Alte Damen vor Gericht

Veröffentlicht am 22. November 2009

Der Auftritt einer alten Damen vor Gericht.
Aus den Memoiren eines Landgerichts des Bundesstaates São Paulo vom 01.04.1980)

Auch dem versiertesten Staatsanwalt kann manchmal die Spucke wegbleiben, wenn er vergisst, wen er im Zeugenstand zu befragen beabsichtigt – oder wenn er, wie in diesem Fall, eine alte Dame vor sich hat, deren äussere, etwas verblichene Verfassung, ihn nicht ahnen lässt, in welch brillantem Zustand sich ihr Geist unter den schlohweissen Haaren befindet.

Im vorliegenden Fall machten die Antworten der Zeugin Elisabet Fortunati (85) nicht nur Schlagzeilen in den Provinzblättern von São Paulo.

Staatsanwalt Samuel (Sanny) da Fonseca Pires nähert sich seiner Zeugin und richtet folgende Frage an sie:

“Senhora Fortunati – wissen Sie wer ich bin“?

Und die alte Dame antwortet ihm ohne zu zögern: “Natürlich, Senhor Sanny! Ich kenne sie sehr gut seit Sie ein Kind gewesen sind – und um die Wahrheit zu sagen, sie waren eine grosse Enttäuschung für ihre armen Eltern. Sie haben schon immer gelogen, sie glauben, dass sie alles wissen, sie sind extrem selbstgefällig, trinken zuviel, hintergehen Ihre Frau und das Schlimmste: Sie manipulieren die Leute. Sie tragen ihre Nase zu hoch und rülpsen Kaviar – während sie in Wirklichkeit ein armer unglücklicher Mann sind. Natürlich kenne ich sie . . . .” 

Wie schon gesagt, dem Staatsvertreter blieb buchstäblich die Spucke weg – er stand da und sagte eine ganze Weile garnichts, im Gerichtssaal hatte sich plötzlich eine Stille ausgebreitet, die man fast mit dem Messer hätte schneiden können – immer noch perplex deutet der Staatsanwalt auf eine Bank und fragt seine Zeugin:

“Senhora Fortunati, kennen Sie den Anwalt der Verteidigung?

Und die alte Dame, ohne das geringste Zittern in ihrer Stimme, antwortet ihm prompt: “Logisch – auch den kenne ich seit er ein Kind war – der Senhor Peres war schon immer zart beseitet und ein Feigling, ziemlich ungewöhnlich, wenn sie mich fragen. Heute hat er Probleme mit dem Alkohol – ist der schlechteste Rechtsanwalt unseres Bundesstaates und deshalb hat man ihn in unsere Provinz geschickt. Er hat mit niemandem ein normales Verhältnis. Von dem Betrug an seiner Gattin mit inzwischen drei verschiedenen Geliebten will ich erst gar nicht reden – eine davon war ihre Frau, Senhor Sanny – oder wollen sie behaupten, dass sie sich daran nicht erinnern? Jawohl, ich kenne auch den Herrn Peres ziemlich genau. Seine Mutter lebt aus Scham über seine Attitüden sehr zurückgezogen – die arme Frau kann wahrhaftig nicht stolz sein auf solch ein Lumpenleben, das ihr Sohn führt“.

Der Verteidiger ist leichenblass. Er hängt in seiner Bank und hat die Augen geschlossen – er ist einer Ohnmacht nahe. Jetzt unterbricht der Richter jäh die Befragung und zitiert die beiden Anwälte vor sein Pult. Er winkt ihnen, sich vorzubeugen und flüstert ihnen dann zu:

“Wenn einer von ihnen beiden sich untersteht, diese Dame zu fragen, ob sie mich kennt, dann können Sie sich Ihre Akkreditierung bei der Anwaltskammer in den Wind schreiben“!