Karneval São Paulo 2012: 1. Paradenacht der Samba-Schulen

Veröffentlicht am 18. Februar 2012 unter Karneval News

sampa-carnaval2Die ersten 7 Samba-Schulen der “Grupo Especial“ (Spitzengruppe) haben ihre Parade zum diesjährigen Karneval im Sambadrom von Anhembi, São Paulo, beendet. Bis zum Tagesanbruch tanzten zehntausende Teilnehmer über die 530 Meter lange und 14 Meter breite Paradestrecke und liessen ihren Emotionen freien Lauf. Allerdings ist dabei, unter anderem, die Regel zu beachten, dass jede dieser Paraden innerhalb von 65 Minuten abgewickelt werden muss, sonst vergeben die Juroren Strafpunkte.

Camisa Verde e Branco zelebriert die Liebe nach ihrer Rückkehr in die “Grupo Especial“

Seit vier Jahren in der Aufsteigergruppe zum ersten Mal wieder in die Spitzengruppe zurückgekehrt, paradierte die Camisa Verde e Branco (Grün-weisses Hemd) mit dem Ziel, das Publikum von Anhembi mit einer Zelebrierung der Liebe zu gewinnen. Die grün-weisse Samba-Schule eröffnete die Spitzenparaden in dieser ersten Karnevalsnacht.

Ihre Höhepunkte waren die “Front-Kommission“, mit Kostümen in Rosa und Gold, und der allegorische Wagen, auf dem ein gigantischer Hochzeitskuchen mit zwei ebenso gigantischen Plüschbären montiert war. Der letzte Wagen symbolisierte die Liebe der Mitglieder zu ihrer Samba-Schule – sie beendeten die Parade innerhalb der vorgegebenen Zeit und ohne Probleme.

Unter dem Thema “É o Amor…“ (Es ist die Liebe…) präsentierte die Schule nicht nur die romantische Liebe, sondern alle bekannten Arten von Liebe – so der der Direktor der Percussion-Gruppe Jurandir Motta Santos (52). “Wir haben bemerkt, dass es in unserem modernen Leben an Liebe fehlt – sei es die romantische Liebe, die Nächstenliebe, die Mutterliebe, die Liebe der Familie, zu einem Fussball-Team oder zu einer Samba-Schule. Wir nehmen die Gelegenheit unserer Rückkehr zur “Grupo Especial“ wahr zu dieser Botschaft an das Publikum“.

Nach insgesamt neunmal Champion des Karnevals von São Paulo – mit dem letzten Titel im Jahr 1993 – erklärt Santos, dass das Ziel seines Vereins in diesem Jahr nicht das Siegerpodest ist, sondern der Verbleib innerhalb der Spitzengruppe. “Unsere Schule gehört einfach in die Spitzengruppe, schon wegen ihrer Geschichte, wegen ihrer Titel, wegen ihrer Verdienste, wegen ihres Gemeinwesens. Die Parade der Champions ist vielleicht sogar möglich, auf jeden Fall glauben wir daran, und das ist unsere Herausforderung für 2012“.

Vor der Parade heirateten Agnaldo Amaral und Katia Gonçalves in Grün und Weiss in Anhembi. Insgesamt präsentierte sich die Schule in Anhembi mit 5 allegorischen Wagen, verteilt auf 25 “Alas“ (kostümierte Themengruppen), mit insgesamt 3.000 marschierenden Mitgliedern.

Die Império de Casa Verde präsentiert die Geschichte der Optik in Anhembi

Gegründet vor 17 Jahren, machte die Samba-Schule Império de Casa Verde in diesem Jahr den Versuch eines dritten Titels – die Schule war Champion in den Jahren 2004 und 2006. Mit dem Thema “Na Ótica do meu Império o Foco é Você“ (In der Optik meines Imperiums stehst Du im Mittelpunkt), erzählte die Schule die Geschichte der wissenschaftlichen Entwicklung der konkaven und konvexen Linsen – und der Brillen, Teleskope. Die Geschichte wurde mittels eines zeitlichen Querschnitts erzählt. Aus der Antike präsentierte die Schule die optischen Entdeckungen der Ägypter, Araber, Griechen und Chinesen, durch die Gelehrte befähigt waren, uralte Pergamente zu studieren und vor-christliche Wissenschaftler die Sterne am Himmel.

“Die Parade endet mit der Entwicklung der optischen Linse bis zum heutigen Tag – mit den 3D-Linsen. Die Mehrheit des Publikums wird denken, dass wir nur Brillen präsentieren, aber ich hoffe, dass viele Leute auch die einzelnen Entwicklungsphasen der Optik für unsere Sicht begreifen werden“, sagte Émerson Machado, Karnevalsdirektor der “Casa Verde“.

Nach dem Fall von Rom wird die optische Linse zu einem bedeutenden Instrument der Religiösen, die in ihrer Abgeschiedenheit der mittelalterlichen Klöster verantwortlich waren für das philosophische Wissen der antiken Welt in einem zerstörten Europa. Im letzten Teil erzählen allegorische Wagen und Themengruppen vom Weg der optischen Linsen aus dem Mittelalter in die Moderne. Von der Begleiterin der Philosophie bis zur Top-Fashion entwickelt sich die Linse und enthüllt uns Atome und Galaxien im 20. Jahrhundert.

Die letzte Allegorie der Schule präsentierte Zirkusakrobaten – wie auch auf dem “Abre-Alas“ (Eröffnungswagen). Die Parade dauerte 1 Stunde und 4 Minuten – 1 Minute weniger als festgelegt – und hatte keine Probleme.

Die X-9 Paulistana nutzt die Parade zur Entdeckung des brasilianischen Interiors

Die X-9 Paulistana marschierte im Sambadrom von Anhembi in dieser ersten Paradenacht mit einem Thema zu Ehren der Kultur, der Natur und der Folklore des brasilianischen Hinterlandes. Unter ihren Höhepunkten die “Ala das Baianas“ (Themengruppe der Bahianerinnen), welche die Avenida mit ihren bunten Kostümen in unterschiedlichen Farben schmückte, eine Referenz an die brasilianische Flora. In der “Front-Kommission“ der Schauspieler Pascoal da Conceição, der als “Mario de Andrade kostümiert war.

“Schon seit 90 Jahren ermahnten uns die Modernisten, unsere nationale Kultur nicht zu vergessen, unsere Kultur zu bewahren, unsere Front-Kommission soll daran erinnern“, bemerkt der Karnevalist Rodrigo Cadete, der seit fünf Jahren in der Schule tätig ist. “Wir schlagen eine Reise zur Wiederentdeckung unseres brasilianischen Hinterlandes vor, aber wir machen das in einer besonderen Form – mittels einer Rallye“, sagt Cadete.

Und so nahm an der Parade der “X-9“ auch die “Rali dos Sertões“ (Rallye des Interiors) teil, die im Jahr 2012 auf 20 Jahre ihres Bestehens zurück blicken kann und in einem allegorischen Wagen auf der Avenida vertreten ist. “Die Rallye wollte irgendwie beim Karneval ihr 20-jähriges Bestehen feiern, und wir erkannten, dass dies ein mögliches Thema sein könnte – ein Karneval mit einer innovativen Ästhetik“, bestätigt Cadete.

Die übrigen allegorischen Wagen der “X-9“ erinnerten an die Naturschönheiten des brasilianischen Hinterlandes, an seine Kulturen und Bewohner, ausserdem brachten sie Referenzen an verschiedene typische Events, wie die “Cavalgada“ – Bumba meu Boi – Congada und Miracatu. Die Höhepunkte der Schule waren die “Baianas“ und die “Front-Kommission“.

Insgesamt umfasste das Aufgebot der “X-9“ 3.600 Personen, verteilt auf 26 “Alas“ und 5 allegorische Wagen mit dem Thema: “Trazendo para os braços do povo o coração brasileiro, a X-9 desbrava “os sertões“ dessa gente varonil“! (Die X-9 erforscht die “Sertões“ jener standhaften Menschen und legt das Herz Brasiliens in die Arme des Volkes).

Vai-Vai versucht sich als Bi-Champion mit einer Ehrung der Frauen

Unter dem Druck des “Champion beim Karneval 2011 in São Paulo“, präsentierte sich die Samba-Schule Vai-Vai in Anhembi mit dem Thema “Mulheres que Brilham: a Força Feminina no Progresso Social e Cultural do país“ (Brillante Frauen: Die feminine Kraft im kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt des Landes), eine Ehrung der Frauen, die Teil der Geschichte Brasiliens wurden.

“Unser Ziel ist zu demonstrieren, dass die Frau im Lauf der Geschichte sich in ihrer gesellschaftlichen Rolle verändert hat, die entscheidende Rolle einer Hauptdarstellerin in der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung unseres Landes, und der ganzen Welt, angenommen hat. Wir werden zeigen, dass die Frau die große Mutter jeder Veränderung ist“, erklärt der Karnevalist Alexandre Louzada.

Die Liste der so geehrten Frauen enthält zum Beispiel: die Indianerin Paraguaçu, die Prinzessin Isabel, die Freiheitskämpferin Anita Garibaldi, die Komponistin Chiquinha Gonzaga, die Malerin Tarsila de Amaral, die Sängerin Carmen Miranda und auch die gegenwärtige Präsidentin Dilma Rousseff, unter anderen berühmten Frauen. Die Front-Kommission der Schule ehrt ebenfalls die Frauen – die Ausführenden waren allerdings alles Männer in Frauenkostümen! Die “Alas“ der “Vai-Vai“ präsentierten dagegen Frauen als Blickfang in den vorderen Reihen.

Einer der Wagen der “Vai-Vai“ hatte Schwierigkeiten beim Abgang von der Avenida – er war extrem breit und kollidierte mit der Säule, auf der die Messuhr der Paraden montiert ist. Trotz dieses Problems beendete die Schule ihre Parade innerhalb der vorgegebenen Zeit. Die Parade der “Vai-Vai“ trug bisher zur enthusiastischsten Animation des Publikums bei. In diesem Jahr marschierten 4.000 Personen in ihrer Parade.

Die Rosas de Ouro erzählt die fiktive Geschichte vom Reich der Gerechten

Zur Feier ihres 40-jährigen Bestehens erzählt die Rosas de Ouro (Goldene Rosen) an diesem Karneval die erfundene Geschichte des ungarischen Königs Janos. Im Sambadrom wird “Das Reich der Gerechten“ (Thema der Schule) von den Mächten des Bösen infiltriert, und der König flieht auf der Suche nach einem neuen Land – Brasilien.

“Wir erzählen die Geschichte eines kriegerischen Volkes, welches nach Tod und Zerstörung im tropischen Paradies ankommt und sich dort ein neues Leben aufbaut“, sagte der Karnevalist Jorge Freitas. Das Thema ist eine Ehrung des Unternehmers und Entertainers Roberto Justus, der im letzten Wagen an der Parade teilnahm – als ungarischer König Mattias Corvinus, “Der Gerechte“. Seine Frau, Ticiane Pinheiro, ist ebenfalls in der Parade bei den “Vai-Vai“ dabei

Einer der Höhepunkte war die “Front-Kommission”, die ein riesiges Märchenbuch aufschlug, mit dem der Anfang jener Geschichte des “Reiches der Gerechten“ demonstriert wurde. Die Schule hatte an den herrlichen Kostümen nicht gespart und legte eine luxuriöse Präsentation hin, mit verschiedenen choreografierten “Alas“ (Themengruppen).

Diese fiktive Geschichte versucht ausserdem, die ungarischen Emigranten und ihre Kultur zu ehren, die sich in Brasilien niedergelassen haben. Die Kostüme sind von mittelalterlicher Prägung und passen zu den Schlössern, Geigen und viel Luxus. Die dominierenden Paradefarben waren Rot, Grün und Weiß auf den Wagen und den Kostümen – neben Rosa, der Vereinsfarbe. Die Schule betrat als Fünfte den Sambadrom – sie paradierte mit 5 allegorischen Wagen und 3.000 Mitgliedern.

Acadêmicos do Tucuruvi zeigen die Kultur Afrikas in der Parade

Die traditionelle Samba-Schule von São Paulo, die Acadêmicos do Tucuruvi, paradierten in den Farben und Mustern eines primitiven Afrikas über den Asphalt des Sambadroms von São Paulo. Mit dem Thema “Esplendor da África no reinado da folia” (Der Glanz Afrikas im Reich des Karnevals), liess die Schule die arkaische Geschichte jenes Kontinents wieder aufleben und erinnerte daran, was die Kultur der afrikanischen Völker dem modernen Menschen vermittelt hat.

“Wir werden ein primitives Afrika zeigen, ohne Faulheit, ohne Armut, um die Werte der afrikanischen Völker zu demonstrieren“, sagt dazu der Karnevalist Wagner Santos (50). Für ihn war die grosse Sensation der zweite Wagen “Africa Selvagem“ (Wildes Afrika) – über und über dekoriert mit natürlichen Pflanzen und Blumen. Nach der Parade wurden die Pflanzen der Subpräfektur von Tucuruvi gespendet, damit sie diese auf den Strassen ihres Stadtteils verteilt, wo die Schule seit 1976 ansässig ist.

In anderen Abschnitten der Parade wurde die eingeborene afrikanische Gesellschaft und ihre Religiosität gezeigt. Ein weiterer Höhepunkt war der Wagen “Templo dos Bambas“, der jene ersten Afrikaner ehrt, die brasilianischen Boden (als Sklaven) betraten. “Heute sind wir Brasilianer die Erben einer der schönsten afrikanischen Traditionen: dem Samba, der eine Essenz aus den afrikanischen Zeremonien und Ritualen darstellt“, sagte der Karnevalist.

Die “Surdos“ (grosse Bauchtrommeln) der Gruppe des Maestro Adamastor waren die meist geschmückten dieser ersten Nacht – sie präsentierten Fotografien von afrikanischen Tieren, und auch die “Caixas“ (kleine Trommeln) standen nicht zurück – die präsentierten die Illustration eines Zulu-Kriegers. Die 3.000 “Acadêmicos do Tucuruvi“ beendeten ihre Parade in genau 60 Minuten – fünf Minuten vor der Grenzzeit.

Die Parade der Mancha Verde – Thema Bescheidenheit und “Candomblé“

Mit dem Thema “Pelas Mãos do Mensageiro do Axé a Lição de Odú Obará: A Humildade” (Aus den Händen des Axé-Botschafters die Lektion von “Odú Obará“: Die Demut) beendet die Samba-Schule Mancha Verde (Grüner Fleck) den ersten Parade-Tag der “Grupo Especial“ beim Karneval von São Paulo. Ihre Absicht war es, die Lehren des “Candomblé“ (afro-brasilianische Kulthandlung) und die Geschichte des “Jogo de Búzios“ (Zukunftsdeutung aus Muscheln) zu demonstrieren. Mit einer Demonstration in vielen Farben begann der “Abre-alas“ (thematischer Eröffnungswagen) der Schule die Parade mit einem Szenario der weltweiten Zerstörung und der Revolte der Natur.

“Der letzte Wagen ist identisch mit dem “Abre-alas“ (also dem ersten), aber mit umgekehrten Szenen. Während der erste Wagen die Zerstörung zeigt, bietet der letzte dagegen Alternativen einer idealen Weltvorstellung, wie sie Gott geschaffen hat“, sagte der Karnevalsdirektor der Schule, Paolo Bianchi, dazu. Einer der Höhepunkte war der dritte Wagen dieser Schule, der 16 Riesenkürbisse und das Haus von Odum präsentiert. In jedem der Kürbisse wird der Reichtum mittels eines entsprechenden Kostüms dargestellt.

Der letzte allegorische Wagen, “O Mundo que Olorum Sonhou” (Die Welt, welche Olorum erträumte), stellte, wie schon erwähnt, das konträre Szenario des ersten Wagens dar. Auf ihm paradieren 110 Kinder und der Ex-Torwart Marcos. Sie repräsentieren die Demut, die Bescheidenheit.

“Wir haben hart daran gearbeitet, unsere Fehler vom vergangenen Jahr herauszufinden – wir haben 3,5 Millionen in unser Ziel investiert, in diesem Jahr den Karneval zu gewinnen. Die “Mancha“ beginnt in den letzten Jahren weiter zu wachsen, und wir haben eine Verpflichtung gegenüber unserer Gesellschaft“, bemerkte Bianchi. Die Samba-Schule “Mancha Verde“ erreichte beim Karneval 2011 den vierten Platz.