Vila Velha – verlorene Stadt aus Stein

Veröffentlicht am 22. März 2013

Vila Velha State ParkDie attraktive, mysteriöse “Alte (Vila Velha)“ aus Stein wurde Jahrhunderte lang belagert – und von Jahr zu Jahr hübscher. Ihre Anhänger besuchten sie in Massen, taten ihr aber nicht gut: nachdem sie gegangen waren, wurden die destruktiven Auswirkungen ihrer Besuche sichtbar. Und die “Alte“ begann erste Anzeichen von Stress zu zeigen – sie ertrug den Trubel nicht länger. Schliesslich kam sie auf die Intensivstation, erlitt tiefgreifende “chirurgische Eingriffe“ und heute befindet sie sich unter Beobachtung, mit kontrollierten Besucherzahlen. Langsam erholt sie sich vom Katzenjammer eines ausschweifenden Festes, bei dem nicht nur die Anzahl der Gäste überschritten, sondern auch sämtliche Anstandsregeln missachtet wurden.

Gelegen im Munizip von “Ponta Grossa“, im Bundesstaat Paraná, 90 Kilometer von der Hauptstadt Curitiba entfernt, ist “Vila Velha“ ein staatlicher Naturschutzpark, der 1953 gegründet wurde. Die Indios nannten seine kuriosen Felsformationen seit eh und je “verlorene Stadt aus Stein“ – sie wurde in den 70er Jahren bekannt, als sich Brasilien in Alben mit Klebebildchen und auf Postkarten selbst entdeckte: der “Pokal“ – das “Kamel“ – die “versteinerte Braut“ – diese und viele andere von der Natur geformten Arenit-Skulpturen waren plötzlich in aller Munde. Die Anfahrt auf guten asphaltierten Landstrassen war einfach, und so wurde der Park sowohl von vorbeireisenden Touristen als auch einheimischen Wochendausflüglern überflutet.

Der Park gefiel ihnen, sogar sehr, aber niemand zeigte ein bisschen Rücksicht auf die “Alte“: Jede Spalte wurde zum Durchgang gemacht, jeder Stein und jede Felsnase zum Rastplatz degradiert. Die intensive Abnutzung beschädigte den Arenit der Formationen, deren Oberflächen noch zusätzlich von eingravierten Namen übersät waren: “João liebt Maria“ – “Pedro hat Rosilene geküsst“ und viele andere “Tätowierungen“ weitaus niedereren Niveaus hatten die “Haut der Alten“ so verschandelt, dass an eine Reparatur nicht mehr zu denken war.

Für die Geologen der “Universidade Estadual de Ponta Grossa” sind jene steinerne Figuren hilflose Giganten: “Der Arenit von “Vila Velha”, den wir hier haben, ist ein kompakter Felsblock von relativ weicher Konsistenz, denn er besteht aus sukzessiv aufeinander gepressten Sandschichten. Die Formationen sind zirka 300 Millionen Jahre alt und stammen aus dem Karbon, als diese Region noch Meeresboden war. Der Fels besteht aus Sand und Eisenoxyd – letzteres bindet die Sandschichten wie Zement“.

Im Park ist der untere Teil der Figuren – ausgerechnet der von den Händen der Besucher am besten erreichbare – der schwächste, und er wird auch von der Erosion am meisten angegriffen. Die Einkerbungen und die als Souvenir herausgeschnittenen Stücke, sowie die Abschleifung der von den Besuchern betretenen Flächen beschleunigen und intensivieren den Effekt der Erosion. “Der Arenit zerbröselt zu Sand auf dem Boden – keine Möglichkeit, diesen Vorgang rückgängig zu machen“, sagt ein Geologe.

Und als ob dieser Vandalismus der Besucher nicht schon genügend Schaden angerichtet hätte, ist das Parkkonzept selbst zu einem zusätzlichen Problem geworden: Anfänglich als Stätte für Freizeitaktivitäten gedacht, erhielt das Areal unpassende Einrichtungen, wie zum Beispiel Fressbuden innerhalb von Arenit-Gruppen, Baracken gestützt auf die Felsen, zahlreiche inadäquate Pfade und Wege, sogar einen Erholungskomplex mit Swimming-Pools und Trampolins. Die Angestellten der Administration selbst erblödeten sich, die Steine und Felsen mit Kalkfarbe zu markieren, um den Besuchern den Weg zu den einzelnen Figuren zu zeigen… muss man sich noch wundern?

vila_velha_gov.brAls ein weiteres Problem, von Anfang an, erwies sich das an Ort und Stelle eingerichtete landwirtschaftliche Laboratorium. Als der Park gegründet wurde, in den 50er Jahren, stand ein Teil des Parkareals unter der Verantwortung des “Instituto Agronômico do Paraná (IAPAR)“ – einem Landwirtschaftsinstitut, als experimentelle Fläche für Wiederaufforstung und landwirtschaftliche Produktion. Auf den ursprünglichen Savannen wichen Büsche und native Gräser Plantagen und Wäldchen exotischer Spezies. Eukalyptus und Nadelbäume vereinnahmten einen Teil der Landschaft. Viele Leute fanden das schön, aber die ökologische Konsequenz war ein Desaster. Es dauerte nämlich nicht lange, bis sich die aggressiven Nadelbäume ausserhalb der für sie vorgesehenen Experimentierfläche ausbreiteten. Und die Invasion der Nadelbaumableger ist immer noch ein wachsendes Problem – mit tiefen Wurzeln und schwierig zu lösen.

Mit so vielen Problemen belastet, schloss man den Park im Jahr 2002 für Besucher, um sich einen Überblick zu verschaffen und an Lösungen zu arbeiten. Eine technische Kommission aus unterschiedlichen Bereichen erhielt die Aufgabe, einen Plan zur physischen Restrukturierung auszuarbeiten, den Besucherstrom zu organisieren und ein Konzept für den erhaltenden Tourismus vorzustellen, mit verlässlichen Strategien und Reduzierung von ambientalen Schädigungen.

Zwei Jahre lang wurde der Park von “Vila Velha“ tiefgreifenden Interventionen unterzogen: Die experimentellen Soja- und Maispflanzungen wurden eliminiert. Die irregulären Fressbuden innerhalb der Arenit-Gruppen wurden abgerissen. Die offiziellen Wege wurden markiert und asphaltiert, um den Schaden durch Besucher zu begrenzen. Der Pool-Komplex wurde stillgelegt – hier soll ein geologisches Museum entstehen. Und die Rechnung des “chirurgischen Eingriffs“ wurde aus Geldstrafen bezahlt, die von der Regierung für ambientale Verbrechen im Bundesstaat Paraná einkassiert worden waren – durchaus eine naturgerechte Handlungsweise, finden Sie nicht?

Mit der Wiedereröffnung im Jahr 2004 hatte der Park wieder Luft und eine neue Berufung: die einer Einheit für Naturschutz. Der Wartungsplan wurde 2005 fertig, mit einer entscheidenden Neuheit für die Gesundheit der “Alten“: Er begrenzt die Besucherzahl auf 815 Personen pro Tag, im Komplex der Arenit-Felsen, und auf 500 Personen bei den drei grössten “Furnas“ Krater von mehr als 50 Metern Durchmesser). Wie der Biologe erklärt, sind dies “Furnas“ seltene geologische Formationen, die durch den Absturz von Dächern antiker Höhlen entstanden sind. Auch diese Krater sind äusserst empfindlich, weil sie Grundwasserleiter von “Vila Velha” darstellen.

Im Park gibt es mehr als 30 dieser “Furnas“. “Zwei davon sind mehr als 100 Meter tief und 50 Meter breit“, kommentiert der Geologe. “Weil sie sehr tief sind, strömt in die Löcher das Grundwasser ein – sie zeigen die Höhe des Grundwasserspiegels von “Vila Velha“ an, der heute bei 788 Metern über dem Meeresspiegel liegt – oder in 54 Metern Tiefe in den Löchern beginnt. Der exponierte Grundwasserspiegel ist äusserst empfindlich: Ihn zu verschmutzen ist einfach, jedoch die Säuberung ist praktisch unmöglich“.

Die Fauna des Parks

Cyanocorax_chrysops1_wikimediaDer Ornithologe Pedro, vom Historischen Museum in Curitiba, hat eine Studie über das Vorkommen von Vogelarten im Park durchgeführt, mit zwei Zählungen – eine im Jahr 1984 und eine andere im Jahr 2000. In 16 Jahren ist die Zahl der angetroffenen Arten von 158 auf 222 gestiegen.

“Viele Arten, die es vor der Schliessung des Parks hier nicht gab, fanden dann nach Stilllegung den notwendigen Schutz und die Ruhe zur Reproduktion“, kommentiert er. “Die heute für Besucher geschlossenen Areale – wie Grasflächen, Wäldchen und Höhlen – sind Lebensräume für Blauraben (Cyanocorax chrysops), Fliegenschnäpper (Hirundinea ferruginea) und Braunbrust-Sittiche (Pyhura frontalis). Die Kontrolle der Besucher ist zweifellos von grösster Bedeutung.

Nach dieser Wiedergeburt der Savannen haben sich einige Flora-Spezies stärker vermehrt als andere, wie zum Beispiel der Adlerfarn (Pteridium arachnoideum) und das Süssgras (Andropogon bicornis). Das sind native Arten, die durch die Veränderungen begünstigt worden sind. Es ist jedenfalls klar geworden, dass ein solcher Park nicht für Feste und Trubel herhalten sollte – der Klamauk ist vorbei und die “Alte“ braucht jetzt eine gewisse Zeit, um sich zu erholen.

Ein paar Details

Parque Estadual de Vila Velha (Staatspark “Vila Velha”) – mit einer Fläche von 3.122 Hektar schützt der Park Grassavannen und Riedgrasgewächse mit vereinzelten Büschen und Waldarealen mit Araukarien, in denen diverse Arten von charakteristischen Tieren der offenen Flächen vorkommen, wie der Feldspecht oder das Frettchen.

grand canyonDie bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von “Vila Velha“ sind die so genannten “Arenitos“, die “Furnas“ und die “Lagoa Dourada“ (Goldenen Lagune). Die “Arenitos“ (Arenit-Felsen), unter denen einige kurios geformt sind, wie zum Beispiel die “Taça“ (Pokal), das Symbol des Parks, bestehen aus einer bemerkenswerten Gruppe von Felsengebilden, die andererseits auch wie Ruinen einer antiken Stadt anmuten – daher der Name “Vila Velha“ (Alte Stadt). Die verschiedenen Formen sind von der Einwirkung des Regenwassers entstanden (nicht vom Wind). Der Felsen besteht aus Sandkörnern, die von Eisenoxyd zusammengehalten werden, daher die rote Färbung. Diese Felsengebilde stammen aus dem Karbon-Zeitalter – sind als zirka 300 Millionen Jahre alt – aber ihre erosive Verformung findet “erst“ seit wenigen Millionen Jahren statt.

Die “Furnas“ sind grosse Löcher, manchmal mit mehr als hundert Metern Tiefe. Sie entstanden aus dem Absturz der Dächer grosser unterirdischer Höhlen. Es gehören nur zwei dieser Höhlen zum Besuchsprogramm von “Vila Velha“, aber im Innern des Parks existieren mindestens 12 ganz ähnliche Formationen. Sie bestehen ebenfalls aus Arenit, sind jedoch älter (zirka 400 Millionen Jahre). Beim Arenit der “Furnas“ werden die Sandkörnchen von einem hellen, lehmigen Mineral, dem Caulinit, zusammengehalten, welches von den subterranen Wassern aufgelöst werden kann, was dann den Zerfall des Felsens zur Folge hat.

Die “Lagoa Dourada“ (Goldene Lagune) ist ein “versandetes Loch“, gefüllt mit unterschiedlichen Sedimenten. Sie hat eine maximale Wassertiefe von sechs Metern und ist zirka 300 Meter breit. Ihr Wasser ist in der Regel sehr klar, sie wird von unterirdischen Quellen gespeist und ist umgeben von einem schönen Galeriewald, in dem die Araukarien (typische Nadelbäume Südbrasiliens) vorherrschen. Die Lagune befindet sich auf dem vom Rio Guabiroba sporadisch überschwemmten Plateau – dann fliesst lehmhaltiges Wasser in sie ein. Einige Leute behaupten, dass ihr Name vom Glanz des Minerals Glimmer stammt, welches in ihren sedimentären Ablagerungen vorhanden ist, aber detaillierte Untersuchungen haben ergeben, dass der Glimmer-Gehalt viel zu niedrig ist, um einen “golden schimmernden Wasserspiegel“ hervorzurufen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass der Name der Lagune vom Reflex der Sonne herrührt, der sie zu bestimmten Zeiten des Tages in “goldenem Licht“ erscheinen lässt.