Wert einer Cesta Básica?

Veröffentlicht am 22. November 2009

So nennt man in Brasilien ein bestimmtes Grundnahrungsmittel-Paket, mit der man die Not der Ärmsten der Armen sporadisch zu lindern versucht (Cesta básica = Basis–Korb) – gemeint sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel, wie Reis, Mehl, Trockenmilch, Bohnen, Fleisch oder Geflügel, Öl, Zucker, Nudeln, Ölsardinen etc., die man als Geschenkpaket zusammenstellt – je nach Vermögen mit mehr oder weniger Produkten bestückt – und zum Beispiel anlässlich des Weihnachtsfestes an bedürftige Familien verteilt.

Es gibt staatliche „Cestas“ und private – jeder ist aufgerufen, um zu helfen (auch im BrasilienPortal können Sie sich einer solchen privaten Spenden–Aktion anschliessen).

Und nun zu unserer Geschichte
Es ist mitten in der Wahlkampagne. Der Platz schwarz von Menschen. Das Musikkorps der Feuerwehr ist aufmarschiert, Feuerwerksraketen werden gezündet, festliches Klima überall. Ein Politiker steigt hoch zum Rednerpult und beginnt die gespannten Massen mit schwülstigen Reden und seichten Versprechungen einzuwickeln, die niemand überzeugen und wie immer, wiederholt er jene abgedroschenen Phrasen, zu denen nur seine unmittelbaren Anhänger applaudieren, während die skeptische Majorität in ironischem Schweigen verharrt. Und genau in diesem Moment, zur allgemeinen, freudigen Überraschung der Anwesenden, wirft ein halbwüchsiger Junge ein Ei ins Gesicht des „Bam–Bam“ auf dem Rednerpult.

Ein sonniger Sonntagnachmittag
Viele Familien haben sich am Ufer des Flusses zum Picknick eingefunden. Ein Strassenjunge, zerlumpt, geht von einer Gruppe zur andern und bettelt um ihre Essensreste – zum Widerwillen der Familien, die in ihm eine Bedrohung sehen. Haben Angst, er könne irgendwas stehlen, und sie verbieten ihren Kindern, sich ihm zu nähern – man weiss nämlich nie, zu was solche Kerle fähig sind? Und dann geschieht ein Unglück: eins der kleinsten Kinder fällt in den Fluss. Das Wasser ist hier sehr tief und aufgewühlt, es wäre bestimmt gefährlich, wenn jemand es wagen würde, dort zu schwimmen. Alle laufen zusammen – sie gestikulieren und schreien herum, aber niemand hat den Mut, den Kleinen zu retten. Die Mutter, verzweifelt, möchte sich in einem Anfall von Hysterie selbst ins Wasser stürzen, um ihr Kind zu retten, wird aber zurück gehalten. Was würde es auch nützen, sie kann selbst nicht schwimmen und würde ebenfalls sterben. Und in diesem Moment springt der Strassenjunge, zur allgemeinen Überraschung und ohne einen Moment zu zögern, in die aufgewühlte Flut. Als Kind, auf der Strasse aufgewachsen, ohne jemanden zu haben, der ihn vor Gefahr warnt oder beschützt, lernte er beizeiten sich zu verteidigen und seinen Platz in der Welt zu behaupten. Hatte sich auch daran gewöhnt, den hohen Wellen am Strand auszuweichen, indem er sie untertauchte – ohne dass er je an den Tod gedacht hätte. Geschickt, wie er war, bekam er den kleinen Jungen zu fassen und brachte ihn ans Ufer.

Am darauf folgenden Tag, auf der Titelseite der grössten Zeitung der Stadt, die beiden Jungen und ihre Heldentaten. Auch der Nachrichtenteil des Fernsehsenders bringt die Fakten. Beide werden sie Helden für einen Tag, aber der Strassenjunge, der das Kind vor dem Ertrinken gerettet hatte, wurde bald wieder vergessen, während der unverschämte andere lange Zeit in aller Munde war. Jene Szene wurde bis zum Geht–Nicht–Mehr in allen erdenklichen Kommunikations–Medien wiederholt. Die pathetische Figur des Politikers und das an ihm herunter laufende Ei wurde von sämtlichen Humoristen des Landes genutzt und parodiert – und es gab niemand im ganzen Land, und sogar dem Rest der Welt, der über diesen unverschämten Witz nicht gelacht hätte.

Der freche Bengel wurde allerdings von der Polizei in Gewahrsam genommen, und sein Vater wurde auf die Wache zitiert, um etwas zu diesem Vorfall zu sagen.

Aber…
…der Vater des Jungen war ein Freund des Inspektors (in einer Kleinstadt des Interiors kennen sich alle, und jeder Bekannte ist auch ein Freund). Der Polizeiinspektor war nicht besonders energisch mit seiner Warnung. Auch er musste schliesslich über den Streich immer wieder furchtbar lachen, und, nur um die Sache nicht ganz straffrei ausgehen zu lassen, verhängte er über den Freund zur Strafe die Spende einer „Cesta Básica“ für die Sozialfürsorge.

Ein sehr geringer Preis für die Popularität und den Ruhm!

Die Familie des geretteten Kindes wollte dem Strassenjungen für seinen Einsatz danken und schickte ihm ebenfalls, „für seine Familie“, eine „Cesta Básica“.

Ein sehr geringer Preis für das Leben eines Kindes!

Die Unmoral von der Geschichte
Eher lohnt es sich das Gesicht eines Politikers mit Eiern zu bewerfen, als einem Kind das Leben zu retten.