Wie fühlen sich die Brasilianer kurz vor der WM?

Veröffentlicht am 10. Juni 2014 unter Brasilien News

Ein Jahr nach den ersten Protesten und nun kurz vor Beginn der Fussball-Weltmeisterschaft, führte man verschiedene Meinungsumfragen bei den Brasilianern durch, um genauer zu wissen, was in den Herzen der WM-Gastgeber vorgeht. So wurden u.a. zwischen dem 15. und 30. April 2014 rund 1.500 Brasilianer aller Ethnien und der unterschiedlichen Einkommensklassen diesbezüglich interviewt und es wurde festgestellt, dass 72% der Befragten unzufrieden mit dem sind, wie die Dinge in ihrem Land gehandhabt werden – angefangen bei 55%, wenige Wochen vor den ersten Demonstrationen im Juni 2013.

Meinungen über die nationale Wirtschaft haben sich besonders während dieser letzten Ein-Jahres-Periode dramatisch verändert. Zwei Drittel sagen nun, dass Brasiliens einst so “boomende“ Wirtschaft in schlechter Verfassung sei, während 32% noch behaupten, die Wirtschaft sei ok. Erst im vergangenen Jahr hat sich die Meinungsbalance umgekehrt: Damals dachte eine 59%-tige Mehrheit, dass das Land wirtschaftlich in guter Verfassung sei, während 41% das Gegenteil annahmen.

anti korruption

Die Brasilianer sind ebenfalls besorgt wegen des Schocks, den die kommende WM in ihrem Land auslösen wird. Zirka sechs von zehn (61%) der Befragten glauben, dass die Aufnahme dieses Events eine schlechte Sache ist, weil sie Investitionen für Schulen, Gesundheitsvorsorge und andere öffentliche Einrichtungen verschlingt. Nur 34% glauben, dass die WM mehr Jobs schaffen und die Wirtschaft ankurbeln wird. Zirka vier von zehn (39%) sagen, das die WM Brasiliens globalem Image schaden wird, während fast eine gleiche Anzahl (35%) meint, dass sie dem Image nützen wird – 23% meinen, dass sie keinen Schock auslösen wird.

Allgemeiner Frust

Die grössten Probleme im Land sind für 85% die steigenden Preise, für 83% die Kriminalität, für 83% das schlechte Gesundheitswesen, für 78% die Korruption in der Politik, für 72% die fehlenden Arbeitsplätze, für 68% die Kluft zwischen arm und reich, für 64% die mindere Qualität der Schulen.

Präsidentin Dilma Rousseff

Während 48% der Brasilianer der Ansicht sind, dass der Einfluss ihrer Präsidentin auf das Land positiv ist, bekommt sie äusserst negative Bewertungen hinsichtlich ihres Handelns in wichtigen Angelegenheiten, die das Land betreffen. Klare Mehrheiten missbilligen die Art und Weise, in der die Präsidentin mit den folgenden neun getesteten Problemen umgeht: Korruption (86% missbilligen ihr Handeln), Gesundheitsvorsorge (85%), Kriminalität (85%), öffentliches Transportwesen (76%), Auslandspolitik (71%), Erziehung (71%), Vorbereitungen für die WM (67%), Armut (65%) und die Wirtschaft (63%).

Herausforderer für die Präsidentenwahl

Trotz ihrer niedrigen Bewertung in punkto Problemlösungen, sieht man die Präsidentin positiver als ihre Herausforderer für die anstehenden Wahlen im Oktober diesen Jahres, die man weniger gut kennt. Etwa die Hälfte (51%) haben eine gute Meinung von Rousseff, etwa doppelt so viele wie jene, die dasselbe von Aécio Neves sagen (27%) oder Eduardo Campos (24%). Alle drei Kandidaten bekommen jedoch ungünstige Bewertungen in Bezug auf ihre Politik, die in etwa um die 50% Marke kreisen. Zirka einer von vier Befragten hat zu Neves oder Campos überhaupt keine Meinung.

Gruppen und Institutionen

Die Brasilianer haben bei weitem weniger Vertrauen in Schlüsselgruppen und Institutionen, als noch vor vier Jahren. Weniger als die Hälfte (47%) meinen, dass die Landesregierung einen positiven Einfluss auf den Lauf der Dinge in Brasilien hat – 2010 waren es noch 75%. Nur noch 33% der Brasilianer sagen heute, dass die Polizei einen guten Einfluss auf ihr Land hat – verglichen mit 53% im Jahr 2010. Und rund die Hälfte (49%) meinen heute, dass das Militär einen positiven Einfluss auf den Lauf der Dinge in Brasilien hat – von 66% im Jahr 2010.

Der ehemalige Präsident Lula

Die Meinungen über Dilma Rousseff stehen in scharfem Kontrast zu denen über ihren Vorgänger und Mentor, Luiz Inácio Lula da Silva, im letzten Jahr seiner zweifachen Präsidentschaft. Im Jahr 2010 sagten acht von zehn (84%) der befragten Personen aus, das Lula einen positiven Einfluss auf Brasilien habe. Anders als Rousseff, die von den meisten Brasilianern, mit Hochschulbildung und höherem Einkommen, negative Bewertungen erhält – wohingegen Lulas Einfluss von der Mehrheit aller demografischen Gruppen in einem positiven Licht gesehen wird.