Geschichte April 2009

Veröffentlicht am 29. November 2009
Es war einmal ein Land, das war berühmt als Zentrum menschlichen Wissens, seine Bevölkerung war anderen Vorbild an Kultur und Weisheit, und die weisesten dieses Landes pflegten sich regelmässig zu treffen, um die neuesten menschlichen Erkenntnisse zu diskutieren.

Der König besagten Landes hatte angeordnet, dass die “Meister des Wissens” seines Reiches sich zu diesem Zweck am gegenüberliegenden Ufer eines grossen Flusses versammeln sollten, der die Regierungshauptstadt begrenzte. Dort hatten sie alle die nötige Ruhe, um ihre philosophischen Gedanken untereinander auszutauschen und zu diskutieren.

Und, wie es sich inzwischen eingespielt hatte, waren die ersten drei Tage der Anreise der Tagungsmitglieder gewidmet – und einer nach dem andern überquerten sie schliesslich auch den grossen Fluss um zum Sammelplatz zu gelangen und dort den weisesten aller Weisen zu erwarten, der die Tagung zu eröffnen pflegte. Gegen Ende des dritten Tages erschien dieser am jenseitigen Ufer, wo er alsogleich das kleine Boot bestieg, welches von einem bescheidenen Fährmann gerudert wurde. Jener, im Bewusstsein seines geringen Wissens, redete kaum ein Wort und konzentrierte sich ausschliesslich auf seine Arbeit – Jahr um Jahr brachte er die weisen Männer sicher ans jenseitige Ufer – und am dritten Tag auch den Meister aller Weisen.

Provoziert vom immer gleichen unterwürfigen, schweigenden Wesen des Fährmannes – ohne die mindeste Neugier, ohne irgendwelche intellektuellen Ambitionen, stets in derselben Situation, Jahr um Jahr – fragte ihn der Meister:

“Mein lieber Fährmann, hast Du jemals studiert?”

Die knappe Antwort des Fährmanns lautete: “Nein . . “

“Aber hast Du denn nicht schreiben gelernt – hast Du niemals eine Nachricht an Deine Familie geschickt – niemals ein Buch gelesen – niemals mit Zahlen und Rechnungen umzugehen versucht“?

“Nein”, antwortete der Fährmann – “alles was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht – habe gesehen, wie andere es machen und habe aus dem Leben gelernt, welches mich oft auf die Probe gestellt hat!”

“Demnach” – sagte der Meister achselzuckend – “tut es mir leid, Dir sagen zu müssen, dass Du die Hälfte deines Lebens vergeudet hast”.

Der Fährmann schwieg und richtete sein Augenmerk auf einen kleinen Spalt im Bootskörper, durch den Wasser einzudringen begann, und der sich zusehends verbreiterte – dann schaute er dem weisen Mann direkt in die Augen und entschloss sich endlich ihn seinerseits zu fragen:

“Und Sie, mein Herr, haben Sie in Ihrem Leben schwimmen gelernt”?

Jetzt war es der Meister, welcher kurz und knapp antwortete: “Nein . . .”

“Demnach” – gab der Fährmann achselzuckend zurück – “tut es mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass nicht nur die Hälfte sondern ihr gesamtes Leben in Kürze vergeudet sein wird”!

Man muss kein weiser Mann sein, um zu erkennen, dass die Praxis ohne Theorie ein Risiko ist – aber Theorie ohne Praxis ist jedenfalls vollkommen unnütz!

Ihre Janice Drummond Reynolds