Rhythmus und Artistik im Teufelskreis der Popularität

Veröffentlicht am 2. Juni 2012

Manche Gedanken holen einem beim Aussprechen urplötzlich auf den Boden der Realität zurück. „Bei der Olympiade in Rio 2016 wollen wir vier Medaillen holen“ erklärt Klayler Mourthé mit überzeugter Stimme. Der Supervisor der brasilianischen Nationalmannschaften in der Gymnastik weiss jedoch um Stellung und Probleme seiner Sportart im fussballverrückten Brasilien und rudert gleich darauf zurück. „Das ist natürlich unser Traum. Realistisch sind vielleicht zwei Medaillen.“

Auf der Suche nach Geld, Nachwuchs und Erfolg in der brasilianischen Gymnastik

Mourthé war unter anderem mit den Mädchen der Nationalmannschaft Gruppe der Rhythmischen Sportgymnastik ins beschauliche Toledo im Hinterland des Bundesstaates Paraná gekommen. Dort wurde vom 22. bis 24. Mai 2012 die „Troféu Brasil“ im Einzelwettbewerb der Rhythmischen Sportgymnastik sowie im Kunstturnen der Männer und Frauen ausgetragen. Die im grössten Land Südamerikas als „artistische Sportgymnastik“ bekannte Disziplin wartete mit nationalen Stars wie der dreifachen Olympiateilnehmerin Daniele Hypólito, Jade Barbosa oder der Nachwuchshoffnung Sergio Sasaki auf.

Sowohl im Kunstturnen der Frauen als auch bei den Männern stehen bislang noch nicht alle Athleten für die diesjährigen Olympischen Spiele 2012 in London fest. Während der Verband bei den Frauen gleich fünf Sportlerinnen für die Mannschaft festlegen muss, ist bei den Männern lediglich der dritte Startplatz vakant. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Tokio hatten sich bereits Doppelweltmeister Diego Hypólito für Disziplin am Boden und Arthur Zanetti an den Ringen ihren Startplatz bei den diesjährigen Sommerspielen gesichert.

Kein Ticket für London 2012 gab es hingegen für brasilianische Sportlerinnen in der Rhythmischen Sportgymnastik. Weder in der Einzel- noch in der Gruppendisziplin hatten die Resultate am Ende ausgereicht. Dabei sind gerade in diesem Sektor in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt worden. Angélica Kvieczynski galt dabei nach sechs Goldmedaillen bei den Südamerikameisterschaften 2010 in Kolumbien als auch durch drei Bronze- und eine Silbermedaille bei den panamerikanischen Spielen 2011 in Mexiko als grosse Hoffnungsträgerin für eine Olympiaqualifikation. Am Ende reichte es dann doch nicht, nun liegt der Fokus auf dem Aufbau einer Mannschaft für Rio 2016.

Kvieczynski ist in Toledo geboren und aufgewachsen, noch heute trainiert sie in einem von der Industrie und der Stadtverwaltung finanzierten Verein, der sich zu einem regionalen Pol für die Rhythmische Sportgymnastik entwickelt hat. Durch ihre hervorragenden Resultate in den vergangenen Jahren hat sie damit auch die Entscheidung massgeblich beeinflusst, die nun ausgetragene “Troféu Brasil“ überhaupt in der Provinz stattfinden zu lassen.

Und sie war gleichwohl der Zuschauermagnet schlechthin, so dass die knapp 4.000 Plätze umfassende Sporthalle fast ständig gut gefüllt war. An den drei Veranstaltungstagen hatten sich knapp 18.000 Besucher eingefunden, die vor allem die Auftritte der lokalen Berühmtheiten euphorisch bejubelten. Aber auch die Präsentationen der Nationalmannschaft Gruppe der Rhythmischen Sportgymnastik sorgten für viel Beifall. Die dreifachen Goldmedaillengewinnerinnen der Pan 2011 verzauberten die Zuschauer zwischen den Einzelwettkämpfen mit ausgefallenen Choreographien und fehlerfreien Darbietungen. Trotz der bereits im September vergangenen Jahres verpassten Olympiaqualifikation waren danach sämtliche Anwesenden überzeugt, dass die Nationalmannschaft nun wieder zweifelsfrei zur Weltspitze zählt.

Die enorme Zuschauerbeteiligung und die förmlich greifbaren Emotionen in der Halle überraschten nicht nur die Sportler und Sportlerinnen, auch die Präsidentin des brasilianischen Gymnastikverbandes CBG, Luciene Resende, zeigte sich am Ende begeistert über den Zuspruch. Es sei die beste „Troféu Brasil“ aller Zeiten gewesen und man könne feststellen, dass solche Wettkämpfe keinesfalls hinter verschlossen Türen stattfinden würden. Resende kämpft seit Jahren um die Stellung der in ihrem Verband integrierten Sportarten und weiss genau, dass letzten Endes nur Erfolge eine grössere finanzielle Unterstützung versprechen. Nur durch mehr Geld können dann neue Trainer ausgebildet, mehr Nachwuchs gefördert und somit der Sport an sich populärer gemacht werden. Ein Teufelskreis, der im Land des Fussball-Rekord-Weltmeisters schwer zu durchbrechen ist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHöhere Popularität und mehr Anerkennung könne man jedoch auch durch bessere Medienarbeit erlangen, zeigt Mourthé in Hinblick auf das Szenario der kommenden Jahre überzeugt. So sei erst kürzlich eine Vereinbarung mit Mediengigant Rede Globo getroffen worden, zukünftig mehr Veranstaltungen im Turnen zu übertragen. Auch habe man nun eine Kommunikationsagentur engagiert und wolle stärker Journalisten Rede und Antwort stehen. Gerade das komplizierte Regelwerk in Einzel- und Gruppenwettkämpfen an den verschiedenen Geräten müsse den Redakteuren bekannt sein, damit diese auch ausführlich über Wettkämpfe, Meisterschaften und Meetings berichten.

Die Nachwuchsarbeit in den kleinen und über das gigantische Land verstreuten Vereinen soll zudem in den kommenden Jahren durch staatliche Beihilfe verbessert werden. So seien vom Sportministerium umgerechnet fast 3 Millionen Euro bereitgestellt worden, erklärt Mourthé weiter. Diese Mittel sollen primär für die Anschaffung von Geräten verwendet werden, denn mit einer Bodenmatte sei es im Kunstturnen nicht getan. Der Kauf von Barren, Stufenbarren, Sprungtisch, Schwebebalken, Ringe und Pferd übersteige oft die Möglichkeiten der beteiligten Schulen und Vereine, zudem müssten Turnhallen dafür entsprechend ausgerichtet sein.

Später sollen spezifische Förderungszentren entstehen, die sich entweder selbst finanzieren oder durch Sponsoring unterhalten werden. Zu dem bereits bestehenden nationalen Leistungszentrum könnte mit Blick auf die Sommerspiele in Rio de Janeiro eventuell auch noch ein weiteres hinzukommen. So wolle man die vorhandenen und noch zu entdeckenden Talente optimal auf den Leistungssport vorbereiten und damit den Grundstein für internationale Erfolge und Medaillen bei kommenden Olympiaden legen.

Darunter sei auch Olympia 2020, betont CBG-Präsidentin Resende. 3.000 Kinder zwischen fünf und neun Jahren würden derzeit bereits im ganzen Land gefördert, die Vereinbarungen mit der grössten TV-Station des Landes würde die „Sichtbarkeit“ des Turnsports deutlich erhöhen. Zudem würden Veranstaltungen wie die „Troféu Brasil“ bei Kindern und Jugendlichen zusätzlich Interesse für den Sport wecken.

Für London 2012 hofft Resende auf ein bestmögliches Ergebnis, Mourthé lässt sich auf Nachfrage sogar zwei Medaillen entlocken. Eine davon könnte seiner Ansicht nach sogar Silber oder Gold sein. Wer sie gewinnen könnte, lässt er offen. Erst im Juli will der Verband die fünf Namen für die Mannschaft der Kunstturnerinnen bekannt geben, auch der dritte Startplatz für Brasilien im Kunstturnen der Männer bleibt bis dahin unbesetzt. Vorläufige Listen habe man jedoch bereits erstellt, natürlich seien darauf bekannte Namen wie Daiane dos Santos, Daniela Hypólito oder Jade Barbosa. Doch letztendlich könne bis zur Olympiade noch viel passieren, vor Verletzungspech sei schliesslich kein Athlet gefeit.

Letzteres mussten auch die Zuschauer in Toledo gleich mehrfach feststellen. Diego Hypólito hatte einen Tag vor der geplanten Anreise den Wettkampf absagen müssen, die bereits angereiste Daiane dos Santos verzichtete aufgrund von Beschwerden auf einen Start und Jade Barbosa verletzte sich am ersten Wettkampftag, so dass sie ihre Kameradinnen am Tag danach leicht humpelnd vom Seitenrand aus unterstützte.

Dass die „Troféu Brasil“ dann doch ein Ereignis von nationalem Interesse wurde und die Sportredaktionen dem Event längere Artikel widmeten, war dem Nachwuchs zu verdanken. Die erst 13-jährige Rebeca Andrade vom Traditionsverein Flamengo verwies die Olympioniken und Mannschaftskolleginnen Daniele Hypólito sowie Jade Barbosa auf die Plätze und gewann als jüngste Turnerin aller Zeiten diesen nationalen Wettbewerb. Nicht wenige Zeitungen läuteten daraufhin in ihren Berichten eine neue Ära im brasilianischen Kunstturnen ein. Ein Vorstellung, die dem brasilianischen Gymnastikverband nicht unangenehm sein dürfte.