Geschichte August 2009

Veröffentlicht am 29. November 2009
Man erzählt sich, dass einst in einem uralten Königreich ein gewaltiger Herrscher gelebt habe, und dass dieser seine Macht und all seinen Reichtum der Weisheit eines Sklaven zu verdanken hatte, welcher ihm seit seiner frühesten Jugend gedient, und den er später zu seinem Hofmarschall und ersten Berater machte. Stets vor einer bedeutenden Entscheidung holte der König den Rat dieses geschätzten Mannes ein – und deshalb stand alles in seinem Reich zum Besten, und der König war im ganzen Land beliebt.

Schliesslich fragte sich der König, was er mit seinem zunehmenden Reichtum denn nun machen sollte, also rief er seinen Hofmarschall zu sich, übergab ihm einen grossen Beutel voller Goldstücke mit folgendem Auftrag: “Bring mir ein Objekt, dass Du für das kostbarste auf der Welt hältst”!

Der Sklave ging fort, um den Auftrag seines Königs auszuführen, musste allerdings gar nicht weit gehen – und schon bald kehrte er mit demselben Beutel voller Goldstücke zurück, von denen er lediglich eins auf dem lokalen Markt verbraucht hatte. Auf einem Tablett breitete er vor dem König eine Rinderzunge aus – welche zu jener Zeit auf der Tafel des Hofes als Delikatesse verehrt wurde.

Der König, überrascht und verwirrt, verstand erst einmal gar nichts, hörte sich aber sodann aufmerksam die Erklärung seines Hofmarschalls an, welcher sich anschickte, mit Hingabe die Vorzüge und Bedeutung der Zunge zu beschreiben: “Die Zunge ist in der Lage, die Menschen durch ihre Kommunikation zum Verstehen zu bringen, sie kann durch ihre Erklärungen und die diplomatische Aneinanderreihung der Worte Kriege verhindern. Die Zunge ist dermassen wertvoll, dass sie sogar Liebesworte gegenüber einem geliebten Wesen hervorbringt, Worte des Trostes für die Leidenden ausspricht, und Worte der Weisheit in den komplizierten Situationen der Menschheit. Mit der Zunge begrüsst man sich gegenseitig, verabschiedet man sich oder löst man Probleme. Mit der Zunge prostet man sich zu, schmeckt man die Köstlichkeiten der Tafelfreuden, das vorzügliche Bouquet des Weins”. Und der Hofmarschall fuhr fort, die unzähligen Vorzüge der Zunge zu rühmen und konnte den König davon überzeugen, dass ihr, der Zunge, zweifellos die Ehre des “wertvollsten Objekts der Welt” gebühre.

Der König übergab seinem Hofmarschall einen anderen, noch grösseren Beutel, bis obenhin angefüllt mit Goldstücken und sprach: “Jetzt bring mir das Objekt, welches Du für das schlechteste der Welt hältst”!

Der Sklave nahm den Beutel, verabschiedete sich von seinem König und ging wieder nur den kurzen Weg bis zum lokalen Markt. Schon nach wenigen Stunden war er wieder zurück – und wieder hatte er nur ein einziges Goldstück ausgegeben – er überreichte seinem erstaunten König den vollen Beutel. Dann legte er auf das Tablett des Tisches eine zweite Rinderzunge – die der König mit noch grösserer Überraschung begutachtete – um sich aber dann den Erklärungen seines Sklaven zu widmen. Und dieser sprach: ”Die Zunge ist in der Lage zu verletzen, zu beleidigen, Lügen hervorzubringen, zu täuschen, zu verführen, Menschen gegeneinander aufzuhetzen, Reibereien anzuzetteln, welche zu Kriegen führen, Gemeinheiten auszusprechen – sie ist unter allen Objekten dieser Welt am ehesten in der Lage, gute Aktionen zu zerstören, die Ethik, korrekte Haltungen und die Geduld zu strapazieren, die Justiz, die Solidarität und die Freundschaft zu verhöhnen – und sämtliche Werte dieser Welt zu verleugnen, welche vielleicht geeignet wären, alle Kreaturen zu vereinen”.

Eigentlich gebührt nicht nur unserer Zunge besondere Aufmerksamkeit und Kontrolle hinsichtlich ihrer Kapazität zu gewinnen oder zu zerstören – nicht nur unsere Zunge tendiert zwischen Gut und Böse, sondern jedes unserer vom Gehirn bewegten Körperteile besitzt gewissermassen diese Fähigkeiten – aber ganz besonders bei der Zunge ist es von Bedeutung, wessen Worte sie formt – und beim Ohr, wer es ist, der diese Worte anhört!

Ihre Janice Drummond Reynolds