Oscar Niemeyer ist tot

Veröffentlicht am 6. Dezember 2012 unter Brasilien News

br-34-oscar_niemeyerBrasilien verliert mit Oscar Niemeyer seinen bedeutendsten Architekten. Gestern (06.12.2012) um 21:55 Uhr brasilianischer Zeit starb Brasiliens Stararchitekt im Alter von 104 Jahren, im “Hospital Samaritano“, im Stadtteil Botafogo, wo er seit dem 2. November wegen Komplikationen mit den Nieren und Dehydratation interniert war.

Niemeyers Krankheitsbild hatte sich in den letzten Stunden zunehmend verändert, und der Arztbericht dieses Nachmittags, unterzeichnet von dem Leiter der Intensivstation, Fernando Gjorup, konstatierte eine “Verschlechterung im klinischen Zustand des Architekten“. Wegen eines Atmungsinfekts wurde Niemeyer in Narkose versetzt und seine Atmung durch Apparaturen unterstützt – vergebens – Oscar Niemeyer wäre am 15. Dezember 105 Jahre alt geworden.

Niemeyer prägte einen neuen Stil der Architektur – mit wachem Geist und begabten Händen.

Als Symbolfigur der Avantgarde und der Kritik am Konservatismus der Ideen und Projekte, wird der “Carioca“ Oscar Ribeiro de Almeida de Niemeyer Soares Filho angesehen, der an diesem Mittwochabend (5.12.2012) im Alter von 104 Jahren verstarb – er war weltweit anerkannt als einer der einflussreichsten Meister der modernen Architektur. Seine kreativen, scheinbar schwerelosen Linien schufen eine neue Bewegung in der Architektur. Die Hauptstadt Brasilia ist nur eine seiner zahlreichen Schöpfungen in Brasilien und auf internationaler Ebene.

Er war ein unruhiger Geist und stand permanent unter Hochspannung. Niemeyer hatte Sprüche drauf, die noch lange in unserer Erinnerung haften werden. Als er zum Beispiel wieder mal einen seiner Freunde verlor, äusserte er sich so: “Ich habe es satt, adeus zu sagen“! Während einer jener Perioden des Gewaltverbrechens in Rio de Janeiro fragte man ihn, ob er sich eigentlich immer noch empört über die Zustände in seiner Stadt – die Antwort kam schnell und objektiv: “Wenn der Tag kommen sollte, an dem ich mich nicht mehr empöre, da deshalb, weil ich gestorben bin“!

1934 beendete Niemeyer seine Ausbildung an der “Escola Nacional de Belas Artes“ von Rio de Janeiro. Er hatte marxistische Prinzipien und widersetzte sich der kommerziellen Architektur – wie er sie nannte. Noch bis im Jahr 2009 pflegte er sich jeden Tag in sein Büro im Stadtteil Copacabana zu begeben. Seine regelmässige Arbeitsfrequenz ging zurück, nachdem er sich zwei chirurgischen Eingriffen unterziehen musste – zur Entfernung eines Tumors im Colon (Dickdarm) und eins andern in der Blase. Im Jahr 2010 kam er in die Klinik wegen einer Blaseninfektion.

Sein Leben lang verband Niemeyer seine Arbeit mit seiner Ideologie. Als ein Freund von Luís Carlos Prestes (Gründer der brasilianischen, kommunistischen Partei – PCB) wurde er Parteimitglied und überliess seinen Freunden zeitweisse sein Büro, um sich zu organisieren. Während der Militärdiktatur (1964-1985) verordnete er sich selbst das Exil in Frankreich – und verbrachte auch einige Zeist in der damaligen Sowjet-Union.

2007 beschenkte Niemeyer den Ex-Präsidenten von Kuba, Fidel Castro, mit einer Skulptur, die ein monströses Wesen zeigt, das einen Mann bedroht, der sich mit der kubanischen Flagge verteidigt. Im gleichen Jahr stand er im Mittelpunkt der Kritik wegen einer Summe von 7 Millionen Reais (zirka 2.800.000 Euro), die er für seine Projektion eines Gebäudes für das “Tribunal Superior Eleitoral (TSE) “ in Brasilia verlangt hatte.

Abgesehen von der ganzen Polemik um ihn herum, hat sich Oscar Niemeyer mit der Konstruktion von Brasilia in ein Synonym des talentierten Künstlers und wagemutigen Unternehmers verwandelt. Alle inzwischen weltbekannten Postkartenmotive dieser Stadt wurden von ihm geschaffen – wie auch die kleine Kirche der “Quadras 307/308 Sul“, zum Beispiel, im Design einer Nonnenhaube und in nur 100 Tagen fertig gestellt!

Der “Palácio da Alvorada“, die offizielle Residenz des Präsidenten der Republik, war das erste öffentliche Gebäude, das im Juni 1958 in der Hauptstadt eingeweiht wurde. Bei diesem Bauwerk postierte Niemeyer die Säulen an der Front des Bauwerks, um damit das Wappen Brasilias zu symbolisieren.

Der Sitz der föderativen Regierung, der “Palácio do Planalto“, ergänzt die Gebäudegruppe der “Praça dos Três Poderes“ (Platz der drei Gewalten), bestehend aus dem “Supremo Tribunal Federal“ (Oberster Gerichtshof) und dem “Congresso Nacional“ (Nationalkongress) – letzterer aufgeteilt in zwei Halbschalen, die einmal die “Câmara dos Deputados“ (Deputierten-Kammer) darstellen (konvexe Halbschale) und zum andern den “Senado“ (Senat) – mit einer konkaven Halbschale.

Eines der meist besuchten Symbole der Hauptstadt ist Niemeyers Meisterwerk, die “Catedral Metropolitana“ (Kathedrale). Ihre eigenwillige Form hat Anlass zu mehreren Deutungen gegeben – die einen sehen in ihr die Dornenkrone von Jesus, die anderen interpretieren sie als betende Hände – auch Blüten und die Krone Marias werden von der volkstümlichen Vorstellungskraft miteinbezogen. Der Zugang zur Kathedrale ist subterran angelegt – im riesigen Innenraum, der wie ein Schiff angelegt ist, sind schwebende Engel an Stahlseilen unter der Decke befestigt.

Im Januar diesen Jahres (2012) hat Niemeyer seine Tochter Anna Maria, im Alter von 82 Jahren zu Grabe getragen, die aufgrund eines Lungenödems in Rio verstarb. Seither, so sagen Freunde, gab sich der Architekt verschlossen und verliess sein Haus nur noch selten.