Regenwald aus der Flussperspektive

Veröffentlicht am 28. Januar 2012

Erleben Sie den Amazonas-Regenwald aus der Flussperspektive auf einem regionalen Boot!

“Nas águas do rio Amazonas/O meu coração se banhou no fundo encantado/Do lado de lá, a voz da Iara chamou, ouvi chamar… ” Dori Caymmi besingt in dem Lied “Rio Amazonas” jene Region, die als eines der neuen “Weltwunder der Natur” aus einem diesjährigen Wettbewerb hervorging. Eine gerechte Entscheidung. Der Amazonasstrom ist stets eine ganz besondere Attraktion für Naturliebhaber aus aller Welt, und die ihn zum ersten Mal sehen, sind überwältigt von seiner imponenten Breite, welche die Silhouette des ihn einrahmenden Regenwaldes weit zurücktreten lässt, schauen entzückt den Kapriolen der Süsswasserdelfine zu, die plötzlich prustend aus der lehmgelben Flut auftauchen, geniessen die leichte Brise über dem Strom, vor der die äquatoriale Schwüle weicht – und werden fast ehrfürchtig still beim Anblick der rotgoldenen Sonnenscheibe, die sich ihrem flüssigen Spiegelbild nähert – eintaucht in den flammenden Strom, der sie langsam aufsaugt. Ihre letzte Strahlen blitzen übers Wasser, dann werden auch sie vom Strom verschlungen – noch ein paar Minuten hält sich ein magentafarbener Himmel über dem Sonnengrab, dann muss er der Tropennacht weichen, die fast ohne Übergang auf die Landschaft fällt.

Vom Pier der Ponta Negra in Manaus sind es 267 Kilometer bis zum Urwaldstädtchen Maués – wenn man sie in einem der vielen regionalen Boote zurücklegt, und genau das sollte man tun, wenn man ein Naturliebhaber ist. Denn auf diesem Wasserweg erlebt man den Amazonas-Regenwald aus einer besonderen Perspektive, mit neuen Eindrücken hinter jeder Flussbiegung, sieht viele typische Tiere, und der ruhig dahinströmende Fluss gibt einem die Gewissheit, das dies die allerschönste Art des Reisens in Amazonien ist – man bewundert die Landschaft, beginnt über das Leben nachzudenken und ruht aus, wie in einer neuen Dimension.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWasserwege sind für viele Uferbewohner Amazoniens die einzige Form der Kommunikation mit der Hauptstadt Manaus und anderen Orten im Regenwald. Sie benutzen ihre Kanus oder Motorboote um die Kinder in die Schule oder eine kranke Person in eine weit entfernte Klinik zu bringen, sie tätigen Einkäufe mit ihnen oder fahren mit ihnen zum Fischen, alles, was irgendwie transportiert werden muss – Feldfrüchte, Brennholz, Haushaltsgeräte oder ein kompletter Umzug – alles geschieht auf dem Wasserweg. Auf der langen Anfahrt nach Maués haben Sie Gelegenheit, im einen oder anderen Heim dieser “Ribeirinhos“ einzukehren und ihre Lebensweise kennenzulernen. Und das sind überraschende und lohnenswerte Eindrücke, besonders für einen Stadtmenschen.

Also geniessen Sie eine solche Flussreise, um sich mal von Ihrer Welt zu lösen, denn hier gibt es kaum eine Gelegenheit, per Telefon oder Internet in Kontakt mit ihr zu bleiben – das Gefühl, sich auf einer abgelegenen Insel zu befinden, ist angenehmer, als Sie sich bisher vorgestellt haben – wenn Sie einmal total relaxen und sich der majestätischen Landschaft und ihrer zunehmenden inneren Ruhe hingeben.

Maués

Um nach Maués zu gelangen, muss man in den Rio Maués-Açu einbiegen. Ganz anders als der viele Kilometer breite Amazonas, von dem man an einigen Abschnitten kaum beide Ufer zusammen erkennen kann, ist der Fluss, der nach Maués führt, viel kleiner, klarer und nicht weniger schön – und an seinen Ufern kann man zahlreiche Wasservögel, Kaimane und Capivaras beobachten.

Das kleine Städtchen gilt als eins der schönsten Amazoniens, wegen seiner vielen Flussstrände mit sauberem Wasser davor. Während seiner lokalen Folklorefeste sind die Ufer besetzt von Motorbooten, die Touristen aus Manaus und anderen Städten und Staaten hierher bringen.

Maués ist als “Terra do Guaraná” (Guaraná-Land) bekannt. Die Bevölkerung dieses Städtchens gehört zu der “langlebigsten“ Brasiliens. Die Präfektur schreibt dies den klimatischen Bedingungen zu, der Ernährung (bekannt als “Amazonasdiät“ auf einer Basis von Fisch, Gemüse und Salat) und, nicht zu vergessen, dem energiespendenden Guaraná. Also geniessen Sie mal dieses besondere Klima während einiger Tage – vielleicht munden Ihnen auch die leichten Amazonas-Menüs, und Sie gewöhnen sich an ein paar typische Gewohnheiten der Bewohner. Hier können Sie herrliche, lange Wanderungen durch den Regenwald unternehmen – und wenn ihnen eine Temperatur um die 30°C nicht allzu viel ausmacht, gibt es sogar immergrüne Hügel zu erklimmen. Natürlich sind die weisssandigen Flussstrände stets eine willkommene Alternative, zum Beispiel der Strand “Praia da Maresia” – hier findet das “Guaraná-Festival“ statt und das „Festival do Verão“ (Sommerfest) – heller Sand und ganz klares, lauwarmes Wasser des Flusses.

Vergessen Sie aber Ihren Sonnenschutz nicht und Ihr Spray gegen Mücken. Ausserdem wird empfohlen, Ihren Impfschutz up-to-date zu halten – inklusive gegen Gelbfieber.

Indios

Im Munizip von Maués leben die “Saterê-Mawé“, am Fluss Rio Marau, eine Bevölkerung von 4.200 Índios (nach Angaben der letzten lokalen Zählung).

Dieses indigene Volk prägt die gesamte lokale Kultur und steht im Mittelpunkt lokaler Feste, besonders dem “Guaraná-Festival“, während dessen Verlauf den Besuchern die von diesem Volk eingeführte Verarbeitung der Guaraná-Frucht erklärt wird, deren wirtschaftliche Nutzung allen Bewohnern von Maués zum Segen geworden ist, die entweder bei der Ernte, in der Verarbeitung oder im Vertrieb des Energiespenders tätig sind.

Um die Indios selbst zu besuchen, braucht man eine Erlaubnis des Schamanen. Es gibt Agenturen, die solche Besuche organisieren – informieren Sie sich. Eins ihrer expressivsten Feste ist das “Mannbarkeitsritual der Knaben“ – eine Art von Mutprobe, zu der die Jugendlichen ihre Hände fünf Minuten lang in strohgeflochtene Handschuhe stecken müssen, die vorher mit Hunderten von Tucandeira-Ameisen präpariert wurden: Die Ameisen werden zwischen dem Stroh so eingeklemmt, dass ihre Köpfe mit den Giftzangen nach innen herausragen – ihre Bisse sind so schmerzhaft wie Bienenstiche, aber aus den schmerzverzerrten Gesichtern der Jungen löst sich kein einziger Schrei – das gehört zum Test, wenn man ein Mann werden will.