Das Konzert

Veröffentlicht am 22. November 2009

Eine interessante Art und Weise eine Geschichte zu beginnen ist, sich eine ausgesprochen förmliche Situation vorzustellen – nehmen wir mal ein Streichquartett – und dann fangen wir an, sie aufzufädeln, wie einen alten Pullover. Also wollen mal sehen. Ein Streichquartett also.
Das Quartett tritt auf die Bühne unter dem verhaltenen Applaus des erlesenen Publikums. Das Fräulein, jung und wohlgestaltet, spielt die Viola. Sie trägt ein langes schwarzes Kleid. Die drei Männer sind im Frack erschienen.

Jetzt nehmen sie hinter ihren Partituren Platz. Von links nach rechts: eine Geige, eine zweite Geige, die Viola und das Violoncello. Moment, mal sehen, ob ich nicht etwas vergessen habe. Der Mann hinter dem Violincello ist Bartträger, gross und rothaarig. Das könnte sich später im Verlauf der Geschichte als wichtig erweisen, oder auch nicht.

Die Vier stimmen jetzt ihre Instrumente. Dann erwartungsvolle Stille. Jene nervöse Erwartung, die jedes Konzert einzuleiten pflegt. Die letzten Huster aus dem Publikum. Die erste Geige lässt einen diskreten Blick über ihre Begleiter wandern. Sie sind bereit – er setzt sein Instrument unter dem Kinn an und bringt seinen Bogen in Stellung. Das Konzert beginnt. Und da…

Und da… was? Was ist wohl das Ungewöhnlichste, was beim Konzert eines Streichquartetts passieren könnte? Dass eine Kuhherde über die Bühne gerast käme, direkt hinter ihnen? Nein. Beim Auftauchen einer Kuhherde würde zwar ein Teil der Zuschauer von ihren Sesseln aufspringen und in Panik den Ausgängen zustreben, der andere Teil würde wie gelähmt und perplex in den Sesseln kleben bleiben – aber dann würde der Tumult sich legen und sich alles wieder normalisieren. Und das Quartett, welches natürlich unbewegt, bis zur letzten Kuh, an seinem Platz ausgeharrt hätte – schliesslich sind sie Profis, und so was passiert einfach nicht – würde endlich anfangen zu spielen. Keine Erklärung würde es geben. Nur die lieblichen Klänge von Mozart…

Nein. Das wäre nichts Besonderes. Um unserer Geschichte etwas Pfeffer zu geben, müssen wir uns in das Geschehen hineindenken, gewissermassen das Samenkorn der Unruhe einbringen, nur eine kleine Unstimmigkeit, die erst einmal ein gewisses Unbehagen schafft, um dann ganz langsam, sozusagen in Etappen, zum absoluten Chaos zu führen. Eine Fledermaus, die sich während eines Pizzicatos auf dem Kopf der Zweiten Geige niederlässt? Nein. Viel besser: auf der Bühne erscheint ein Mann, der eine Tuba trägt.

Es ist ein Murmeln vom Publikum her zu vernehmen. Was soll das heissen? Der Mann mit der Tuba steht jetzt voll im Rampenlicht. Stellt sich neben dem Violincello-Spieler auf. Der Erste Geiger – mit einem Gesicht wie ein Taucher, der plötzlich entdeckt, dass kein Wasser im Pool ist – wirft einen Blick zwischen Faszination und Horror auf die Tuba. Was soll das? Und nach wenigen Momenten, in denen die Spannung in der Luft einer bis zum Bersten gespannten Violinsaite gleicht, sagt er:

Aber bitte…
Was? – fragt der Mann mit der Tuba, sofort in der Defensive. – Wollen Sie sagen, dass ich hier nicht bleiben kann?

Was wollen Sie, mein Herr?

Na, spielen, was sonst? Sie können ruhig schon anfangen, ich begleite Sie dann.

Verhaltenes Schmunzeln im Publikum – ein paar Lacher. Geräusche der Ungeduld. Niemand bemerkt, das der Spieler des Violoncellos sich nach hinten umsieht, und als sein Blick dann den des Tuba-Mannes kreuzt, dreht er sein Gesicht in die Gegenrichtung, so als wollte er sich verstecken. Der Erste Geiger fährt fort:

Bitte ziehen Sie sich zurück.

Warum? Ich möchte auch spielen.

Der Erste Geiger wirft einen nervösen Blick hinunter zum Publikum. Niemals in seiner langen Karriere als Leiter des Quartetts ist ihm so was passiert. Einmal ist eine Mücke in sein linkes Nasenloch eingedrungen während einer Vivaldi-Passage. Aber niemals eine Tuba.

Bitte, mein Herr. Dies ist ein Konzert für Streicher. Wir werden Mozart spielen. Da gibt es keinen Part für eine Tuba.

Ich improvisiere etwas. Ihr fangt an, und ich mache um-pá-pá…

Mehr Lacher jetzt im Publikum. Ein paar Zuschauer finden, dass sich ein Skandal anbahnt. Wo kam dieser Kerl mit der Tuba bloss her? Hat nicht mal einen Frack an. Wenn man seinen Sesselnachbarn glauben kann, trägt er ein T-Shirt vom Vasco da Gama-Fussballclub. Und Hawaii-Latschen. Die Dame an der Viola fühlt Übelkeit in sich aufsteigen. Der Geiger droht, jemanden hinter den Kulissen zu rufen, um den Mann mit der Tuba mit Gewalt von der Bühne zu entfernen. Doch dieser setzt seine dicken Lippen an das Mundstück seiner Tuba und droht zurück:
Wenn einer in meine Nähe kommt, dann spiele ich pof!

Die Aussicht, in diesem erlauchten Saal ein pof hören zu müssen, paralysiert alle augenblicklich.

Also gut – sagt der Erste Geiger – lassen Sie uns miteinander reden. Sie haben offensichtlich den falschen Ort betreten. Dies ist ein Streichquartett. Wir waren im Begriff Mozart zu spielen. Mozart hat kein um-pá-pá.

Mozart weiss gar nicht, was er versäumt – sagt der Tuba-Mann und lächelt ins Publikum, um dessen Sympathie zu gewinnen.

Aber das schafft er nicht. Das Ambiente ist ablehnend. Der Tuba-Mann wechselt jetzt den Ton. Er wird drohend:
Na gut, ihr elitären Spielverderber. Jetzt ist Schluss. Was glaubt ihr wohl, wo ihr seid – im achtzehnten Jahrhundert? Es gab schon siebzehn Volksaufstände nach Mozart! Und ich werde jetzt diese Partituren konfiszieren, im Namen des Volkes! Sie alle werden sich einer Befragung zu stellen haben – einer nach dem andern, pá-pá-pá!

Und dann plötzlich mit bittendem Ton:
Ach bitte, was ich eigentlich will, ist nur ein bisschen spielen, verstehen Sie? Ich bin ein einfacher Mann. Ich konnte kein Streichinstrument studieren. Ich selbst hab’ diese Tuba gebaut – aus einem alten Volkswagen. Lassen Sie mich doch…

Und dann mit einem verführerischen, schmelzenden Ton zur Viola-Spielerin:
Ich bin die Verkörperung ihrer geheimsten Träume. Bin ein Produkt ihrer schlüpfrigen Phantasie – geben Sie es zu. Während des Mozart, mit diesem antiseptischen Quartett, bin ich es, an den Sie denken. An meinen Bauch und an meine phallische Tuba. Sie möchten von mir in einem “Alegro assai“ erobert werden, geben Sie’s zu…

Schliesslich wendet er sich herausfordernd an den Mann am Violoncello:
Dieser rothaarige Schnurrbart. Den kenne ich. Ist derselbe, den ich 1968 trug. Geben Sie ihn mir zurück!

Der Tuba-Mann und der Violoncellist rempeln sich an. Die anderen Mitglieder des Quartetts greifen in die Rempelei ein. Jetzt schreit das Publikum und springt zwischen den Sesseln herum. Das Chaos bricht aus! Vielleicht ein Symbol für den endgültigen Verfall des gesamten Wertesystems, welches mit der europäischen Erleuchtung begann – oder der Triumph des Instinkts über die Vernunft – oder einfach eine mentale Panne des Autors. Auf der Bühne, infolge der Rangelei, trägt die Viola-Spielerin jetzt den rothaarigen Schnurrbart. Und der Tuba-Mann, als er sie so sieht, hört auf, in das Bein des Zweiten Geigers zu beissen, breitet seine Arme aus und schreit: “Mama“!

In diesem Moment rennt plötzlich eine wild gewordene Kuhherde über die Bühne…