Es ist höchste Zeit, ein paar Dinge im brasilianischen Fussball zu ändern

Veröffentlicht am 21. Juli 2014 unter Brasilien News

Die historische Niederlage im Stadion Mineirão, in Belo Horizonte (Bundesstaat Minas Gerais) sollte als dringende Aufforderung verstanden werden, sich der Missstände zu entledigen, die bereits seit längerer Zeit den brasilianischen Fussball zerfressen.

Versucht man eine solche Niederlage mal aus einer positiven Perspektive zu sehen, so erinnert sie daran, dass es an der Zeit ist, Änderungen vorzunehmen. Das unglaubliche 7:1 von Deutschland gegen Brasilien ist nicht irgendeine Niederlage, die man so wegstecken kann, vor allem nicht als Brasilianer – für das gelb-grüne Trikot, das siegreichste der Fussballgeschichte überhaupt, ist sie eine Entehrung, von der sich ganz Brasilien betroffen fühlt.

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Wenn trotz alledem ein Sinn in dieser unglaublichen Niederlage liegen sollte, dann ist es der, den Verantwortlichen klar vor Augen zu führen, dass etwas mit dem brasilianischen Fussball nicht stimmt. Es ist sicher richtig, dass der Trainer Luiz Felipe Scolari eine Reihe von krassen Fehlern beging – die Lähmung während des deutschen “Blitzgewitters“, sein Hochmut selbst nach der Niederlage, die schlechte Spieleraufstellung, die schlechte Auswahl der Seleção, und vieles andere – aber er ist nur Teil eines viel umfassenderen Problems.

Korruption in ganz grossem Stil, laienhafte Amtsführung, insolvente Clubs, Exodus der Talente, leere Stadien, drittklassige Meisterschaften, die ein übers andere Mal in Handgreiflichkeiten ausarten – das alles wäre weiterhin ignoriert worden, wenn nicht diese Demütigung durch die Deutschen eingetroffen wäre. Es ist schrecklich, 1:7 zu verlieren, besonders wenn man zuhause spielt und sich im Halbfinale einer WM befindet. Aber Brasilien hat diesen Schock durch die Realität gebraucht, so grausam er auch gewesen ist.

“Was auf dem Spielfeld geschieht, steht in Verbindung mit dem, was sich ausserhalb abspielt – es ist verbunden mit der Direktion des brasilianischen Fussballs“, das sagte Tostão, der Spieler des Teams, das den dreifachen Weltmeistertitel 1970 gewann – ein erleuchteter Kritiker, wenn man seinen Ausspruch heute betrachtet. “Es ist ein fehlerhaftes System, inkompetent und undurchsichtig, es basiert auf einer politischen Struktur der wechselseitigen Wunscherfüllung, die bereits in den Basiskategorien beginnt. Die Niederlage reflektiert nur das“!

Mit anderen Worten: Der brasilianische Fussball ist zum Schatten seiner Vergangenheit geworden, dank der schlechten Arbeit seiner leitenden Persönlichkeiten. Der CBF (Brasilianischer Fussballverband), ist ein Verein, an dem sich die “Herren der Teppichetage“ bereichern, anstatt Clubs und ihre Spieler zu unterstützen. Ein Beispiel genügt, um dies zu beweisen: Ricardo Teixeira, Präsident des CBF zwischen 1989 und 2012, trat von seinem Amt zurück, um den Korruptions-Vorwürfen zu entgehen, die seinen Namen mit undurchsichtigen Geschäften verbanden, die er mit der FIFA abwickelte – inzwischen lebt er in einer Luxusvilla in Miami.

Teixeiras Nachfolger, José Maria Marin, hat keinerlei Disposition gezeigt, notwendige Änderungen einzuleiten, sondern die Verantwortung dafür auf Marco Polo Del Nero geschoben, der die Präsidentschaft des CBF ab 2015 übernehmen soll. Was diese Beiden betrifft, soll alles so bleiben wie es ist, mit dem reichen Verband und den armen Clubs – jedoch niemand hätte gedacht, dass die Deutschen das tun würden, was sie im Stadion Minerão schliesslich getan haben. Wie soll man nun alles belassen, wie es ist, nach einer solchen Demütigung?

Man muss nun den brasilianischen Fussball vollkommen umkrempeln, angefangen mit der Ausbildung von Fussballern. Was ist wohl der Grund, dass zunehmend weniger Rivellinos, Zicos und Ronaldos in Erscheinung treten? Wie soll man die Tatsache erklären, dass Brasilien bei einer WM auf dem Rasen ihres eigenen Territoriums erscheint, mit nur einem einzigen wirklichen Starspieler? Es ist offensichtlich, dass man ein ernstes Problem bei der Heranbildung von Talenten hat, und das kommt besonders durch die immer frühere Vermarktung jugendlicher Spieler.

Die Basis-Kategorien der besten brasilianischen Clubs werden beherrscht von Unternehmern, die sie als Geschäftsbühnen zwischen Eltern, Agenten und Fussball-Trainern missbrauchen. Heutzutage wird ein junger Fussball-Möchtegern erst dann in eine Sub-12 oder Sub-15 Basis eines grossen Teams aufgenommen, wenn er eine “Aufnahmegebühr“ an den Unternehmer-Sponsor zahlt, der dann seinerseits den Club-Direktor besticht. Es interessiert nicht mehr, ob der Junge gut mit dem Ball umgehen kann. Was interessiert ist, ob er Geld einbringen kann.

Selbst wenn sich ein aussergewöhnliches Talent entpuppen sollte, wie im Fall von Neymar, werden die Mängel der Ausbildung sichtbar. Bei einem Kollektiv-Interview sagte Neymar, dass in Brasilien der Fussball auf eine zweifelhafte Art und Weise gelehrt würde. “Ich habe zuhause Sachen gemacht, die ich beim Training nicht machen musste“, sagte der Mann mit dem Trikot Nummer 10 der Seleção. “Ich habe viele Dinge auf falsche Art und Weise gelernt“.

Die Trainer, selbst jene, deren Aufgabe es wäre, innovative Konzepte zu präsentieren, wie zum Beispiel jene, die die seltene Chance bekommen, ein grosses Team zu trainieren, sie sind in der Zeit stehengeblieben – Felipão ist das typische Beispiel fehlender Anpassung an die neuen Zeiten. “Es besteht ein offensichtliches Desinteresse der Verbände und des CBF an einer Einrichtung von Kursen für Trainer und an einem Austausch mit ausländischen Trainern“, sagt der Koordinator Fussball Studiengruppe der Universität von São Paulo. “Als man in Deutschland feststellte, dass der Fussball nicht den Erwartungen entsprach, gründete man verschiedene Trainingseinheiten mit spezialisierten Profis“.

Deutschland ist das beeindruckendste Modell dessen, was man mit Planung, Organisation und guten Ideen erreichen kann. Als die deutsche Nationalmannschaft 2002 das Endspiel gegen Brasilien verlor, schlossen die Fussball-Manager des Landes einen Pakt: alles zu ändern, damit Deutschland wieder in der Lage sei, gegen die Grossen des Weltfussballs antreten zu können. Erster Schritt war eine Untersuchung der finanziellen Situation in den Clubs, die Korruption beseitigen und in das zu investieren, worauf es ankommt – die Spieler. Innerhalb einer Zeit von zwei Jahren wurden 200 Sportzentren im Land errichtet (heute sind es fast 400), in denen Trainer, Physiotherapeuten, Ernährungsfachleute, Psychologen, Erzieher, Mediziner und das junge Personal von Universitäten arbeiten, mit der Mission, neue Formen der Verbesserung von Taktiken und Techniken der zukünftigen Spieler zu suggerieren.

Eine Partnerschaft mit der Kölner Universität resultierte in der Erarbeitung einer detaillierten Statistik über das Universum des Fussballs. Die Akademiker beschäftigten sich mit Dingen, wie zum Beispiel “sichere Torschüsse“ oder “Stress-Niveaus“, “kreatives Potenzial“ oder “Konzentrations-Kapazität“. Danach werden die Informationen an die Trainer weitergeleitet, die dann herausfinden, was an jedem einzelnen Athleten verbessert werden muss. Von den 23 deutschen Fussballern, die für die WM in Brasilien ausgewählt wurden, sind 22 auf diese Art und Weise ausgebildet worden. Die Ausnahme ist der Stürmer Miroslav Klose, der Veteran von 36 Jahren, der seine Karriere noch vor diesem Procedere begonnen hat.

Währenddessen hat die Maxime, “Talente entstehen ganz natürlich“, eine ganze Generation an brasilianischen Betriebsleitern und Trainern auf der faulen Haut liegen lassen. In den altertümlichen Köpfen dieser Unfähigen hat sich die Überzeugung eingenistet, dass man dazu nichts tun müsse, denn früher oder später würden neue Romários und Ronaldinhos auftauchen. Schlimmer noch: Wie die Sportpresse berichtet, war die brasilianische Seleção das Team mit dem geringsten Training. Anstatt verschiedene Taktiken auszuprobieren und die Gegner zu studieren, zog Felipão es vor, das Schicksal seiner Mannschaft seiner Lieblings-Schutzheiligen anzuvertrauen, seinem Sportanorak, den er niemals auszog, weil er ein Glücksbringer sei, oder den Selbsthilfe-Phrasen, die er seinen Spielern täglich in die Köpfe zu hämmern pflegte.

Carlos Alberto Parreira, sein Trainings-Helfer, klammerte sich an den Mystizismus der Seleção, anstatt an die nackte, rohe Realität. “Der Fussball hat eine Hierarchie – das Trikot hat Gewicht – das Gelbe ist Gold wert“, sind Phrasen, die er immer wiederholte, anstatt einer Verteidigung zu erklären, sagen wir, wie man die Angriffe der deutschen Stürmer blockiert. Nach Meinung von Carlos Alberto Torres, dem Mannschafts-Kapitän des Tri, hat Felipão vergessen, dass er den “Penta“ (Fünffachen) gewonnen hat, weil er Spieler wie Ronaldo Fenômeno, Ronaldo Gaúcho, Rivaldo und Cafu in seinem Team hatte, und nicht, weil er mehr Glauben an seine Glücksbringer besitzt als die Gegner. Diese Art und Weise zu agieren ist es, die mit einem Amateurgeist einhergeht, der bekämpft werden muss.

Auch die Wahl der “Granja Comary“, in Teresópolis, als Trainings-Camp der Seleção, was ein Blödsinn. Dort trainierten seine Mannen bei Temperaturen um die 15 Grad, um später in Glutöfen wie Fortaleza zu spielen. Felipão sagte, dass er keine taktischen Varianten vorbereitet habe, weil das Trainings-Camp keine verdeckten Trainingsmethoden erlaube, und deshalb das Risiko bestand, dass Rivalen die brasilianischen Waffen entdecken würden. Du lieber Gott – aus welchen unerfindlichen Gründen hat er dann Teresópolis ausgewählt?

Aber, wie schon gesagt, darf man die Schuld für das brasilianische Desaster nicht nur bei den Trainern suchen. “Die Wurzel des Problems steckt im Organigramm der Clubs“, sagt der Gründer der “Pluri Consultoria“, spezialisiert auf den Sport-Markt. Die Tatsache, dass Sport-Manager in Brasilien nicht bezahlt werden, führt zu zwei Situationen: eine nur teilweise Widmung der Club-Interessen und, viel schlimmer, zur Korruption. “Diese Amateur-Struktur passt nicht zu dem grossen Geschäft, das der Fussball von heute darstellt“, sagt der Pluri Gründer. Als Land, das weltweit zur Referenz dieses Sports geworden ist, verliert Brasilien das Rennen nicht nur gegen die grossen Center, wie Deutschland, Spanien und England, sondern sogar gegen Emporkömmlinge.

Eine Studie der “Pluri“ kommt zu dem Schluss, dass ein “Campionato Brasileiro“ (brasilianische Meisterschaft), zum Beispiel, einen kalkulierten Marktwert von 672 Millionen Euro hat – hinter Nationen mit geringem fussballerischen Glanz, wie die Türkei oder die Ukraine. Im vergangenen Jahr hat das “Campionato Brasileiro“ am meisten an Wert verloren, mit einem Sturz von 28%. Die Länder mit dem grössten Wertzuwachs auf dem Markt waren China (+ 55%) und die USA (+36%). Durch den immer früheren Verlust brasilianischer Talente und den wahrscheinlichen Katzenjammer nach dieser WM besteht das Risiko, dass dieses Szenario sich verschlimmert.

Die gute Nachricht ist, dass sich vor den Verantwortlichen für den brasilianischen Fussball eine einzigartige Gelegenheit auftut. Es gibt keine Ausreden mehr, nichts zu ändern. Warum also nicht eine komplette Umstrukturierung vornehmen? Warum nicht einen ausländischen Trainer unter Vertrag nehmen, anstatt in derselben Sosse herum zu rühren?! Warum nicht die Clubs dazu anhalten, ihre Finanzen zu sanieren? Warum nicht talentierten Spielern eine Chance geben, anstatt ihre Ausbildung in ein rentables Geschäft zu verwandeln? Warum nicht in professionelle Vorbereitung investieren, anstatt in Magie? Marin, Del Nero und Dunga der neue/alte Coach der Nationalelf sollten jetzt diese Fragen schnellstens angehen und beantworten.


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