Spezialisten machen den Unterschied in den Werkstätten der Sambaschulen von Rio

Veröffentlicht am 26. Januar 2016 unter Karneval News

Rio de Janeiro - Como nos últimos anos, Valdo Rocha virá no alto de uma alegoria da Estácio de Sá, mas neste ano, com a emoção de quem integrou a comissão de criação da escola (Cristina Indio do Brasil/Agência Brasil)

Foto: Cristina Indio do Brasil / AgênciaBrasil

Amilcar Augusto Carvalheira de Souza, Spitzname “Rivelino”, ist 61 Jahre alt und arbeitet seit 36 Jahren in der “Karnevalsfabrik” der Sambaschule “Imperatriz Leopoldinense”, wo der Karneval entsteht, angefangen von den allegorischen Wagen bis hin zu den kleinsten Details der Kostüme. Als Assistent hat er angefangen, hat sich langsam verbessert und es schliesslich zum Angestellten der Sambaschule geschafft. Sein Gehalt garantiert ihm den Unterhalt der Familie während jener Monate, in denen die Karnevalsvorbereitungen noch nicht angefangen haben.

“Ich bin ein Angestellter der Schule mit Vertrag. Darüber hinaus habe ich die Freiheit, mich auch mit anderen Dingen ausserhalb des Karnevals zu beschäftigen, aber ich respektiere nicht nur den Patron Luizinho Drummond (Präsident der Schule), sondern auch das Unternehmen an sich. Ich trage das Hemd unserer Schule“, sagte er.

Im Lauf der Zeit hat er sich spezialisiert. Heute ist er der Hutmacher der Schule und koordiniert die Arbeit einer Equipe, deren Werkstatt im vierten Stock des in der Cidade do Samba befindlichen Gebäudes, im Hafengebiet von Rio de Janeiro. “Ich wurde schon einmal als bester “Plumista“ (FedernDekorateur) Brasiliens ausgezeichnet, wegen meiner speziellen Arrangements von Pfauenfedern. Es gab damals keinen besseren als mich, aber dann habe ich meine Kunst weitergegeben an meine Schüler, und die wurden immer besser – und heute ist es mir nicht mehr so wichtig, besser als die Anderen zu sein. Jeder, der etwas leistet, soll hier willkommen sein, es ist Platz für alle“.

Aus seinem Curriculum geht hervor, dass “Rivelino“ bereits mit einer ganzen Reihe renommierter Karnevalisten wie Rosa Magalhães, Joãosinho Trinta, Arlindo Rodrigues, Viriato und Max Lopes zusammen gearbeitet hat – gegenwärtig arbeitet er mit Cahê Rodrigues. “Ich habe da keine Vorzüge, sondern muss den akzeptieren, der gerade für unsere Schule tätig ist. Aber ich könnte mich auch über keinen von ihnen beschweren, und sie beschweren sich auch nicht über mich, sonst hätten sie mich bereits entlassen“.

Seine jahrelange Erfahrung bringt es mit sich, dass kaum etwas auszusetzen ist an seinen Kreationen, die er den Kostümen anpasst. Rivelino hat Raum und Zeit seine Hüte zu gestalten, deren erste Modelle er dann mit dem verantwortlichen Karnevalisten abstimmt, zum Beispiel, ob der Hut mit seinem Umfang und Gewicht nicht seinen Träger irgendwie behindert und dadurch die Harmonie der marschierenden Schule während der Parade stören könnte. “Ich habe diese Freiheit, weil ich der Profi in diesem Sektor bin“, ergänzt er die Unterhaltung und fügt hinzu, dass im Atelier der Schule in diesem Jahr mehr als 3.000 Hüte für die “Alas“ (Themengruppen) jener Mitglieder angefertigt werden, die in Kostümen paradieren, die von der Schule bezahlt werden.

Das Thema 2016, eine Ehrung des “Sertanejo-Duos” Zezé de Camargo und Luciano, hat den Profi gepackt. “Das ist etwas Neues! Soweit ich mich erinnern kann, hat die Imperatriz in den 36 Jahren ihres Bestehens noch nie ein Gesangs-Duo zum Thema gehabt. Das wird mir besonderen Spass machen und Emotionen auslösen beim Publikum auf der Avenida. Ausserdem bin ich selbst ein Fan dieser Beiden“, sagte er.

Rio de Janeiro - Suely faz adereços no ateliê do barracão da Unidos de Vila Isabel e está confiante na vitória da escola do coração (Cristina Indio do Brasil/Agência Brasil)

Foto: Cristina Indio do Brasil / AgênciaBrasil

Auch die Rentnerin Edir Ramos Cardoso kann sich über mangelnde Erfahrung nicht beklagen, seit 28 Jahren arbeitet sie als Näherin, ab September bis in den Karnevalsmonat Februar hinein, im Kostüm-Atelier der Schule. Sie ist selbst als “Bahianerin“ der Imperatriz viele Jahre mitmarschiert – heute verfolgt sie die Paraden im Fernseher zuhause. Auch hat sich in ihrer Arbeitsstelle spezialisiert, nämlich auf die Produktion von Fransen an den Rocksäumen der “Baianas“ (Gruppe der Bahianerinnen).

“Das ist eine Spezialität von mir“, sagte sie, und fügt hinzu, dass es ihr grosse Befriedigung verschafft, einen Teil jener Kostüme anzufertigen, in denen sie selbst einst beim Karneval der Schule mitmarschierte.

Im Atelier des Gebäudes der Unidos de Vila Isabel produziert Suely Fernandes den Zierrat für die Kostüme ihrer Schule. Sie erblickte das Licht der Welt in dem Stadtteil, der wegen seiner Verbindung zu dem brasilianischen Komponisten Noel Rosa, als “Terra do Samba“ (Land des Samba) bekannt ist, und sie lebt noch immer dort. Suely sagt, dass die Vila Isabel die Schule ihres Herzens ist, und sie deshalb mit viel Freude und Emotionen ihrem Verein zur Seite steht, um den Karneval zu gestalten, der ihr auf der Avenida vielleicht den Sieg einbringen wird.

“Das ist pures Adrenalin! Endlich die fertigen Kostüme – zitternd vor Aufregung erwartet man den Beginn der Parade. Noch einmal überdenkt man alle die vielen Einzelheiten, mit denen die Schule glänzen wird. Und dann ist es soweit… Ich bin wirklich glücklich mit meiner Vila Isabel. Die Kostüme sind hinreissend…“

Bei der Parade nimmt Suely einen ganz besonderen Platz ein. Sie marschiert innerhalb der “Velha Guarda“ (Alte Garde) der Vila Isabel. “Mein Grossvater ist Gründer der Sambaschule Vila Isabel – sein Spitzname ist “China“ – und ich bin Mitglied der “Vila“ seit meiner Geburt. Nachdem ich sämtliche Segmente der Schule durchlaufen habe, hat man mich in die “Alte Garde“ aufgenommen, wo ich mich sehr wohl fühle. Das bedeutet eine grosse Verantwortung, und wir werden respektiert. Besonders auch, weil wir aus der Vila sind, der “Terra do Samba“. Wir übertragen diese Gesinnung auf die neuen Mitglieder – Respekt und Einigkeit“, erklärte sie.

Diese Karnevalistin der “Alten Garde“ kümmert es nicht, als sie die Favoriten für den Sieg in diesem Karneval 2016 aufgezählt bekam, denn “noch wird viel Wasser ins Meer fliessen bis zum Tag der Parade“ – und sie vertraut auf ein gutes Ergebnis in diesem Jahr. “Die Besten qualifizieren sich erst nachdem sie gelaufen sind, und solange das noch nicht passiert ist, gibt’s auch keinen Champion. Wir werden laufen, um zu gewinnen“, sagte sie lachend.

Rio de Janeiro - O chapeleiro Rivelino tem 36 anos de trabalho na Imperatriz Leopoldinense (Cristina Indio do Brasil/Agência Brasil)

Foto: Cristina Indio do Brasil / AgênciaBrasil

Valdo Rocha stellt eine der lebenden Figuren auf einem allegorischen Wagen der “Estácio de Sá“ dar, und er war es gewohnt, sein eigenes Kostüm selbst zu fabrizieren, während er verantwortlich war für den Zierrat und Schmuck im Kostüm-Atelier seiner Schule. In diesem Jahr ist seine Verantwortung gewachsen, denn man hat ihn in die Kreativ-Kommission aufgenommen, die den Karnevalisten bei der Entwicklung der einzelnen Themen assistiert.

“Mir hat es sehr gefallen, bei den einzelnen Designs mitzuarbeiten, einen Prototyp entstehen zu sehen, bei der Gestaltung der allegorischen Wagen, mit ihren pharaonischen Proportionen, dabei zu sein und die Erarbeitung der Details an den Kostümen überwachen zu dürfen. All das ist sehr befriedigend für mich. Und nun diese einzelnen Komponenten, an denen ich selbst massgeblich mitgewirkt habe, schliesslich auf der Avenida zu erleben, das bewegt einen gewaltig“!

Noch voller Enthusiasmus fügt er hinzu, dass es seine Aufgabe ist, am Eingang zum Sambódromo, vor Beginn der Parade, noch ein letztes Mal sämtliche Sektoren seiner Schule auf ihren perfekten Zustand zu kontrollieren, bevor er selbst sich das Kostüm überstreift, um zur Spitze seines allegorischen Wagens empor zu klettern. “Mein Wagen wird der fünfte in unserer Parade sein, und von dort werde ich einen Blick bis an die Spitze unserer Schule geniessen können“, freut er sich.

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