50 Jahre Brasília Teil 3: Perspektiven einer Stadt der Zukunft

Veröffentlicht am 20. April 2010

“In 20 Jahren wird Brasília wie São Paulo sein!“ Dieser Satz von Professor Aldo Paviani von der Universität von Brasília beschreibt am besten die Herausforderungen, vor der die brasilianische Hauptstadt steht. Vor 50 Jahren für lediglich 500.000 Menschen konzipiert, ist die Bevölkerung im Hauptstadtdistrikt inzwischen auf über 2 Millionen Einwohner angewachsen. Und ein Ende scheint nicht in Sicht.

Die eigentliche Stadt hat sich wenig verändert in den vergangenen Jahrzehnten, der Zahn der Zeit nagt zwar an den futuristischen Gebäuden, die Prachtstrassen und riesigen Grünflächen erscheinen jedoch ebenso unverändert wie die berühmte Kathedrale oder der Regierungssitz. Einen enormen Wandel hat jedoch das Umland durchgemacht, Satellitenstädte für Hundertausende sprossen wie Pilze aus dem Boden und wer sich selbst den preiswerteren Wohnraum in der Peripherie nicht leisten konnte, siedelte sich in einem der als Favelas bekannten Armenviertel an.

Brasília übt damit auch heute noch eine gewaltige Anziehungskraft aus. Menschen, die im verarmten Hinterland keine Chancen mehr sehen, flüchten in die Metropolen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Auch wenn São Paulo, Rio de Janeiro oder Belo Horizonte noch immer die erste Wahl zu sein scheinen, Brasiliens “Stadt der Zukunft“ ist weiterhin Ziel für manchen Gestrandeten der Großstadt.

Und dies stellt die Verantwortlichen vor ein gigantisches Problem. Wie soll man eine gesunde und vernünftige Siedlungspolitik betreiben, preisgünstigen Wohnraum schaffen und stets ein Auge auf eine weitsichtige Urbanisierung haben, wenn die Arbeitsplätze schaffende Industrie kaum vorhanden ist? Brasília ist eben keine Arbeiterstadt – was also tun mit den Hoffnungen und Träumen der einfacheren Menschen rund um die Metropole inmitten des Niemandslandes?

Wenn es so weitergeht, wird aus Brasília ganz von alleine zusammenwachsen, bis die noch bestehenden Distanzen zwischen der Hauptstadt und den Satellitenstädten vollständig und in vielerlei Hinsicht planlos und illegal zugebaut sind. Dann ist Brasília eine echte brasilianische Metropole, ohne Anfang und Ende, wo Arm neben Reich und Superarm neben Superreich eine komplizierte Koexistenz führen.

Auch aus diesen Gründen sitzen bereits seit Jahren Stadtplaner, Architekten und Sozialforschen gemeinsam an Projekten, das Unvermeidliche doch noch aufzuhalten. Aber die Chancen stehen schlecht. Zu zögerlich wird reagiert, zu kurzfristig ist die Denkweise der Verantwortlichen. Dies beginnt bei der Zusammenarbeit mit den angerenzenden Gemeinden im Bundesstaat Goiás, geht über Infrastrukturmaßnahmen und Versorgungsdienste wie Müllabfuhr, Strom- und Wasserversorgung oder den öffentlichen Nahverkehr. Brasília – eine heilige Enklave scheinbar isoliert inmitten eines unbeteiligten Brasiliens.

Und somit wird immer häufiger Kritik am Festhalten des “Plano Piloto“ laut, der Brasília in einen Sonderstatus versetzte, welcher längst seine Berechtigung verloren hat. Die Hauptstadt muss sich damit abfinden, den Bannkreis zu verlieren und in etwas Größeres integriert zu werden. Zukunftsforscher sehen heute ein gewaltiges urbanes Industrie- und Dienstleistungszentrum für Millionen von Menschen mit all ihren Wünschen, Hoffnungen und Träumen voraus und damit das Ende des virtuellen Elfenbeinturms der Politikelite.

Würde man Brasília heute nochmals erbauen, würde die futuristische Hauptstadt die gigantische Summe von 83 Milliarden US-Dollar verschlingen, sechsmal so viel wie Brasilien in die Olympischen Spiele 2016 investieren will. Für viele ist es daher – auch aufgrund der nur 3 Jahre dauernden Bauzeit – ein Symbol der Unabhängigkeit, ein Leuchtfeuer inmitten Brasiliens, welches unbedingt erhalten werden muss. Doch diese Menschen verschliessen gerne die Augen vor der regionalen Entwicklung, die eben an der Grenze des Hauptstadtdistriktes halt macht. Die Grossregion ist mittlerweile eine der bevölkerungsreichsten in Brasilien und gemeinsam mit den Städten Anápolis und Goiânia, die lediglich 139 bzw. 209 Kilometer entfernt sind, die am stärksten entwickelte Region im ganzen Mittelwesten.

Wo steht also Brasília in 50 Jahren? Nicht wenige glauben, dass die Hauptstadt dann letztendlich nur noch den Kern einer gigantischen Wüste aus Stahl und Beton darstellt, welche sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckt und kein Ende zu nehmen scheint. Alles wird miteinander verschmelzen – zu einer Metropole, deren ursprüngliche Vision nur noch auf ein paar wenigen Kurven eines Oscar Niemeyers zu reduzieren sind, die scheinbar zeitlos der Vergänglichkeit einer Stadt der Zukunft zu trotzen versuchen.

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