Pelé – Edson do Nascimento

Veröffentlicht am 15. November 2009

Pele_StartKünstlername: Pelé
Kompletter Name: Édson Arantes do Nascimento
Geburtsdatum: 23/10/1940
Geboren in: Três Corações Bundesstaat MG
Position: Mittelfeld

Vereine:
01/1975 bis 12/1977: Cosmos New York (USA)
01/1956 bis 12/1974: FC Santos (SP)

WM-Einsätze Seleção:
WM 1970 Mexiko
WM 1962 Chile
WM 1958 Schweden

Spiele für die Seleção: 78
Tore für die Seleção: 61

Während vieler Jahre habe ich versucht, das brilliante Mysterium Pelé zu enträtseln, indem ich auf die unsichtbaren Linien starrte, die der Ball auf dem Feld beschrieb – auf das Hin und Her jedes seiner Spiele. Er stoppte den Ball mit der Brust und, bevor er ihn ins Netz jagte, verwickelte er seinen nächststehenden Gegner noch schnell in ein Dribbling, bis dieser nur noch Kreise sah und keinen Ball mehr. Das „GOOOOOL“! aus tausenden von Zuschauerkehlen widerhallte im Stadion – und dann im ganzen Land.

Ich kannte ihn aus tausenden von Balltricks und Finten. Wenn er mit dem dicken Coutinho fertig war, dribbelte er mit Tostão. Und war der nicht mehr da, dribbelte er zwischen den Beinen des Gegners. Pelé der Bilderbuchtore, der vertikalen, runden und horizontalen Dribblings. Pelé, zur gleichen Zeit Bogen und Pfeil – anvisieren und treffen.

Wie viele schöne Sachen hast Du auf den Fussballfeldern dieser Welt erfunden, Freund Pelé! Das entschlossene Dribbling mit den Füssen als Messer, sie verkürzen die Zeit, behindern den Gegner und nehmen den Wind aus dem Tumult im Strafraum. Du warst der Beherrscher aller Bälle. Gestoppte Bälle, erschwitzte Bälle, blutige Bälle, lebende Bälle und geteilte. Es hatte bestimmt seinen Grund, warum ich einst schrieb: wenn Pelé nicht als Mensch auf die Welt gekommen wäre, dann wahrscheinlich als Ball…

Welche Art von Tor hast Du eigentlich nicht geschossen, Du, der du schon als Torschütze auf diese Welt kamst? Das Tor der Götter – der Ball rollt von der Brust, drei kleine Lupfer mit der Fussspitze und ein tödlicher Schuss – hast Du schon gemacht. Oder das Lausbuben-Tor, jeder hat’s gesehen! Selbst das Gras auf dem Spielfeld konstatierte zufrieden: Da kommt Pelé mit dem Ball, den Gott ihm gegeben. Er spricht und tauscht einen Haufen Vertraulichkeiten mit dem Ball aus – auf dem Weg zum Tor.

Und das ergaunerte Tor – hat Pelé auch schon gemacht. Eines Tages, bei einem Auge in Auge mit dem Feind im „Corner“, hakt er den unter und schreit wie am Spiess, dass er von jenem festgehalten würde – Schiedsrichter erkennt auf Strafstoss – Tor von Pelé!

Nicht mal das Simulations-Tor fehlt in der Sammlung: als man ihn nach einem Zusammenstoss auf die Beine stellt, hinkt er davon – jeder sieht, dass er kaum gehen kann. Der gegnerische Torjäger zögert einen Moment, will ihn vorbeilassen – Pelé, mit einem wahren Gazellensprung, schnappt sich den Ball mit dem rechten Fuss und schiesst mit dem linken – Tor eines Schwerverletzten…

PeleMit wie viel Grazie und Anmut verstand Pelé die Kunst des Fussballspielens! Auf allen Spielfeldern und unter jeglichen Bedingungen: unter glühender Sonne oder schneidend kalten Regenböen, trotz Tritten in die Kniekehlen, einem Spielfeld ohne Rasen, Nervenkrieg und bösem Blick, oder den vielen unanständigen Namen, welche die Rivalen seiner armen Mutter anhängten. Böse Gegner, die nicht zögerten, alle Spielregeln zu vergessen, um ihn zu Fall zu bringen – und er vergass das Gesetz der Schwerkraft, nur um sich nicht zu verspäten – Rendezvous mit dem Ball, in der Ecke des Strafraums – vor allen andern! Er hatte immer noch ein weiteres Tor auf der Pfanne. Wenn es nicht für die „Nossa Senhora da Ajuda“ war, dann um einem kranken Kind eine Freude zu machen. Versprechen, die er annahm und erfüllte, aus unendlicher Liebe zum Fussball.

Mehr als eintausend Tore hat er geschossen. Und noch viele weitere hätte er vollbracht, wenn, um Camões zu zitieren, „zu solch langer Liebe das Leben nicht zu kurz wäre“! Als ich ihn zum ersten Mal spielen sah, standen mir die Haare zu Berge, so erregt war ich. Es war in einer Vollmondnacht. Im Maracanã-Stadion fand ein ziemlich reizloses Spiel zwischen „Santos“ und dem „América F.C.“ statt. Pelé schoss drei Tore. Eins faszinierender als das andere. Habe ihn dann zum ersten Mal aus der Nähe gesehen, im Umkleideraum. Er war ein mageres Hähnchen. Gesicht wie ein kleiner schwarzer Engel. 16 Jahre war er alt. Hab‘ ihn gefragt:

„Wer ist der beste Mittelstürmer Brasiliens“? „Ich“ – hat er geantwortet, ohne mit der Wimper zu zucken. „Und der beste Links-Aussen“? „Ich auch . . . “

Ich verliess damals das Stadion und war mir nicht recht klar darüber, ob ich einen geschwätzigen Jungen oder einen Auserwählten der Götter kennen gelernt hatte. Aber ich beschloss, vorbereitet zu sein. Hatte ich nicht schon mal eine ähnliche Entwicklung miterlebt: drei Jahre vorher, als ich dem ersten Training von „Garrincha“, beim Club Botafogo, beiwohnte. Das war auch so eine Überraschung. Von wo kam dieser kleine schwarze Teufel, der einem „Nilton Santos“ einfach zwei Bälle zwischen den Beinen hindurch kickte? Ich erinnere mich, dass ich damals im „Diário Carioca“ schrieb: „Gestern erschien zum Training im Botafogo ein neuer Rechts-Aussen. Wenn ich nicht Opfer eines grossen Bluffs geworden bin, habe ich das grösste Phänomen des brasilianischen Fussballs gesehen“.

Die Zeit sollte mir und der ganzen Welt beweisen, dass Pelé ein Auserwählter war. Jeder Junge hat schon mal, oder wird noch, einen Fussball geschenkt bekommen. Geschenk des Vaters, in der Regel. Pelé bekam seinen Ball, so hat man mir gesagt, von unserem aller Vater, dem Herrgott selbst. Und das geschah so, wie Wunder eben geschehen. Die Jungs kamen zusammen, um ein paar Schüsse mit ihrem alten Ball zu tun, der aber den Tritten und an die Wand knallen nicht mehr standhielt – wie eine welke Blume fiel er in sich zusammen. Enttäuschung und Ratlosigkeit unter den Freunden. Und da schwebt plötzlich so eine Art grosser Vogel mit einem Engelsgesicht hernieder – seine Füsse umklammern einen Fussball. Der Vogel wendet sich zu einem der schwarzen Jungs und fragt: „Wie heisst Du“? „Pelé“. „Eben mit Dir will ich sprechen“ sagt der Engel und bedeutet ihm, die Augen zu schliessen. Dann übergibt er dem Kleinen aus Gottes Hand den Fussball. Und dann, Zug um Zug, beschenkt er den Jungen mit der ganzen Kunst des Fussballs: den reizvollen Dribbles, der Faszination des magischen Querpasses, dem Geheimnis des sicheren Torschusses und, vor allem andern, der Beherrschung des Gleichgewichts, mit der ein Körper über die Unbilden des Spiels triumphiert.

Der Engel hat sich weiter nicht verabschiedet – weg war er im Blau des morgendlichen Himmels. Die Jungs nehmen wieder ihr Spiel auf und beim hitzigen Hin und Her wird eines klar: der Ball will von niemand sonst getreten werden, klebt am Fuss des kleinen schwarzen Jungen mit dem Namen „Pelé“.

Und dann zogen die beiden davon – Pelé und sein Fussball – hinaus in die Welt, um ihre Vorbestimmung zu erfüllen und die Menschen zu verzaubern, mit einer Art von meisterhaften Torschüssen, die normalen Sterblichen heutzutage nicht mehr gelingen. Sei uns gegrüsst, oh Engel, der unseren Pelé erwählt, den Menschen zu zeigen, dass der Fussball ein bevorzugtes Spielzeug unseres Herrgotts ist.

MYSTERIUM PELÉ

Die erste von Brasilien erkämpfte Weltmeisterschaft, 1958 in Schweden, hatte ihren bedeutendsten fussballgeschichtlichen Moment, als beim dritten Durchgang der ersten Phase, Brasilien gegen die Sowjet Union, ein unscheinbarer schwarzer Junge das Spielfeld betrat – Edson Arantes do Nascimento, der kleine Pelé, damals erst 17 Jahre alt.

Um diesen Platz in der Nationalelf hatte er furchtbar kämpfen müssen und hätte es ohne den Druck seiner erfahreneren Kameraden, Nilton Santos, Didi und Zito, auf den Trainer Vicente Feola, wohl nicht geschafft. Erst gegen Ende des dritten Spiels, schon beim Stand 2:0, liess dieser ihn ein bisschen warmlaufen, auf dem Platz von José Altafini, den alle „Mazola“ nannten. Im Viertel-Finale hatte der kleine Pelé seinen ersten entscheidenden Auftritt: er schoss das einzige Tor gegen Wales und sicherte damit seiner Mannschaft den Sieg. Im Halb-Finale lieferte er dann seine erste brilliante Show: von fünf Toren der Brasilianer gegen Frankreich, waren drei vom kleinen Pelé – Endstand 5:2. Beim entscheidenden Endspiel gegen die Schweden in Stockholm, die den gleichen Torregen der Brasilianer einstecken mussten – 5:2 – waren wieder zwei der Tore vom kleinen Pelé! Der erste Weltmeistertitel liess ganz Brasilien in einem Freudentaumel versinken – und der kleine Pelé war glücklich, dass er jetzt zur Nationalmannschaft gehörte.

Beim World-Cup 1962, in Chile, als Brasilien zum zweiten Mal Weltmeister wurde, nahm Pelé nur an den ersten zwei Spielen teil – gegen Mexiko und die Tschechoslowakei – schon im zweiten Spiel verletzte er sich so schwer, dass er bis Spielende nur noch als Nummer im Feld herumhinkte, denn damals gab es noch keine Ersatzspieler-Regelung.

Seine schlimmsten WM-Momente durchstand er 1966 in England. Während des Spiels, in dem Portugal Brasilien mit 3:1 schlug und aus dem Wettbewerb katapultierte, in der letzten Runde der ersten Phase, jagte man ihn im Spielfeld wie einen Hasen – Pelé wurde von furchtbaren Krämpfen in den Beinen befallen und musste, gestützt auf den Mannschaftsarzt und den Masseur, das Spielfeld verlassen.

Sein triumphalster Sieg kam bei der Copa 1970 in Mexiko. Das war pure Magie. Er als Mannschaftskapitän führte sein Team zum Dreifachen Weltmeistertitel! Mit genialem Spiel, Dribblings, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte, und selbst wenn sie nicht alle zu einem Tor führten, so blieben sie doch in der Erinnerung der Fans haften, und man liess sich in Fachkreisen immer wieder aus über den genialen Fussballspieler Pelé.

Die 12 Tore, die er in 14 Spielen geschossen, garantieren dem Fussballspieler Pelé den Status des grössten Torschützen der Brasilianischen Nationalmannschaft in Entscheidungen um den World-Cup.

Mit 18 Jahren schoss Pelé in einer einzigen Saison 127 Tore für seinen Verein Santos. In seinen 18 Jahren Profi-Fussball waren es total 1.281 in 1.363 Spielen.