Der raffinierte Capiau

Veröffentlicht am 22. November 2009

Unter den mittleren bis grossen Vögeln finden sich auch die bekannten “Chopins“ – von den Biologen Molothrus genannt. Sie gehören zur Vogelwelt Südamerikas. Verschiedene andere Vögel pflegen dem Gelege der Chopins ihre eigenen Eier unterzuschieben, mit dem Ergebnis, dass der Chopim all die unterschiedlichen Jungen liebevoll und geduldig aufzieht.

Dem ist auch die Tatsache förderlich, dass die Chopins sich in Paaren zusammenschliessen, die, in der Regel, ein Leben lang zusammen bleiben und deshalb auch ein permanentes Nest unterhalten.

In der Familie der brasilianischen Chopins fällt der so genannte “Vira-bosta“ (Kuhfladenwender) auf – den Namen hat er aus dem Volksmund, weil er stets in der Nähe von halbtrockenen Kuhfladen zu finden ist, die er mit dem Schnabel am Rand anhebt und dann mit einem schnellen Sprung umdreht, wobei er seinen charakteristischen Ruf “chopiiim“ ertönen lässt. Mit dieser Strategie wendet er den Kuhdung mit seiner feuchten Seite nach oben und gelangt so an die unverdauten Körner, von denen er sich ernährt.

Unsere Geschichte erzählt von einer Chopim-Art, dem “AZEVICHE“, der, wegen seiner bläulichen  Färbung auch “Capiau de chopim“ genannt wird. Er ist grösser als die anderen seiner Gattung und teilt, in der Regel, sein Nest mit dem kleineren “Asa-de-telha“, einem anderen Vogel aus der Chopim-Familie.

Die Legende berichtet, dass der “Capiau“ den “Asa-de-telha“ aufsuchte, um mit ihm etwas zu besprechen.

“Gevatter Asa-de-telha! Ich weiss, dass du dich gerade verheiratet hast und nun ein Gelege anlegen willst, deshalb möchte ich dir einen Vorschlag unterbreiten“.

“Ja, Gevatter Capiau! Worum geht es denn“?

“Nun, wie du weisst, bin ich schon seit einiger Zeit verheiratet, meine Frau und ich besitzen ein solides Nest – deshalb wollte ich euch einladen, es mit uns zu teilen. Auf diese Weise ist immer jemand zugegen, um zu verhindern, dass die anderen Vögel unser Heim mit Eiern füllen, die nicht aus unserer Familie sind. Was meinst du dazu“?

“In Ordnung, Gevatter. Ich werde mit meiner Frau sprechen und dann gebe ich dir unsere Antwort“.

Wie gesagt, so getan. Das junge Paar war gerade beim Nestbau auf einem breiten Ast eines grossen Feigenbaumes – ihrem Lieblingsbaum – dort traf der Asa-de-telha seine Frau, als sie gerade einen neuen trockenen Halm in die Nestbasis einflocht. Er landete an ihrer Seite und begann gleich über den Vorschlag des Capiau mit ihr zu sprechen.

“Ich weiss nicht so recht“ – antwortete ihm seine Gefährtin etwas ungehalten – “der Ruf des Gevatters Capiau ist bekannt: er ist ein ziemlicher Gauner. Hast “u sein Nest gesehen? Hat alles seine Frau gebaut – er hat nicht einen Halm dazu beigesteuert“!

Hier sei angemerkt, dass sich die brasilianischen Vögel in der Legende gerne mit „Comadre“ (Gevatterin) und „Compadre“ anreden.

“Aber Liebling“! (Auch die Vogelpärchen gehen sehr liebevoll miteinander um) – er hat doch recht: ihr Nest ist bereits fertig. Riesengross! Es gibt genug Platz für uns vier. Ausserdem, anstatt dauernd aufpassen zu müssen, dass uns die Andern nicht ihre Eier ins Nest legen, warum teilen wir uns nicht das Nest mit den Gevattern und halbieren so auch die Arbeit der Bewachung“?

Sein resolutes Frauchen dachte nach und fand die Argumente ihres Mannes durchaus logisch. Und schliesslich, wenn es ihnen schon bestimmt war, die Eier anderer Vögel mit auszubrüten, so konnte sie sich die Arbeit mit der Gevatterin Capiau teilen, die ihr ausserdem eine liebe Freundin war. Sie stimmte zu – und wer kurz darauf unter dem Baum der Chopins vorbeikam, konnte die Vier einträchtig bei der Nestpflege beobachten.

Klar, das der raffinierte Capiau mit seinem Vorschlag einen Plan verfolgte, der ihm selbst, als Gauner und Rumtreiber bekannt, einen Vorteil einzubringen versprach. Gleich als die beiden fleissigen Asa-de-telha eingezogen waren, überliess er ihnen die Schwerarbeit am Nest, während er sich lieber in der Nachbarschaft vergnügte. Aber sein Partner machte sich nichts daraus, schliesslich waren sie gute Freunde, und er freute sich auf das erste gemeinsame Gelege, denn er war eigentlich sehr häuslich. Trotzdem, als er so darüber nachdachte, wurde ihm schon klar, dass eine so grosse Kinderschar eine gewaltige Arbeit geben würde – also vereinbarte er mit seinem Gevatter eine rationelle Arbeitsteilung:

“Obwohl wir uns gegenseitig helfen werden, was meinst du zu einem Prinzip, zu einer Regel, die wir bei unserer Arbeit einhalten wollen“? schlug der Asa-de-telha seinem Freund, dem Capiau, vor – und fügte hinzu: “vorzugsweise kümmert sich jeder um seine eigene Brut“.

“Ist in Ordnung, Gevatter, jeder kümmert sich um die Seinen. So ist diese Arbeit gerecht verteilt. Oder, wir können auch das Nest in einen Nord- und einen Südflügel aufteilen – ich kümmere mich um den einen und du um den andern, denn es wird schwierig sein, unsere und eure Jungen auseinander zu halten, bevor sie Federn haben“!

“Gut, Gevatter, so werden wir es halten“! Der kleine Asa-de-telha war sehr zufrieden, dachte er doch, dass ihn der Gevatter Capiau mit dieser getroffenen Regelung nicht übervorteilen könne.

Kurze Zeit später schlüpften fünfzehn nackte Küken aus den Eiern und sperrten sofort gierig die gelb geränderten Schnäbel auf – der Capiau suchte erst einmal, entsetzt über das Gedränge und das Geschrei im Nest, sein Heil im Abflug. Aber dann sah man alle Freunde, wie sie sich abmühten, die hungrigen Mäuler zu stopfen und den Kot der fünfzehn kleinen Kacker über den Nestrand zu stossen. Allerdings schon am dritten Tag war es dem Herrn Capiau zuviel – zunehmend verlor er seine Kondition, seine Geduld und seine Lust an dieser Schwerstarbeit. Schliesslich war es für ihn auch nichts Neues mehr, eine Bande von hungrigen Kinderchen aufzuziehen – jedes Jahr hatte er vor dieser Aufgabe gestanden – allerdings hatte er diese unangenehme Arbeit meistens seiner Frau überlassen.

Nun erinnerte er sich der zwischen ihm und seinem Freund Asa-de-telha getroffenen Vereinbarung und beschloss, sich daran zu halten. Schwierig war, fünfzehn Kinderchen in zwei gleiche Gruppen zu teilen – es würde immer eins übrig bleiben, entweder im Nord- oder dem Südflügel – aber der schlaue Capiau löste das Problem: Wenn eines der Jungen anfing zu schreien, flog er zum Nest, und fand er das schreiende Junge auf der ihm zugedachten Seite, schubste er es mit dem Schnabel zur anderen Seite und rief aus dem Nesteingang:

“Gevaaatter! Ein Kind auf deiner Seite verlangt nach Nahrung“!

Und so wurde der Capiau berühmt wegen seiner Schlauheit, mit der er seinen Partner überlistete. In Brasilien kursiert ein Sprichwort: Ein “Malandro“ (Gauner) ist einem Politiker nicht unähnlich – er findet immer einen Dreh, Vereinbarungen zu umgehen.