Die indigene Kulturen sind am Aussterben

Veröffentlicht am 26. April 2012 unter Indio News

Eine Aufstellung der Unesco weist darauf hin, dass 190 eingeborene Sprachen der indigenen Kulturen innerhalb des brasilianischen Territoriums vom Aussterben bedroht sind. Und zwar deshalb, weil diese Sprachen nur noch von Personen der älteren Generation beherrscht werden, und das bedroht ihre Kontinuität. “Es findet keine Weitergabe an die Kinder mehr statt“, bestätigte die Linguistik-Professorin an der Universität von São Paulo (USP) und Koordinatorin des Programms “Capacitação Institucional“ des Goeldi-Museums (Belém), Antonia Fernanda Nogueira.

Die Wissenschaftlerin hob hervor: “…unsere Dokumentation und Archivierung von linguistischen und kulturellen Aspekten erlauben, das Wissen der dokumentierten Ethnien zu retten, und es ist möglich, zukünftigen Generationen dieses Material zur Verfügung zu stellen“. Eine Konsolidierung der betroffenen Gruppen könnte später zur Pflege eines linguistischen und kulturellen Gedankengutes genutzt werden – außerdem als erzieherische Initiative.

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Die “Woche der indigenen Völker: politische Aktion, Konflikte und Errungenschaften“ wurde vom Museum Emílio Goeldi und der Staatlichen Universität von Pará promoviert – sie endete am Montag, dem 23. April 2012. An diesem Event nahmen verschiedene Spezialisten und Redner teil – es fanden Workshops und Filmvorführungen statt, um über die Rechte, Kultur, Tradition, Gesundheit und Erziehung der indigenen Völker zu debattieren.

Das erweiterte Potenzial der Eingeborenen

Die eingeborene Bevölkerung nimmt zu an Zahlen und Verschiedenartigkeit, und sie kämpft um die Erhaltung ihrer Territorien, ihrer kulturellen Identität, ihres politischen Einflusses und ihrer Menschenrechte. Diese Faktoren stehen in Konflikt mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Interesse gewisser Unternehmen an der Region des Unteren Tapajós, im Staat Pará. Die steigende Ausbeutung des Bodens für diverse wirtschaftliche Aktivitäten in diesem Gebiet trifft auf eine wachsende indigene Bevölkerung.

Der entstehende Konflikt wurde erfasst im Projekt “Erarbeitung einer Karte der traditionellen Bevölkerung, der sozio-ambientalen Konflikte und der Nutzung einer Biodiversifikation im Gebiet der BR-163 (Pará)“ – koordiniert von dem Forscher des Museums Goeldi, Rodrigo Peixoto. Die Studie ist ein Teil der vom “INCT Biodiversidade e Uso da Terra na Amazônia” entwickelten Forschung. Und sie ist eines der Themen am “Runden Tisch“ der Debatten zur “Woche der indigenen Völker: politische Aktion, Konflikte und Errungenschaften“, promoviert vom Museum Goeldi und der Universität von Pará.

Ziel des Projekts ist es, jene Konflikte zur Erarbeitung einer Karte zu identifizieren, welche diese Aspekte im Einzugsgebiet der Strasse BR-163, in Pará, darstellen soll. Das kann durch Interaktionen zwischen traditionellen und wissenschaftlichen Kenntnissen geschehen. Und man erwartet, dass die dazu entwickelten Methoden auch in anderen Regionen Amazoniens Anwendung finden können.

Der untere Rio Tapajós bewässert die Munizipien “Itaituba, Trairão, Aveiro, Rurópolis, Placas” und andere, die von den Strassen “Transamazônica“ und “Cuiabá-Santarém“ durchquert werden – beide im Bundesstaat Pará. In unmittelbarer Nachbarschaft der National-Forste (Flona) von Itaituba und Tapajós, sowie vom Extrativisten-Reservat (Resex) “Tapajós-Arapiúns“, findet derzeit ein beschleunigter Prozess expandierender Landwirtschaft statt, eine intensive Aktivität der Mineralienausbeutung, zunehmende Holzfällung und es laufen Projekte zur energetischen Nutzung des Fluss-Potenzials.

Die indigene Bewegung fordert einen Teil dieses Territoriums als traditionelles Gebiet ihrer Kultur ein, aber diese Forderung steht im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Interessen der Landesregierung. Die Indios haben sich an die “Fundação Nacional do Índio (FNI)“ gewandt, um die Identifizierung und Demarkierung neuer Indianer-Territorien (ITs) voran zu treiben.

Der Artikel “Resistente Eingeborene protestieren für die Anerkennung ihres Territoriums am Unteren Tapajós“ vermittelt einen Eindruck von der Stärke der indigenen Bewegung. Er präsentiert eine Aufstellung von 48 Dörfern der Völker “Munduruku, Apiaká, Borari, Maytapu, Cara Preta, Tupinambá, Cumaruara, Arapium, Jaraqui, Tapajó, Tupaiu und Arara Vermelha“. Eine vor 14 Jahren erarbeitete Studie registrierte damals nur 20 Dörfer.

Der gegenwärtige Anstieg jener Forderungen ist auf den Zusammenschluss der indigenen Bewegung mit den Caboclo-Kommunen (gemischte Waldbewohner) unter dem Titel “Traditionelle Bevölkerung“ zurückzuführen. Der Kampf um Kultur und Land stand schon immer im Konflikt mit den wirtschaftlichen Interessen von Unternehmern und Institutionen – und er geht weit über die in der Verfassung oder der internationalen Gesetzgebung vorgesehenen Rechte hinaus. Für Peixoto ist es notwendig, “dass man zu einem Volk, einem Ort und einem Kampf gehört“.

Viele Engpässe müssen von der indigenen Bevölkerung noch überwunden werden, darunter auch die ethnische und institutionelle Anerkennung der Indianer-Territorien (ITs) sowie die Allianz mit den nicht-indigenen Bewohnern. Trotz aller Probleme – oder vielleicht gerade deshalb – ist die Bewegung in den letzten 14 Jahren stark gewachsen.

Die breitere Aufstellung indigener Forderungen begann am Rio Tapajós im Jahr 1997, mit der Arbeit der Gruppe “Consciência Indigena“ (Indigenes Gewissen), angeführt von dem Anthropologen Florêncio Vaz, in Partnerschaft mit dem “Conselho Indígena dos rios Tapajós e Arapiúns“ (Indigener Rat der Flüsse Tapajós und Arapium), der im Jahr 2000 geschaffen wurde. Die Bewegung gewann an Gewicht im Lauf der Zeit.

“In der uralten Zeit lebten die Weissen so wie wir im Wald, und ihre Vorfahren waren weniger zahlreich. (Gott) Omama übermittelte ihnen ebenfalls seine Worte, aber sie wollten nicht zuhören. Sie dachten, dass er sie über die wahren Werte der Erde täuschen wollte und fingen an, nach Mineralien und Petroleum überall zu suchen – nach all diesen gefährlichen Sachen, die Omama unter der Erde und im Wasser verborgen hat, weil ihre Energie gefährlich ist. Doch die Weissen fanden sie und machten aus ihnen Werkzeuge, Maschinen, Autos und Flugzeuge. Und sie wurden übermütig und schrien: “Wir sind die einzigen, die so schlau sind – nur wir wissen, wie man diese Maschinen und ihre Produkte herstellt!“ Und das war der Moment, in dem sie alle ihre Weisheit verloren! Erst verwüsteten sie ihr eigenes Land, und dann wechselten sie in das Land der anderen über, um weiterhin ihre Waren zu fabrizieren, ohne aufzuhören. Niemals haben sie sich gefragt: “Wenn wir die Erde zerstören – ob wir wohl bis dahin in der Lage sind, eine andere zu schaffen?“

(Kommentar von Davi Kopenawa Yanomami – Indio vom Stamm der Yanomami).