Geschichte April 2010

Veröffentlicht am 27. März 2010
Im China der Antique benutzte man Krüge aus Keramik zum Wasserholen. Der entsprechende Brunnen war der bedeutendste Mittelpunkt eines Dorfes und die Krüge wurden von den Bewohnern fast wie lebende Wesen behandelt. Das konnte man an der Sorgfalt erkennen, mit der eine Person ihre Krüge auswählte, und der Vorsicht, mit der sie mit ihnen umging. In dem Dorf dieser Geschichte waren die Krüge seiner Bewohner auch, wie überall in China, mit kunstvollen Ornamenten geschmückt.

Nur eine alte Frau, benutzte stets ein Paar unscheinbarer, uralter Krüge, mit denen sie täglich zum Brunnen ging um dort ihr Wasser abzufüllen. Der eine Krug war noch ganz, aber von der Zeit ziemlich mitgenommen, der andere hatte einen Sprung, und wenn er gefüllt war, tropfte er stark. Trotzdem sah man die Alte stets beide Krüge füllen – und wenn sie zuhause ankam, war der eine davon schon halb leer, wegen dem Sprung.

Die Dorfbewohner konnten sich keinen Reim auf das eigentümliche Verhalten der alten Frau machen – offensichtlich machte der Verlust des Wassers während des Transports ihr Leben nicht gerade leichter! Und es geschah oft, dass die Frau sogar zweimal den langen Weg zum Brunnen auf sich nehmen musste, um genug Wasser für ihren Tagesbedarf im Haus zu haben.

Schliesslich raffte sich einer ihrer Nachbarn auf in der Absicht, der alten Frau irgendwie zu helfen – er war bereit, ihr einen neuen Krug zu schenken. Also klopfte er an ihre Tür, die alte Frau lud ihn ein, sich zu setzen, bot ihm einen Schluck Wasser an – und während sie einen Becher füllte, sah sich der Besucher ein bisschen um und bemerkte, dass die Stube sehr sauber war, dekoriert mit einfachsten Mitteln und vielen Blumen, die auf sehr ästhetische Art und Weise verteilt, dem Raum ein besonders ansprechendes Flair verliehen – dazwischen standen ein paar Keramikkrüge bester Qualität.

Als die Alte ihm den Becher reichte, offenbarte ihr der Nachbar, weshalb er gekommen war: “Wir alle im Dorf haben Ihre Mühe beobachtet, mit der Sie das Wasser nach Hause transportieren – und das mit einem Krug, der einen Sprung hat und viel Wasser unterwegs verliert. Ich kann nicht verstehen, warum Sie den schadhaften Krug nicht auswechseln, denn, wie ich sehe, haben Sie doch auch bessere Krüge, die Ihnen das Leben leichter machen könnten! Ich selbst bin bereit, Ihnen einen neuen Krug zu schenken, aber wie ich sehe, haben Sie selbst genug davon – ich kann also nicht verstehen . . .”

Die alte Frau lächelte ein bisschen und antwortete ihm: “Nicht alles, was defekt erscheint entbehrt der Qualität! Es gab mal eine Zeit, da konnte ich mir tatsächlich keinen neuen Krug leisten und schleppte mich ab mit meinem defekten alten, den ich nur halbvoll nach Hause brachte. Auch ich dachte damals, dass ein neuer Krug die Lösung wäre. Also überlegte ich mir, wie ich zu Geld für einen neuen Krug kommen könnte – und dieser alte, gesprungene Krug half mir dabei: Ich streute Blumensamen auf meinen Weg – auf der Seite, welche vom verlorenen Wasser meines gesprungenen Kruges begossen wird. Die Blumen begannen zu spriessen – soviele Blumen wuchsen aus der von meinem alten Krug besprengten Erde, dass ich anfing, mit ihnen mein Haus zu schmücken. Die Frauen aus unserer Gegend waren entzückt von der Ausstrahlung meiner Blumenbouquets – ich begann sie zu verkaufen, damit sie ihre Räume ebenfalls mit ihnen dekorieren konnten. Von den Einnahmen kaufte ich neue Krüge, Lebensmittel und Stoffe, und vieles andere, um ein zufriedenes Leben führen zu können. Nichts fehlt mir – ausser dem Wasser – also danke ich Gott und gehe meinen Weg mit meinem zersprungenen Krug, der mir sehr nützlich gewesen und noch immer ist. Er muss nicht perfekt sein, sondern nur weiterhin meine Blumen besprengen”!

Und wenn man mal darüber nachdenkt, so kommt man zu dem Schluss, dass wir Menschen durchaus mit jenen Krügen zu vergleichen sind: Alle haben wir irgendeinen Defekt (um nicht zu sagen “Sprung”) – aber genau das macht ein miteinander leben interessant und signifikativ. Wenn wir uns bemühen herauszufinden, wie unser Gegenüber eigentlich ist, und was er ist – und aus ihm das Beste herausholen – das scheint mir ein Akt wahrer Menschlichkeit zu sein. Defekt sind wir alle – alle haben wir einen Sprung – und das Beste, was wir tun können ist, auf unserem Weg nicht zu vergessen, die Blumen zu giessen – um das Beste in uns zum Blühen zu bringen.

Ihre Janice Drummond Reynolds