Geschichten aus Brasilien

Veröffentlicht am 22. November 2009

Unter dieser Rubrik bringen wir für Sie ein buntes Kaleidoskop von Erzählungen und Geschichten von in Europa weniger bekannten Schriftstellern und Geschichtenschreibern. Vor allem unser brasilianischer Lieblingsautor Luis Fernando Verissimo ist an dieser Stelle mit verschiedenen Beiträgen vertreten, seine humorvolle Art und Weise die Welt zu betrachten und die Unzulänglichkeiten seiner Zeitgenossen auf eine etwas sarkastische Schippe zu nehmen, hat es uns angetan. Aber auch unser BrasilienPortal-Autor Klaus D. Günther, findet neben seiner vielen Übersetzungsarbeit immer mal wieder Zeit, die eine oder andere Story aus seiner brasilianischen Wahlheimat zum Besten zu geben, und darüber hinaus möchten wir unsere BrasilienPortal-Gäste dazu anregen, selbst mal einen interessanten Reisebericht oder eine besondere Story aus ihrem Urlaub in Brasilien an dieser Stelle zu veröffentlichen.

Brasilien ist auch ein Land, in dem man viele abenteuerliche, dramatische und skurrile – auf jeden Fall aber ungewöhnlich bewegende Geschichten entdecken und erleben kann. Sie stecken schon im bunten Chaos des brasilianischen Alltags, entwickeln sich im Umgang mit den eigenwilligen Menschen, springen einen aus Zeitungsnotizen an oder warten ganz ruhig in einem schattigen Winkel, dass man sie aufspürt. Geschichten der Grossstadt und ihrer Bürger – der wohl situierten wie der gestrandeten – der umschwärmten und der vergessenen.

open bookGeschichten aus dem Hinterland, dem brasilianischen Sertão, mit seiner vor Trockenheit aufgeplatzten Erde und den Träumen ausgelaugter Menschen vom grossen Regen – ihre selbstlose Hingabe an ihren Glauben und das scheue Lächeln, welches sie dem Fremden entbieten, der seine Hand der herumwuselnden Kinderschar entgegenstreckt, ihrem einzigen Reichtum.

Geschichten erlebt man aber auch im immergrünen Regenwald – unter Bewohnern, die auf vier, sechs oder mehr Beinen durch das Pflanzengewirr streifen und im Astwerk herumklettern, mit lautlosem Flügelschlag den Halbschatten des dunkelgrünen Gewölbes durchmessen oder sich krakeelend um reife Früchte streiten. Die einen lauern und machen Beute – andere begnügen sich damit aufzuheben, was von den Bäumen fällt.

Dazwischen, versteckt auf einer Lichtung, plötzlich ein paar halbkugelige Hütten mit nackten Menschenwesen davor – auch die haben ihre Geschichten – manche sind sehr alt, andere sind sehr traurig, und man sollte sie vielleicht nicht allen Menschen erzählen, weil sie sie nicht verstehen werden.

Ob unter den Bewohnern der Steilufer der grossen Ströme – den “Ribeirinhos“, den Bewohnern der Regenwälder – den “Caboclos“, den Balsafloss-Fischern auf dem Meer des Nordostens – den “Jangadeiros“, den Rinderhirten der südlichen Pampas – den “Gaúchos“, den Holzfällern, Latex-Sammlern, Diamantenschürfern und “Fazendeiros“ (Farmern) – alle haben ihre Geschichten und täglich kommen neue hinzu.

Man muss nur zuhören können – oder auch nur beobachten, denn die Geschichten entstehen von selbst, so wie die Zeit von selbst vergeht. Bei den Indianern werden sie noch mündlich überliefert – über Generationen – wir schreiben sie lieber auf – damit wir sie nicht vergessen. Selten, dass wir sie einmal selbst erzählen – wir lesen sie lieber nach.

Oder wir lassen andere erzählen und hören zu. Schön, wenn es eine gute Geschichte ist – ich meine, eine die es wert ist zuzuhören, weil sie gut erzählt wird. Nicht so sehr ihr Inhalt als vielmehr die Art, wie er präsentiert wird, macht eine gute Geschichte aus. Und danach möchten wir unsere Geschichten für diese Rubrik aussuchen.