Der Laubfrosch

Veröffentlicht am 22. November 2009

Die ambulante Verkäuferin klopfte an meine Tür – ich war in guter Stimmung und hörte mir ihr Angebot an, obwohl ich keine Lust hatte, irgendetwas von ihr zu kaufen. Als sie plötzlich einen Sprung zurück machte und einen spitzen Schrei ausstiess: “Igitt – eine Kröte“! Ach was, Kröte! Das war Chico, mein Haus-Laubfrosch. Gutmütig, gut erzogen, tat er niemanden etwas Böses – sass nur unbeweglich da, abwesend, in seiner kontinuierlichen Meditation.

Für ihn machte es keinen Unterschied, ob dies ein hoher oder sonst ein Besuch war – er bemühte sich nicht, irgendwelche Referenzen zu machen, ein Gesprächsthema zu finden oder einen Kaffee zu reichen. Er hielt sich einfach zurück, blieb in sich verschlossen und wurde allein durch seine philosophische Art zum Gespräch. Ab und zu war er dann plötzlich verschwunden – sicher machte er einen kleinen Rundgang – und, eh man sich’s versah, sass er wieder an einem seiner Stammplätze, neben der Eingangstür oder in einem meiner Hauspantoffel.

Er war eines Tages bei mir im Haus erschienen, an einem regnerischen Sonntag, mit seinem Schweigen und seinem Wissen: in ein geschlossenes Maul dringen keine Fliegen. Allerdings Fliegen bekam er schon ab und zu ins Maul, aber nur, wenn er es darauf anlegte – Chico war nämlich kein dummer Frosch. Er pflegte sich tot zu stellen, damit seine Mahlzeit sich ihm ganz unbekümmert nähern konnte, und dann – zuppt!

Die Tage gingen dahin und Chico bewegte sich nicht aus dem Fernsehraum – seinem Lieblingsplatz. Apropos – anfänglich, ich meine, als ich ihn die ersten Male sah, hatte ich keine Ahnung, ob es dasselbe Amphibium war wie später. Tatsächlich war Chico für mich einfach nur ein Amphibium wie alle anderen, bevor ich mich an seine simple und solidarische Präsenz gewöhnt hatte. Und ob sich mehrere seiner Gattung in meiner Wohnung aufhielten oder nur einer – ungeachtet dessen gab ich ihm jenen liebevollen Namen. Nein, ich habe mich niemals bemüht zu erfahren, ob Chico tatsächlich immer derselbe Chico war.

Er entpuppte sich einfach als guter Kamerad. Seine Gegenwart übertrug Ruhe und eine gewisse Beschaulichkeit der Dinge auf mich. Solange er dort auf seinem Platz sass, hatte ich die Gewissheit, das alles wie gewohnt bleiben würde – dass ich am nächsten Tag aufwachen würde mit der Sonne an ihrem Platz, der sich in ihrem Orbit drehenden Erde und meinem Fenster, das sich zur gewohnten Strasse hin öffnen liess. Selbst allein in meinem grossen Haus fühlte ich mich nie einsam an Chicos Seite. Er war der ideale Begleiter – man konnte in Ruhe seine Zeitung lesen, sich ein Fussballspiel im Fernsehen ansehen, ohne mit ihm auch nur ein einziges Wort zu wechseln – um ihn brauchte man sich überhaupt nicht zu kümmern, er verlangte keinerlei Aufmerksamkeit. Auch beklagte er sich nie, dass er etwas Neues zum Anziehen brauche oder mein Auto für eine Spritzfahrt.

Nach einer gewissen Zeit schien es mir sogar, dass wir uns gut verstanden, ich und Chico, einfach nur durch unsere Körpersprache. Wenn ich zum Beispiel im Fernsehen einen Politiker sagen hörte, dass sich alles zum Besten entwickeln würde, weil die Regierung die Inflation unter Kontrolle habe, warf ich einen prüfenden Blick auf meinen Freund Chico und bemerkte sein breites, ungläubiges Grinsen. Und wenn wir uns zusammen einen erotischen Film ansahen, vom Typ „Emanuelle“, dann bewegte er bei den heissen Szenen mehrmals seinen Kehllappen auf und nieder, so nervös war er. Wenn in solch einem Moment eine arme Fliege sich in seiner Nähe nieder gelassen hätte, wäre sie von ihm zerstückelt worden – bestimmt, und ohne Gnade.

Chico war sehr häuslich, er nahm meinen Fernsehraum in Besitz, und dort blieb er an seinen angestammten Plätzen und in seiner bevorzugten Position. Nie habe ich ihn zu einem Rummel gehen sehen und erst in den frühen Morgenstunden zurückkommen, womöglich besoffen. Und er brachte auch nie jemand mit nach Hause. Weiss nicht, wie er das mit seinem Sexleben gedeichselt hat. Habe ernstlich darüber nachgedacht, ihm eine Partnerin zu beschaffen – oder einen Partner, oder alle beide – ich bin sicher, dass Chico keine Vorurteile hatte. Aber weil er selbst nichts zu vermissen schien, zog ich es vor, mich nicht in sein Leben einzumischen. Wer weiss, beleidigt wäre er vielleicht davongelaufen?

Komisch, manchmal dachte ich an Chico wie an ein menschliches Wesen. Beschäftigte mich mit der Frage, wie er sich eigentlich fühlte. Ob es ihm wohl kalt war oder er Magenschmerzen hatte, so ganz unbeweglich dort in der Ecke? Und seine Familie, wo waren die denn – ob wohl niemand von denen ihn besuchen wollte? Es wäre ja nicht besonders schwer, ihn zu finden, denn er hatte ja eine eigene Adresse, wohnte in meinem Fernsehraum.

Sollte er je sterben, würde ich ihm natürlich ein würdiges Begräbnis auf meinem Grundstück arrangieren, mit einem Kinderchor und Blumen auf dem winzigen Grab. Ich zählte ihn zu meinen Verwandten, so wie Hund oder Katze.

Aber mein Chico beehrte mich nicht mit seinem traurigen Ableben als Haustier – er verschwand einfach, ganz wie ein undankbares Amphibium. Ich weiss nicht ob er noch lebt, der Undankbare, vielleicht in einem anderen Haus, das nicht mir gehört, in einem anderen Fernsehzimmer. Nach dieser Erfahrung habe ich jedenfalls beschlossen, niemals mehr ein Haustier zu halten.