Frontkommissionen überraschen bei jedem Karneval mit Neuheiten

Veröffentlicht am 29. Januar 2016 unter Karneval News

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Frontkommission Grande Rio | Foto: Gabriel Santos / Riotur

Die “Comissão de frente“ (Frontkommission) befindet sich an der Spitze jeder Karnevals-Parade und besteht aus einer kleineren Gruppe – 10 bis 15 Personen – deren primäre Aufgabe es ist, sowohl das Publikum wie auch die Juroren, angemessen zu begrüssen – sie eröffnen die Parade ihrer Sambaschule und sind ein bedeutendes Kriterium bei der Bewertung durch die Jury.

In historischer Vergangenheit bestand eine Frontkommission lediglich aus den verantwortlichen Personen der jeweiligen Sambaschule – Präsident und Vize der Schule und ihre Kreativen präsentierten sich in Frack und Zylinder, mit Verbeugungen nach allen Seiten. Inzwischen haben sich die Frontkommissionen in Theater-, Ballett- und Zirkusattraktionen verwandelt, deren Aufgabe es ist, das Publikum in das Thema (Enredo) ihrer Parade einzuführen.

Ein choreografiertes Extra-Spektakel an der Paradenspitze, das sowohl vom Publikum wie von den Juroren jedes Jahr erneut mit Spannung erwartet wird, denn die Darbietungen der Frontkommission gehören bei allen Sambaschulen zu den am strengsten gehüteten Geheimnissen und sind die grössten Hoffnungsträger auf eine gute Platzierung ihrer Parade.

“Viele Personen im Publikum kommen in erster Linie wegen diesem besonderen Spektakel am Anfang der Paraden. Heute hat sich die Frontkommission zur Visitenkarte einer Schule entwickelt. Sie animiert das Publikum gleich zu Beginn zu Entzückungsschreien und heizt die gesamte Szene mächtig an – die gesamte Schule wird dann von der Begeisterung des Publikums angesteckt“, sagt der Choreograf der Frontkommission von der União da Ilha, Patrick Carvalho, der in diesem Jahr seinen zweiten Karneval innerhalb dieser Schule feiert.

Nach dem Reglement der Paraden darf die Frontkommission aus maximal 15 Darstellern bestehen. Jedoch bedienten sich einige Schulen in den letzten Jahren eines Tricks, um einige Komponenten mehr in der Frontkommission unterzubringen:

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Frontkommission União da Ilha | Foto: Fernando Maia / Riotur

Zur Unterstützung ihrer Präsentationen setzten sie “unsichtbare“ Tänzer ein, die sich hinter den Allegorien versteckten, während lediglich die von der “Liga Independente das Escolas de Samba (Liesa)“ erlaubte Anzahl “sichtbar“ war. Die União da Ilha, zum Beispiel, präsentierte 2015 ihr Schneewittchen, das sich zum einen mit den sieben Zwergen präsentierte, zum andern dann umgeben war von Tänzern in Tierkostümen.

Die Choreografie brachte der Schule im vergangenen Jahr die höchste Punktzahl ein (29,9 Punkte). In diesem Jahr wird die União da Ilha sich auf 15 Teilnehmer in der Frontkommission beschränken, verspricht aber, das Publikum auf den Tribünen zu begeistern.

“Ich habe mit diesen Leuten mehr als zwei Monate geprobt, das sind nicht nur Balletttänzer. Es ist eine Kommission, die das Publikum packen wird – heftiger als im vergangenen Jahr – zehnmal mehr“, verspricht der Choreograf Carvalho.

Wie er erklärt, hat das Interesse an der Frontkommission im Lauf der letzten Jahre stark zugenommen, und damit ist auch die Verantwortung der Choreografen gestiegen, von deren Kreativität alles verlangt wird. “Wenn heute ein Präsident den Choreografen zu sich zitiert, kommt garantiert der Spruch: “ich will eine grossartige Frontkommission haben“! Je mehr sie einem geben, um so mehr verlangen sie auch. Und je mehr Mittel die Schule hat, um so mehr Kreativität muss man demonstrieren“.

Das Thema

Das Thema, das von der Frontkommission präsentiert werden soll, kann vom Karnevalisten oder vom Choreografen bestimmt werden. Bei der Vila Isabel liegt die Kreation in diesem Jahr bei dem Choreografen Jaime Aroxa. “Was die Andern alle machen würden, das werde ich nicht tun – ich folge keinem Klischee, sondern muss raus aus dem Offensichtlichen – ich muss die Leute überraschen. Ich nehme teil an diesem Fest, aber ich bin nur der Kellner. Ich muss auch nicht der beste Kellner sein, möchte jedoch den besten Wein kredenzen“, sagte er. Die Sambaschule Vila Isabel wird den pernambukanischen Politiker Miguel Arraes ehren.

“In diesem Jahr bringen wir ein Element auf die Szene, das völlig konträr zu meinem persönlichen Universum steht. Ich muss mich mit dem “Frevo“ (Tanz aus Pernambuco) beschäftigen, aber nicht auf offensichtliche Art und Weise. Der Frevo ist bereits für sich selbst ein starker Tanz, um ihm jedoch einen besonderen Touch auf unserer Avenida zu geben, werde ich ihn aus dem Schlamm entstehen lassen – aus dem Untergrund der Erde selbst“, und fährt fort, dass seine Kommission aus 20 Personen bestehen wird (mit 5 Versteckten), die alle aus Recife kommen, also mit dem Frevo aufgewachsen sind.

Aroxa hebt hervor, das die Parade eine sich bewegendes Spektakel ist, und sich die Frontkommission den Juroren an verschiedenen Abschnitten der Avenida präsentiert. “Ich kann auf dem Abschnitt zwischen dem einen und dem anderen Block der Jury wunderbar tanzen, die tollsten Sprünge vollführen – ein göttlicher Tänzer sein. Aber wenn ich vor dem Sitz der Jury ausrutschen sollte, habe ich verloren. Was zählt, sind die Punkte der Juroren. Ich habe also zwei Aufgaben: das Publikum und die Jury zu begeistern.

Geheimnis

Die Choreografen Jorge Teixeira und Saulo Finelon arbeiten seit zehn Jahren zusammen. Im vergangenen Jahr 2015 kehrten sie zur “Mocidade Independente de Padre Miguel“ zurück. Zu diesem Karneval 2016 bringt die Schule das Thema “O Brasil de La Mancha: Sou Miguel, Padre Miguel. Sou Cervantes, Sou Quixote Cavaleiro, Pixote Brasileiro” (Brasilien und La Mancha: Ich bin Miguel, Padre Miguel. Bin Cervantes, bin der Ritter Quixote, brasilianischer Lausbub).

Die Beiden haben unterschiedliche Choreografien für die 27 Mitglieder ihrer Fronkommission vorbereitet: zwei zum Vormarsch, eine spezifische für die Jury und eine andere der Rückkehr zum Ausgangspunkt, um mit der Parade weiter zu marschieren. “Den Dom Quixote nach Brasilien zu versetzen, ist nicht einfach, aber ich glaube, dass uns das sehr gut gelungen ist. Die Menschen werden begeistert sein“, verspricht Jorge Teixeira.

In allen Sambaschulen pflegen die Choreografen streng geheim zu halten, was sie in der Frontkommission zu präsentieren gedenken. Für die Repräsentanten der Mocidade steigert dieses Mysterium den Überraschungsschock des Spektakels. “Das ist die Kirsche auf der Torte. Es ist die Überraschung, der Moment, welcher den kleinen Unterschied ausmacht zwischen der einen und der anderen Parade. Mir gefällt dieser Überraschungsmoment ganz besonders“, sagt Teixeira.

“Wenn man etwas zum ersten Mal sieht, ist der “Schock“ am grössten – danach wird alles schon ganz anders empfunden“, ergänzt Finelon. Das Geheimnis um die Frontkommission, so sagt er, macht unsere Arbeit noch stressiger. “Das ermüdet, denn man kann nur des Nachts proben, und erst wenn alle andern gegangen sind“, hebt er hervor.

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