Klick

Veröffentlicht am 22. November 2009

Einer unserer Bürger passte nicht auf – und schwupp, hatte man ihm sein Handy geklaut. Weil er Exekutiv–Member einer Multinationalen war, und sich ohne Handy wie amputiert fühlte, wurde er wütend. Er meldete den Diebstahl der Polizei und hatte dann eine Idee. Er wählte seine Telefonnummer von einem öffentlichen Fernsprecher aus – eine Frau meldete sich:

Hallo!
Wer spricht?
Mit wem möchten Sie sprechen?
Mit dem Besitzer dieses Telefons.
Er kann im Moment nicht.
Würden Sie ihn dann bitte rufen?
Er ist im Bad. Soll ich ihm etwas aufschreiben?
Klopfen Sie an die Tür und rufen Sie diesen Vagabunden jetzt.
Klick. Die Frau hatte aufgelegt. Unser Bürger riss sich zusammen. Rief dann wieder an.

Hallo.
Hören Sie zu. Entschuldigen Sie meinen Ton, vorher. Ich muss dringend mit ihm sprechen, verstehen Sie? Es ist äusserst dringend!
Nun, er wird sicher gleich aus dem Bad kommen.
Sie sind die…?
Eine Freundin.
Wie ist Ihr Name?
Wer möchte das wissen?
Unser Bürger erfand irgendeinen Namen.
Taborda. (Warum um Himmels willen „Taborda“?) Ich bin sein Cousin.
Cousin vom Amleto?
„Amleto“ – jetzt hatte er den Namen von dem Scheisskerl.
Ja – aus Quaraí.
Ich wusste gar nicht, dass Amleto einen Cousin aus Quaraí hat.
Jawohl, hat er.
Carol!
Was?
Mein Name. Ich heisse Carol.
Ah. Ihr seid. . .
Nein, nein! Wir kennen uns erst seit kurzem.
Hör zu, Carol. Ich habe hier eine Bestellung für den Amleto. Aus Quaraí. Ein Pfirsichkompott – aber ich habe seine Adresse nicht mehr!
Ich weiss seine Adresse auch nicht.
Aber Ihr seid doch. . .
Wir sind in einem Stundenhotel. Dieses Telefon ist ein Handy.
Ah.
Nun hören Sie mal zu! Woher wissen Sie eigentlich seine Handy–Nummer? Er hat’s doch gerade erst gekauft!
Hat er gesagt, dass er’s gekauft hat?
Warum?

Unser Bürger konnte nun nicht mehr an sich halten und brüllte:
Weil er’s nicht gekauft, sondern geklaut hat! Verstehn Sie? Geklaut! Mir geklaut!
Glaube ich nicht.
Ah, das glauben Sie nicht? Dann fragen Sie ihn mal. Klopfen Sie an die Tür zum Bad und fragen Sie ihn.
Amleto würde doch seinem eigenen Cousin nicht das Handy klauen!
Und klick – „Carol“ legte wieder auf. Unser Exekutivbürger liess eine Zeit vergehen. Dann versuchte er’s wieder:

Hallo.
Carol, ist der Tobias.
Wer?
Der Taborda. Bitte rufen Sie den Amleto.
Er ist immer noch im Bad.
In welchem Stundenhotel seid Ihr denn?
Warum?
Carol – Sie scheinen mir ein ordentliches Mädchen zu sein. Ich weiss, dass Sie den Amleto mögen . . .
Wir kennen uns ja kaum.
Aber Sie mögen ihn. Habe ich Recht? Und Sie wollen nicht glauben, dass er ein Dieb ist. Aber genau das ist er, Carol. Sehen Sie der Realität ins Auge, Carol! Der Amleto mag Qualitäten haben – kann schon sein. Wie lange seid Ihr denn schon zusammen?
Das ist das erste Mal.
Ihr habt Euch nie vorher gesehen?
Doch, doch. Aber nur halt so – nur im Gespräch.
Und Sie wissen seine Adresse nicht, Carol? In Wahrheit wissen Sie überhaupt nichts über ihn. Wissen nicht einmal, dass er aus Quaraí kommt.
Habe gedacht er sei aus Goiás.
Sehn Sie, Carol. Das sagt doch alles. Ein Kerl, der sich als Goianer ausgibt.
Nein, nein. Ich habe nur geglaubt, dass er da her sei.
Carol, ist er noch immer im Badezimmer?
Ist er.
Dann hau von dort ab, Carol! Nimm Deine Sachen und hau ab! Diese Geschichte wird böse ausgehen. Du kannst darin verwickelt werden – hau ab, solange dafür noch Zeit ist, Carol!
Aber . . .
Ich weiss. Brauchst gar nichts weiter zu sagen. Ich weiss. Du willst deine Freundschaft nicht einfach so aufgeben. Ihr passt zusammen – er ist nett. Aber er ist ein Dieb, Carol. Ein Bandit. Wer einem andern das Handy klaut ist zu allem fähig! Dein Leben ist in Gefahr. . .
Jetzt kommt er aus dem Bad.
Lauf, renn‘ weg, Carol! Nimm das Handy mit und renn’! Ich ruf‘ Dich dann später an, und Du kannst mir sagen, wo Du bist!
Klick. Zehn Minuten später rief unser Bürger wieder an:

Carol, wo bist Du jetzt?
Der Amleto sitzt jetzt neben mir und hat mich gebeten, Ihnen etwas auszurichten.
Carol, ich . . .
Wir haben uns unterhalten, und er möchte sich bei Ihnen entschuldigen. Er will das Handy zurückgeben – war alles nur ein Scherz. Er schwört, dass er das nie wieder tut.

Unser Bürger schluckte seine Wut herunter – und nach ein paar Sekunden sagte er:
Wie will er denn das Handy zurückgeben?
Am Sonntag, beim Mittagessen Eurer Tante Eloá! Er will Sie dort treffen.
Carol, nicht . . .
Klick – Carol hatte wieder aufgelegt. Diesmal brauchte er länger als fünf Minuten, um sich wieder in der Gewalt zu haben. Dann rief er an:

Hallo.
An dem Geräusch aus dem Hörer wurde deutlich, dass sich Carol nunmehr in einem fahrenden Auto befand.
Carol, hier ist der Torquatro.
Wer?
Ist ja egal! Hör zu! Du bist Komplizin eines kriminellen Delikts. Dieses Handy in Deiner Hand – verstehst Du mich? Dieses Telefon hat jetzt deine Fingerabdrücke! Es gehört mir! Dieser Saukerl hat mir mein Handy geklaut.
Aber er hat doch schon gesagt, dass er es zurückgeben wird, am . . .
Es gibt keine Tante Eloá! Und ich bin nicht sein Cousin! Ich kenn‘ ihn nicht mal, diesen Bandit! Er lügt Dich an, Carol.d
Dann haben Sie aber auch gelogen!
Carol . . .
Klick. Fünf Minuten später, nachdem unser Bürger sich vom Teppich aufgerafft, in den er in seiner Verzweiflung gebissen – machte er einen neuen Versuch. Diesmal tönte ihm das „Hallo“ einer Männerstimme entgegen.

Amleto – sind Sie das?
Mein Cousin! Na, wie schön. Du hast es geschafft – Carol ist gerade ausgestiegen aus meinem Auto.
Jetzt hör‘ mir mal zu, Du . . .
Lieber Cousin – Du hattest uns bereits das Programm im Motel verdorben – im besten Klima – und jetzt ist alles hin. Sie will nie mehr etwas mit Männern zutun haben – nie mehr, hörst Du? Hat einfach gesagt, ich soll anhalten  und ist ausgestiegen – mitten im Verkehr. Bravo, mein Cousin! Du hast gewonnen. Willst Du wissen, wie sie war?
Ich will nur mein Telefon.
Helle Haut, schwarze Haare. Grüne Augen. Hatte eine Schwäche für mein neues Handy. Hätte ich das Handy nicht gehabt, wäre sie sicher nicht mitgekommen. Andererseits, wäre das Handy nicht gewesen, wären wir immer noch im Motel. Wie nennt man das doch gleich? Ironie des Schicksals?
Ich möchte mein Handy zurück.
Gut, gut. Dein Handy. Du musst Geschäfte abschliessen, Kunden beeindrucken, Dumme hinters Licht führen. Aber was ich wollte, war Carol . . .
Dieb!
Exekutiver Idiot!
Gib mir mein . . .
Klick. Fünf Minuten später. Unser Bürger ruft wieder an. Das Telefon läutet verschiedene Male. Dann antwortet eine ihm bisher unbekannte Stimme:

Ahm?
Wer spricht?
Ich bin der Trola.
Wie sind Sie an das Telefon gekommen?

Weiss auch nicht. Jemand hat’s durch das Autofenster geworfen. Hat mich fast getroffen.
Wo befinden Sie sich?
Wie’s mir geht? Nun, den Umständen nach ganz gut. Ich sammle meine Papierchen, meine Bierdosen – Sie wissen ja wie das ist. Aber ich bin schon mal im Zirkus aufgetreten, wissen Sie. Jawohl! Als „Kapitän Trovar“ – bin bis nach Paraguay gekommen!
Ich will nicht deine Lebensgeschichte hören. Aber ich bezahle einen Finderlohn für dieses Telefon in deiner Hand. Sag mir, wo Du bist, und ich komme es holen.
Gut. Mir ist’s recht – nur die Dalvinha, nun, Sie wissen ja sicher wie Frauen sind. Wenn wir uns eine Schwäche anmerken lassen, dann nutzen die das gleich aus. Noch gestern . . .
Wo bist Du? Ich will wissen wo!
Hier, bei mir! Unter dem Viadukt. In der Dämmerung ist sie mit dem Indio und dem Marvão hergekommen – alle drei bis oben hin voll, und…