Die Sambaschulen zählen auf ihre Spezialisten zur Produktion von Allegorien und Schmuckelementen

Veröffentlicht am 28. Januar 2016 unter Karneval News

RJ Karneval 2015_Fernando Frazao AgenciaBrasilDer Bereich “Allegorien und Zierrat“ wird sowohl vom Publikum als auch von den Juroren der Paraden mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet und bewertet. Letztere pflegen der Ausstattung der allegorischen Wagen, den szenografischen Elementen und dem komplementären Zierrat besonderen Wert beizumessen, der von den einzelnen aktiven Mitgliedern zur Entwicklung ihres “Themas“ präsentiert wird. Dies ist auch der Bereich, welcher unter dem direkten Einfluss des entsprechenden “Karnevalisten“ der jeweiligen Sambaschule steht.

Durch die Entwicklung neuer Techniken und der Notwendigkeit, die Qualität der Ausführung der Allegorien weiter zu verbessern, bemühen sich die einzelnen Schulen Profis zu engagieren, die sich auf verschiedenen Gebieten spezialisiert haben.

Die “Imperatriz Leopoldinense“, zum Beispiel, hat seit vier Jahren einen Bildhauer angestellt. Daniel ist seit zehn Jahren Mitglied der Schule, war aber vorher als Maler tätig. Die Veränderung in seiner Funktion fand innerhalb des Werksgeländes statt. “Ich arbeitete an künstlerischer Malerei und interessierte mich für die Herstellung der Wagen-Skulpturen. Bei Gelegenheit wurde ich dann dafür probeweise eingesetzt – heute bin ich der Chef-Bildhauer unseres Vereins“!

“Ein Künstler hat in Brasilien wenig Gelegenheit, sich mit seiner Kunst – Skulptur und Malerei – zu beschäftigen, geschweige denn, davon zu leben. Dies ist meine Chance, zusammen mit den kreativen Karnevalisten, die unsereinem die Aufgaben stellen, meine Kunst zu zeigen. Ich bin überglücklich, diesen Teil unserer Arbeit übernehmen zu können“, ergänzt Daniel.

Des weiteren erklärt er uns, dass seine Skulpturen in den meisten Fällen in Styropor ausgeführt werden – manchmal auch in Eisen oder Schaumstoff. Je nach Art des verwendeten Materials wird eine bestimmte Skulptur von einem anderen Spezialisten ausgeführt.

“Jeder ist ein Spezialist für ein bestimmtes Material. Abhängig von der Vorgabe des Karnevalisten, widmet sich jeder Profi einem bestimmten Wagen“, sagt er. Nachdem die Styropor-Basis der Skulpturen fertig ist, wird sie entweder bemalt oder mit anderen Materialien verkleidet.

Mit dem, was Daniel pro Monat in der Schule verdient, gelingt es ihm, einen bescheidenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Im vergangenen Jahr 2015 begann die Arbeit für den Karneval 2016 im Juli. Den Rest des Jahres verbringt er mit anderen Arbeiten.

Und wer schon soviel Zeit in der Werkstatt seiner Schule verbracht hat, versäumt natürlich keine Gelegenheit, auch bei der Parade mitzumachen. “Ich pflege mit meiner Frau dabei zu sein – nicht auf den Wagen, sondern wir laufen innerhalb einer “Ala“, auf dem Boden. Es gefällt mir, in der Nähe meiner Lieblingsskulptur zu bleiben – in jedem Jahr ist es eine andere“, vertraut er uns an.

Karnevals-Thema

Beim diesjährigen Karneval sind die Skulpturen des Gesangsduos “Zezé de Camargo und Luciano“ – Themenfiguren der Sambaschule Imperatriz – Daniels Favoriten. “Hat mir grossen Spass gemacht, die Skulpturen dieser Beiden anzufertigen. Es gibt auch noch einen “Caipira-Engel“ dazu, der eine Geige spielt. Diese drei Figuren sind meine Favoriten in diesem Jahr“, sagt er und hofft, mit seiner Schule diesmal einen Platz an der Spitze der “Grupo Especial“ zu erreichen.

“Klar, dass wir gerne Champion werden wollen – das ist unser Ziel, und ich glaube, dass unsere gesamte Ausstattung der Parade für diesen Karneval ganz besonders gut gelungen ist. Die Farben sind lebendig, die Technik funktioniert exzellent und wir alle sind gut drauf“, ergänzt er.

Im vergangenen Jahr 2015 landete die Imperatriz auf dem sechsten Platz, und erhielt damit das Recht, an der “Parade der Champions“, am darauf folgenden Samstag, teilzunehmen. (Die “Parade der Champions“ wurde bis zum 6. Platz erweitert).

Alan ist der Operations-Direktor der “Mocidade Independente de Padre Miguel“, einer Sambaschule in der Ostzone von Rio de Janeiro. Er leitet die Metall verarbeitende Equipe, mit zehn Profis. Alan gehört seit zehn Jahren zur Mocidade. “Die Eisen- und Metallteile sind der Anfang und das Prinzip des gesamten Karnevals.

Alles funktioniert nur auf einer Basis aus Eisen oder anderen Metallen – die Träger des Gewichts, die strukturelle Kalkulation. Metall ist überall vorhanden, sogar in einige Kostüme, in der Deichsel der Wagen, der gesamten Struktur. Metall ist von grösster Bedeutung, wenn es auch manchmal nicht zu sehen ist, verborgen unter der Dekoration“, erklärt er.

Alan verrät uns, dass der Karnevalist der Mocidade, Alexandre Louzada, es mag, wenn die Metallkonstruktionen sichtbar sind – also die Arbeit des Schmiedes zu sehen ist. “Unser Eröffnungswagen präsentiert ziemlich viel Eisen, hier können die Zuschauer und die Jury die Kunst unseres professionellen Schmiedes bewundern“.

Auch er versichert uns, dass die heutigen Anforderungen bei der Gestaltung einer Parade und die qualitative Ausführung ihrer einzelnen allegorischen Komponenten, eine professionelle Spezialisierung ihrer Produzenten voraussetzen. “Wir alle haben wieder die Schulbank gedrückt, um dazu zu lernen. Ich selbst bin Schiffsbau-Ingenieur, deshalb obliegt mir die Kalkulation der Wagendimensionen. Die Tendenz geht weiterhin zum noch Schöneren, Grösseren, Arbeitsintensiveren. Keine Allegorie wird je wieder einer vorhergehenden gleichen“.

Die Wagen mit ihren einst 12 Metern Länge, so sagt er, sind heute bereits 30 Meter lang. Alan hebt hervor, dass genau deshalb besonders die Equipen der Eisenkonstruktion und der Mechanik eng zusammenarbeiten müssen, um eine perfekte Bewegung der allegorischen Wagen zu gewährleisten.

Aufgrund der finanziellen Krise im Karneval 2016, beginnt Alans Arbeit in der Werkstatt recht früh – er muss versuchen, so viel wie möglich von dem Material des Vorjahres erneut zu verwenden, um Kosten zu reduzieren. Wie er sagt, ist es gelungen, das Budget um 20% zu verringern.

“Ich glaube, dass wir nicht mehr als R$ 400.000 (zirka 100.000 Euro) diesmal ausgeben müssen. Unsere Leute konnten einen guten Teil der Eisenverstrebungen retten“, sagt er und fügt hinzu, dass zwei der Wagen nur mit diesem Recycling-Material ausgekommen sind. “Ich vertraue darauf, dass wir unter den ersten Plätzen landen werden. Die Leute werden Augen machen, wenn wir in die Avenida einmarschieren“!

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