Neue Technologien sollen zur Erhaltung und Verbreitung der Kultur beitragen

Veröffentlicht am 24. August 2015 unter Brasilien News

Kultur_Renato Araujo_AgenciaBrasilAm Tag der Folklore, der am Samstag (22.08.) begangen wurde, bemächtigen sich Künstler und Folkloregruppen der sozialen Netzwerke und der informativen Technologie, um auf diese Weise aktuell zu bleiben – so Nelson der Präsident der Nationalen Folklore-Kommission. Die “Comissão Nacional do Folclore“ wurde Ende der 1940er Jahre gegründet, mit Orientierung der UNESCO, um die brasilianische Kultur zu verbreiten und ihr kulturelles Erbe in einer Nachkriegswelt zu bewahren.

Wie Nelson erklärt, durchläuft die nationale Volkskultur eine Reihe von Neudefinitionen, die dahin tendieren, sich den Veränderungen im brasilianischen sozio-kulturellen Gefüge anzupassen. “Die Informationstechnologie ist eines der bedeutendsten Instrumente für die Erhaltung der Folklore – sie ist von fundmentaler Bedeutung für das brasilianische Kulturerbe“.

Der Forscher für afro-brasilianische Volkskultur, Nelson Inocêncio, Professor der Kunstabteilung der Universität von Brasília, hebt das gute Verhältnis zwischen der Tradition und dem Neuen hervor. Er ergänzt, dass die Volkskultur nicht in der Zeit stehen geblieben sei und auch nicht in den Praktiken und Traditionen der Vergangenheit festgefahren ist.

Technologie

“Unsere technologischen Werkzeuge sollen auch dazu beitragen, Wissen über die gesamte kulturelle und künstlerische Aktivität zu verbreiten. Und das verfolge ich mit wachsender Genugtuung. Im Schulunterricht habe ich den Schülern bereits eine dieser Möglichkeiten vorgestellt. Dazu habe ich ein Video mitgebracht, in dem gezeichnete Figuren unserer Folklore zum Leben erweckt wurden – ein Trickfilm. Man kann also eine Konvergenz zwischen dem Traditionellen in der brasilianischen Kultur und dem Neuen erreichen – die Technologie macht es möglich“.

Aber nicht alle finden den Weg zu den Tasten. Obwohl er ein Profil im Facebook unterhält, bestätigt der Maestro der “Folia de Reis“ (katholisches Fest der Heiligen Drei Könige) der “Sagrada Família da Mangueira“, dass die Technologie bis jetzt seiner Gruppe keine Vorteile gebracht hat.

“Kann sein, dass in der Zukunft die Technologie auch unsere Gruppe begünstigt“. Die “Folia de Reis Sagrada Família da Mangueira” ist eine der Folklore-Gruppen, die im Kulturatlas des Bundesstaates Rio de Janeiro enthalten ist, sie vereint 120 Dokumentarfilme und 8.000 Fotos, unterteilt in 3.500 Aufzeichnungen. Die Liste erfasst alle 92 Distrikten (Munizipien) des Bundesstaates, mit Informationen über die Kategorien: Kulturzentren, Agendas, Personen, materielles Erbe, immaterielles Erbe und Besonderheiten.

Aktualisierte Folklore

Zwischen dem 26. und 31. Oktober findet der “XVII Congresso Brasileiro de Folclore” in der Stadt Belo Horizonte (Bundesstaat Minas Gerais) statt, organisiert von der “Comissão Nacional“. Wie Präsident Severino betont, wird eines der zentralen Themen dieses Treffens die Aktualisierung der “Carta Nacional de Folclore“ (Nationale Folklore-Charta) sein, deren erste Version 1951 herausgegeben wurde, die zweite 1995.

“Beide Versionen haben einen akzeptablen Inhalt, aber wir meinen, dass es an der Zeit ist, eine Neuauflage herauszubringen, denn die Dinge verändern sich so schnell, dass wir mit ihnen Schritt halten müssen. Die Charta der Brasilianischen Folklore ist das Instrument der Nationalen Folklore-Kommission, die keine Normen auferlegt, sondern orientiert, wie man die Folklore und die Volkskultur in einer Welt der kontinuierlichen Veränderung aufrecht erhält“.

Wie Severino weiter ausführt, sollten in der Charta auch alle kulturellen Zentren aufgeführt werden, die bisher nicht berücksichtigt wurden. “Die deutschen und italienischen Zentren, die im Süden und Südosten unseres Landes existieren, werden von etwas getragen, das man kollektive Akzeptanz nennt – und die ist ein bedeutender Punkt der brasilianischen Folklore. Es ist das, was das Volk erlebt hat, gemacht hat, akzeptiert und als das ihre übernommen hat. Es wurde und ist ein Teil des Folklore-Kontextes und der brasilianischen Kultur. Die Tradition, die Dynamik, die Antike und die kollektive Akzeptanz erhalten die Folklore“.

Während man 1995 noch besorgt war wegen des Einflusses der Massenkommunikation, werden jetzt neue Technologien zur Erhaltung und Verbreitung der kulturellen Manifeste eingesetzt. “Wir befinden uns in einem Prozess, den wir “kulturelle Hybridisierung“ nennen, was der Realität im Kontext der brasilianischen Folklore und Volkskultur entspricht. Die eine hängt von der andern ab, die eine bedient sich der andern. Die eine ernährt sich von der anderen. Heutzutage singt die Volkskultur diese Version“, versichert Severino.

Die Koordinatorin des “Centro Nacional de Folclore e Cultura Popular”, weist darauf hin, dass sich die Volkskultur andauernd verändert. Das Zentrum ist verbunden mit dem “Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional (Iphan)“ (Institut für historisches und künstlerisches Erbe) und ist die landesweit einzige öffentliche Institution, die Projekte auf diesem Gebiet entwickelt und realisiert.

Sie erinnert daran, das grosse brasilianische Feste, wie zum Beispiel der Karneval, importierte Traditionen sind, und dass das amerikanische Halloween bereits in die nationale Kultur aufgenommen worden ist. “Die Erwachsenen verkleiden sich als Skelette, Dämonen und andere makabre Figuren, in den Schulen jedoch bevorzugen ihre Kinder Kostüme der Emilia, des Power-Rangers, des Peter Pan und vielen anderen modernen Heldenfiguren. Ich kann mir vorstellen, dass in 20 bis 30 Jahren dieses Fest ein exklusiv brasilianisches sein wird“.

Der Professor Nelson erinnert an die Notwendigkeit zur Vorsicht, damit die Globalisierung nicht zu einem kulturellen “Globalitarismus“ ausufert. “Wir wollen keine Zuschauer beim Globalisierungs-Prozess sein sondern Produzenten, wir wollen uns an diesem Prozess beteiligen. Erst dann werden wir von einer demokratischen Globalisierung sprechen können“.

Folklore oder Volkskultur?

Obwohl beide häufig als Synonyme verwendet werden, differenziert Nelson die Termini Folklore und Volkskultur. Wie er erklärt, ist das Wort Folklore eine ideologische Konstruktion, um den unterschiedlichen Stilrichtungen der Kunst eine Rangordnung zu verleihen. “Der Begriff Folklore wurde von der europäischen Elite des 19. Jahrhunderts geprägt: Um das kulturelle Universum der Bauern und später der von ihnen kolonisierten Völker Afrikas und Lateinamerikas nicht mit ihrer Kultur zu vermischen, bezeichneten sie die kulturelle Produktion dieser Völker als Folklore, und schufen damit eine Klassifizierung und gleichzeitig eine Rangordnung“.

Der Professor stellt die Existenz der beiden Bezeichnungen für eine einzige Definition desselben Phänomens infrage. “Der Okzident hat auch definiert, was Religion zu sein hat, und was als Religion von dieser Elite nicht akzeptiert wurde, nannten sie Aberglaube. Der Okzident definierte den Begriff der Sprache – die der anderen Völker nannten sie Dialekte. Also, aus der Perspektive der okzidentalen Welt, schon seit der Kolonialzeit, war Kunst das, was der Okzident produzierte – die Kunst der nicht okzidentalen Völker bezeichneten sie als Kunsthandwerk. Das alles ist nichts weiter als eine ideologische Konstruktion“.

Der Professor meint, das man die Grenzen überwinden sollte, welche die Idee einer “hohen“ und einer “niederen Kultur“ auseinanderhalten – die eine überbewertet die so genannte “Arte erudita“ (gelehrte Kunst) zum Nachteil der “Arte popular“ (Volkskunst). “Das sind Probleme, die wir überwinden müssen, indem wir uns nicht der Teilnahme an einer demokratischen Gesellschaft enthalten, in der die Menschen sämtliche Möglichkeiten, alle kulturellen Ausdrucksformen, respektieren. Ich ziehe den Begriff Kunst und Kultur des Volkes vor, weil ich akzeptiere, dass es sich um Kultur handelt und auch um ein Universum, in dem eine künstlerische Produktion nicht auf eine Elite beschränkt ist“.

Über die Bedeutung des “Tages der Folklore“ sagt Nelson, dass es sich um die symbolische Dimension der Frage handele. “Einen Tag zu haben, um über die Traditionen und die Kultur des brasilianischen Volkes nachzudenken, hat noch keinem geschadet“!