Jahresrückblick 2008

Veröffentlicht am 19. Dezember 2009 unter Jahresrückblick aus Brasilien

Willkommen zum BrasilienPortal-Jahresrückblick 2008. Wir präsentieren Ihnen die wichtigsten Meldungen des ablaufenden Jahres – natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Viele weitere Meldungen finden Sie in unserem Newsbereich!

Rückblick auf das brasilianische Jahr 2008 mit ausgesuchten Ereignissen.

JANUAR

Besonders im Interesse der Öffentlichkeit stand Mitte Januar das überraschende Treffen von Luiz Inácio Lula da Silva mit Fidel Castro. Die Unterhaltung mit dem Diktator dauerte rund zweieinhalb Stunden. Im Anschluss erklärte Lula, Castro sei “bereit, seine politische Rolle in Kuba auszufüllen“. Er sei „geistig unglaublich klar“, es gehe im “sehr gut“.  Der 81-jährige Revolutionsführer war seit Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Es war der zweite Besuch Lulas in Kuba seit 2003. Lula, der aus der linken Gewerkschaftsbewegung stammt, verbindet mit Castro eine alte Freundschaft, die sich jedoch in den letzten Jahren etwas abgekühlt hat. Am Ende gestand der brasilianische Präsident den Reportern auf dem Flughafen von Havanna seinen Respekt über den seiner Meinung nach hervorragenden Gesundheitszustandes des “Maximo Lider” ein: “Wenn ich eines Tages krank sein sollte, möchte ich noch genauso reden können wie Castro mit mir geredet hat“ erklärte er in Bezug auf die “geistige Klarheit“ seines “Kameraden Fidel“.   

Ein paar Tage später kündigte die brasilianische Regierung an, in den kommenden vier Jahren umgerechnet rund 1.5 Milliarden Euro zu investieren, um die sog. Armutskrankheiten [doenças da pobrezas] wirksamer bekämpfen zu können. Der Fokus lag dabei auf der Reduktion von Lepra, Tuberkulose, Chagas, Leishmaniose, Malaria und Dengue. Denn diese treten vornehmlich in Siedlungen der Ureinwohner, in Quilombos (Siedlungen ehemaliger schwarzer Sklaven) und in den Favelas der Grossstädte auf. Viel ist in der Öffentlichkeit nicht über die Krankheiten bekannt, die meist nur die ärmste Bevölkerungsschicht betrifft. Die Ursachen hängen dabei stark mit den Lebensbedingungen der Menschen zusammen. Fehlende Abwasserversorgungen, Häuser aus Lehm und Stroh und eine schlechte Infrastruktur mit mangelhafter medizinischer Betreuung lassen immer wieder Krankheiten ausbrechen, die eigentlich schon als besiegt galten. Doch jedes Jahr sterben Zehntausende daran, Millionen sind chronisch krank.

Aus dem Gesundheitsbereich gab es jedoch im Januar auch eine sehr rührende Meldung. In Sorocaba im Bundesstaat São Paulo wurde ein Mädchen namens Ana Vitória geboren. Knapp 3 Kilogramm schwer, viele Haare und nach Angaben der Mediziner kerngesund. Und dies ist wie ein kleines Wunder. Denn die Mutter wurde vor gut 20 Jahren mit HIV geboren, nachdem ihre Mutter wiederum bei einer Bluttransfusion mit dem Erreger infiziert wurde. Dank der medikamentösen Behandlung über zwei Jahrzehnte konnte so bislang nicht nur das Leben der jungen Frau gerettet werden, diese konnte nun überraschenderweise auch neues, gesundes Leben schenken.

FEBRUARnach oben

Im Februar steht ja alljährlich der Karneval im Mittelpunkt des Interesses. Wir haben darüber sehr ausführlich berichtet und es würde den Rahmen dieser Zusammenfassung sprengen. Ans Herz legen wir Ihnen daher unsere Sonderseite unter Rio Karneval, wo sie alles Wissenswerte über den Karneval in Rio de Janeiro finden, viele Samba-Enredos anhören können und zudem Tipps finden, wie sie am besten einmal bei dem gigantischen Spektakel dabei sein können. Erwähnt sei noch, dass in der Metropole unter dem Zuckerhut die Sambaschule Beija-Flor ihren Titel verteidigen konnte. In São Paulo  war die Sambaschule Vai-Vai erfolgreich.

Kurz nach den närrischen Tagen machte erneut Staatspräsident Lula mit einem weiteren Grossprojekt auf sich aufmerksam. Die digitale Welt hatte nun endgültig Brasilien erreicht und für das Staatsoberhaupt bedeutete dies, dass nun auch alle Schulen Zugang zum weltweiten Datennetz erhalten müssen. In einer landesweit übertragenen TV- und Rundfunkansprache zum Schulanfang in Brasilien kündigte er daher an, bis zum Jahr 2010 rund 55.000 öffentliche Schulen ans Internet anzuschliessen. “Wir sind ein weltweites Vorbild  bei der kostenlosen Verteilung von Schulbüchern und dem Essen in der Schule. Und wir wollen auch ein Beispiel sein in Bezug auf Informatik in den Schulen. Darum werden wir in Zusammenarbeit mit privaten Initiativen in den kommenden Tagen ein Programm starten, welches Breitbandinternet in alle 55.000 öffentlichen Schulen in urbanen Zonen bringt, ein gigantischer Schritt auf dem Weg der digitalen Integration und der Qualität der Bildung“ so Lula in seiner Ansprache.   

Ein paar Tage später gewann der brasilianische Wettbewerbs-Beitrag “Tropa de Elite“ dann überraschend den Goldenen Bär der 58. Berliner Filmfestspiele 2008. In seinem Spielfilmdebüt erzählt Regisseur José Padilha vom brutalen Kampf der Polizei-Sondereinheit Bope gegen die Drogenbosse in den Elendsvierteln von Rio de Janeiro. Und dieser Film brach in Brasilien alle Zuschauerrekorde – wenn auch nicht unbedingt im Kino. Besonders als Raubkopie konnte man die DVD bereits Wochen vor dem offiziellen Kinostart, den Verantwortliche der Polizeibehörden noch gerichtlich verhindern wollten, kaufen.   

Allerdings ereigneten sich auch wieder schlimme Unfälle, wie z.B. der Zusammenstoss eines Passagierschiffes mit einer Fähre auf dem Amazonas. Dabei kamen im Februar 18 Menschen ums Leben. Das Schiff “Almirante Monteiro“ war von Alenquer im Bundesstaat Pará nach Manaus unterwegs und hatte dem Kapitän zufolge beim Auslaufen siebzig Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder an Bord. Nach verschiedenen Haltepunkten sollen sich zum Unglückszeitpunkt rund 110 Personen auf dem Schiff befunden haben. Aus noch ungeklärter Ursache kam es dann etwa 200 Flusskilometer vor Manaus zu dem Zusammenstoss, bei dem das Passagierschiff sank. 92 Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten bereits wenige Minuten nach dem Zusammenstoss gerettet werden, für viele andere kam jede Hilfe zu spät.

Und der Februar 2008 endete mit einer positiven Nachricht für alle Arbeiter und Angestellten. Der brasilianische Mindestlohn wurde zum 01. März von 380 R$ auf ca. 415 R$ erhöht, dies sind aktuell etwa 130 Euro.

MÄRZnach oben

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: mindestens 3.1 Millionen Hektar in Amazonien sind Eigentum von Ausländern. Dies gab im März der Präsident des brasilianischen Instituts für Kolonisierung und Agrarreform (Incra), Rolf Hackbart, bekannt. Laut Hackbart handelt es sich um mindestens 39.000 registrierte Grundstücke. Allerdings dürfte die Zahl deutlich höher liegen. Das Interesse von Ausländern an Grundstücken in Amazonien hat sich durch das starke Wachstum in der brasilianischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahren vervielfacht. Ein breites Spektrum von Interessenten, vom Umweltaktivisten bis hin zu Bodenspekulanten im Holzbereich, versucht immer häufiger Ländereien in Amazonien zu erwerben.

Aus dem Umweltbereich sorgte auch eine weitere Meldung im März für starkes Medieninteresse. Am internationalen Tag des Wassers bemängelten verschiedene nationale und internationale Organisationen den verantwortungslosen Umgang mit Trinkwasser in Brasilien. In den grossen Metropolen und in Städten mit mehr als 120.000 Einwohnern liegt der Verbrauch derzeit bis zu rund 320 Liter pro Person. Trauriger Spitzenreiter ist Brasília, wo sogar schon einmal 1.000 Liter pro Person und Tag festgestellt wurden. “Dies ist absolut absurd“ so ein Sprecher des Programms zur Rationalisierung des Konsums von Trinkwasser, Paulo Rogério Costa. “Der Referenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 40 Liter, die ein Mensch täglich benötigt, als Maximalwert wurden 180 Liter festgelegt. Der Verbrauch in Brasilien liegt jedoch durchschnittlich bei über 200 Liter.“

In der Politik warb Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva für eine Erhöhung der Studienplätze in Brasilien. Die eingeleiteten Massnahmen, welche in den kommenden Jahren die Zahl der Studienplätze in Brasilien massiv erhöhen sollen, kämen einer “kleinen Revolution“ im Bildungsbereich gleich. Lula wies in einem Radiointerview darauf hin, dass die Ausweitung der Hochschulbildung von verschiedenen Massnahmen begleitet werde. Neben mehr Stipendien soll der gesamte Bereich der staatlichen Universitäten umstrukturiert werden. Besonders das Programm ProUni werde für einen massiven Anstieg an Studenten in Brasilien sorgen. “Dieses Jahr werden wir durch ProUni rund 60.000 Studenten bekommen. Das ist eine unglaubliche Dimension, die wir für die jungen Menschen aus den städtischen Randbezirken erreichen, welche nun die Universität besuchen können. Das Programm betreut derzeit rund 310.000 Studenten und der Auswahlprozess wird dieses Jahr vermutlich weitere 100.000 Studenten für ProUni vorsehen“ erklärte das Staatsoberhaupt zuversichtlich. Aber auch in anderen Bereichen soll verstärkt in die Bildung investiert werden. Viele neue Kindergärten und Vorschulen sind geplant, die Promotion zum Doktor soll erleichtert werden, insgesamt 40 einzelne Aktionen sind im sog. “Bildungsplan“ festgeschrieben. Schwerpunkt der Initiative liegt jedoch in der Verbesserung der allgemeinen Schulbildung.   

APRILnach oben

Aber auch auf dem Arbeitsmarkt wurden neue Massnahmen geplant. Im April stelle das Arbeitsministerium ein Modellprojekt vor, welches Langzeitarbeitslose im Wirtschaftsprogramm PAC mit Arbeit versorgen soll, um sie somit langfristig im Berufsleben zu integrieren. Ab Mai wurden dafür rund 200.000 Personen aus der ärmsten Bevölkerungsschicht Brasiliens ausgewählt. Alle diese Personen sind im brasilianischen Sozialprogramm Bolsa Família registriert. Nach Vorstellung des Ministeriums sollen die Betroffenen zuerst rund 80 Stunden Theorie absolvieren, in denen sie die Grundlagen zum Bauhandwerk, Arbeitssicherheit, Gesundheit und Bürgerrechte vermittelt bekommen. Danach ist ein dreimonatiges Praktikum auf den Baustellen vorgesehen, an dessen Ende ein festes Arbeitsverhältnis stehen kann. In der Probezeit erhalten die Neulinge ihre Bezüge aus der Arbeitslosenversicherung, danach können die ausführenden Firmen sie in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis beschäftigen.

Im Tourismus in Brasilien wurde ebenfalls eifrig geplant. Wie die damalige Ministerin für Tourismus, Marta Suplicy ankündigte, soll die Neuschaffung und Renovierung von Freizeitparks zukünftig die touristischen Aktivitäten in Brasilien verstärken. Zudem sollen Investitionen in diesem Bereich einfacher zu realisieren sein. “Wir haben fünf Millionen ausländische Touristen, die nach Brasilien kommen. Disneyland hat 100 Millionen Touristen“ erläuterte Suplicy, wobei sie im Beispiel von Disneyland lokale und ausländische Besucher zusammenrechnete. “Wenn du einen fantastischen Park hast, und wir werden alles unternehmen um fantastische Parks an fantastischen Orten zu haben, dann bekommen wir eine ganz andere Aufmerksamkeit international und national, denn die Brasilianer werden ihre Parks auch besuchen.“  Zudem wollte Suplicy weitere Initiativen starten, um den Tourismus im Allgemeinen anzukurbeln. Besonders ausführlich ging sie dabei auf das von ihr lancierte nationale Programm für Seniorenreisen ein. Das Tourismusministerium plante für 2008, mindestens 50.000 Reisepakete in Brasilien verkaufen zu können. Im vergangenen Jahr wurden bereits 7.000 statt der ursprünglich 2.000 geplanten Pakete an Personen über 60 Jahre verkauft. Nun sollte das Programm massiv ausgeweitet werden. Auch die etablierten Reiseveranstalter sehen in dieser Nische mittlerweile ebenfalls ein Geschäft und bieten immer häufiger Reisen für Pensionäre und Ruheständler an. 

Positive Zahlen auch aus dem Gesundheitsbereich. Nach einer Studie der medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet“ ist in Brasilien von 1996 bis 2006 die Sterberate bei Kindern zwischen 0 und 5 Jahren um 65 Prozent gesunken. Nur Peru hat mit 68 Prozent ein besseres Ergebnis vorzuweisen. Als drittes Land in Südamerika liegt Bolivien mit einer Reduktion um 51 Prozent auf Platz 9. In absoluten Zahlen hat Brasilien den Index in diesem Sektor von 57 auf 20 Todesfälle je 1.000 Geburten gesenkt. “The Lancet“ hatte bei seinen Erhebungen insgesamt 68 Länder untersucht und nun in einer Spezialausgabe mit Namen “Countdown 2015“ veröffentlicht. Erstellt wurde die Studie in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, Unicef und verschiedenen medizinischen Fakultäten. Unter anderem wurde auch die Müttersterblichkeit untersucht. Brasilien liegt hierbei auf dem 4. Rang mit 110 Fällen je 100.000 Schwangerschaften. In den kommenden Jahren will Brasilien die Rate bei der Kindersterblichkeit jedoch noch weitaus stärker senken. Das selbst gesteckte Ziel für 2015 mit einem Index von 6 statt heute 20 würde Brasilien auf eine Ebene mit Grossbritannien oder den USA setzen.

MAInach oben

Preisanpassungen bei Lebensmitteln haben in den ersten vier Monaten diese Jahres die Erhöhung des Mindestlohnes übertroffen. In 11 Metropolen des Landes mussten die Menschen im Mai prozentual gesehen bereits mehr für den sog. Warenkorb ausgeben, als die Anpassung des gesetzlich festgelegten Grundeinkommens ausgemacht hatte. Dies ging aus der monatlichen Erhebung des nationalen Preisindex seitens der Behörde für sozialökonomische Studien DIEESE  hervor. Für den Leiter der Untersuchung war eine Verteuerung über der Lohnerhöhung nicht das erste Mal vorgekommen. Daran sehe man, wie notwendig die entsprechenden Anpassungen seitens der Regierung gewesen seien. Seiner Aussage nach waren vor allem massive Preisanstiege bei Bohnen, Sojaöl, Mehl, Brot und Milch für die Teuerung verantwortlich.

Einen Tag vor dem Treffen von Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die brasilianische Umweltministerin Marina Silva überraschend im Mai zurückgetreten. Grund ihrer Amtsniederlegung war die Politik Lulas zur nachhaltigen Entwicklung der Amazonasregion. Hierbei steht nach ihrer Meinung nicht der Schutz des grössten Waldgebietes der Erde im Vordergrund, sondern die Schaffung von Infrastruktur zur Steigerung der Wirtschaftskraft in der Region. >Verschiedene brasilianische Politiker reagierten mit Bestürzung auf das Rücktrittsgesuch und forderten die Regierung auf, Silva zur Fortführung ihrer Arbeit zu bewegen. Auch wurden Stimmen laut, dass eine Amtsniederlegung – gerade in Hinblick auf den Staatsbesuch der deutschen Bundeskanzlerin und dem kommenden EU-Südamerikagipfel in Lima – das Ansehen Brasiliens auf internationaler Ebene Schaden zufüge. Die Regierung Lula reagierte bereits weniger als 24 Stunden nach dem Gesuch und bestimmte Carlos Minc Baumfeld als Nachfolger. Der 57-jährige erklärte kurz nach Bekanntgabe der Benennung, die Politik von Marina Silva fortführen zu wollen. Zudem äusserte er den Wunsch, zukünftig das Militär in den Naturschutzgebieten einzusetzen, um illegale Rodungen zu verhindern.

Deutschland blickt mit Besorgnis auf die Ausweitung der Sojaproduktion und die damit verbundene Abholzung in Amazonien. Dies erklärte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Treffen mit Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva in Brasília. Es war der erste offizielle Besuch eines deutschen Regierungschefs seit sechs Jahren. Deutschland erhofft sich durch eine stärke Partnerschaft mehr Einfluss bei den Bemühungen um den Erhalt des brasilianischen Regenwaldes. Im Mittelpunkt stand daher auch die Unterzeichnung mehrerer Abkommen zum Schutz Amazonien. Insgesamt 40 Millionen Euro stellt die Bundesregierung für mehrere Projekte bereit, unter anderem aber auch für den Kampf gegen Aids. In Amazonien soll das Geld in die Ausweisung neuer Schutzzonen und Erhaltung bestehender Naturschutzgebiete fliessen.  Laut der brasilianischen Regierung sollen jedoch zusätzliche Gelder auch in Massnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und in die Erschliessung die natürlicher Ressourcen fliessen.

Die Menschen in Amazonien sollen laut Lula bessere Zukunftsperspektiven erhalten. Da hierbei für viele der Schutz der “Lunge der Welt“ zu kurz kommt, hagelt es Kritik von allen Seiten. Doch das brasilianische Staatsoberhaupt gibt sich weiterhin extrem selbstbewusst. “Wir haben viel Öl entdeckt. Sehr viel. In 10 Jahren wird man uns Scheichs nennen, der Präsident wird ein Scheich sein“ erklärte Lula scherzend auf die Frage eines Journalisten. Auf die kritische Frage eines deutschen Medienvertreters zur Verantwortung der Weltgemeinschaft in Bezug auf die Erhaltung des amazonischen Regenwaldes reagierte er wie bereits in der Vergangenheit mit harten Worten: “Amazonien ist Bestandteil und rechtlich von der kompletten Verantwortung her Teil der nationalen Souveränität“ so Lula. Er hätte auch sagen können: Amazonien ist unser. 

Die Flüsse Tietê und Iguaçu sind die am stärksten verschmutzten Gewässer innerhalb brasilianischer Grossstädte. Aber auch in vielen anderen Teilen des Landes ist der Zustand von Flüssen und Stauseen besorgniserregend. Dies geht aus einer im Juni vom brasilianischen Institut für Geografie und Statistik (IBGE) veröffentlichten Studie hervor. Generell sind sämtliche Gewässer in Brasilien weit von Idealzustand entfernt. Nirgendwo ist bei den Untersuchungen eine optimale Wasserqualität angetroffen worden. Die schlechtesten Werte finden sich in den grossen Metropolen, vor allem im Rio Tietê in São Paulo und im Rio Iguaçu im Grossraum von Curitiba. Aber auch Flüsse in den Bundesstaaten Minas Gerais, Bahia und Pernambuco sind in einem kritischen Zustand. 

JUNInach oben

Im Kampf gegen Kinderarbeiten will Brasilien sich zukünftig stärker engagieren. Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva hat in diesem Zusammenhang im Juni ein Dekret unterzeichnet, welches die Konvention 182 der internationalen Organisation für Arbeit anerkennt. Insgesamt 109 Aktionen wurden geplant, welche die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen nachhaltig verhindern sollen. Wie Lula nach der Unterzeichnung erklärte, werde seine Regierung aufgrund der intensiven Kontrollen seitens des Arbeitsministeriums oftmals kritisiert. Doch die Überprüfungen sollen auch zukünftig weiterhin durchgeführt werden. “Wir werden nicht aufhören zu kontrollieren und wir wollen, dass die Gesellschaft daran teilnimmt. Wenn die Gesellschaft daran teilnimmt, ist alles viel einfacher“ argumentierte das Staatsoberhaupt.   

Im Streit um Immigration und Bleiberecht von Brasilianern im Ausland ist das grösste Land Südamerikas fest entschlossen, das Prinzip der Reziprozität auf all diejenigen Länder anzuwenden, die entsprechende Massnahmen gegen brasilianische Staatsbürger ergreifen. Laut dem brasilianischen Aussenminister Celso Amorim sei dies bereits vor über einem Jahr seitens der brasilianischen Regierung im Rahmen einer Ministerkonferenz über eine strategische Partnerschaft zwischen Brasilien und der Europäischen Union erklärt worden. Gemäss Amorim will Brasilien damit bekräftigen, dass es sich dabei um eine politische und nicht um eine reine konsularische Angelegenheit handelt. “Die Reziprozität ist die Voraussetzung. Daneben wünschen wir uns eine menschliche und korrekte Behandlung, wir wollen, dass Brasilianer nicht Objekt einer konzentrierten Aktion aufgrund ihrer Nationalität werden. Es ist unvereinbar mit dem Beitrag, den unsere Bürger in anderen Ländern leisten, im gleichen Rahmen wie wir früher die Hilfe seitens der Immigranten erhalten haben“ erklärte Amorim im Juni im Rahmen einer Debatte im brasilianischen Parlament. 

Und für alle Feinschmecker noch eine äusserst positive Nachricht. Die Europäische Kommission hat Ende Juni nach langem Ringen das Importverbot für brasilianisches Fleisch aus den Bundesstaaten São Paulo und Paraná aufgehoben. Aufgrund eines Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche durfte seit 2005 kein Fleisch mehr aus dieser Region in die EU importiert werden. In einer Stellungnahme erklärt die Kommission, dass die verantwortlichen brasilianischen Behörden „beachtliche Anstrengungen unternommen haben, um die Gesundheitssituation der Tiere zu verbessern“. 

JULInach oben

Neuregelung bezüglich Alkohol im Strassenverkehr in Brasilien. Das Gesetz 11.705 ändert die brasilianische Strassenverkehrsordung ab und gilt seit dem 20. Juni. Ab sofort herrscht striktes Alkoholverbot für den Fahrer, früher waren 0.6 Promille erlaubt. Jeder Autofahrer, der beim Fahren unter Alkoholeinfluss ertappt wird, muss mit einer Geldstrafe in Höhe von 957.70 R$ (ca. 380 Euro) sowie dem Entzug der Fahrerlaubnis für 12 Monate rechnen. Zudem kann das Auto beschlagnahmt werden, bis alle notwendigen Papiere wie persönliche Dokumente, Zulassung, etc. vorgelegt wurden. Ab 6 Dezigramm/Liter Blutalkohol oder 0.3 Milligramm Alkohol je Liter Atemluft erfolgt automatisch eine Verhaftung. Zudem wird ein Strafverfahren eröffnet. Bis zur Verhandlung kann der Täter unter Umständen nach Zahlung einer Kaution die Zeit in Freiheit verbringen. Das spätere Strafmass liegt zwischen 6 Monaten und drei Jahren, sowie Geldstrafe und Führerscheinentzug. 

Ausländische Nicht-Regierungsorganisationen, die in Brasilien tätig sind, mussten sich ab Mitte Juli beim brasilianischen Justizministerium neu registrieren. Laut einer Verordnung hatten die NGOs 120 Tage Zeit, den entsprechenden Antrag einzureichen. Hierbei mussten neben einer exakten Definition des Betätigungsfeldes auch die Namen der aktuellen Mitarbeiter in Brasilien benannt sowie eine Jahresbilanz eingereicht werden. Laut dem Justizministerium sind 166 ausländische Nicht-Regierungsorganisationen in Brasilien tätig, 27 davon im Amazonasgebiet. Durch die Kontrollen soll zukünftig Piraterie im Umweltbereich und bei den Indiovölkern verhindert werden und zudem die Einflussnahme der NGOs auf die Ureinwohner stärker überwacht werden. 

Der brasilianische Kampftanz Capoeira ist seit dem 15. Juli nationales Kulturerbe. Dies bestimmte die Ratsversammlung des brasilianischen Instituts für Geschichts- und Kunsterbe in Salvador da Bahia. Dadurch kann der lange verbotene Capoeira nun noch stärker gefördert werden, verschiedene Projekte sind bereits geplant. Auf der ganzen Welt gibt es mittlerweile Gruppen, die der Leidenschaft des Capoeira verfallen sind. Eingeführt von Sklaven aus Afrika, war der Kampfsport bei den Kolonialherren natürlich unbeliebt, konnte er doch zu Aufständen oder Schlimmeren führen. Daher versteckten die Sklaven ihr Training in einem Tanz, wobei immer zwei Personen in der Mitte eines Kreises “kämpfen“, während rundherum geklatscht und gesungen wird. 

Der brasilianische Kultusminister Gilberto Gil hat Ende Juli bei Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva seinen Rücktritt eingereicht. Dies wurde damals bereits kurz nach einem Treffen des Musikers mit dem Staatsoberhaupt bekannt. Es war der dritte Versuch des Künstlers, sich endlich wieder mehr der Musik zu widmen. Entgegen den vorherigen Bitten nahm das Staatsoberhaupt nun das Gesuch an. Der Minister begründete seinen Rücktritt mit Schwierigkeiten bei der gleichzeitigen Ausübung des Ministerpostens und seiner musikalischen Karriere. Der im In- und Ausland erfolgreiche Künstler, der schon mit Legenden wie Bob Marley zusammen gespielt und den brasilianischen Reggae und Tropicália in den vergangenen Jahrzehnten massgeblich beeinflusst hat, will trotz seiner 66 Jahre nun wieder öfter auf der Bühne stehen.

Ein technischer Defekt an der Radarüberwachung im brasilianischen Bundesstaat São Paulo hat Anfang August zu massiven Beeinträchtigungen im Flugverkehr geführt. Wie die Flughafenverwaltung Infraero mitteilte, konnte seitens der Fluglotsen keine Positionsbestimmungen der Flugzeuge per Radar vorgenommen werden. Betroffen waren die Flughäfen Congonhas, Campo de Marte, Guarulhos in São Paulo sowie Viracopos in Campinas. Der Funkverkehr mit den Piloten war jedoch laut Infraero durch den Ausfall zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt. Die Auswirkungen waren auch in benachbarten Bundesstaaten zu spüren. In Rio de Janeiro waren auf dem Flughafen Santos Dumont sämtliche Starts und Landungen für knapp zwei Stunden gestrichen, der internationale Flughafen Tom Jobim (Galeão) war jedoch nicht betroffen. Vielmehr wurden verschiedene Flüge, die für Guarulhos in São Paulo vorgesehen waren, dorthin umgeleitet. Nach den mehrstündigen Unterbrechungen normalisierte sich der Flugverkehr jedoch wieder im Verlauf des Tages.

AUGUSTnach oben

Im August bestimmte die Olympiade eine Vielzahl von Meldungen. In 29 olympischen Sportarten kämpften 277 brasilianische Athleten – 145 Männer und 132 Frauen – bei den olympischen Spielen in China um Gold, Silber und Bronze. Vor vier Jahren waren es mit 125 Männern und 122 Frauen nur 247 gewesen. Am Ende landete Brasilien in Athen mit fünf Gold-, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen auf dem 16. Platz im Medaillenspiegel. Einen Medaillenausblick für dieses Jahr wollte das nationale olympische Komitee im Vorfeld jedoch nicht geben. Der Delegationsleiter Carlos Arthur Nuzmann war jedoch zuversichtlich, “nach vier Jahren harter Vorbereitung die erfolgreichsten Spiele in der brasilianischen Olympiageschichte“ zu bestreiten. Misst man den Erfolg oder Misserfolg an Goldmedaillen, war es eindeutig nicht die beste Olympiade für Brasilien. Wir vom BrasilienPortal sind den Dingen jedoch auf den Grund gegangen und kamen daher – allen Unkenrufen zum Trotz – zu folgender Erkenntnis: Es waren die erfolgreichsten olympischen Sommerspiele für Brasilien. Und nachfolgend erklären wir Ihnen auch, warum!

1.) Brasilianische Athleten konnten im Peking drei Gold-, vier Silber- und acht Bronzemedaillen gewinnen. Dies sind insgesamt 15 Medaillen. Nur in Atlanta 1996 wurde diese Zahl erreicht. Vor vier Jahren in Athen waren es gerade einmal 10 Stück. Alle diesjährigen Medaillengewinner finden sie natürlich in unseren Olympianews im August.

2.) Nie waren brasilianische Sportler so häufig in olympischen Finals wie in China. Mit 38 Finalen wurde die Zahl von Athen, wo 30 Finalteilnahmen erreicht wurden, deutlich übertroffen. In Sydney vor acht Jahren waren es nur 22 Endrunden.

3.) Betrachtet man sich die Entscheidungen, wo Brasilien direkt um Medaillen gekämpft hat, so stellt man einen Erhöhung von über 70 Prozent fest. 17 Kämpfe und Ausscheidungen in Athen, in diesem Jahr waren es 29.

4.) Zudem wurden alle drei Goldmedaillen in den Sportarten erstmalig erzielt. César Cielo siegte über 50m Freistil und brach dabei dreimal den Olympiarekord, mit Maurren Maggi stand erstmalig eine Frau in den Leichtathletikwettbewerben ganz oben auf dem Treppchen und die Volleyballerinnen kamen erstmalig ins Finale und holten direkt Gold.

5.) Grossartige Leistungen gab es auch in anderen Bereichen. So schaffte es Brasilien erstmalig ins Mannschaftsfinale der artistischen Gymnastik der Frauen sowie mit Diego Hypolito ins Einzelfinale der Männer. Und auch die 4x100m Staffel der Frauen in der Leichtathletik partizipierte erstmalig im Endlauf und kam sensationell auf den 4. Platz. Zudem konnten mit Ketleyn Quadros im Judo und Natália Falavigna im Taekwondo erstmalig Frauen in den Kampfsportarten eine Medaille erringen.   

Noch eine Meldung aus dem Bereich Statistik: Die 5.565 brasilianischen Städte und Gemeinden in den 26 Bundesstaaten sowie dem Hauptstadtdistrikt haben derzeit etwa 189,6 Millionen Einwohner. Dies geht aus einer Studie des brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik  IBGE  hervor, welche Ende August veröffentlicht wurde. Damit wurde die von vielen erwartete Schwelle von 190 Millionen Einwohnern in Brasilien knapp verfehlt. Über die meisten Einwohner verfügt die brasilianische Wirtschaftsmetropole São Paulo mit 10,9 Millionen Menschen. Im Grossraum leben etwa 18 Millionen Menschen. Die zweitgrösste brasilianische Stadt Rio de Janeiro folgt mit weitem Abstand und etwa 6,1 Millionen Einwohnern vor Salvador da Bahia mit 2,9 Millionen. 

SEPTEMBERnach oben

Zukünftig sollen alle Kinder bei der Einschulung in Brasilien medizinisch untersucht werden. Im sog. Programm “Saúde na Escola“ – wörtlich übersetzt “Gesundheit in der Schule“ – sollen bei den Kindern im Rahmen der Einschulung oder zu Beginn eines neuen Schuljahres der Gesundheitszustand, die Zähne sowie die Augen überprüft werden. Das lang geplante Projekt wurde im September gestartet. “Die Kinder müssen einen Augentest machen, ob sie gut sehen können, es wird ein zahnärztlicher Befund gemacht, damit im Mund alles in Ordnung ist, und es wird einen Test bezüglich des Allgemeinzustands geben, damit die Kinder, wenn sie in die Schule kommen, 100%ig fit sind. Und wenn Probleme bestehen, können wir diesen Kindern helfen“ erklärte Staatsoberhaupt Luiz Inácio Lula da Silva auf einer Tagung bei der Ankündigung des Programms. In einer ersten Phase wird das Projekt in rund 700 Städten und Gemeinden umgesetzt, vornehmlich in wirtschaftlich und bildungstechnisch schwach entwickelten Regionen. Alleine in diesem Jahr sollten noch rund 2 Millionen Kinder in den öffentlichen Schulen untersucht werden. 

Mitte September stand Bolivien faktisch vor einem Bürgerkrieg. Bei gewaltsamen Zusammenstössen verschiedener Gruppen wurden mindestens 9 Menschen getötet, über 100 wurden nach mehr oder weniger offiziellen Angaben verletzt. Auslöser der Proteste war ein Vorhaben des ersten indigenen Präsidenten des Landes, Evo Morales, Gelder aus dem wohlhabenden und vor allem von Nachfahren europäischer Einwanderer bewohnten Süden mit seinen grossen Vorkommen an Bodenschätzen in den armen und mehrheitlich von Ureinwohnern besiedelten Norden zu verteilen. Die betroffenen südlichen Provinzen lehnen dieses Vorhaben grundlegend ab und fordern für ihre Region mehr Autonomie und teilweise sogar die vollständige Unabhängigkeit. In vielen Regionen hatten die Radiostationen aus Angst vor Angriffen und Plünderungen ihren Betrieb eingestellt oder spielten nur noch Musik aus der Konserve. Präsident Morales hatte die Streitkräfte zwischenzeitlich an strategischen Punkten aufmarschieren lassen, verschiedene links- und rechtsradikale zivile Gruppen sagten der jeweiligen Gegenseite unverholen den bewaffneten Kampf an.

Durch Anschläge auf eine Pipeline mussten zudem die Gaslieferungen nach Brasilien kurzfristig um 10 Prozent reduziert werden, die Versorgung brach an einem Tag sogar für Stunden komplett zusammen. Das brasilianische Energieministerium hat nach den Vorfällen einen Notfallplan ausgearbeitet und wollte bei Bedarf thermoelektrische Kraftwerke aktivieren, um den Strombedarf besonders in der Wirtschaftsregion São Paulo sicherzustellen. Glücklicherweise normalisierte sich die Situation im armen Nachbarland Brasiliens nach einigen Wochen wieder, Engpässe in der Energieversorgung traten nicht auf.

Die Analphabetenrate in Brasilien ist im vergangenen Jahr weiter gesunken und hat mit 10 Prozent den niedrigsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Nach offiziellen Zahlen konnten in diesem Jahr 14,1 Millionen Menschen über 15 Jahre weder lesen noch schreiben. Im Jahr 1992 war es noch fast ein Drittel der Bevölkerung. Die jüngsten Zahlen stammen aus einer Haushaltsbefragung im vergangenen Jahr und wurden im September vom brasilianischen Institut für Geografie und Statistik IBGE veröffentlicht.   

Nach den Kommunalwahlen am 05. Oktober wurden in vielen Metropolen Stichwahlen für das Amt des Bürgermeisters erforderlich. Unter anderem in den Grossstädten São Paulo, Rio de Janeiro, Belo Horizonte, Salvador da Bahia, Porto Alegre, Belém und Manaus erreichte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit (mehr als 50% der gültigen abgegebenen Stimmen) im ersten Wahlgang. Dort wurde der Präfekt im zweiten Wahlgang am 26. Oktober in einer Stichwahl der zwei stärksten Kandidaten ermittelt. In insgesamt 77 Städten mit mehr als 200.000 Wählern kämpften die Bürgermeisterkandidaten daher ganz besonders intensiv um jede einzelne Stimme. In Städten mit weniger als 200.000 Wahlpflichtigen war dagegen lediglich eine einfache Mehrheit zur Wahl der Stadtoberhauptes erforderlich, darunter auch Palmas und Boa Vista, die Hauptstädte der Bundesstaaten Tocantins und Roraima. Insgesamt waren landesweit 128.806.592 Wähler aufgerufen, 5.563 Bürgermeister und 52.137 Stadtverordnete für die kommenden 4 Jahre zu bestimmen. Im Hauptstadtdistrikt Brasília und auf der Inselgruppe Fernando de Noronha (Pernambuco) fanden keine Wahlen statt.

OKTOBERnach oben

Gilberto Kassab (DEM) bleibt für weitere 4 Jahre Bürgermeister der brasilianischen Millionenmetropole São Paulo. Der 48-jährige konnte sich bei der Stichwahl klar gegen seine Kontrahentin Marta Suplicy (PT) durchsetzen. Kassab hatte erst vor zwei Jahren das Amt von José Serra übernommen, als dieser zum Gouverneur des Bundesstaates São Paulo gewählt wurde. Nach seinem Wahlsieg versprach er eine “Administration der Kontinuität“ mit den Schwerpunkthemen Gesundheits- und Bildungspolitik. Rund 8,2 Millionen Wähler waren in der grössten brasilianischen Stadt aufgerufen, im zweiten Wahlgang nun endgültig den Bürgermeister der kommenden vier Jahre zu bestimmen. Kassab, der in den ersten Umfragen zu Beginn des Wahlkampfes im August zuerst weit zurücklag, konnte sich bis Anfang Oktober auf Platz 2 manifestieren. Beim ersten Urnengang erzielte er dann überraschend das beste Ergebnis (33,61%) vor Marta Suplicy (32,79%) und dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Geraldo Alckmin (22,48%). 

Das Pantanal erfreut sich unter Naturliebhabern und Touristen einer immer grösserer Beliebtheit und somit steigen auch die touristischen Angebote in der Region. Im südlichen Pantanal hat die Regierung des Bundesstaates Mato Grosso do Sul nun beschlossen, den “Pantanal-Express“ wieder ins Leben zu rufen. Die Zugstrecke, die einst Campo Grande mit der Grenzstadt Corumbá verband, wird in Teilen wieder reaktiviert und soll Touristen eine aufregende Fahrt durch die faszinierende Landschaft bieten. Ab Mai 2009 verkehrt der Zug am Wochenende zwischen Campo Grande und der Stadt Miranda inmitten des Pantanal. Der Zug besteht aus einer Lokomotive, sieben Personenwaggons und einem Gepäckwagen.  Insgesamt kann er 408 Passagiere in drei Klassen (Economy, Tourist und Business) transportieren. Die Verantwortlichen erhoffen sich durch das Angebot einen Anstieg der Besucherzahlen in der Region. Besonders ausländische Touristen sollen für die neue Attraktion gewonnen werden. Mehr Informationen über das grösste Feuchtgebiet der Erde finden sie auf unserer Spezialseite PantanalPortal!

Rund 15 Monate nach der Übernahme der brasilianischen Fluggesellschaft VARIG [VRG Linhas Aereas] hat GOL Linhas Inteligentes den Plan aufgegeben, langfristig zwei unabhängig voneinander agierende Fluggesellschaften in Brasilien zu etablieren. Die Billigairline hatte daher einen Zusammenschluss der beiden Gesellschaften beantragt. Nun werden alle nationalen Flüge nur noch über die Low-Cost-Marke GOL abgewickelt, der ehemalige Marktführer VARIG ist alleinig für die Auslandsverbindungen zuständig. In allen Maschinen sowie am Boden wird Reisenden nun ein identischer Service geboten.

Der für seinen Kampf gegen die Umleitung des Flusses São Francisco international bekannt gewordene brasilianische Bischof Luiz Flavio Cappio ist im Oktober mit dem Friedenspreis der katholischen Menschenrechtsorganisation Pax Christi geehrt worden. Bischof Cappio protestiert seit Jahren vehement gegen das umstrittene Projekt im Nordosten Brasiliens und ist diesbezüglich bereits zweimal in den Hungerstreik getreten. Die Umleitung des Flusses, der im Volksmund als “alter Franz“ [Chico velho] bekannt ist, soll mehr als 12 Millionen Menschen in den Dürreregionen des Landes mit Wasser versorgen. Anwohner, Indianer, die Landlosenbewegung MST und auch Umweltexperten befürchten jedoch, dass von dem milliardenschweren Vorhaben am Ende nur Industrie und Grossgrundbesitzer profitieren. 

NOVEMBERnach oben

Felipe Massa hat den diesjährigen Weltmeistertitel in der Formel 1 sprichwörtlich auf der Zielgeraden verloren. Der sympathische Brasilianer gewann zwar überlegen das letzte Rennen der Saison Anfang November im heimischen São Paulo, musste sich jedoch am Ende mit einem  Punkt Rückstand in der Gesamtwertung (97:98) dem Briten Lewis Hamilton geschlagen geben. Massa, der im vergangenen Jahr in der Gesamtwertung Vierter wurde, hat sich jedoch endgültig in die Herzen der brasilianischen Fans gefahren und ist für viele der wahre Weltmeister. Für die brasilianischen Medien ist er zudem ein “toller Fahrer in einem tollen Team“. Und von dem nur 1,66m grossen Felipão, der nach Meinung vieler mehr aufgrund seines Teams sowie der Technik und weniger aufgrund eigener Fahrleistung nur Vizeweltmeister wurde, ist hoffentlich noch viel zu erwarten. 

Der brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva hat in einer ersten Stellungnahme die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika begrüsst. Auf einer Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Inkrafttretens der brasilianischen Verfassung  hob er besonders den Aspekt hervor, dass mit Obama erstmalig ein dunkelhäutiger Politiker das höchste Amt in den USA bekleidet. Lula erhofft sich nach dem Amtswechsel nun eine stärkere Entwicklungspolitik der USA auf dem amerikanischen Subkontinent. Es sei notwendig, dass die USA nun eine aktivere Politik in Bezug auf Lateinamerika gestalten. Das brasilianische Staatsoberhaupt erwartet zudem ein Ende der Sanktionen und Blockaden der USA gegenüber Kuba. Für Lula gibt es seiner Aussage nach keine einzige Erklärung in der Geschichte der Menschheit, die eine solche Massnahme rechtfertigt.   

Die Chapada Diamantina im brasilianischen Bundesstaat Bahia durchlebte im November eine ökologische Katastrophe. In dem vermutlich schönsten Nationalpark Brasiliens wütete die schlimmste Feuersbrunst der letzten 20 Jahre. In rund 20 Gemeinden wurde der Notstand ausgerufen. Eine lange Trockenperiode in den vergangenen Monaten begünstigte das Ausbreiten des vermutlich durch Brandstiftung provozierten Feuers. Laut der brasilianischen Umweltbehörde Ibama wurde rund die Hälfte des 152.000 Hektar grossen Nationalparks komplett zerstört.

Das brasilianische Militär plant die Einrichtung von 28 zusätzlichen Militärposten, welche zwischen 2010 und 2018 in den Grenzregionen Amazoniens installiert werden sollen. Derzeit verrichten rund 25.000 Soldaten in Amazonien ihren Dienst. Sie sind für eine Fläche von rund 7 Millionen Quadratkilometern zuständig, stationiert in 124 Einheiten an 58 Standorten. “Dies scheint ausreichend, aber aus Sicht des Verteidigungsministeriums ist dies absolut unzureichend“ erklärte Verteidigungsminister Nelson Jobim der für Amazonien zuständigen Senatskommission in Brasília  In die neuen Militärposten sollen mehr als 300 Millionen Euro investiert werden. Die Zahl der Einrichtungen in der abgelegenen Grenzregion steigt damit in den kommenden 10 Jahren von 20 auf 48 Stück. Daneben ist die Modernisierung der bestehenden Anlagen geplant, wobei dort nur mit Kosten von etwa 50 Millionen Euro gerechnet wird. 

Mindestens 117 Menschen sind den schweren Überschwemmungen und Erdrutschen im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina zum Opfer gefallen. Dutzende Personen werden weiterhin vermisst. Insgesamt 78.000 Bewohner der Region wurden zwischenzeitlich in Schulen, Turnhallen oder bei Freunden oder Bekannten untergebracht, noch immer sind Zehntausende obdachlos. Vielerorts waren durch wochenlange Regenfälle die Flüsse über die Ufer getreten, Strassen wurden unterspült, Brücken stürzten ein. An Hanglagen wurden ganze Häuser nach Erdrutschen meterhoch unter Schlamm und Geröll begraben. Wichtige Industriehäfen wie in Itajaí wurden stark beschädigt und mussten vorübergehend den Betrieb einstellen. Auch die Strom- und Wasserversorgung war in den Überschwemmungsgebieten über Wochen beeinträchtigt.

Auch die von deutschen Einwanderern gegründete Stadt Blumenau wurde von der Naturkatastrophe heimgesucht. Hier steht sogar die Ausrichtung des Oktoberfests 2009 auf der Kippe. Die Hallen am Festgelände wurden vom Zivilschutz zwischenzeitlich als Lager für Hilfslieferungen aus dem ganzen Land genutzt, tausende Tonnen Lebensmittel, Kleidung, Hygieneprodukte und Spielzeug wurden von hier aus und anderen ähnlichen Knotenpunkten verteilt. Die Regierung hat zudem ein milliardenschweres Aufbauprogramm für die betroffenen Gebiete bereitgestellt, ist Santa Catarina eine bedeutende Wirtschaftsregion des Landes. Die Aufräumarbeiten und Wiederherstellung der Infrastruktur werden vielerorts mindestens 2 Jahre in Anspruch nehmen.

DEZEMBERnach oben

Und während die Aufräumarbeiten in Santa Catarina auf Hochtouren liefen, nun sind im Dezember auch zahlreiche Regionen im Bundesstaat Minas Gerais von starken Regenfällen, Überflutungen und Erdrutschen heimgesucht worden. Wie der regionale Zivilschutz mitteilte, wurde im fast 50 Städten und Gemeinden der Alarmzustand ausgerufen. Mindestens 13 Menschen kamen ums Leben. Seit Beginn der Regenzeit mehrten sich die schlechten Nachrichten aus dem im Südosten Brasiliens gelegenen Bundesstaat. 155.000 Menschen waren direkt von Überschwemmungen und Hochwasser betroffen, 32.000 Menschen mussten aufgrund der Wassermassen ihre Häuser verlassen. Der Grossteil konnte bei Freunden oder Verwandten unterkommen, rund 5.000 Menschen wurden in Notunterkünften untergebracht.  

Die wohl erfolgreichsten brasilianischen Athleten bei den diesjährigen olympischen Spielen in Peking haben nun auch die höchsten Auszeichnungen des brasilianischen Sports erhalten. Der Schwimmer Cesar Cielo, Goldmedaillengewinner über 50m Freistil und Bronzegewinner über 100m Freistil sowie die Weitspringerin Maurren Maggi, die ebenfalls mit Gold aus China zurückkehrte, wurden im Dezember als „Sportler des Jahres“ geehrt. Die Preise wurde den beiden auf einer Galaveranstaltung in Rio de Janeiro überreicht. Auch der brasilianische Sportminister Orlando Silva war bei der Gala anwesend. Er dankte allen Sportlern für ihren grossartigen Einsatz bei den olympischen Spielen. Er wies zudem darauf hin, dass in diesem Jahr die Frauen eine besondere Rolle spielten. Nicht nur dass sie in Rekordanzahl nach China reisten, zudem haben sie die meisten Disziplinen beim “Prêmio Brasil Olímpico 2008” für sich entscheiden können. „Dies bedeutet für den weiblichen Olympiasport einen Moment der Weiterentwicklung. Ich hoffe, wir können beim Olympiapreis 2009 hier gemeinsam die Entscheidung für Rio de Janeiro als Austragungsort für die Olympiade 2016 feiern, was die Krönung für die Entwicklung des Sports in Brasilien darstellen würde“ erklärte der Minister zuversichtlich.

Und am heutigen letzten Tag des Jahres erwarten die brasilianischen Megametropolen Rio de Janeiro und São Paulo abermals einen grossen Besucherandrang zu den Silvesterfeiern. An der weltberühmten Copacabana werden sich vermutlich rund 2 Millionen Menschen einfinden, in São Paulo rechnet man bei der Party auf der Avenida Paulista mit ebenfalls mehr als 2 Millionen Besuchern. Sind Sie mit von der Partie? Wenn nicht, planen Sie doch einfach mal einen Urlaub in Brasilien – zu Silvester, Karneval oder einfach in den Sommerferien. Viele Informationen zu einem Urlaub im grössten Land Südamerikas finden sie auf unserer Spezial-Seite über Reisen nach Brasilien.

Dies war der BrasilienPortal Nachrichtenrückblick 2008 – mit den wichtigsten News aus den vergangenen 12 Monaten – kompakt präsentiert. Und damit geht ein Jahr voller interessanter Nachrichten zu Ende. Wir vom BrasilienPortal wünschen allen unseren Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein glückliches 2009. Feiern Sie schön – wo immer Sie uns lesen!