Dunga – Carlos Bledorn Verri

Veröffentlicht am 15. November 2009

Dunga_StartKünstlername: Dunga
Kompletter Name: Carlos Caetano Bledorn Verri
Geburtsdatum: 31/10/1963
Geboren in: Ijuí, Bundesstaat RS
Position: Mittelfeld

Vereine:
1999 bis 2001: Internacional RS
1995 bis 1999: Jubilo Iwata (J)
07/1993 bis 06/1995: VfB Stuttgart (D)
11/1992 bis 06/1993: Pescara Calcio (I)
07/1988 bis 10/1992: Florentia Viola (I)
07/1987 bis 06/1988: Pisa Calcio (I)
01/1987 bis 06/1987: Vasco da Gama RJ
01/1986 bis 12/1986: FC Santos SP
01/1985 bis 12/1985: Corinthians SP
01/1980 bis 12/1984: Internacional RS

WM-Einsätze Seleção:
WM 1998 Frankreich
WM 1994 USA
WM 1990 Italien

Spiele für die Seleção: 95
Tore für die Seleção: 7

Dunga war die Symbolfigur zweier Epochen des brasilianischen Fussballs. Ein Paradebeispiel persönlichen Heldentums, von scheinbar grenzenlosem technischem Können, und vor allem verstand er es wie kein anderer, seine persönlichen Krisen immer wieder zu überwinden. Innerhalb von vier Jahren wechselte er vom Helden zum Teamchef des meist gefürchteten, geliebten und gehassten Fussballteams der Welt: der brasilianischen Nationalmannschaft. Dabei war er kein aussergewöhnlicher Ballkünstler mit angeborenem Talent! Aber sein exzellentes taktisches Gespür, seine Fähigkeit sich stets an den richtigen Stellen zu positionieren, sein besonderer Führungsstil und die Orientierung der Spieler während der Partie, seine konstante technische Vervollkommnung im Lauf der Jahre und, vor allem seine ungeheure Willenskraft zu siegen, waren wichtige Komponenten seiner besonderen Persönlichkeit, die ihm einen Platz in der Geschichte des brasilianischen wie des internationalen Fussballs gesichert haben.

Dunga wurde in Iljuí, im Bundesstaat Rio Grande do Sul, geboren. Schon früh spielte er in Amateur-Teams seiner Region. Entdeckt und gefördert wurde er von Emídio Perondi (der heute Präsident der „Federação Gaúcha de Futebol“ ist) – der übergab ihn dem Jugend-Team des „Sport Club Internacional“ im gleichen Bundesstaat. Sein Cheftrainer, Abílio dos Reis, setzte darauf den kleinen, bulligen Amateur, der auch bei ihm auf Anhieb viele Tore schoss, als Flügelmann ein. Und in dieser Position machte er bald eine so aussergewöhnlich gute Figur, dass man in der Nationalmannschaft der Junioren auf ihn aufmerksam wurde und ihn zur Weltmeisterschaft der Junioren in Mexiko aufstellte. An der Seite von Bebeto und Geovani trug er massgeblich dazu bei, den ersten Titel dieser Kategorie für Brasilien zu erringen. Im Jahr darauf der nächste Erfolg: neben dem vierfachen Titel von Rio Grande do Sul auch die historische Silbermedaille der Olympischen Spiele in Los Angeles – einmalig bis zum heutigen Tag!

Zurück in Brasilien, verkaufte man den jungen Dunga an den italienischen Club Fiorentina. Aber anstatt ihn nach Europa zu holen, zogen es die Italiener vor, ihn noch in Brasilien zu belassen, um in seiner Heimat noch mehr Erfahrung zu sammeln. Also wurde er dem Corinthians-Club in São Paulo „leihweise zur Verfügung gestellt“, wo er länger als erwartet blieb: zweieinhalb Jahre. Für diesen Club gewann er 1984 den Titel des Bundesstaates São Paulo und die Weltmeisterschaft der Clubs in Los Angeles – und wurde der gefeierte Held des gesamten brasilianischen Publikums.

Im Jahr 1986 wechselte er und verteidigte ab sofort die Farben des Santos-Fussballclubs. Dieser Aufenthalt war kurz und ohne erwähnenswerten Glanz. Der Club Vasco da Gama glaubte an seine Qualitäten und holte Dunga 1987 nach Rio de Janeiro. Dort blieb er ebenfalls nur eine Saison, in der sein Team zwar Titel des Bundesstaates Rio de Janeiro gewann, er selbst aber beim Publikum in Ungnade fiel. Das war sein letzter Erfolg innerhalb eines brasilianischen Clubs.

Noch im Jahr 1987 verlässt er Brasilien in Richtung Italien, aber noch wird er nicht im Fiorentina-Club seines Brotherrn eingesetzt, sondern der Club aus Florenz beschliesst, Dunga einem weiteren Test zu unterwerfen: sie schicken ihn zum Pisa-Club, der vom Abstieg bedroht, dringend Hilfe braucht. Und Dunga zeigt sich der Aufgabe gewachsen: er verhilft dem bescheidenen Pisa sich in der Serie A zu halten (auf dem 13. Platz) – und in seinem historischen 2:1 Sieg über Internazionale, schiesst der Brasilianer aus dem Mittelfeld gegen den legendären Walter Zenga das Siegertor.

Grosse Augen bei Fiorentina – in der folgenden Saison ist Dunga dabei. Und dort bleibt „der Kapitän“ dann vier Jahre und hat so grossen Erfolg, dass die italienischen Zuschauer noch heute von einem „neuen Dunga“ sprechen, wenn sie sich auf einen guten Mittelfeldspieler beziehen. Der Höhepunkt seiner europäischen Karriere ist der UEFA-Cup im Jahr 1990, als sein Team im Endspiel vom Juventus bezwungen wird.

1992 verlässt Dunga Fiorentina, um sich vorübergehend in einem kleinen italienischen Club zu betätigen, in Pescara. Aber schon in folgenden Saison hat er seine Koffer gepackt, um in Deutschland Erfahrung zu sammeln: er spielt fortan bei den Stuttgartern. Sein Stil passt auf Anhieb zum deutschen Fussball und sein Aufenthalt wird ein Erfolg. In diese Zeit fällt dann auch die Weltmeisterschaft in den USA, 1994, als man Dunga zum Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft beruft.

Erneut Weltmeister und enorm aufgewertet durch diesen Erfolg, erliegt Dunga der Verlockung des japanischen Yen und begibt sich ins Land der aufgehenden Sonne, wo er fortan den Júbilo Iwata Club verteidigt. Und er wird zu einer Art Nationalheld – das japanische Publikum verehrt ihn abgöttisch. 1997 kürt man ihn dort zum „besten Spieler des Jahres“.

Wohlgemerkt: Bis jetzt haben wir kaum etwas über seine Karriere mit der brasilianischen Nationalmannschaft gesagt, denn die verdient ein besonderes Kapitel, und man sollte sie nicht mit Dungas Aufenthalten bei den verschiedenen nationalen und internationalen Clubs vermischen. Sein Weg mit der brasilianischen Auswahlmannschaft begann mit dem Trainer Sebastião Lazaroni.

1989 eroberten sie den Amerika-Cup, der in Brasilien ausgetragen wurde. Damals wurde Dunga mit einem Stigma behaftet, das ihn bis zum Ende seiner Karriere verfolgte: Um der harschen Kritik über den „hässlichen“ Ballstil der brasilianischen Mannschaft etwas entgegen zu halten, soll Lazaroni gesagt haben, dass nunmehr die „Dunga-Ära“ angebrochen sei – die Ära der Arbeiter-Fussballer, ohne die bisher üblichen persönlichen Starallüren, sondern mit mehr Sinn für das Zusammenspiel der Gruppe! Als Kapitän der Nationalmannschaft während eines unglücklichen World Cups 1990, versank Dunga an der Seite seiner Kameraden, als sie bereits im Achtelfinale vom Erzfeind Argentinien eliminiert wurden. „Die Ära Dunga ist am Ende“ schrieben seine bösartigen Kritiker.

Er selbst verbrachte die nächsten zwei Jahre, ohne dass man ihn wieder bemüht hätte. Dann aber ärgerte sich der Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira über die Kritiken und berief Dunga in die Mannschaft, die gerade um einen Platz als Anwärter für die Weltmeisterschaft 1994 kämpfte. Und Dunga zeigte sich von seiner besten Seite. Deutlich waren seine Verbesserungen in den Pässen zu erkennen, bei den langen Bällen genauso wie bei den Torschüssen – ein wunderschönes Tor gegen Ekuador war die Krönung. Aber die bösartigen Kritiken gingen weiter. Die Presse, besonders die aus Rio und São Paulo, stellten seine Position als Kapitän der Mannschaft in Frage. Bezeichneten ihn als „Zerstörer“ und, dass er von „langen Pässen rein gar nichts verstünde“.

Dessen ungeachtet wurde Dunga zur Weltmeisterschaft 1994 aufgestellt. Für seine Mannschaft war er der unbestrittene Kapitän, und ausserhalb des Spielfeldes kam ihm, darüber hinaus, noch eine weitere wichtige Aufgabe zu: sich um Romário zu kümmern. Der damals grösste brasilianische Fussballstar hatte vor seinem Freund Dunga einen Heidenrespekt – schon seit ihrer Zeit bei Vasco da Gama – und er war sein Zimmergenosse. Während der Weltmeisterschaft kam Dunga die Aufgabe zu, die berüchtigten Exzesse seines Kumpans Romário zu kontrollieren.

DungaAuf dem Spielfeld dann, weiterhin von der brasilianischen Presse während seiner Präsentationen kritisiert, bewiesen die Statistiken klar und deutlich: Dunga war der Spieler mit den wenigsten Pass-Fehlern während den gesamten Weltmeisterschafts-Begegnungen. Und um schliesslich alle Zweifel zu beseitigen: Dunga partizipierte direkt bei drei Toren Brasiliens – gegen Kamerun, gegen USA und gegen Holland. Nachdem Parreira den Spieler Raí vom Platz geholt hatte, bekam Dunga die Armbinde des Mannschaftskapitäns übergestülpt. Gegen Spielende gelang ihm, dem italienischen Fussballstar Roberto Baggio sein Dribbling abzunehmen.

Schliesslich, bei der Ausscheidung im Elfmeter-Schiessen, trat Dunga den vierten Ball mit Perfektion am gegnerischen Torwart vorbei ins italienische Tor – während Baggio den nächsten verschoss – Brasilien war zum vierten Mal Weltmeister! In diesem Moment ging Dunga in die internationale Fussballgeschichte ein. Er war nun für immer der „Capitão do Tetra“.

Anschliessend entfernt er sich erneut zwei Jahre lang von der brasilianischen Nationalmannschaft. Beunruhigt von der schwachen Verteidigung und, vor allem, von der fehlenden Personalität seines Teams, lädt der Nationaltrainer Zagallo Dunga ein, seine Mannschaft in einem Freundschaftsspiel gegen Japan zu ergänzen. Dieser kommt zurück und präsentiert seine ganze Skala technischer Erfahrung – positioniert sich ziemlich weit hinten, mit sicheren Pässen und weniger Schnelligkeit. Und wieder erobert er mit dem brasilianischen Team einen Titel: den Amerika-Cup vom 1997, ausgetragen in Bolivien. Nicht mehr in derselben exzellenten körperlichen Verfassung wie vier Jahre zuvor, droht man ihm wenige Tage vor dem World Cup 1998 mit dem Ausschluss – aber er ist dann doch dabei.

Während der Begegnung präsentiert er ein gutes Spiel, wenn auch nicht so überragend wie 1994. Wieder muss er viel Kritik über sich ergehen lassen, als er während des Spiels gegen Marokko seinen Mitspieler Bebeto wegen eines Fehlers auf offenem Spielfeld zusammenstaucht – Dunga, beleidigt, meint dazu, dass er nun „nie mehr was sagen werde“. Das nächste Spiel – mit einem verbissen schweigenden Dunga – verliert Brasilien an Norwegen. Dann findet Dunga zu seinem normalen Temperament zurück und Brasilien erreicht das Finale des Weltcups in Frankreich.

An der Seite seines Landsmannes Taffarel (ebenfalls aus Rio Grande do Sul) hat Dunga einen Rekord in der Geschichte des Fussballs aufgestellt: Er hat insgesamt 19 Spiele der brasilianischen Nationalelf bei Weltmeisterschafts-Ausscheidungen und jede Minute der Spiele um die Worldcups von 90, 94 und 98 bestritten. Brasilien hat dann im Endspiel gegen Frankreich verloren und Dunga verlor damit die Gelegenheit, der einzige Kapitän der Geschichte zu werden, der den Worldcup zweimal empfangen und empor halten durfte. Seine Karriere in der brasilianischen Nationalmannschaft war – nach fast 100 Spielen, sieben Toren und verschiedenen Titeln – endlich am Ende.

Im Jahr 1999 erfüllte er sich einen Traum: zurückzukehren zu seinem alten Club – Internacional. Der schloss mit ihm einen Millionen-Vertrag ab, und Dunga präsentierte während des ersten Saison einen guten Durchschnitts-Fussball. Aber die überraschende Eliminierung im Halbfinale bei der „Copa do Brasil“ waren Wasser auf die Mühlen der Kritiker – auch unter den Zuschauern. Obwohl 37% aller Tore Internacional Resultate der sicheren Pässe von Dunga gewesen sind, sass er während des „Campionato Brasileiro“ meistens auf der Reservebank.

Als der „Club seines Herzens“ Internacional schliesslich Gefahr lief, ganz abzusteigen, holten sie Dunga zu Hilfe, und der zeigte noch einmal, wozu ein grosser Spieler wie er fähig ist: In der 37sten Minute der zweiten Halbzeit, während der letzten Begegnung mit dem Palmeiras-Club (São Paulo) – 8 Minuten vor dem endgültigen Fall in die Zweite Division – stand Dunga plötzlich da wie vom Schicksal bestellt, genau an der richtigen Stelle – und indem er den Vorteil einer ungünstigen Platzierung der gegnerischen Sturmspitze nutzte, beförderte er den Ball mit dem Kopf ins Tor – zur Rettung seines Clubs, der Albtraum war zu Ende.

In der darauf folgenden Spielsaison tat er sich noch ein paar Male hervor, wurde aber von der Direktion seines Clubs immer wieder behindert und kritisiert – man versuchte mit allen Mitteln, seinen Vertrag aufzulösen, unter dem Vorwand, dass kein Geld vorhanden sei, um sein enormes Honorar bezahlen zu können. Und nachdem er seinem Rücktritt zugestimmt hatte, bezahlte der Club die fälligen 435’000.00 Reais (zirka 120’000.00 €) Vertragsstrafe an Dunga, der das Geld an vier verschiedene Hilfsorganisationen spendete – auch, um damit seine eigene Unabhängigkeit vom Geld zu demonstrieren. Eine Begegnung mit Avaí – in deren Verlauf Dunga ein wunderschönes Tor von ausserhalb des Strafraums gelang – war die letzte offizielle Partie seiner langen Karriere, angefangen und beendet beim Sport Club Internacional, der für immer den brasilianischen Fussball geprägt hat.

Das war Dunga – Lehrjahre, glorreiche Siege und hart kritisierte Niederlagen – die mit einer langen Pause endeten: 24 Jahre ohne brasilianische Titel im internationalen Fussball!

Zirka ein Jahr nach dem Debakel der Seleção bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde Dunga als neuer Trainer der Kanariengelben vorgestellt. Unter ihm gewann die Seleção die Copa America 2007 in Venezuela und klassierte sich als Gruppensieger für die WM in Südafrika 2010. Die Philosophie des Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1994: „Willen, Kampfkraft und Technik“ Stars mit Allüren haben bei Dunga keinen Platz. Der Erfolg scheint ihm kurzfrsitig recht zu geben. Das frühzeitige Aus im Viertelfinal gegen Holland an der WM 2010 in Südafrika hatte dann auch Konsequenzen für Carlos Dunga: Der brasilianische Fussballverband trennte sich im Juli 2010 von ihm.

„Solange du ein Sieger bist ist alles gut – aber eine einzige Niederlage genügt, und sie vergessen alles, was du je an Gutem getan hast“! Dunga über die erfahrene Ungerechtigkeit der Presse.