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Früchte aus Brasilien

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich die erste Banane zu Gesicht bekam und ein Stück von ihr kosten durfte. Es war in den fünfziger Jahren, ein Klassenkamerad, dessen Onkel aus Südamerika zu Besuch weilte, hatte sie mit in die Schule gebracht. Demonstrativ entfernte er die weiche Schale, schnitt ihr Inneres in kleine Stücke, und dann verteilte er die unter seinen engeren Freunden auf dem Pausenhof. Ich war einer der Glücklichen. Orangen sah ich zum ersten Mal an Weihnachten, ein paar Jahre später, sie lagen zwischen Weihnachtsplätzchen, Marzipan und Nüssen auf jenen bunten Tellern, die unsere Mutter jedes Jahr für uns unter den Christbaum zu stellen pflegte.
lebensmittelstand
Und Ananas gab es sogar bei unserem Lebensmittelladen an der Ecke als eingelegte Scheiben in Dosen, importiert aus den USA – die ganze Frucht habe ich “in natura“ erst während meines späteren Brasilienaufenthalts kennen gelernt. Trotzdem machten die besonderen Formen, Farben und fremdartigen Aromen dieser Tropenfrüchte zur Zeit meiner Erstentdeckung eigentlich den grössten Eindruck auf mich. Sie weckten sogar erste Träume von fernen tropischen Ländern, und ich stellte mir vor, auf einer Orangen- oder Bananen-Pflanzung zu arbeiten. Im Biologieunterricht der Schule war der Kaffeeanbau für mich ein interessantes Thema – während meine Kameraden unseren etwas zu nachsichtigen Biologieprofessor Dr. Stein mit Papierkügelchen bewarfen.

Auch in den Kakao-Anbau hat er mir einen interessanten Einblick vermittelt – und über die Kokosnussernte hat er uns sogar einen Film gezeigt, von dem mich besonders Geschicklichkeit und Mut der Eingeborenen beeindruckte, mit der sie die glatten, haushohen Palmenstämme hinauf kletterten. Reife Kokosnüsse, schon ohne ihren grünen, dicken Fasermantel, waren die nächsten Tropenfrüchte, die ich in den Auslagen des einen oder anderen Ladens unserer Kleinstadt entdeckte – in Stücken oder geraspelt trugen sie fortan ebenfalls zur willkommenen Erweiterung unseres Weihnachtstellers bei.

Heutzutage, mehr als fünfzig Jahre später, ist die Palette der importierten Tropenfrüchte in Europa ganz enorm gewachsen – überall, wo Gemüse und Früchte verkauft werden, haben sie inzwischen ihren festen Platz. Denn auch die Nachfrage (oder sollte ich vielleicht sagen “die Zahl ihrer Liebhaber“?) ist seither enorm gestiegen – das ist dem internationalen Tourismus zu verdanken, durch den man jene Früchte in ihrer überseeischen Heimat kennen und schätzen gelernt hat. Und sicher fangen nicht wenige unserer BrasilienPortalGäste beim Lutschen einer Mangofrucht oder dem Genuss einer frischen Ananas ebenfalls an zu träumen: sogar in konkreten Bildern, vom letzten Urlaub unter der heissen Sonne am Sandstrand ihrer Tropeninsel – das exotische Aroma der Tropenfrucht vollbringt dieses Wunder, streichelt unseren Gaumen, beflügelt unsere Sinne, nimmt uns wieder mit auf die Traumreise. Probieren Sie es aus!

Nun muss ich Ihnen allerdings einen Wermutstropfen in den tropischen Fruchtsaft giessen, und die vielgereisten Tropenkenner werden mir sicher recht geben: So richtig echt schmecken jene importierten Früchte vom Tropenfruchtregal des Supermarkts nun doch nicht – weder eine importierte Banane noch eine Mango oder Papaya können sich im Geschmack mit den entsprechenden, am Baum gereiften Früchten ihrer Heimat vergleichen. Ihnen fehlt das ausgereifte Aroma – jener besondere Geschmack, der sich gerade in der letzten Phase ihrer Reifung unter den Sonnenstrahlen ihrer Heimat zu bilden pflegt. Auch ihr natürlicher Vitamin- und Mineraliengehalt wird nachweislich durch die verfrühte, exportbedingte Abnahme vom Baum nicht in voller Höhe erreicht – die “künstliche“ Nachreifung während des Transports ins Ausland kann in diesem Fall nur noch an ihrem optischen Eindruck etwas ergänzen.

Das bestätigte mir auch eine Gruppe von deutschen Skatclub-Mitgliedern, denen ich einst die Gegend rund um Rio de Janeiro, meiner Wahlheimat zeigte – und zwar in einem komfortablen Bus, in dem ich aus einer Eingebung heraus, vier kiloschwere Rispen mit reifen Bananen unterschiedlicher Spezies zur Selbstbedienung aufgehängt hatte. Appetitlich baumelten sie im Gang zwischen den Sesseln: eine Rispe “Goldbananen“, nur etwa fingergross und von goldgelbem Fruchtfleisch – eine Rispe “Silberbananen“, eine kurze, dicke Sorte mit weissem Fruchtfleisch – eine Rispe “Apfelbananen“, deren Fruchtfleisch deutlich nach Äpfeln riecht und schmeckt – und eine Rispe der Sorte “Nanika“, die aromatischste unter den brasilianischen Bananen überhaupt. Vier Bananensorten aus den vielen Dutzenden anderer, die es bei uns in Brasilien gibt. Unnötig zu sagen, dass dieses hin und her schwingende Bananen-Selbstbedienungs-Buffet ein voller Erfolg wurde – und vor allem bestätigte man mir, dass der Geschmack dieser Früchte tatsächlich den der “deutschen Chiquitas“ um etliches überträfe!

Trotz einem inzwischen gewaltig erweiterten Tropenfrüchteimport, bekommen die Europäer nur einen geringen Prozentsatz dessen zu sehen und zu kosten, was da so an Köstlichkeiten in einem Land wie Brasilien an den Bäumen und Büschen reift. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass die meisten Tropenfrüchte für die Nachreife während eines längeren Transports nicht geeignet sind. Also bleibt für den Brasilienbesucher auf diesem Gebiet noch sehr viel zu entdecken – ganze Aroma-Paradiese werden sich ihm auftun, wenn er einmal über einen der vielen offenen Märkte innerhalb eines Stadtviertels schlendert, um hunderte von Früchten in den Auslagen der Marktstände zu bewundern – und zu kosten, denn jeder Ladenbesitzer wird unserem Besucher gerne ein Stück irgendeiner begehrten Frucht zum Kosten abschneiden. Das gehört zum Dienst am Kunden – auch wenn Sie dann nichts kaufen, genieren Sie sich nicht, zu probieren!

Eigentlich wollte ich ja nur eine fundierte Einleitung für unsere Rubrik “Brasilianische Früchte“ schreiben, aber das kann ich ja immer noch tun. Wollte eben nicht versäumen zu erzählen, dass meine persönliche Liebe zu diesem Land auch “durch den Magen“ gegangen ist, wie in einem alten Sprichwort so richtig festgestellt wird – nicht nur wegen “Churrasco, Feijoada, Crevetten in Knoblauch oder frischen Fisch – sondern auch wegen seiner unvergleichlichen Früchte, den Fruchtsäften, dem Fruchteis, den Fruchtdesserts, den Fruchtlikören, den Frucht-Cocktails, den “Caipirinhas“ – die inzwischen auch bis nach Europa vorgedrungen sind, und von denen jeder Verehrer weiss, dass sie ohne ebenfalls importierte “grüne Limonen“ ihren besonderen Tropenreiz verlören. Man kann sie sogar mit Wodka oder Rum anstelle unseres “Cachaça“ ansetzen, aber nicht ohne Limonen!

Am besten Sie mixen sich jetzt eine solche original brasilianische “Caipirinha“, das Rezept finden Sie >>> hier.

Klaus D. Günther für BrasilienPortal
 
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