Brasilien – ein Land voller Stimmen

Veröffentlicht am 11. Oktober 2012 unter Brasilien News

Brasilien, das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013 präsentiert seine Vielfalt und Weltoffenheit. Brasilien ist ein Land voller Stimmen, mit einer Kultur, die sich permanent neu erfindet. 2013 ist Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse.

br-14-brasil_literature_87Unter dem Motto Brazil in Every Word wird der Ehrengast den Reichtum, die Vielfalt und die Lebendigkeit des brasilianischen Kulturschaffens präsentieren, Eigenschaften, die sich auch in der Literatur des Landes spiegeln – einer Literatur, die weltweit immer mehr Lesern zugänglich gemacht werden soll.

Über 70 brasilianische Autoren aus den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur sowie Wissenschaft und Sachbuch stellen im Gastlandjahr ihre Werke im deutschsprachigen Raum vor. Neben Lesungen und Literaturveranstaltungen auf der Frankfurter Buchmesse und in der Stadt Frankfurt wird es beispielsweise auch Auftritte auf dem internationalen literaturfestival berlin oder der lit.COLOGNE in Köln geben. Den Auftakt im nächsten Jahr bildet die Präsentation auf der Leipziger Buchmesse. Ziel der Organisatoren ist es, durch diese starke Präsenz den wirtschaftlichen Austausch und Veröffentlichungen brasilianischer Autoren im Ausland zu fördern. „Um die Vielfalt und Weltoffenheit unserer Kultur zu zeigen, haben wir für den Gastlandauftritt ein Budget von 10 Millionen US-Dollar bereit gestellt“, sagt Marta Suplicy, die brasilianische Kulturministerin.

Über 14 Frankfurter Kulturinstitutionen präsentieren mit einem umfangreichen Programm die Lebendigkeit der brasilianischen Kultur. In den Museen werden beispielsweise Ausstellungen zu Hélio Oiticica, dem berühmten brasilianischen Künstler (MMK Museum für Moderne Kunst, Palmengarten), zur brasilianischen Architektur (Deutsches Architekturmuseum, DAM), zum brasilianischen Design (Museum für Angewandte Kunst, MAK) und – erstmals in Europa – zur brasilianischen Graffiti-Kunst (Schirn Kunsthalle) zu sehen sein. Zusätzlich sind Theater- und Tanzveranstaltungen, Filmvorführungen und Performances geplant.

Einen Vorgeschmack auf 2013 gibt das künftige Gastland schon jetzt mit zahlreichen Veranstaltungen auf der Frankfurter Buchmesse 2012 und im Frankfurter Stadtgebiet. Elf brasilianische Schriftsteller sind in Frankfurt und stellen ihre Werke vor, darunter die jungen brasilianischen Autoren Andréa del Fuego, João Paulo Cuenca und Michel Laub sowie die preisgekrönten Schriftsteller Marina Colasanti, Roger Mello, Alberto Mussa, Luiz Ruffato und Cristovão Tezza. Der international renommierte Autor Milton Hatoum wurde ausgewählt, am letzten Messetag die GastRolle vom diesjährigen Ehrengast Neuseeland entgegenzunehmen. Auch am brasilianischen Messestand werden zahlreiche Veranstaltungen angeboten, etwa zur brasilianischen Kinder- und Jugendliteratur, zum Buchmarkt in Brasilien und zur Übersetzungsförderung.

„Brasilien hat mit seinem Gastlandauftritt Großes vor“, so Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. „Die Literatur dieses Landes ist derart facettenreich, jung und dynamisch, dass sie sich in keinerlei Schublade einordnen lässt. Unsere und die Aufgabe des Ehrengastteams 2013 ist es, die Hunderte verschiedener Richtungen aufzuzeigen und den Lesern in Deutschland und in der ganzen Welt einen Zugang zum literarischen Reichtum Brasiliens zu verschaffen.“

Brasilien ist nach 1994 zum zweiten Mal Gastland der Frankfurter Buchmesse. Für Galeno Amorim, Vorsitzender des Frankfurter Komitees und Präsident der Stiftung Brasilianische Nationalbibliothek (Fundação Biblioteca Nacional, FBN), ist der neuerliche Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse ein besonderer Moment: „Weltweit erfährt Brasilien derzeit große Aufmerksamkeit, weil es demokratische und wirtschaftliche Stabilität erreicht hat und nun in der Lage ist, die großen sozialen Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Nichts ist besser dazu geeignet als Kultur und Literatur, um den Brasilianern und der Welt das neue Brasilien zu zeigen.“

Seit dem ersten Gastlandauftritt wurde eine langfristige staatliche Kulturförderung eingeleitet. Auch der Gastlandauftritt 2013 ist Teil dieses dauerhaften Förderkonzeptes des brasilianischen Staates. Mit Investitionen in Höhe von 35 Millionen US-Dollar will Brasilien bis zum Jahr 2020 u. a. Übersetzungen in den Bereichen Belletristik und Sachbuch fördern und so zur internationalen Verbreitung der brasilianischen Literatur beitragen.

Brasilien – ein Land voller Stimmen
In Geschichte und Gegenwart sind sich stets unterschiedliche Kulturen auf brasilianischem Boden begegnet. Es ist ein einst von Indianern bewohntes und später von Europäern kolonialisiertes Land, in dem weltweit die meisten Menschen afrikanischer Herkunft außerhalb Afrikas (44% der brasilianischen Bevölkerung) und zahlreiche Immigranten leben wie etwa große Gruppen italienischer, deutscher, arabischer oder japanischer Herkunft. Jede dieser Volksgruppen übte Einfluss auf die Kultur des Landes aus, in dem seit der Staatsgründung im 19. Jahrhundert heftige Debatten darüber geführt wurden, was es bedeute, Brasilianer zu sein. Zahlreiche brasilianische Intellektuelle sahen sich dazu veranlasst, ihr Land neu zu erfinden. Bei dieser Diskussion spielte die Literatur eine entscheidende Rolle.

Eine Kultur, die sich permanent neu erfindet
Einflüsse von außen aufnehmen, um sie neu zu erschaffen – so funktioniert die kulturelle Dynamik Brasiliens: Fremde Gewohnheiten und politische Systeme wurden dabei ebenso eingegliedert und neu erfunden wie künstlerische Praktiken. Die Brasilianer sehen diese Eigenart als ihr Markenzeichen. In den 1920er Jahren prägte der Schriftsteller Oswald de Andrade für diese Form der Einverleibung den noch heute verwendeten Begriff der „kulturellen Anthropophagie“. Diese Metapher wurde inspiriert durch das indigene Ritual, bei dem man den Gegner feierlich verspeiste, um seine besonderen Eigenschaften in sich aufzunehmen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, im Zeitalter der Megacities und des internationalen Austauschs, wiederholt sich der Akt der „Anthropophagie“: als kultureller Wandel, bedingt durch aktuelle Prozesse, die nicht ausschließlich auf Brasilien beschränkt sind und das Land an ein kosmopolitisches Spektrum anbinden. Einige dieser Prozesse bilden den Leitfaden der Ausstellung im 2.500 m² großen Brasilien-Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2013. Der Pavillon wird von Daniela Thomas und Felipe Tassara gestaltet.

Neue kosmopolitische Figuren in der Literatur
Brasilien wird gegenwärtig immer internationaler, Grenzen lösen sich mehr und mehr auf. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren die Intellektuellen in Brasilien auf der Suche nach einer nationalen Identität und verfassten essayistische Handbücher über das Land. Eine Strömung, die seit den 1960er Jahren stetig abnahm. Heute gibt es in der brasilianischen Literatur eine große Fülle erzählerischer Tendenzen, die sich kaum auf eine Richtung oder Tradition festlegen lassen. Die neuen literarischen Figuren sind Weltbürger, sie begeben sich nach Tokio, Budapest oder London, ins Herz des Urwaldes, in die Großstädte Brasiliens und in die von Armut geprägten Peripherien. Die Figuren sind häufig nicht einmal mehr Brasilianer, sondern urbane Wesen, die von einem unbestimmten Ort aus sprechen. Diese Weltoffenheit in der neuen brasilianischen Literatur spiegelt sich auch beim Gastlandauftritt 2013 wider.

Die Organisation des Gastlandauftritts
Die Kuratoren für das Literaturprogramm sind der Literaturkritiker Manuel da Costa Pinto, die Literaturprofessorin Maria Antonieta Cunha, Direktorin des Referats für Buch und Literatur im Kulturministerium und Antônio Martinelli vom Kulturzentrum SESC São Paulo. Zum Organisationskomitee gehören neben dem Außenministerium und einigen Institutionen des Kulturministeriums wie der Brasilianischen Nationalbibliothek (Fundação Biblioteca Nacional, FBN) auch die Kunststiftung Funarte (Fundação Nacional das Artes, Funarte) sowie verschiedene Einrichtungen rund um das Buch und verschiedene Nichtregierungsorganisationen an.

Pressebüro “Brasilien – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2013“
Bildquelle: Christoph Mueller-Girod