Der Hausmann

Veröffentlicht am 22. November 2009

Aus dem Tagebuch eines Hausmannes
Montag

Bin allein zu Hause. Meine Frau wird die Woche mal ausnahmsweise bei unseren Freunden am Meer verbringen. Ich hatte keine Lust – freue mich vielmehr darauf, mal allein zu sein und Zeit für mich zu haben – und für den Hund. Wunderbar! Weiss genau, wann ich aufstehen werde, wie viel Zeit ich im Bad bleiben kann und wie lange ich für die Vorbereitungen zum Kaffee brauche.

Habe auch schon die Stunden zusammengezählt, die ich zum Waschen, zum Ordnung machen, den Hund ausführen, zum Einkaufen und zum Kochen benötigen werde. Alles unter Kontrolle! Bin sogar angenehm überrascht zu entdecken, dass mir noch viel freie Zeit bleiben wird. Weiss überhaupt nicht, warum die Frauen so viel Wind um die Hausarbeit machen, wo sie doch in so kurzer Zeit erledigt werden kann? Organisation heisst das Zauberwort!

Abendbrot. Hab ein festliches Tischtuch aufgelegt, eine Kerze angezündet und Rosen in einer Vase daneben – ich esse gern in festlicher Atmosphäre. Der Hund und ich verschlingen je ein Steak als Hauptgang. Aber vorher gab es Hors d’oeuvres und das Steak war mit feinem Gemüse umlegt – hab auch noch einen Nachtisch im Kühlschrank gefunden. Dazu trinke ich Wein und der Hund eine Boullion – nach dem Essen genehmige ich mir eine Zigarre. Es scheint mir als ob der Hund mich besonders freundlich anlächelt und er wedelt dankbar mit dem Schwanz, immer wenn ich in seine Richtung blicke. Seit langer Zeit habe ich mich nicht mehr so wohl gefühlt.

Dienstag
Ich muss mir noch mal mein Programm ansehen und eventuell ein paar Dinge umstellen. Hab dem Hund erklärt, dass eben nicht jeden Tag ein Feiertag ist, und er deshalb auch nicht immer Hors d’oeuvres zum Essen erwarten darf, auch keine drei verschiedenen Teller, die ich nämlich dann abspülen muss. Zur morgendlichen Kaffeetafel muss ich bemerken, dass selbst gepresster Orangensaft einen grossen Nachteil hat: Man muss nämlich die Saftpresse jedes Mal sauber machen! Eine Möglichkeit für dieses Problem: Man macht jedes Mal Saft für zwei Tage! So muss ich auch die Presse nur jeden zweiten Tag reinigen.

Entdeckung: Man kann Würstchen gleich in der Suppe warm machen, so hat man einen Topf weniger zum Waschen. Und bestimmt habe ich nicht vor, jeden Tag die Wohnung mit dem Staubsauger zu reinigen, wie das meiner Frau vorschwebt. Alle zwei Tage ist mehr als genug! Das Geheimnis ist, sich mit Pantoffeln in der Wohnung zu bewegen und die Pfoten vom Hund an der Eingangstür zu säubern. Fertig. Ich fühle mich bestens!

Mittwoch
Habe das Gefühl als ob der Haushalt doch mehr Zeit beansprucht, als ich mir das so vorgestellt hatte. Muss meine Strategie neu überdenken. Erster Schritt: habe Fertiggerichte gekauft. Man muss wirklich nicht soviel Zeit am Herd verplempern. Vor allem nicht mehr Zeit zum Kochen als zum Essen! Das Bett zu machen halte ich für ein anderes Problem: Unter den Decken hervor kriechen, das Zimmer lüften und dann das Bett wieder herrichten – das ist so zeitaufwendig! Ich finde nicht, dass es nötig ist, das Bett jeden Tag neu herzurichten, zumal wenn ich weiss, dass ich abends schon wieder reinkriechen werde – scheint mir eine absolute Zeitverschwendung zu sein.

Jetzt mache ich keine komplizierten Menüs mehr für unseren Hund. Hab Hundefutter gekauft. Hat der ein Gesicht gemacht! Aber was soll’s? Wenn ich Fertiggerichte essen kann, kann er’s wohl auch!

Donnerstag
Schluss mit dem Orangensaft! Wie kann eine so unschuldig aussehende Frucht einen nur so auf die Nerven gehen! Unglaublich! Hab jetzt Orangensaft in Flaschen gekauft – trinkfertig. Entdeckung: es ist mir gelungen aus dem Bett zu kriechen, ohne die Decken wesentlich zu zerknautschen. Ergebnis: alles, was zu tun war, sie ein bisschen glatt zu streichen. Klar, man braucht ein bisschen Praxis dafür und darf sich im Schlaf nicht herumwälzen. Mein Rücken tut ein bisschen weh, aber ein warmes Bad bringt das wieder in Ordnung.

Hab aufgehört, mich jeden Tag zu rasieren. Ist wirklich Zeitverschwendung. Ich gewinne wertvolle Minuten, die meine Frau nie verliert, weil sie sich nicht rasieren muss! Entdeckung: Es ist unnötig jedes Mal von einem frischen Teller zu essen. Die Geschirrspülerei jedes Mal geht mir auf die Nerven. Auch der Hund kann von einem einzigen Teller fressen. Schliesslich ist er nur ein Hund. Anmerkung: Bin zu dem Schluss gekommen, dass es genügt, nur einmal pro Woche Staub zu saugen.

Freitag
Schluss mit Fruchtsaft! Die Flaschen sind mir zu schwer. Folgendes habe ich festgestellt: Würstchen sind hervorragend morgens früh. Zum Mittagessen weniger. Und zum Abendessen niemals! Wenn ein Mann länger als zwei Tage Würstchen isst, kann ihm das Brechreiz verursachen. Hab den Hund jetzt auf Trockenfutter gesetzt. Ist sehr nahrhaft und lässt keine Rückstände auf seinem Teller. Habe ausserdem entdeckt, dass man die Suppe auch direkt aus der Dose zu sich nehmen kann – hat denselben Geschmack. Ohne tiefen Teller und ohne Löffel! Und schon fühle ich mich nicht mehr als „Tellerwäscher–Automat“. Hab auch aufgehört den Boden der Küche dauernd zu schrubben. Hat mich ebenso irritiert wie das Bett zu machen. Anmerkung: Vergiss die Büchsen, denn sie beschmutzen den Öffner!

Samstag
Warum zieht man eigentlich abends die Kleider aus, wenn man sie doch am nächsten Morgen wieder anziehen muss? Ist doch viel wichtiger, diese Zeit zum Ausruhen zu verwenden. Und dann braucht man auch keine Decken mehr, und das Bett bleibt schön ordentlich. Der Hund hat den Fussboden verdreckt. Hab ihn angebrüllt. Bin doch nicht sein Diener! Komisch. Genau das wirft mir meine Frau ab und zu an den Kopf. Heute ist Rasiertag, hab aber keine Lust. Meine Geduld bewegt sich an einer spürbaren Grenze. Der morgendliche Kaffee ist etwas, das ich Gott sei Dank nicht auswickeln, öffnen, schneiden, verrühren, kochen und sonst wie bearbeiten muss. All das irritiert mich inzwischen.

Plan: direkt aus der Einkaufstüte essen – direkt auf dem Herd. Ohne Teller, Besteck, Tischtuch oder sonst ein unnötiges Zubehör. Mein Zahnfleisch scheint irgendwie entzündet. Vielleicht fehlen mir Früchte, die so schwer zum Tragen sind. Meine Frau hat am Nachmittag angerufen und gefragt, ob ich die Wäsche gewaschen hätte und die Fenster geputzt. Bin in eine hysterische Lache ausgebrochen. Hab gesagt, dass ich dazu keine Zeit hatte.

Im Bad gibt es ein Problem. Der Abfluss der Badewanne ist mit Spaghettis verstopft. Mich stört das nicht weiter – hab sowieso aufgehört zu baden. Anmerkung: ich und der Hund essen jetzt gemeinsam – direkt aus dem Kühlschrank. Müssen uns dabei allerdings ziemlich eilen, denn die Tür darf nicht solange offen stehen.

Sonntag
Der Hund und ich sitzen auf dem Bett und sehen den Leuten im Fernsehen zu, wie sie alle möglichen Leckerbissen vertilgen. Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Wir sind beide etwas schwach und schlechter Laune.

Habe heute Morgen etwas vom Hundeteller mitgegessen – keinem von uns beiden hat es geschmeckt. Müsste eigentlich ein Bad nehmen, mich rasieren, mich frisieren, dem Hund Futter geben, mit ihm Gassi gehen, das Geschirr abwaschen, die Wohnung in Ordnung bringen, einkaufen und noch ein paar andere Sachen – aber ich habe einfach keine Kraft mehr. Ich fühle, das ich mein Gleichgewicht verliere und vor meinen Augen tanzen Sterne – am helllichten Tag! Und der Hund wedelt nicht einmal mehr mit dem Schwanz!

Mit einem letzten Aufbäumen unserer Willenskraft schleppen wir uns zu einem Restaurant. Dort vertilgen wir mehrere Menüs – um danach in dem sauberen, aufgeräumten Zimmer eines Hotels gemeinsam der Ruhe zu pflegen. Und bevor ich in einen traumlosen Schlaf gleite, scheint mir, dass ich damit endlich die beste Lösung für alle Hausarbeit gefunden habe – ob wohl meine Frau schon mal daran gedacht hat?