Der Ehering

Veröffentlicht am 22. November 2009

Dies ist eine beispielhafte Geschichte, obwohl auch mir nicht ganz klar ist, worin das (gute oder schlechte) Beispiel eigentlich besteht. Auf jeden Fall sollte sie von Kindern ferngehalten werden. Sie hat ausserdem nichts zu tun mit der brasilianischen Krise, der Apartheid, der Situation in Zentral–Amerika, dem Mittleren Orient oder dem grossartigen Abenteuer der Menschheit im Weltraum. Sie findet vielmehr auf der niedersten Ebene der kleinen Konflikte der Mittelklasse statt. Nun denn. Passiert ist sie einem meiner Freunde, dessen Name ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte – also:

Er befand sich auf dem Heimweg, den er in treuer Routine jeden Tag, den Gott werden liess, benutzte – und immer zur gleichen Zeit. Ein Mann um die Vierzig, in einem Alter, in dem man längst weiss, dass man nie mehr Besitzer eines Kasinos in Samarkand werden wird – mit Diamanten auf den Zähnen – aber doch noch nicht zu alt, um nicht ein paar Überraschungen vom Leben erwarten zu dürfen, wie zum Beispiel im Lotto zu gewinnen oder – in diesem Moment platzte bei seinem Auto der rechte Hinterradreifen – oder einen geplatzten Reifen auswechseln zu dürfen. Mit einiger Mühe steuerte er sein Auto bis hart an den Mittelstreifen und bereitete sich auf den Kampf mit dem Wagenheber vor, den er aus der dunkelsten Ecke des Kofferraums hervorkramte. Der Wagenheber funktionierte auf Anhieb – er hob den Wagen an, wechselte das Rad mitten im links und rechts vorbeirauschenden Abendverkehr und wollte gerade den Kofferraum wieder schliessen, als sein Ehering ihm über den ölbeschmierten Finger rutschte und auf dem Asphalt ausrollte. Er sah sich nach dem Verkehr um, tat ein paar schnelle Schritte, um den Ring aufzuheben – und verpasste ihm dabei, aus Versehen, einen Tritt mit der Schuhspitze.

Der Ring prallte am Rad eines vorbeirasenden Lastwagens ab und rollte dann in einen Gully. Weg war er – und ihm blieb vor ungläubigem Staunen der Mund offen stehen. Er säuberte seine Hände, so gut es eben ging, stieg dann in seinen Wagen und fuhr weiter in Richtung seiner Wohnung. Und dann fing er an, daran zu denken, wie er es wohl seiner Frau sagen sollte. Er stellte sich die Szene vor. Er, wie er ins Haus tritt und die Fragen seiner Frau beantwortet, noch ehe sie sie gestellt hat:

„Du glaubst nicht, was mir passiert ist!“
„Was denn?“
„Eine unglaubliche Sache!“
„Nun, was?“
„Wenn ich es erzähle, glaubt mir doch niemand.“
„Erzähl…“
„Fällt dir nichts auf an mir, was anders ist? Fehlt dir nichts an mir?“
„Nein.“
„Sieh doch mal genau hin“.
Und dann würde er seine Hand ausstrecken und den Ringfinger – ohne Ring.
„Was ist passiert?“

Und dann würde er’s erzählen – alles, genauso wie’s passiert war. Der Wagenheber. Das Öl. Der Ring auf dem Asphalt. Der Tritt aus Versehen – und der Ring, wie er in den Gully flog und verschwand.

„Was für eine Geschichte“, würde seine Frau sagen – erst einmal ganz ruhig.
Und er: „Ist sie nicht unglaublich?“
Und sie: „Nein. Ist alles durchaus möglich“.
Und er: „Ja, wie das so ist im Leben. Ich …“
Und dann würde sie explodieren: „Du niederträchtiger Schweinehund…!“
Und sein „Mein Liebling…“ würde ihm nichts mehr nützen…

„Glaubst Du ich bin blöd? Ich weiss genau, was mit diesem Ring passiert ist. Hast ihn vom Finger genommen, um zu flirten. Hab‘ ich Recht ? Und für ein Programm zu zweit. Kommst zu spät nach Hause und hast dann noch die Stirn, eine solche Geschichte zu erfinden, die nur ein Idiot glauben würde.

„Aber mein Liebling…“
„Ich weiss wo dieser Ring abgeblieben ist. Verloren auf dem flauschigen Teppich irgendeines Stundenhotels. Oder im Abfluss einer runden Badewanne – du schamloser Mistkerl!“

Und sie ginge fort aus seinem Haus – mit den Kindern, und ohne weitere Erklärungen hören zu wollen. Er wischte eine dicke Träne aus seinem Gesicht und bog in die Einfahrt zu ihrem Eigenheim ein.
Dann tritt er ein, ohne etwas zu sagen. Warum die Verspätung? Viel Verkehr. Warum dieses Gesicht? Kopfschmerzen. Und dann – endlich:

„Welches Schicksal hat denn dein Ehering ereilt?“
Und er antwortet: „Hab‘ ihn zum Flirten abgezogen – und dann für ein Programm zu zweit. Hab‘ ihn im Stundenhotel verloren. Fertig. Hab‘ keine Ausreden. Wenn du jetzt unsere Ehe beenden willst, werde ich das verstehen“.

Sie macht ein weinerliches Gesicht. Dann rennt sie ins Schlafzimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Zehn Minuten später taucht sie wieder auf. Sagt, dass dies eine Krise in ihrer Ehe bedeute, aber dass sie beide, mit etwas gutem Willen darüber hinweg kommen würden.

„Das wichtigste ist, dass du mich nicht angelogen hast.“
Und dann macht sie das Abendessen.