Kultur Bahias

Veröffentlicht am 24. März 2013

Was die Kultur Bahias betrifft, gibt es für den Besucher besonders viel zu bestaunen: Die jahrhundertealten Kirchen, das typische Kunsthandwerk der Städte des Interiors, die religiösen Gepflogenheiten dieses Mischvolkes, die Mythen und Riten der lokalen Folklore – Bahia öffnet sich in einem wahren Mosaik der Attraktionen und Sehenswürdigkeiten dem, der seinen exotischen Reizen und seiner Poesie auf den Grund gehen möchte.

Bahiana kochen (2)Wenn man durch die Stadt Salvador schlendert, fallen einem sofort die typischen “Baianas” auf – schwarze Frauen, in der Regel im Seniorenalter, die nach der traditionellen Art des 18. Jahrhunderts gekleidet sind. Es sind Strassenverkäuferinnen, die hinter ihren improvisierten Garküchen sitzen und ihre Kunden mit verschiedenen Leckerbissen aus Fisch, Shrimps, Gemüse und Früchten bewirten – man könnte ihre Produkte als “bahianisches Fast-Food“ bezeichnen, allerdings mit dem Unterschied, dass diese Fast-Menüs vom individuellen Touch ihrer traditionsbewussten Köchinnen geprägt sind, weshalb jeder Bürger von Salvador auf die Kochkunst “seiner Baiana“ schwört.

Bahia ist das Land der “Orixás, Patuás“ und “Babalorixás“ – das Land der Verehrung aller Heiligen – das Land aller Riten und Mythen. Die zahlreichen folkloristischen Events präsentieren das enorme kulturelle Potenzial seiner Bürger. “Rodas de Samba“ – “Puxadas de Mastro“ – “Capoeira“ – “Terno de Reis“ – “Bumba-meu-boi“ – “Afoxé” und so viele andere ausdrucksstarke Manifeste animieren, kolorieren und exponieren die unbändige Fantasie, Lebensfreude und Religiosität der Bahianer sowohl in der Hauptstadt als auch im Hinterland.

Die Musik

Als Wiege der brasilianischen Musik kann man in Bahia einer Melodie oder einem Rhythmus an jeder Strassenecke begegnen – im leichtfüssigen, Hüften wiegenden Gang der schwarzen Senhoritas, im lockeren, rhythmischen Schreiten der Mulatten, im eigenwilligen Singsang ihrer Unterhaltung, in der Boheme der Strassen und Gassen, der Bars und populären Plätze, in denen von der Wurzel des Samba bis zum Axé – vom Forró bis zum Reggae – von der MPB bis zur Afoxé – vom Bossa Nova bis zum Carnaval, alles geboten wird, was die Musikalität der “Baianos“ hervorgebracht hat. Der Spruch “in Bahia wird man nicht geboren, sondern man präsentiert sich“, entstand nicht von ungefähr. Und so sind aus diesem kreativen Mischvolk die meisten Künstler Brasiliens hervorgegangen – Rhythmen und Musikstile aus Bahia haben die Geschichte der grün-gelben Musik beeinflusst, wie sonst keine andere Region.

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Die Axé-Music

Sie wird als einer der “bahianischsten” aller zeitgenössischen musikalischen Rhythmen bezeichnet. Die “Axé-Music“ – man nennt sie auch “Nova Música Baiana“ (neue bahianische Musik), ist eigentlich eine Mischung aus verschiedenen Musik-Elementen, wie Salsa, Samba, Reggae und Rock – jedenfalls wird sie so von ihren Schöpfern definiert. Ihren Namen bekam sie von dem Musikkritiker Hagamenon Brito 1987. Er fügte den Ausdruck “Axé“, mit dem er die von ihm als “minderwertig“ kritisierte bahianische Musik bezeichnete, zusammen mit dem englischen Terminus “Music“, der unter jenen Gruppen mit internationalem Anspruch üblich ist. Trotz diesem negativen Aushängeschild blühte die “Axé-Music“ und trug Früchte – sie prägte eine neue Phase des Karnevals in Bahia und hielt ihren Einzug auf dem brasilianischen Schallplattenmarkt. Es fing an mit den Songs “Fricote“ und “Nega de Cabelo Duro“, von Luiz Caldas – diese beide Hits explodierten geradezu in der Gunst des Volkes. Neue Namen in der Musikszene trugen dazu bei, das Genre in Brasilien und im Ausland einzuführen, Namen wie Daniela Mercury, Ivete Sangalo, Durval Lélis, Margarete Menezes und die Gruppe “Chiclete com Banana“ waren seine Vorreiter.

Der Forró

Er ist ein Volkstanz und stammt aus dem brasilianischen Nordosten. Die Musik, von der er begleitet wird, trägt denselben Namen. Sie bezieht sich auf eine Thematik, eng verbunden mit den kulturellen und alltäglichen Aspekten der Nordostregion. Die musikalische Basis bilden drei typische Instrumente: die “Triângulo“ (Triangel), die “Sanfona“ (Akkordeon) und eine grosse, den Rhythmus vorgebende “Zabumba“ (Bauchtrommel). Zur Herkunft des Namens “Forró“ gibt es verschiedene Versionen, jedoch die akzeptabelste stammt von dem Folklore-Forscher Luiz Câmara Cascudo. Nach seiner Version stellt das Wort “Forró“ eine Abkürzung von “Forrobodó“ dar, das sich auf das Schlurfen der Füsse während des Tanzes bezieht – und eine der typischen Charakteristika des Forró ist tatsächlich dieses schlurfende Nachziehen der Füsse. Er wird von Paaren getanzt, ihre Körper sind eng aneinander gedrückt (wie geklebt) und ihre Sensualität bestimmt die Show.

Der Samba

Seine Geschichte ist direkt verbunden mit der kulturellen Entwicklung des bahianischen Volkes. Während der Kolonialzeit wurde der Samba begleitet durch Händeklatschen und Instrumente wie der Bratsche, der Gitarre, der Triangel, der “Cuica“ und dem Tamburin. Der Rhythmus entwickelte sich in erster Linie im “Reconcavo Baiano“ (Region der Allerheiligenbucht) – genauer in den Zuckerrohrplantagen, in denen die Mehrzahl der Sklaven arbeitete, die aus Angola stammten. Dort nahm der Tanz jene Form an, die man heute als “Samba de Roda“ bezeichnet. Ab 1860, als Folge der Abschaffung der Sklaverei und der Beendigung des “Guerra de Canudos“ (Canudos-Krieg), setzte eine grosse Abwanderung der schwarzen Bevölkerung und Mestizen aus verschiedenen Landesteilen ein – vor allem aus Bahia – die sich in Rio de Janeiro, der damaligen Landeshauptstadt, eine Arbeitsstelle und eine Verbesserung ihres Lebensstandards erhofften.

Ihre grosse Mehrheit liess sich an der Peripherie nieder, genauer gesagt, im Umfeld des “Morro da Conceição, Pedra do Sal, Praça Mauá, Praça XI, Cidade Nova, Saúde” und in der “Zona Portuária“ (Hafenzone). Viele Bahianerinnen, Nachkommen von Sklaven, wohnten in diesen Bezirken. Sie eröffneten kleine Bars und Restaurants, die sie in ihren Wohnräumen einrichteten, und sie wurden bekannt als die “Tias Baianas“ (Tanten aus Bahia) oder die “Tias do Samba“ (Tanten des Samba). In den Wohnungen dieser “Tias“ versammelten sich die Bahianer zum Essen, Trinken und Musizieren. Die bekannteste aus diesem bahianischen Zirkel war “Tia Ciata“, eine der Verantwortlichen für die Aussaat des “Samba carioca“ – des rio-typischen Samba. Viele Kompositionen wurden in ihrem Haus geschaffen und improvisiert gesungen, wie zum Beispiel der Samba “Pelo Telefone“ – später als Platte aufgenommen von dem Bahianer Ernesto Joaquim Maria dos Santos, der den Spitznamen “Donga“ hatte. Seine Aufnahme wird von einigen Historikern als der erste auf Schallplatte verewigte Samba bezeichnet.

Der Samba-Reggae

Diese interessante Mischung wurde in den 80er Jahren ebenfalls in Bahia geboren. Sie ist das Ergebnis einer rhythmischen Fusion des traditionellen brasilianischen Samba mit dem jamaikanischen Reggae von Bob Marley und Jimmy Cliff. Er wurde geschaffen und in den Karneval von Salvador eingeführt vom Maestro Neguinho do Samba, damals Maestro der Band des “Bloco Afro Olodum“. Die Basis des Samba-Reggae sind die Rhythmus-Instrumente – verschiedene Trommeln, Tamburin, Gitarre und Elektro-Bratsche anstelle anderer charakteristischer Instrumente der lateinamerikanischen Musik – unter Einfluss des “Merengue“.

Bahia ist die Heimat grosser Perkussionisten. Talent und Kreativität dieser Künstler haben Rhythmen mit besonders charakteristischer Prägung hervorgebracht, die dazu geführt haben, dass sich inzwischen auch begeisterte Touristen in ihre Perkussions-Kurse einschreiben.

Hier sind ein paar der bedeutendsten Maestros der bahianischen Perkussion aufgeführt:

Fia Nova
Eine Berühmtheit in den 60er und 70er Jahren. Sein unverwechselbarer Schlag war beeinflusst vom “Candomblé“ – eigenwillig synkopiert, mit einem Samba-Akzent. Er war das Vorbild mehrerer Generationen.

Pintado de Bongô
Zeitgenosse von “Fia Luna”, an dessen Seite er ein bedeutendes Vorbild für die zeitgenössischen Perkussionisten darstellte – zum Beispiel war er der Lehrer von Carlinhos Brown.

Prego do Pelourinho
Bedeutende Persönlichkeit für den “Bloco Olodum”. “Prego” war einer der Lehrer von “Neguinho do Samba“ – er war auch Mitglied der Gruppe “Ilê Aiyê“.

Nelson Maleiro
Man nannte ihn auch den “Gigante de Bagdá“ (den Riesen von Bagdad) – er machte sich einen Namen mit instrumentalen Erfindungen und der Akzentuierung von Perkussions-Instrumenten. Er war auch der Begründer des Blocks “Cavaleiros de Bagdá“ (1959).
Von den Meistern nun zu den Perkussions-Schulen:

“Filhos de Gandhy“ (1948)
Zu Anfang kommandiert von den Maestros Edil Carrapato und Geraldo Macaco (Spitznamen). Sie sind die prominenteste Gruppierung unter den so genannten “Afoxés“ – bekannt als “Candomblé der Strasse“ wegen ihrer unmittelbaren Verbindung mit dieser religiösen, afro-brasilianischen Tradition. Den Rhythmus gibt das Instrument “Agogô“ an – oder “Gã“, wie es in Bahia genannt wird – (es besteht aus zwei, über einen Bügel miteinander verbundenen, längliche Metallglocken unterschiedlicher Tonlage).

Ilê Aiyê (1974)
Der unverwechselbare Sound der Gruppe, kreiert vom Maestro “Bafo” im Jahr 1975, war ein Erbstück aus dem “Candomblé“ – jedoch in diskreter Form, denn die heiligen Trommelschläge haben nichts auf der Strasse verloren. Des Weiteren konnte man an diesem Rhythmus eine Mischung von hartem Samba mit “Ijexá“ (Rhythmus benannt nach einer afrikanischen Nation aus Nigeria) heraushören.

Olodum (1979)
Der erste Maestro der Perkussion dieses “Bloco Afro” war Carlinhos Realce, der die perkussiven Charakteristika auf die Bewegungen der Tänzer abstimmte. Grossen Einfluss hatte Neguinho do Samba auf diese Gruppe mit seinem Samba-Reggae, in dem er den Reggae aus Jamaika mit dem Rhythmus der Samba-Schulen mischte, die Salvador gegen Ende der 60er Jahre eroberten.

Okanbí (1982)
Geleitet von Jorjão Bafafé, erschien diese Gruppe unter dem Einfluss des “Ijexá-Rhythmus“. Jorjão ist ein berühmter Perkussionist wegen seiner Experimentierfreude – unter seinen Schülern ist auch Márcio Victor von der Gruppe “Psirico“.

Didá (1993)
Gegründet von Neguinho do Samba, präsentierte als Neuheit eine feminine Perkussion, sowie den rhythmischen Schlag des Samba-Reggae, dessen Perkussionist er selbst ist.

Timbalada (1993)
Gegründet von Carlinhos Brown, Schüler des Maestro Pintado de Bangô. Diese Gruppe präsentiert einen eklektischeren Rhythmus, der aus dem Schlag des Samba-Reggae geboren wurde, aber mit einer Neuheit: der Einführung der “Timbaus“ (Timba ist eine Handtrommel aus lackiertem Holz, mit Plastik bespannt, zirka 90 cm hoch. Sie wird mit einem Schultergurt getragen und vor dem Bauch hängend geschlagen).

Okanbí (1997)
Die Gruppe hat ihren Stil geändert und ein Experiment ihres Maestro Jorjão Bafafé umgesetzt, der den „Salsa Latina“ mit dem Samba gemischt hat. Den neu kreierten Rhythmus nennt er “Afro-Cubano“.

Die Folklore
Land der afrikanischen “Orixás, Patuás“ und “Babalorixás“ – Land der Kulte aller Heiligen – Bahia ist auch das Land aller Riten und Mythen. Seine vielgestaltigen folkloristischen Ausdrucksformen bestätigen die Kreativität seiner Bevölkerung. “Rodas de Samba” (Samba-Runden), “Puxada de Mastro” (indigenes Ritual aus der Kolonialzeit), “Capoeira” (Fusskampf der Sklaven), “Terno de Reis” (Dreikönigstag, 6. Januar), “Bumba-meu-boi“ (getanzte Volksoper), “Afoxé“ (Präsentation der afrikanischen Wurzeln). Und so viele andere kolorieren, animieren und präsentieren den unerschütterlichen Glauben und die Lebensfreude des “Baiano“ der Stadt und des gesamten Territoriums. Ein Mosaik aus Festen und Zeremonien aus afrikanischen, indigenen und portugiesischen Wurzeln, gewürzt mit der einzigartigen, bahianischen Lebensart.