plakereien entstanden den offiziellen Schweizer Vertretungen in Brasilien durch die unsachgemässe Auswahl des Menschenmaterials, das die Agenten herüberschickten und das zum grossen Teil bald den Behörden zur Last fiel.

Man übersah oder wollte übersehen, dass das Problem auch eine Kehrseite habe, so schön sich das Parceriesystrem in der Theorie ausnahm. Die Ankömmlinge waren zumeist mittellos. Ein halbes bis ein ganzes Jahr mussten sie auf Borg beim Fazendeiro, ihrem Patrão, leben, bis die erste Ernte greifbar war. War diese nicht günstig oder reichte sie infolge unvorhergesehener grösserer Ausgaben oder mangelndes Sparsinnes nicht aus, oder war die Zahl der Esser in einer Familie gross, die der Arbeitsarme aber klein, so konnte der Kolonist schwerlich oder erst nach langen Jahren aus den Schulden herauskommen. Es gab Familien, die 5, 10, 15 und noch mehr Jahre an ihren Schulden abzahlten, da ja neben der Bestreitung des Lebensunterhaltes von vornherein die Abtragung er Reisekosten und sonstiger Vorschüsse auf dem Siedler lastete.

Statt Freiheit und gutes Fortkommen, von dem sie geträumt hatten, fanden sie vielfach drückende Abhängigkeit, die sich oft schlimmer auswuchs als selbst die Sklaverei. Wenn nicht ein menschlich fühlender, grosszügig denkender Patrão die Schattenseiten des Vertragsverhälnisses zu Gunsten des Kolonisten auszugleichen verstand, mussten sehr bald Verhältnisse eintreten, die unhaltbar waren. Und sie traten auch ein. Es kam zu den schlimmsten Klagen, sodass die Schweizer Regierung selbst eingreifen und Abhilfe versuchen musste. Zweimal reisten Abgesandte nach Brasilien, die bei den ausgewanderten Landsleuten nach dem Rechten sehen mussten. Der eine kam aus Zürich und war Dr. Heusser. Der andere war der berühmte Gelehrte J.J. Tschudi und war von der Bundesregierung in Bern geschickt. Der erstere besuchte die Schweizer Niederlassungen im Jahre 1857, der letztere traf im Mai 1860 in Brasilien ein und ging im Oktober 1861 zurück. Beide erreichten manche Erleichterungen für die Kolonisten hinsichtlich ihrer Schulden und Arbeitsverhältnisse, alle Mängel aber konnten auch sie nicht abstellen; denn sie konnten nicht jedem Kolonisten einen guten Patrão und nicht jedem Patrão einen guten Kolonisten geben.

Auszug aus dem Buch: “Colônia Helvetia, von Dr. Weizinger“
 
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