Der Uirapuru – die Elfe unter den Vögeln

Veröffentlicht am 22. November 2009

Besonders in Brasilien gibt es eine Vielzahl von Legenden, in denen die unterschiedlichsten Vogelarten die Hauptrolle spielen. Der “Uirapuru“, ein unscheinbarer Vogel mit olivgrünem Gefieder und rostrotem Schwanz, etwa von der Grösse unseres Zaunkönigs, lebt in den tiefen Regenwäldern Amazoniens. Es ist seine flötengleiche, äusserst melodiöse Stimme, die ihn vor allen anderen Vögeln auszeichnet, und wenn er sie hören lässt, schweigen die anderen still – vor Bewunderung, und sie hören ihm zu, so sagt der Volksmund.

Die meisten Legenden über diesen geheimnisvollen Vogel, den man nur selten zu Gesicht bekommt, stammen aus den mündlichen Überlieferungen der Indianer – “wer den Uirapuru gehört hat, dem ist ein langes Leben in Glück und Zufriedenheit beschieden“, so behaupten sie. Die Bewohner des Regenwaldes sehen in dem kleinen Vogel ein übernatürliches Wesen. Und sein Name bedeutet: “Vogel, der kein Vogel ist“.

Eine von den vielen Legenden um den kleinen gefiederten Sänger möchten wir hier wiedergeben. Es heisst, dass es im Süden Brasiliens einen Indianerstamm gegeben hat, dessen junger Häuptling von zwei Frauen geliebt und begehrt wurde – beide waren von schöner Gestalt und mit besonderen Qualitäten ausgestattet, sodass sich der Häuptling nicht zwischen ihnen entscheiden konnte. Schliesslich wusste der Medizinmann des Stammes Rat: Durch einen Wettkampf im Bogenschiessen zwischen beiden Frauen sollte die Entscheidung fallen – der junge Häuptling würde dann die Gewinnerin zur Frau nehmen. Der Wettkampf fand statt – ging über verschiedene Distanzen – und endlich entschied ihn die schöne Araúna für sich – und heiratete den Häuptling.

Die andere, mit Namen Oribicí, weinte so fürchterlich, das ihre hervorquellenden Tränen einen kleinen Bach formten. Und sie bat Göttervater Tupa, sie in einen Vogel zu verwandeln, um so den Häuptling wenigstens ab und zu sehen zu können und ihm nahe zu sein, ohne dass er sie erkennen würde. Denn, wie alle Liebenden, war sie davon überzeugt, dass niemand ihn so sehr liebte wie sie. Und der gütige Tupa erfüllte ihren Wunsch. Jedoch, als sie mit eigenen Augen sah, dass der Häuptling seine angeheiratete Frau liebte, entschloss sich Oribicí die Gegend zu verlassen und flog weit, weit fort, bis sie im Norden Brasiliens im Regenwald des Amazonas untertauchte.

Um sie zu trösten, gab ihr Tupa eine melodiöse Stimme. Sie klingt wie die Flöte eines Fauns, unvergleichlich entzückend, sodass die anderen Vögel, die dem Uirapuru begegnen, unwillkürlich in Schweigen verfallen, um keine seiner bezaubernden Noten zu verpassen.

Von einem anderen Indianervolk kann man die Legende vom Uirapuru folgendermassen hören:
Göttervater Tupa war wütend wegen all dem ohrenbetäubenden Krach, den die Tiere  im Regenwald veranstalteten – besonders die Vögel. “So geht das nicht weiter“, sprach der Allmächtige zu sich selbst. Es musste nur ein kleiner “Guainumbi“ sein schrilles Getriller in einer Baumkrone anfangen, gleich fühlten sich sämtliche Vögel nah und fern provoziert, ihn zu übertönen: die Acauás schrieen wie verrückt, die Aracaris brüllten, die Maracanas tschilpten, die Guirapongas hämmerten, es krächzten die Anhumas und die Araporós liessen ihr irritierendes Gelächter vernehmen. Eine Hölle! Tupa jedenfalls war es schon lange zuviel! Er setzte sich auf eine seiner weissen Wolken und begann nachzudenken – und als er so nachdachte, hörte er einen Laut, den der Wind zu ihm herauf trug: “Araa! Araa! Er sah hinunter und lächelte. Es kam selten vor, dass Tupa lächelte, aber in diesem Fall konnte er nicht umhin, dass sich in ihm eine gewisse Sympathie ausbreitete. Da sass, über einen gefallenen Baumstamm gebeugt, eine junge Indianerin – und wie fürchterlich sie weinte, die Arme. Tupa hatte Mitleid und stieg auf die Lichtung hinab.

“Was hast Du, warum weinst Du so“?

Als sie die Stimme des Allmächtigen hörte, schnürte sich ihr die Brust zusammen und es stockte ihr der Atem – und sie wurde still. Dann hob sie ihre Lider hilfesuchend zu ihm auf, und ihre schönen Augen schwammen in Tränen, wie die Ebenen bei der jährlichen Überschwemmung. “Was ich habe? Ururau, der Häuptling, wollte mich nicht heiraten . . er hat Araúna mir vorgezogen, weil sie besser mit Pfeil und Bogen umgehen konnte . . “

Tupa erinnerte sich. Ururau, Häuptling des Stammes, hatte jenen Wettkampf befohlen: es sollte die gewinnen, der es gelänge den noblen Anajé im Flug zu treffen. Und Araúna hatte ihn abgeschossen. “Dein Name“?

“Man nennt mich Oribicí . . .bitte allmächtiger Tupa, verwandele mich in einen Vogel, damit ich mit eigenen Augen sehen kann, ob Ururau seine Gemahlin   Araúna wirklich liebt.“

“Oribicí“, sprach der Göttervater, “ich werde deinem Wunsch entsprechen. Dein Name jedoch wird von nun an Uirapuru sein“.

Und in diesem Moment fuhr aus dem heiteren, blauen Himmel ein Blitz herab, und Tupa war verschwunden. Aus dem kleinen Hügel, auf den Oribicí alle ihre Tränen vergossen hatte, entsprang eine Quelle klarsten Wassers, das in seinem weiteren Verlauf zu einem kleinen Bächlein wurde. Und Oribicí? Niemand hat sie mehr gesehen – aber dann bemerkten die Waldbewohner einen neuen olivgrünen Vogel mit rostrotem Schwanz in der Gegend – der Uirapuru.

Und eines Tages landete er auf einem Ast des riesigen Jacarandá–Baumes, in der Nähe der Hütte des Häuptlings. Der umarmte gerade seine junge Frau Araúna. Sie schienen glücklich und liebten sich. Der kleine Uirapuru machte:

“Araa! Araa!“

Der Häuptling hörte das Geschrei und erschrak. “Was ist los“? fragte Araúna. “Eigenartig der Gesang dieses Vogels“, meinte der, “warte, bin gleich zurück“! Und dann folgte der junge Häuptling fasziniert jener weinerlichen Stimme, diesem “Araa, Araa“ immer weiter in den Wald hinein, und je mehr er sich von seinem Dorf entfernte, desto weiter weg vernahm er die Töne dieser Stimme. Es wurde dunkel, aber Ururaú lief und lief . . . immer weiter, ohne ein einziges Mal zu rasten.

“Araa“! schallte es von weit her. “Araa“! antwortete das Echo. “Araa! Araa!“ schallte es in seinen Ohren. Und dann ganz plötzlich, in der Mitte der Nacht, tief drinnen im allerdichtesten Dschungel, begann der Uirapuru zu singen. Ein himmlischer Gesang – nein, eine himmlische Flöte, die sich in einer nie gehörten, übernatürlichen Melodie vernehmen liess – sie musste von den Göttern stammen. Jetzt war es um Ururaú geschehen – er war verzaubert von dem süssen Klang – und fing wieder an zu laufen, tagelang – ohne zu jagen, ohne zu fischen, ohne zu essen – weiter durch den tiefen Wald. Er, dessen Dorf auf den kühlen Hügeln von Curirama gestanden, tauchte schliesslich ein in die feucht–heissen Gefilde von Pindorama. Und sein alter Stamm hat seinen verehrten Häuptling nie mehr gesehen – Araúna starb an ihrem Kummer.

Nun, man weiss nicht genau, was mit ihm geschehen ist, aber die Leute sagen, dass Ururaú durchgedreht hat und verrückt geworden ist auf der Suche nach dem Uirapuru im Dschungel. Und mit seinem Schicksal hat sich die Rache von Oribicí erfüllt, die ihn so sehr geliebt hat.