Staatsministerium stellt sich gegen Bau von Mega-Wasserkraftwerk im Amazonas-Regenwald

Veröffentlicht am 3. August 2016 unter Brasilien News

Foto: Oliver Soulas / Greenpeace

Foto: Oliver Soulas / Greenpeace

Im Namen des Fortschrittes setzt Brasilien auf gigantische Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung inmitten des Amazonas-Regenwaldes. Das Staatsministerium fordert nun jedoch, dass zumindest das Genehmigungsverfahren für das Werk São Luiz do Tapajós annulliert wird. Umweltschützer rufen zudem europäische Unternehmen wie Siemens dazu auf, sich nicht an diesem Porjekt zu beteiligen.

Nach den Plänen der brasilianischen Regierung und der künftigen Betreiberfirma Eletrobrás soll das Kraftwerk São Luiz do Tapajós im Bundesstaat Pará bereits 2021 in Betrieb gehen. Sein geplanter Stausee würde knapp 400 Quadratkilometer unter Wasser setzen und damit beinahe der Größe des Bodensees (536 Quadratkilometer) entsprechen.

Mit seiner Hilfe sollen 6.133 MW erzeugt werden. Gemeinsam mit dem weiteren am gleichen Fluss vorgesehenen Kraftwerk Jatobá würde die Kapazität zur Stromversorgung von 20 Millionen Haushalten ausreichen, wie es im Konzept des Projektes heißt.

Was auf dem ersten Blick wie ein “grünes“ Projekt zur Entwicklung des Landes aussieht, bringt erhebliche soziale und Auswirkungen auf die Umwelt mit sich. Überflutet würden mindestens drei Dörfer der Ethnie Munduruku.

Sie liegen in dem erst im April von der Indio-Behörde Funai anerkannten Indio-Territorium Sawré-Muybu. Da die Entfernung der indigenen Völker aus ihren Territorien gegen die Konstitution verstößt, fordert das Staatsministerium die Aufhebung des Genehmigungsverfahrens.

Vom Tisch ist es damit allerdings nicht. Befürworter argumentieren, dass die Indios offiziell 1988 dort nicht gelebt hätten und deshalb das von ihnen beanspruchte Gebiet nicht via der im gleichen Jahr erlassenen Konstitution deklariert werden kann.

Nach dem seit 2007 von der Funai eingeleiteten Demarkationsprozess handelt es sich indes um Indio-Gebiet. Etwa 12.000 Menschen sollen in der Region leben unter ihnen die Ethnie Munduruku. Die neben der Überflutung von Dörfern auch durch die Zerstörung der Flüsse und somit ihrer Lebensgrundlagen betroffen wären. Für sie gilt die Stätte darüber hinaus als heilig.

Rechtskräftig wird die Ausweisung des Indio-Territoriums allerdings erst durch die noch ausstehende Homologisierung durch Brasiliens Präsident, und das kann dauern, wie die Vergangenheit zeigt.

Heftig kritisiert wird das Mega-Wasserkraftwerk ebenso von Umweltschützern. Unter anderem macht Greenpeace über die sozialen Netzwerke auf es und seine möglichen negativen Auswirkungen aufmerksam.

Vor wenigen Tagen hat die Umweltschutzorganisation in São Paulo vor der Siemensniederlassung protestiert und das Unternehmen dazu aufgerufen, sich nicht durch die Ausrüstung des Kraftwerkes an der Zerstörung des Regenwaldes und der dort lebenden Gemeinschaften zu beteiligen.

Siemens gilt weltweit als einer der größten Ausrüster von Wasserkraftwerken. Auch am umstrittenen Kraftwerk Belo Monte war das Unternehmen beteiligt.

Der Fluss Tapajós gilt als einer der artenreichsten Amazoniens. Dennoch ist an ihm bis 2024 der Bau von mindestens fünf Mega-Kraftwerken geplant.

Darüber hinaus geht das Projekt der Usina São Luiz do Tapajós mit einem Rattenschwanz von Infrastrukturmaßnahmen einher, dem Bau von Häfen, dem Ausbau des Flusses für die Schifffahrt, um den Abtransport der Soja- und Maisernten zu gewähren, sowie dem Ausbau von Straßen.

Umweltschützer gehen davon aus, dass das Wasserkraftwerk, ähnlich wie bei dem bereits in Betrieb gegangenen Belo Monte, den Raubbau am Amazonas-Regenwald beschleunigen wird. Schon jetzt entwickelt sich die Region zum Eldorado der illegalen Holzmafia und skrupelloser Großgrundbesitzer.

Von gewalttätigen Landkonflikten und ausgesprochenen Morddrohungen gegenüber Kleinbauern, die ihr Land nicht verkaufen oder die Holzmafia nicht gewähren lassen wollen, wird bereits berichtet. Greenpeace schätzt, dass durch den Bau von São Luiz do Tapajós 2.200 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt werden könnten. Das würde mehr als einem Drittel der gesamten Kahlschläge des Jahres 2015 entsprechen.