Geschichte Juli 2009

Veröffentlicht am 29. November 2009
Es waren schlimme Zeiten. Der Krieg schien kein Ende nehmen zu wollen, und seine Zerstörungswut machte vor nichts und niemandem halt. Nur unserem Helden dieser Geschichte schien er nichts anhaben zu können – einem Mann mit Charakter und stark wie ein Felsblock. Er hatte eine schöne Kindheit und exzellente Erziehung genossen, und seine Eltern hatten ihn sicher durch alle Unbilden seines jungen Lebens geführt und ihm alles beigebracht, was einen rechtschaffenen Mann auszeichnet.

Er hatte einen ehrlichen Charakter, war besonnen, respektierte seinen Nächsten, liebte die Natur und ganz besonders die Tiere. Er musste allerdings auch vieles einstecken, das ist wahr, aber er lernte aus seinen Verlusten und liess sich niemals unterkriegen.

Wie dem Jonas, wurde auch ihm vom Leben so manche harte Prüfung auferlegt. Langsam, Schritt um Schritt, verlor er alle seine Habe in jenem schrecklichen Krieg – nur sein Hund und sein Pferd blieben ihm zuletzt, und die drei waren unzertrennliche Freunde.

Jedoch liess sein Schicksal ihn immer noch nicht in Ruhe. Als er zusammen mit seinen beiden Freunden, dem Hund und dem Pferd, einen Wald durchquerte, wurden sie von einem gewaltigen Unwetter überrascht. Und als sie unter einem riesigen Baum Schutz suchten, wurde dieser von einem Blitz getroffen – sein Stamm knickte ab und begrub die drei, noch bevor diese sich der Katastrophe überhaupt bewusst geworden waren.

Viele Völker glauben, dass jene, die vom Tod überrascht werden, noch eine gewisse Zeit brauchen, um sich dessen bewusst zu werden – also machen sie weiter als ob nichts geschehen sei – und erst, wenn sie versuchen, mit den Lebenden Kontakt aufzunehmen, begreifen sie langsam, dass sie tot sind.

So war es auch mit diesen drei Freunden, die einfach weiterzogen und sich freuten, dass der Regen aufgehört hatte. Allerdings wurden sie von grossem Durst geplagt, so als ob sie eine Wüste durchschritten hätten.

Schliesslich, nach vielen Stunden des Weges, erreichten sie ein grosses, goldenes Portal am Rande der Strasse, mit einem Wachsoldaten in einem Schilderhäuschen daneben. Ein bisschen weiter erblickten sie eine traumhafte Landschaft – eine kleine, glänzende Brücke führte zu einem immensen Garten voller kristallklarer Bäche, die in Richtung eines sehr hellen Lichtes flossen, und dessen Wärme man bis zum Tor spüren konnte. Alles war wunderschön und warm und von verführerischem Komfort.

Unserem Helden schoss nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Wasser – so viel wir brauchen!

Dann führte er sein Pferd am Zügel zu dem Schilderhäuschen, sein Hund trottete müde hinterher, und er bat den Wächter, eintreten zu dürfen. Dieser, äusserst zuvorkommend und freundlich, war sofort bereit, ihm das Tor zu öffnen – allerdings unter einer Bedingung: Nur er dürfe eintreten – Tiere waren hier nicht erlaubt!

Unser Held, vom Durst geplagt, betrachtete seine beiden treuen Lebensgefährten, die müde und durstig ihre Köpfe hängen liessen – und er fand es ungerecht, dass man sie nicht einlassen wollte. Also dankte er dem Wächter und fragte ihn noch, wo sie sich eigentlich befänden. Der Wächter antwortete, dass dies das Portal zum Himmel sei, und dass er, der er sein Leben in korrekter Haltung hinter sich gebracht, sich die volle Berechtigung erworben habe, den Himmel zu betreten – aber er solle verstehen, dass der Himmel nicht für Pferde und Hunde gemacht sei.

Unser Held verstand die Haltung jenes Wächters nicht ganz, aber gewohnt, die Meinung anderer zu respektieren, nahm er enttäuscht den Zügel seines Pferdes wieder auf, und die drei schleppten sich weiter bis sie einen Ort finden würden, an dem sie alle zusammen ihren Durst löschen könnten.

Wieder trabten sie eine lange Zeit nebeneinander her – er mutete seinem entkräfteten Pferd nun nicht mehr die Last seines Körpers zu sondern führte es am Zügel – dem Hund knickten manchmal schon die Beine ein, seine Zunge hing ihm lang und durstig aus dem Maul. Schliesslich erreichten sie erneut ein Tor, dieses war allerdings schon alt – es gab keinen Wachsoldaten, nur einen alten Mann, der im Schatten eines Baumes lag, neben ihm murmelte ein Bächlein.

Der Alte sprang auf, als er der drei Freunde gewahr wurde, die sich nur noch mühsam auf den Beinen halten konnten. Unser Held, dem der Durst die Kehle zudrückte, erklärte röchelnd seine Situation, worauf der alte Mann ihn freundlich anlächelte, ihm das Tor öffnete und ihn einlud, seinen und den Durst seiner Freunde nach Belieben zu stillen und an diesem gastlichen Ort solange zu verweilen, wie es ihnen beliebe – bei freier Kost und Logis.

Nachdem er seinen brennenden Durst gestillt und sich mit seinen beiden Lebensgefährten neben dem alten Mann im Schatten des Baumes niedergelassen hatte, machte unser Held endlich seiner Überraschung über so viel Gastfreundschaft Luft und fragte: “Was ist das für ein Ort, an dem wir uns jetzt befinden”? Und der alte Mann antwortete ihm: “Dies ist der Himmel”!

Verwirrt erzählte er dem Alten von jenem goldenen Tor, na dem sie zuerst vorbeigekommen waren, und wie schwer es ihm gefallen sei, mit seinem fürchterlichen Durst dem kristallklaren Wasser zu widerstehen, weil er seine beiden Tiere so liebe, und die keine Tiere zulassen wollten.

Der alte Mann sagte: “Dort, wo du zuerst um Eintritt gebeten hast, ist die Hölle! Gott hat sie gleich an den Anfang deines Weges platziert, damit der Teufel uns die Arbeit abnimmt – die Ankommenden durchlaufen dort gewissermassen eine Qualitätskontrolle, die uns viel Mühe erspart. Alle Egoisten kehren dort ein – Menschen, die in Zeiten der Not und Entbehrung sich von ihren besten Freunden entfernen, sie verleugnen und nur an sich und ihr eigenes Wohlbefinden denken. Solche Menschen werden vom goldenen Tor geblendet und finden den Weg zu unserem bescheidenen Portal niemals”!

Ihre Janice Drummond Reynolds