Eine Feijoada Geschichte

Veröffentlicht am 22. November 2009

Es war einmal ein etwas beleibter junger Mann, der hatte eine unzügelbare Leidenschaft für unsere „Feijoada“ – jenes brasilianische Bohnen-Nationalgericht – und es war ihm egal, ob sie aus der bahianischen, mineirischen oder der cariocanischen Küche stammte – er verehrte sie einfach, obwohl sie ihm regelmässig furchtbare Blähungen verursachte.

Eines Tages lernte er eine hübsche junge Frau kennen, der er in Liebe verfiel, und der er schliesslich einen Heiratsantrag machte. Die junge Dame, aus vornehmem Hause, hatte allerdings etwas gegen die ihr etwas profan erscheinenden gastronomischen Präferenzen ihres Zukünftigen und entgegnete, „dass sie sich nicht vorstellen könne, in einem solchen Ambiente zu leben“! Der junge Mann, zutiefst erschrocken, war zum grössten Opfer seines Lebens bereit – und schwor der Feijoada ab. Wenig später heirateten sie.

Zwölf Monate gingen ins Land. Dann kam jener bewusste Abend – ausgerechnet an ihrem ersten Hochzeitstag – an dem der glückliche Ehemann von seinem Auto im Stich gelassen wurde: plötzlich streikte der Motor, und er liess die Karre auf einer Tankstelle ausrollen. Von dort telefonierte er nach Hause, erklärte sein Missgeschick, und dass er etwas später eintreffen würde, in Anbetracht des langen Fussweges.

Als er an einem Restaurant vorbeikam, wehte ihm der unvergleichliche Duft einer frischen Feijoada entgegen – die Sehnsucht setzte sich tief in seiner Seele fest. Und die Versuchung gab seinen Gedanken Flügel: bis nach Hause hatte er noch einige Kilometer vor sich, sodass, wenn er sich jetzt heimlich seinem Lieblingsgericht hingäbe, irgendwelche blähenden Folgen noch unterwegs verfliegen würden. Und schon sass er am Tisch, bestellte die erste – bestellte die zweite – er vertilgte, sage und schreibe, drei komplette Feijoadas bis seine Sehnsucht endlich gestillt war. Dann nahm er zufrieden den Heimweg unter die Füsse und, wie er vorausgesehen hatte, zeigte sich schon nach wenigen Schritten der Effekt der gasbildenden Bohnen, was ihn aber nicht weiter behinderte, denn im Gewühl des abendlichen Verkehrs achtete niemand auf ihn. Um Gottes willen! Er durfte nicht vergessen, seiner jungen Frau einen Blumenstrauss mitzubringen – also machte er noch einen kleinen Umweg über den Blumenmarkt und erstand ein Dutzend langstieliger Baccara-Rosen. Sein Heimweg war noch lang, aber er hatte unterwegs fast ein Gefühl des Schwebens – und als er schliesslich vor seiner Haustür ankam, war er sicher, dass das Schlimmste nun vorbei war.

Seine junge Frau schien ihm ein bisschen aufgeregt. Er überreichte ihr strahlend die Rosen und sie küsste ihn dankbar und zärtlich. Dann nahm sie ihn sonderbarerweise beiseite und flüsterte: „Liebling, ich habe eine tolle Überraschung zum Abendessen“! Verband ihm mit einem Schal die Augen, führte ihn ans Kopfende des Esstisches im Wohnzimmer und half ihm dabei sich zu setzen – und als sie gerade im Begriff war, ihm das Tuch abzunehmen, klingelte das Telefon.

Er musste ihr versprechen, dass er bis zu ihrer Rückkehr die Augenbinde nicht abnehmen würde, dann huschte sie zum Telefon im Nebenzimmer. Ihm erschien das Telefon als rettender Helfer in der Not, denn ein neuer Schub übelster Blähungen drohte ihn zu zerreissen – nun, in Abwesenheit seiner lieben Frau, konnte er sich ihrer unbemerkt entledigen. Also neigte er seine aufgetriebene Leibesfülle leicht nach rechts, hob das linke Bein etwas an, um so, lang und anhaltend, das verdammte Gas entweichen zu lassen, welches sich nicht nur als lautstark sondern auch noch als besonders übelriechend erwies. Er ergriff die Serviette auf seinem Schoss, wedelte mit ihr in der Luft herum, um so den üblen Geruch etwas zu verteilen. Schliesslich schien das Schlimmste vorbei und alles wieder einigermassen normal, als plötzlich und unerwartet sich noch so ein Gasschub meldete – ohne zu zögern liess er ihn mit einer gewissen Genugtuung fahren – die Vehemenz, mit der sich das explosive Gemisch aus der Enge befreite, liess diesmal sogar die Gläser auf dem Tisch erklirren – und, indem er genau auf die Stimme seiner Frau am Telefon achtete, entledigte er sich jetzt ungeniert des gesamten Restes seiner Gasproduktion – bis schliesslich die Glückwünsche und Verabschiedungen am Telefon ein Ende nahmen.

Er legte die Serviette sorgfältig zurück in seinen Schoss, dann seine Hände wieder auf die Tischplatte, setzte ein zufriedenes Lächeln auf und erwartete seine Frau. Indem sie sich für ihre Abwesenheit entschuldigte, fragte sie ihn auch gleich, ob er sein Versprechen gehalten und nicht unter dem Schal hervorgelinst hätte – was er kopfnickend bestätigte. Gleich darauf nahm sie ihrem Mann die Augenbinde ab und dieser konstatierte verblüfft die angekündigte Überraschung: Elf Gäste sassen am Tisch, die von seiner Frau zu ihrem ersten Hochzeitstag eingeladen worden waren.