Auge um Auge

Veröffentlicht am 22. November 2009

Er hatte fast alles in seinem Leben erreicht – und das war nicht etwa nur so eine Redensart! Er besass tatsächlich alles, was man sich in einem Leben nur wünschen kann: verschiedene Häuser, eine Sammlung von Autos und unzählige andere kostbare persönliche Dinge, die stets in den Konsumträumen der Menschen vorkommen, die sich aber Millionen von ihnen niemals werden leisten können.

Man hätte sein Glück als vollkommen bezeichnen können, wenn . . . ja, wenn sein Leben nicht durch ein Problem überschattet worden wäre, für dessen Lösung er gerne all seinen Reichtum hingegeben hätte. Aber dieses sein persönliches Problem hatte bereits an verschiedenen Stellen seines Körpers Metastasen gebildet und die Möglichkeit einer Operation war von den verschiedensten Ärzten, die er konsultiert hatte, kategorisch ausgeschlossen worden.

„Endstadium“ nannten sie es. Da stand er nun, mit seinen zweiundfünfzig Jahren im Büro einer seiner vielen Firmen, stand auf seinen Füssen neben dem Chefsessel und kämpfte mit dem Schmerz, der ihn am Sitzen hinderte. Es war schon einige Jahre her, dass er zuletzt hier in Manaus gewesen und sich in diesem Büro persönlich hatte sehen lassen, obwohl sich auch dieses Unternehmen schon seit langem im Besitz seiner Familie befand. Sein ganzes Leben hatte er hart gearbeitet, um das kleine, vom Vater geerbte Imperium zu erweitern, und jetzt breitete sich unaufhaltsam die einzige Frage in seinem Kopf aus, die er noch an das Leben hatte: „Wofür das alles“?

„Nur noch zwei Wochen“ hatte der Befund des ersten Spezialisten gelautet – „nur noch eine Woche“, der des zweiten Arztes, und der dritte zog es vor, lieber keine Meinung über den seinem Patienten verbleibenden Zeitraum abzugeben, bis sein Organismus kollabieren würde.

„Senhor Francisco, fühlen Sie sich wohl“?

Als er hinter sich zur Tür blickte, sah er Carmen, die eingetreten war, aber neben der Tür stehen geblieben war, offensichtlich bedrückt. Sie war eine der wenigen Personen, der er seit nunmehr elf Jahren vertraute – seine Privatsekretärin, die ihn stets auf seinen Reisen begleitete wohin auch immer ihn seine Arbeit geführt hatte. Und, dass sie ständig um ihn war, hatte natürlich auch mit dem Umstand zutun, dass er sich nie verheiratet hatte.

„Nein, Carmen, Du weisst, dass ich mich miserabel fühle“!

Trotzdem versuchte er ein Lächeln, und es gelang ihm wenigstens halb. „Nun, ich kann es aushalten“! Sie machte ein paar Schritte und nahm seinen Arm, aber als Francisco merkte, dass sie ihm helfen wollte, sich zu setzen, weigerte er sich strikt und entzog sich ihren Händen.

„Nein, meine Liebe, wenn ich mich jetzt setze, steh ich vielleicht nicht mehr auf. Ich spüre einen leichten Schmerz und fühle mich besser auf meinen Füssen“.

„Haben Sie denn auch Ihre Medikamente nach Vorschrift eingenommen“? fragte sie resigniert.

„Es gibt keine Medikamente mehr für mich, nur noch Morphin. Warum soll ich also noch diese Tabletten schlucken, wenn sie mir doch nicht helfen können? Das Morphin versteckt den Schmerz, aber ich werde schläfrig davon und vermag nicht mehr richtig zu denken“.

Er schaute sie an und bemerkte, dass Tränen ihre Augen zu füllen begannen und nun kurz vor ihrem Absturz über den feinen Teint ihrer Wangen standen. „Sorge dich nicht, Carmen, ich bevorzuge den Schmerz anstatt nicht mehr normal denken zu können. Sprich, was wolltest du von mir“?

Sie liess ihren Tränen mit mehrmaligem Augenzwinkern freien Lauf und streckte ihm ein Couvert hin:

„Das ist vor wenigen Minuten gekommen“. Francisco sah sich das Couvert an und versuchte eine Analyse: Das war kein gewöhnliches Couvert und er spürte ein Ziehen im Rückenmark, als er seinen Namen darauf entdeckte – wie aufgedruckt, in dicken, halb verwischten Lettern. Auch das Papier war ihm fremd – sah aus wie aus einer Pflanzenfaser, bestimmt in Handarbeit geschöpft. Er wollte den Brief öffnen, aber ohne dass er wusste warum, wollte er damit warten, bis Carmen den Raum verlassen hätte.

„Danke, Carmen“, sagte er, um anzudeuten, dass er jetzt gerne allein sein wollte.

„Nur noch eins, Senhor Francisco“ – und sie fixierte das Couvert in seiner Hand – „ich weiss nicht, ob ich verrückt bin, aber es ist möglich . . .“

„Was ist denn noch“? – jetzt wurde er etwas ungehalten – „hast du vor, mich zu beunruhigen“?

„Natürlich nicht! Aber sehen sie mal, dieses Couvert lag plötzlich auf meinem Tisch während ich arbeitete, und das kommt mir ganz komisch vor. Was ich sagen will ist, dass ich nur zum Schrank gegangen bin, um einen Ordner heraus zu nehmen, und als ich mich umdrehte lag der Brief plötzlich da – mitten auf meiner Schreibunterlage“!

Sie war jetzt ziemlich aufgeregt und wartete, dass Francisco sie unterbräche – aber der tat nichts dergleichen. „Nun“, fügte sie dann hinzu, „ich könnte ihn vielleicht übersehen haben und er war vorher schon da – ist aber unwahrscheinlich“.

Francisco drehte das Couvert zwischen den Fingern, analysierte sein Format und sah Carmen dann wieder an. „Ich verstehe, Carmen, aber sorg dich jetzt nicht damit. Für alles gibt es eine logische Erklärung – möglich, dass der Brief schon seit heute früh da war, aber da warst du vielleicht zu beschäftigt, um ihn zu bemerken“ – und er versuchte sie mit dem gelassenen Ton seiner Stimme wieder zu beruhigen. Sie setzte zu einer Erwiderung an, aber Francisco bedeutete ihr mit einer unmissverständlichen Geste, dass er jetzt allein sein wollte – ohne ein weiteres Wort ging sie.

Gleich nachdem sie die Tür hinter sich ins Schloss gedrückt hatte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, ging zu einem Sessel vor dem riesigen Fenster und setzte sich. Einige Sekunden lang, während der in ihm wühlende Schmerz sich etwas beruhigte, wog er das Couvert in seiner Hand – dann riss er seinen oberen Rand auf und entnahm ihm eine kleine Seite Papier, die aus dem gleichen Material zu bestehen schien, wie das Couvert selbst. Darauf stand wieder sein Name und darunter die Worte: „Auge um Auge“. Als er die gelesen, zog sich alles in ihm zusammen, und dann liess er seinen Tränen freien Lauf – während seine Erinnerung ihn dreissig Jahre zurück in seine Vergangenheit versetzte und ihm eine Szene vor Augen führte, die er längst vergessen zu haben glaubte.

Man schrieb das Jahr 1972 und Francisco befand sich in Manaus, wo er seinem Vater bei der Übernahme einer Elektrofabrik assistierte. Er war nur mitgekommen, weil er gerade nichts besseres zu tun hatte, denn er verstand noch wenig von jenen Prozessen des Kaufens und Verkaufens von Unternehmen, aber gerade deshalb wollte ihn sein Vater dabei haben, denn eines Tages würde er, sein Sohn, die Geschäfte des Vaters übernehmen und weiter führen müssen.

Als der Vater endlich mit der Unterzeichnung einer Unzahl von Papieren fertig geworden und eine ebenso grosse Anzahl von Händen geschüttelt hatte, begaben sich die beiden in ihr Hotel, wo der Vater auf seinem Zimmer noch einmal alle Dokumente zu überprüfen begann und ausserdem ein paar Telefongespräche führen musste. Währenddessen entschloss sich Francisco zu einem Spaziergang durch die Stadt in der warmen Witterung des Nachmittags, um sich ihre Sehenswürdigkeiten anzusehen – einer Stadt die immer mehr die Grösse einer Metropole anzunehmen schien, eingekesselt vom Dschungel.

Unterwegs in den Strassen von Manaus, denen er aufs Geratewohl folgte, überraschten ihn die vielen Geschäfte, Imbissbuden, Restaurants und Hotels, an denen er vorüberkam – denn er hatte sich bis dato diese Dschungelstadt immer vorgestellt als ein Drecknest, in dem Indianer und Jaguar frei an der Seite von Anakondas und Spinnen aller Art einhermarschierten. Tatsächlich traf er auch auf Indianer in der Stadt, aber die trugen T-Shirts und Jeans, und die einzige Spinne, die er sah, war eine an einem Baumstamm auf einem Platz – aber die war nicht grösser als drei Zentimeter.

Schlimm war die feuchte Hitze – fast unerträglich – und nachdem er eine halbe Stunde gelaufen war, triefte er von Schweiss, seine Kleidung klebte ihm am Körper und seinen Hut konnte er auswringen, obwohl es kurz vor Sonnenuntergang war. Er betrat eine kleine Bar und bestellte sich ein Bier. Auch das Bier war lauwarm, so wie die ganze Stadt. Er setzte sich mit seinem Glas an einen Tisch in der Nähe des Eingangs, wo eine leichte Brise ihm den Aufenthalt einigermassen erträglich machte, und dort sass er dann einige Zeit und beobachtete die vorüber schlendernden Passanten, von denen es ebenfalls niemand eilig zu haben schien.

Nachdem er sich am Tresen ein zweites Bier bestellt und zu seinem Tisch zurückgekehrt war, sah er sie dann plötzlich: eine der schönsten Frauen, denen er in seinem jungen Leben je begegnet war – eine exotische Schönheit, das war das richtige Wort! Sie war ein Indianerin, soviel stand fest, mit mandelförmigen Augen, rabenschwarzem, glattem Haar, das bis zu ihren Hüften hinabreichte und einem vollen Mund, der ein Lächeln umrahmte, dem der Eindruck von süsser Ewigkeit anhaftete. Francisco legte seine ganze Sehnsucht in den Blick, mit dem er ihr folgte als sie vorüberging – und als sie ihn bemerkte, hob er die Hand zum Gruss. Die Indianerin erwiderte sein Winken, setzte aber ihren Weg fort die Strasse hinunter, während Francisco schnell ein paar Scheine auf die Tischplatte warf und sich an ihre Verfolgung machte. Zehn Minuten lang folgte er der Schönen in einem Abstand von einigen Metern – überlegte sich, was er wohl sagen würde, wenn er ihr gegenüber stünde – bis sie ganz plötzlich ihren Schritt verhielt, umdrehte und ihm entgegenkam. Dann stellte sie sich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt, und jenes unwiderstehliche Lächeln entblösste zwei makellose, schneeweisse Zahnreihen:

„Was willst du von mir“? fragte sie ihn und lachte, so wie ein Kind, das sich mit einem herum springenden Hündchen amüsiert.

„Ich wollte nur mit dir sprechen. Ich bin nicht von hier, wie du vielleicht schon bemerkt hast. Weiss auch nicht so recht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Ich kenne die Stadt noch nicht“.

„Und ich scheine dir ein guter Zeitvertreib zu sein, was, Stadtjunge“?

Francisco spürte, dass ihn die direkten Worte des Mädchens ziemlich aus der Fassung zu bringen drohten. Sie war sehr jung, höchstens achtzehn Jahre alt und schlau – und diese Mischung aus Arroganz und Fügsamkeit fand er hinreissend. Sie war ohne Zweifel eine exotische Schönheit.

„Das war es nicht, was ich gemeint habe – Ich möchte ihnen sagen dass…“ Francisco begann tatsächlich zu stottern und brachte dann kein Wort mehr heraus, als er bemerkte, dass die Schöne ihren Kopf schräg legte, ihn von Kopf bis Fuss eingehend musterte und sich dabei offensichtlich amüsierte. „Ich wollte lediglich jemanden zum… ich meine, eigentlich fand ich sie so wunderschön, dass ich unbedingt mit ihnen sprechen wollte. Mein Name ist Francisco – und ihrer“?

„Jaciara. Magst du Indianerinnen, Grossstadtjunge“?

„Ja, Indianer sind von Natur aus schöne Menschen – du bist besonders schön – und dein Name ebenfalls“.

Sie ging um ihn herum und analysierte ihn wie eine Statue, die sie zu kaufen gedachte. Dann nahm sie plötzlich seine Hand – „bring mich nach Hause, Francisco“ – und sie sagte das mit einer Überzeugung, die keinerlei Widerspruch duldete und zog ihn mit sich fort. „Und was machst du in deiner Stadt“?

Francisco unterhielt sich mit ihr unterwegs, und er erzählte ihr auch von den Motiven, die ihn nach Manaus geführt hatten. Von den Geschäften seines Vaters erzählte er – auch aus seinem eigenen Leben, seinen vielen Reisen und seinen Zukunftsplänen. Sie erzählte ihm, dass sie in einer Fabrik arbeite, als Köchin in der Kantine, erzählte ihm von den Festen, die in der Umgegend stattfanden, und auf denen sie sich gelegentlich amüsierte, und dass sie endlich lesen und schreiben gelernt habe. So unterhielten sie sich wohl eine Stunde lang, bis die Strasse plötzlich zu Ende war und Jaciara in einen schmalen Pfad durch den Wald einbog, aber Francisco machte sich keine Sorgen um den Weg, prägte sich aber eventuelle Abzweigungen ein, um den Rückweg nicht zu verfehlen. Nach etwa fünfzehn Minuten auf einer langen Geraden erreichten sie eine Lichtung, die von einem Fluss durchquert wurde, an dessen Ufer eine Holzhütte stand, deren Silhouette sich aus der inzwischen tiefen Dämmerung scharf gegen den helleren Himmel abhob.

„Dies ist mein Heim. Hast du schon etwas gegessen“? – die einfachen Worte und ihre Liebenswürdigkeit, mit der sie sie hervorbrachte, bewegten Francisco tief. Sie hielt noch immer seinen Arm und schwenkte ihn hin und her: „Ich werde jetzt was essen, und wenn du willst, kannst du bleiben“!

Mit einer zustimmenden Geste folgte er ihr in die kleine Hütte. An der Tür befand sich kein Schloss, und nachdem Jaciara den Docht einer Petroleumfunzel angezündet hatte, erkannte Francisco mit einem Blick, dass es hier auch nichts gab, was des Stehlens wert gewesen wäre. Nur ein einziger Raum, mit einem schiefbeinigen Tisch, einer Hängematte, einer Art Kommode und einem kleinen Kocher, der auf einem improvisierten Spülstein aufgebaut war.

Jaciara schob die Tür hinter seinem Rücken zu und näherte sich ihm – dann fasste sie ihn um die Hüften und küsste ihn auf den Mund. Ohne Fragen erwiderte er ihre Küsse – bald fanden sie sich eng umschlungen in der Hängematte wieder, und umgeben vom Zauber der tropischen Nacht, dem Chor der Frösche und dem Zirpen der Zikaden, liessen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Erst als schon der Morgen über dem Fluss zu dämmern begann, versanken sie erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

Francisco wurde vom Klappern irgend eines Topfes geweckt, den Jaciara aus einem Tonkrug mit Wasser füllte: „Hast du keinen Hunger? – Ich mach uns Kaffee“! Ohne sich um ihre Nacktheit zu kümmern, trippelte sie durch den Raum, stellte den Topf auf den Kocher und begann zwei Baguetten mit kaltem Braten zu belegen. Als sie dann am Tisch sassen und sich das einfache Frühstück schmecken liessen, schaute sich Francisco eine Weile im Raum um fand, dass jene ärmliche Bescheidenheit überhaupt nicht zu der vollkommenen Schönheit dieses Mädchens zu passen schien.

„Gefällt es dir hier zu wohnen, Jaciara“? – fragte er sie.

„Nein, um die Wahrheit zu sagen – niemandem kann eine solche arme Hütte gefallen, aber die Menschen, die hier geboren sind, haben keine andere Wahl. Man hat halt, was man sich leisten kann“. Und zum ersten Mal schien sich ihr Lächeln während einiger Sekunden zu verlieren. Nur einen Moment, dann strahlte sie ihn wieder an. „Wie gerne würde ich in eine grosse Stadt ziehen! Hätte nicht vielleicht dein Vater eine Anstellung für mich? Ich koche gut und finde mich in irgend einer Ecke zurecht –- habe sonst keine Familie mehr“.

„Genau daran habe ich eben gedacht – unser Haus ist riesengross, wirklich sehr gross, und wenn ich mit meinem Vater spräche, ich bin sicher, er würde dich anstellen! Wir haben viele Zimmer in diesem Haus für die Angestellten, und ich bin sicher, dass du dort wohnen könntest“.

„Und wir könnten uns immer sehen, Francisco! Natürlich nur wenn es deine Zeit erlaubt – ich weiss ja jetzt schon, dass du oft mit deinem Vater verreisen musst – und du musst studieren, musst arbeiten. Aber in der Nacht könntest du mich sicher hie und da besuchen, nicht wahr“?

Francisco stellte sich die Szene vor – und er sah Jaciara bereits innerhalb des ihm so vertrauten Hauses. Er verstand, dass sie genau wusste, was sie wollte, und dass sie ihm keine Probleme machen würde. Das war einfach perfekt, und schon dachte er daran – natürlich nachdem er sie ein wenig besser kennen gelernt hätte – mit den richtigen Kleidern und entsprechender Erziehung – ob sie dann nicht sogar eine gute Frau zum Heiraten abgeben würde? Sie liebten sich noch einmal in der Hängematte und dann musste er sich auf den Weg zurück zum Hotel machen – sicher war sein Vater bereits beunruhigt. Er fühlte sich verliebt und versprach Jaciara, dass er am nächsten Tag zurückkäme, um sie abzuholen.

Nachdem er die Hütte verlassen und schon den langen, geraden Pfad unter die Füsse genommen hatte, blickte er noch einmal zurück, um zu sehen, ob sie vielleicht in der Tür stand und ihm zuwinkte. In diesem Moment drohte sein Herz still zu stehen: Anstelle seiner neuen Liebe sah er einen grossen, gut aussehenden Mann vor der Tür, vollkommen in Weiss gekleidet – vom Hut bis zu den Schuhen. Er dachte daran, zurück zu gehen, um zu erfahren, was jener von Jaciara wollte, aber dann beobachtete er, dass sich der Mann wohl gut auskannte – er öffnete die Tür und ging hinein in die Hütte. Also beschloss Francisco ein wenig zu warten, und sofort machte sich Eifersucht in ihm bemerkbar – er vermutete, dass der andere wohl ein weiterer Liebhaber der schönen Indianerin sei – und ein Verdacht, dass sie sehr wohl imstande sei, sich verschiedenen Männern an den Hals zu werfen, bis sie einen gefunden, der sie aus ihrer Abgeschiedenheit befreie, breitete sich in ihm aus.

Jetzt kam der Mann wieder heraus – Jaciara war bei ihm und hatte ihre Arme um ihn gelegt – sie war immer noch nackt, so wie er sie erst vor wenigen Minuten verlassen hatte. Die zwei schritten auf den Fluss hinter der Hütte zu, und der Mann tauchte ins Wasser ein, ohne auch nur seinen Hut oder die Schuhe abzulegen. Mehr von Neugier getrieben als von Zorn näherte sich Francisco, indem er vorsichtig die Deckung zwischen den Bäumen ausnutzte. Der Kopf des Mannes tauchte jetzt in der Mitte des Flusses aus dem Wasser – er winkte Jaciara zu, die noch scheinbar unschlüssig am Ufer stand, und bedeutete ihr, zu ihm ins Wasser zu kommen. Jetzt sprang sie, tauchte ein paar Meter vom Ufer wieder auf und schwamm auf den wartenden Mann zu. Francisco war es jetzt egal, ob sie ihn bemerkten – mit schnellen Schritten näherte er sich dem Flussufer, von wo aus er die beiden beobachtete, wie sie sich küssten und sich dabei um die eigene Achse drehten in Wasser aufwirbelnder Leidenschaft. Er wollte schreien – ihr zurufen, dass er sie erwischt habe – als die beiden plötzlich abtauchten.

Minuten vergingen, bis das Wasser plötzlich an derselben Stelle aufwirbelte und einen Moment Jaciaras Körper freigab, um ihn dann wieder zu verschlingen – Francisco begriff, dass sie am Ertrinken war – ohne einen weitern Moment zu zögern warf er seinen Hut von sich, zog hastig seine Schuhe aus und stürzte sich mit einem Hechtsprung ins Wasser, um zu der Stelle zu tauchen. Das Wasser war trüb – aufgewühlt von Jaciaras Überlebenskampf – es dauerte ziemlich lange, bis er sie endlich entdeckte – da lag sie auf dem Grund, regungslos. Er fasste sie unter und schwamm mit ihr zum Ufer – als er sie ins Gras bettete sah er, dass es zu spät war.  Er versuchte eine Mund-zu-Mund-Beatmung, die aber keinen Erfolg hatte. Dann vernahm er ein Geräusch hinter sich und erinnerte sich plötzlich des Mannes, der Jaciara ertränkt hatte. Als er sich umdrehte war der Mann schon über ihm, ihre Blicke trafen sich für Sekunden, dann wurde sein Hals von riesigen, kalten Händen zugedrückt.

„Halt ein, warum machst du das“? – presste Francisco mühsam zwischen den Zähnen hervor, während die restliche Luft aus seinen Lungen unter dem tödlichen Würgegriff entwich.

„Weil du sie mir wegnehmen wolltest. Sie gehörte mir, und ich brauchte sie nicht mit mir in den Fluss zu nehmen. Ich liebte sie, immer wenn ich wollte, jede Nacht war sie zuhause – aber du wolltest sie mitnehmen. Wolltest sie mir stehlen“.

Francisco war am Ersticken. Mit einem verzweifelten Kraftaufwand packte er das Gesicht des Mannes und grub ihm seine beiden Daumen in die Augen in der Hoffnung, das der mörderische Griff um seinen Hals sich etwas lockere – aber wie es schien, hatte er wenig Erfolg. Und als er jetzt alles was er noch an Kraft aufbringen konnte in den Druck seiner beiden Daumen legte, spürte er plötzlich, wie sich der linke Augapfel seines Angreifers aus seinem Orbit löste und ihm in die Hand glitt. Sofort liess der Druck um seinen Hals nach – der Mann sprang auf seine Füsse und legte seine Hand schützend auf die blutende Augenhöhle. Das gab Francisco Zeit auf seine eigenen Füsse zu kommen und dem Mann vor ihm einen solchen Faustschlag zu versetzen, dass er in den Fluss geschleudert wurde.

Francisco suchte nach irgend etwas, das er als Waffe gegen seinen Feind einsetzen könnte und fand einen dicken Ast, der auf den Boden gefallen war – aber bis er ihn von seinen Zweigen befreit und wie eine Keule zurechtgestutzt hatte, war der andere schon bis in die Mitte des Flusses davon geschwommen und dort untergetaucht. Aber schon zeigte er sich wieder – immer noch hielt er die blutige Augenhöhle mit der Hand bedeckt – Francisco warf einen Blick auf das Auge, das scheinbar unversehrt in seiner Hand lag.

„Gib mir mein Auge zurück, und ich gebe dir alles, was du dir wünschst, mein Junge“! – der Mann schrie die Worte aus der Mitte des Flusses zum Ufer herüber.

„Was kannst du mir schon geben? Und für was willst du noch dieses Auge? Das taugt jetzt für gar nichts mehr“! – schrie Francisco zurück und prüfte die Distanz zu dem Mann im Fluss sowie die Möglichkeit, ihn durch einen gut gezielten Wurf mit dem Ast am Kopf zu treffen.

„Alles kann ich dir geben – alles was du dir vorstellen kannst, bekommst du von mir: Reichtum, Gesundheit, Ländereien – alles was du willst“! Und dann nahm er seinen Hut ab, der sich trotz des Zweikampfs wie angegossen auf seinem Kopf gehalten hatte, neigte ihn wie zum Gruss und fuhr fort: „Du weisst wer ich bin und weisst auch, dass dies keine leeren Versprechen sind! Und wenn ich vor einem Menschen den Hut abnehme, dann verdient dieser meinen persönlichen Respekt. Ich möchte mein Auge zurück“!

Francisco wusste nicht so recht, was er tun sollte – aber er fühlte sein Herz schneller schlagen und verstand, dass gewisse Legenden keine waren – und das hatten ihm viele Leute, die ihm in Amazonien über den Weg liefen, auch schon immer gesagt. Er wusste plötzlich, wem er da gegenüber stand und brauchte eine Weile, den Schock zu überwinden. Jetzt wusste er auch, dass der andere die Wahrheit sprach – wusste, dass er tatsächlich Wünsche erfüllen konnte – und dann ging es ihm durch den Kopf: sein Vater besass genügend Reichtum und Güter, mehr als genug, er brauchte nichts dergleichen – er brauchte keine Ländereien und seine Gesundheit war bestens. Das Einzige was er sich wünschte in diesem Moment war, dass er die Zeit ein Stück zurück drehen könnte.

„Ich möchte Jaciara zurück haben. Gib sie mir wieder und ich gebe dir dein Auge“ – sprachs und zeigte mit dem dicken Ast in Richtung des schwimmenden Mannes, während er mit der anderen Hand das Auge hochhielt.

„Sie ist tot. Nicht einmal ich kann sie zurückholen. Aber ich verspreche dir die Liebe von Hunderten anderen Frauen, wenn es das ist, was du dir wünschst“!

„Ich will nur diese Frau, du Monster, denn nichts was du mir gibst, kann sie ersetzen. Du hast sie getötet, um sie nicht an einen anderen zu verlieren – nun, so sei es: Auge um Auge! Du behältst ihren Körper und ich behalte dein Auge“!

Und als er das gesagt hatte, warf er den Ast mit aller Kraft und traf den überraschten Mann am Kopf. „Nun gut, eines Tages werden wir uns wieder sehen“ – nachdem er dies gesagt hatte, tauchte der Mann und verschwand. Bevor er sich vom Ufer abwandte, sah Francisco einen riesigen, rosafarbenen Delfin dicht am Ufer vorbeischwimmen – und er bemerkte auch, dass das Tier nur noch ein Auge hatte.

Francisco entnahm seiner Tasche die kleine Schachtel und machte sie auf – das Auge, noch vollkommen intakt, lag darin. Während all der Jahre hatte er diese Reliquie aufbewahrt – als Erinnerung an seine verlorene Liebe. Niemals hatte er auch nur einem einzigen Menschen diese Geschichte erzählt, aber es gab nur wenige Tage in seinem Leben, an denen er nicht an sie gedacht hatte. Er steckte die kleine Schachtel in seine Hosentasche und verliess die Firma, nachdem sich ihm seine besorgte Sekretärin Carmen in den Weg gestellt hatte, und er sie mit einer Mischung aus durchsichtigen Ausreden und vorgespielter Autorität schmollend zurückliess.

Während er nur langsam voran kam, denn die Schmerzen schienen jetzt von seinem ganzen Körper Besitz ergriffen zu haben, bemerkte er, dass sich die Stadt Manaus sehr verändert hatte – überall lärmendes Leben, und die starke Beleuchtung der vielen neuen, himmelan strebenden Gebäude verschleierte den ehemals freien Blick auf die Sterne. Anstelle der kleinen Bar, wo er damals sein Bier getrunken hatte und der Indianerin zum ersten Mal begegnet war, reckte sich jetzt ein hohes, schmales Gebäude mit Büros – und die Strasse, die sie damals gemeinsam in fröhlicher Unterhaltung gegangen, erstreckte sich jetzt scheinbar endlos – und er hatte Mühe, die Abzweigung zu finden, an der sie damals in den schmalen Waldpfad eingebogen waren. Der Pfad existierte nicht mehr, aber unter Aufbietung seiner ganzen Konzentration, während der Schmerz ihn peinigte, gelang es ihm, die Lichtung zu finden, auf der ihre Hütte dermaleinst gestanden – nur ein Haufen alter Bretter war von Jaciaras Hütte übrig geblieben – alles war kaputt gegangen, so wie sein Leben. Er war in Schweiss gebadet – zog sich Schuhe und Strümpfe aus, liess sich am Ufer mit etwas Mühe im Gras nieder und tauchte dann seine alten, müden Füsse ins kühle Wasser. Er tastete seine Hosentaschen ab und fühlte in der einen das Päckchen mit den Morphin-Tabletten. Der Schmerz war jetzt so heftig, dass er in Versuchung kam, eine davon zu nehmen – zumindest für den Heimweg würde er wenigstens eine davon brauchen.

In Gedanken versunken schreckte er hoch, als plötzlich im Wasser der Delfin auftauchte – weniger als einen halben Meter von seinen Füssen entfernt. Er hielt den Kopf schief und fixierte ihn mit seinem einzigen Auge – auch Francisco wusste sofort, dass er seinem alten Feind gegenübersass. Beide verhielten sich still und starrten sich an – sicher ein paar Minuten lang. Viele Jahre waren ins Land gegangen und hatten die alte Feindschaft verblassen lassen – in keinem der Beiden war von dem Zorn und der Aggression von damals etwas zurück geblieben – keiner wollte dem andern etwas antun. Die friedliche Stimmung des Augenblicks wurde schliesslich von Francisco unterbrochen, als er die Hand in seine Tasche steckte und das Kästchen hervorzog, in dem er das zweite Auge des Delfins aufbewahrt hatte. Dieser bewegte im Wasser lediglich ein wenig seinen Schwanz auf und nieder und öffnete sein Maul als ob er lachte – wenigstens kommt uns Menschen das immer so vor bei Delfinen, die neugierig ihr Maul öffnen. Francisco klappte den Deckel auf und entnahm dem Kästchen das Auge des Tieres. Er fühlte, dass er nichts zu sagen brauchte – also beugte er sich ein wenig vor und platzierte das Auge ins Maul des Delfins, der es vorsichtig, wie zwischen einer grossen Pinzette, festhielt, und sich dann mit langsamen Flossenbewegungen im Rückwärtsgang entfernte – dann abtauchte und verschwand.

Francisco verblieb an derselben Stelle noch länger als eine Stunde – den Delfin aber sah er nicht mehr. Mit den Füssen im fliessenden Wasser war er eingenickt. Und als er erwachte, unter der schon sinkenden Sonne, fühlte er sich erfrischt – voller angenehmer Gedanken – und dann traf es ihn wie ein Schock: der Schmerz – er war weg! Ohne Schmerzen bückte er sich, um Socken und Schuhe wieder anzuziehen – mühelos kam er auf seine Füsse und schritt kraftvoll den Pfad entlang, der ihn zurück zur Stadt führte. In einem plötzlichen Impuls warf er das Päckchen mit den Morphin-Tabletten ins Gebüsch.

Er fühlte sich tatsächlich wie neu geboren – war ein anderer Mensch geworden – und sicher zwanzig Jahre jünger! Er wollte schwören, dass der „Boto“ (Delfin) ihm nicht nur den Krebs genommen – er hatte Francisco von allen Leiden seines bürgerlichen Lebens befreit, und von seinen schlechten Gewohnheiten.

Francisco hatte die Strasse erreicht – er machte jetzt Riesenschritte – unter den Bäumen der Avenida kam er rasch voran, die Lust zu leben hatte seinen Körper wieder ergriffen, er fühlte sich glücklich und sehr dankbar. In weniger als einer Stunde brachte er den ganzen Weg hinter sich, zu dem er am Morgen fast drei Stunden gebraucht hatte. Er ging noch mal am Büro vorbei – Carmen war da und hatte voll Sorge auf ihn gewartet. Und da tat er etwas, dass er schon Jahre zuvor hatte tun wollen, wozu ihm aber stets der Mut gefehlt: er nahm sie in die Arme und küsste sie. Und er beantwortete ihr keine der vielen Fragen, mit denen sie ihn natürlich überhäufte. Dann lud er sie zum Essen ein – in dieser Nacht, und in den Nächten, die dieser Nacht folgten.

Nach einer Erzählung von Richard Diegues, aus „Circulo de Cronicas“
Deutsche Übersetzung und Bearbeitung Klaus D. Günther für BrasilienPortal