Blitz-Überfall

Veröffentlicht am 22. November 2009

In Brasilien sind die so genannten „Blitz-Überfälle“ (Sequestro-relampago) in Mode. Besonders in der Metropole São Paulo – vierundzwanzig Stunden am Tag. Jeder Bürger versucht sich zu schützen, wie er eben kann. Einige beten, andere erfinden Mittel und Wege, die Banditen abzulenken. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe.

Um die Aufmerksamkeit der Diebe abzulenken, kaufte ich mir einen alten „Brasília“ – wir nennen so ein Auto hier „alte Blechbüchse“ – und die fuhr ich sorglos durch den chaotischen Verkehr unserer City. Dachte, ich hätte endlich die Masche entdeckt, mir die Banditen vom Leib zu halten, denn schliesslich kann so ein alter Karren, der schon fast auseinander fällt, keinen Dieb mehr interessieren. Mein Irrtum! Ich wurde Opfer eines Blitz-Überfalls, als ich die Kiste gerade einparkte.

Zwei Wochen später, noch unter dem depressiven Eindruck dieses Geschehens, liess ich den Brasília in der Garage, nahm meine Uhr ab, die importierten Turnschuhe, mein Seidenhemd – ich liess alles zu Hause. Zog alte Kleidung an und begab mich auf den Weg zur Bank, die drei Blocks von meinem Appartement entfernt ist. Ausser meiner Scheckkarte nahm ich lediglich etwas Mut mit.

Aber es half nichts. Auf der Höhe des zweiten Häuserblocks hatten sie mich: „Dies ist ein Blitz-Überfall“ – sagte einer der Kerle und richtete eine Pistole auf mich, während die anderen Passanten auf dem Trottoir vorüber gingen, ohne uns auch nur die geringste Beachtung zu schenken.

Und der zweite Kerl ergänzte: „Du bist heute schon der vierte Blödmann“ – wurde aber sofort von seinem Komparsen angewiesen, seinen Mund zu halten. Klar, er brauchte mir wirklich nicht zu sagen, dass sie am selben Tag schon weitere drei Unglückliche ausgenommen hatten.

Angst? Die hatte ich eigentlich nicht! Ich war dran gewöhnt. Dann zwangen sie mich in ein ziemlich neues Auto zu steigen – wahrscheinlich auch gestohlen – und fuhren bei meiner Bank im nächsten Block vor. Ich gab dem einen meine Scheckkarte und sagte ihm mein Code-Wort, und der schlenderte dann seelenruhig zum Eingang, während der andere mich von der hinteren Sitzbank aus unter Beobachtung hielt. Er hatte seinen Revolver im Gürtel, unsichtbar unter dem darüber fallenden Hemd. Zweifellos wollte er vermeiden, dass jemand auf die Waffe aufmerksam würde, wenn er sie mir ins Genick hielt – ausserdem wusste er, dass ich keine Möglichkeit zu irgendwelcher Reaktion hatte, denn seine Anweisung, „um Gottes willen nicht mehr nach hinten zu sehen“ war deutlich genug für mich.

Und so lief alles ab, wie gewöhnlich, als etwas Unerwartetes geschah: wir wurden Opfer von zwei anderen Banditen! Sie waren plötzlich da, schwer bewaffnet, auf beiden Seiten des Wagens in dem wir sassen, und zischten:
„Brüder, wer sich rührt, den pumpen wir voll Blei“!

Der Kerl hinter mir bekam einen schönen Schreck. Es kam mir vor, als wollte er in Ohnmacht fallen. Er war ganz bleich und zitterte. Ich konnte nicht an mich halten und fing an zu lachen! Ich konnte einfach nicht aufhören … bis mir der eine seinen Revolver an den Kopf hielt: „Heh, du, wenn du nicht aufhörst mit deinem Gelächter, dann drücke ich ab“. Es war also besser, mich zu beherrschen.

Die zwei letzteren Banditen, sagen wir, Konkurrenten der ersten, stiegen zu uns ins Auto und zwar auf den Rücksitz, rechts und links von meinem Bewacher. Alle auf dem Rücksitz hinter mir waren bewaffnet, und bestimmt würde jetzt gleich eine Schiesserei hier drinnen losgehen, denn der in der Mitte würde versuchen, seine Waffe unter dem Hemd hervorzuholen, um sich seiner Konkurrenten zu entledigen. Das musste ich verhindern. Also sagte ich, indem ich auf den in der Mitte zeigte:
„Der ist bewaffnet“!

Prompt stürzten die anderen beiden sich auf ihn und nahmen ihm die Waffe ab. Und dann hielten sie mir ihre beiden Pistolen an den Kopf und stierten mich an. Sie waren perplex. Der eine, mit einer Miene wie ein Idiot, murmelte leise „bei mir hast Du was gut, Bruder“.

Dann hab ich denen erklärt, was da tatsächlich am laufen war – warnte sie, dass der Komparse von jenem, den sie gerade entwaffnet hatten, jeden Moment mit meinem Geld aus der Bank kommen würde. Sie tuschelten ein bisschen und stiegen dann aus dem Wagen, nachdem sie den entwaffneten Banditen auf dem Rücksitz angewiesen hatten, sich bloss nicht zu rühren. Der Anführer stellte sich zwei Meter vor dem Kühler auf, während jener mit dem Idiotengesicht sich am Heck so positionierte, dass er von der Bank her nicht gesehen werden konnte. Als dann der erste Bandit mit dem Geld erschien, schnappten sie ihn ohne die geringste Gegenwehr, nahmen ihm seine Waffe ab und bugsierten ihn ins Auto – diesmal auf den Vordersitz neben mir. Bereitwillig übergab er seinen Konkurrenten alles Geld, das er hatte – insgesamt 2.000.00 Reais – nämlich meine 500,00 Reais und die 500,00 Reais von jedem ihrer anderen drei Opfer desselben Tages. (Zur Erklärung: Damals, als diese Geschichte passierte, lag das brasilianische Tages-Limit, für Abbuchungen von einem Girokonto per Geldautomat, bei maximal 500,00 Reais).

Die entwaffneten Räuber wurden schliesslich von den beiden anderen davon gejagt, die ihnen, nunmehr mit vier Revolvern bewaffnet, Beine machten. Wie ich von letzteren gehört hatte, waren sie erst einmal an dem relativ neuen Auto interessiert gewesen – schon geklaut von besagten Konkurrenten – und dann nahmen sie die Gelegenheit wahr, die ihnen die beiden Revolver und das zusätzliche Geld boten.

Aber das Kurioseste kommt noch: Der Kerl, welcher die Aktion kommandierte, wies den andern, jenes Idiotengesicht, an, mir die Hälfte meines Geldes zurück zu geben – wegen meiner positiven Haltung: schliesslich hatte ich ihnen vielleicht das Leben gerettet, als ich sie vor der Waffe des Konkurrenten warnte. Der Idiot wollte etwas erwidern, aber der Chef schnitt ihm das Wort ab und sagte, indem er auf das Geld deutete:
„Los, schnell, gib ihm die Hälfte, und dann hauen wir ab – nun mach schon“! Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: „Guck mal, er verdient´s, hat unsere Haut gerettet. Der ist in Ordnung, Bruder“!

Obgleich ein bisschen verdutzt, entsprach das Idiotengesicht dem empfangenen Befehl und gab mir ein Bündel Scheine. „Ein gerechter Mann, der Chef“, dachte ich so bei mir, als ich endlich wieder wohlbehalten auf der Strasse stand – „und wissen Sie was? Ich fühlte sogar eine gewisse Sympathie für den Kerl“!

Mit quietschenden Reifen machten sie sich aus dem Staub. Ich blieb vor meiner Bank zurück mit dem Geld in der Hand, immer noch unter dem Eindruck des Geschehens. Dann ging ich erst mal ein paar Schritte und hielt an – zählte das Geld. Und erst jetzt begriff ich, was mir da passiert war: der Idiot hatte unter der „Hälfte“ verstanden, das gesamte Bündel aller vier Opfer zu teilen – anstatt mir 500,00 Reais von meinem Konto zu klauen, hatten sie mir 1.000,00 Reais gegeben! Und dann guckte ich mir alle diese Scheine einzeln an, setzte mich auf den Rand des Trottoirs und fing an zu lachen. Gewissermassen hatte ich damit die Diebe bestohlen.

Und da schrie plötzlich jemand hinter mir wuterfüllt:
„Ein Dieb, haltet den Dieb! Er hat mein ganzes Geld“!!

Und ohne noch hinter mich zu blicken, krampfte ich meine Hand um das Geld und fing an zu rennen – erreichte mein Appartement und schloss Türen und Fenster. Kalter Schweiss brach mir aus. Nach einer Weile, langsam und noch vor Aufregung zitternd, riskierte ich einen Blick durch den Rollo der Küche:
„Uff! Habe geglaubt, dass jenes Geschrei mir gegolten hat“! murmelte ich. Hatte es aber nicht – war lediglich ein anderer Blitz-Überfall.