Neues aus dem Xingu Park

Veröffentlicht am 27. März 2015

Neues aus dem Xingu Park

IslBG

Wer die Nordostregion des Bundestaates Mato Grosso – wo sich der indigene Park am oberen Rio Xingu befindet – überfliegt, entdeckt ein besonders beeindruckendes, kontrastierendes Szenario zwischen der ambientalen Zerstörung zugunsten kahler Weideflächen und Sojapflanzungen. Von oben kann man das grosse Waldgebiet besonders gut beobachten, das wie eine riesige grüne Insel von einem Meer an Weideflächen, Pflanzungen und entwaldeter, nackter Erde umschlossen ist.

An vielen Stellen geometrisch beschnitten, ohne Beachtung natürlicher Grenzen, ist dieses unangetastete Waldgebiet eine Insel der Biovielfalt, mit 26.400 Quadratkilometern Fläche vergleichbar mit dem Bundesstaat Alagoas, ein Restbestand ursprünglicher Natur in der Übergangszone zwischen Cerrado und Amazonas Regenwald, den beiden grössten brasilianischen Biomen.

Dem aufmerksamen Beobachter werden auch die kleinen Lichtungen auf dieser grünen Insel nicht entgehen, in der Regel kreisrund und besetzt von Behausungen, die von zweckmässiger Architektur und mit Palmblättern abgedeckt sind. Es handelt sich um indigene Dörfer, in denen heute sechzehn verschiedene eingeborene Völker leben – zusammen fast 6.000 Menschen.

Der Gesamtkomplex wird in den Analen der Landesregierung unter dem Kürzel PIX geführt, es bezeichnet den “Parque Indígena do Xingu“ (den Indigenen Park des Xingu), eines der grössten und ältesten Schutzgebiete, die je in Brasilien geschaffen wurden, und auch eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Experimente zur Erhaltung der kulturellen Diversifikation und des natürlichen Ambientes in Brasilien.

Der Vorschlag zur Erschaffung dessen, was inzwischen zum Aushängeschild brasilianischer Indianerpolitik geworden ist, wurde bereits im Jahr 1952 in die Senatsversammlung eingebracht. Seine Ideengeber hatten gewiss keine Ahnung davon, welche Bedeutung ihr Vorschlag mehr als fünfzig Jahre später bekommen würde, denn zu jener Zeit standen sozioambientale Fragen noch nicht im Mittelpunkt brasilianischer Politik.

Als dann im Jahr 1961, durch den damaligen Präsidenten Jânio Quadros, der Park tatsächlich gesetzlich verankerte Realität wurde, übergab man seine verantwortliche Leitung an die “Fundação Brasil Central“, eine von den Gebrüdern Villas Boas geführte Stiftung, und das war entscheidend für das Schicksal seiner Bewohner. Heute ist der “Parque Indígena do Xingu“, trotz aller Schwierigkeiten und Unterbrechungen, von denen die indigene und ambientale brasilianische Politik geprägt war und noch ist, ein Beispiel dafür, dass es möglich erscheint, eine Geschichte ohne ambientale Zerstörung und kulturelle Vernichtung zu schreiben. Und er ist eine Demonstration dessen, dass es im Brasilien des 21. Jahrhunderts ein respektierliches und kooperatives Zusammenleben zwischen kulturell verschiedenen Menschen geben kann.

Das “Instituto Socioambiental (ISA)“, eine zivile NGO ohne finanzielle Interessen, die sich für Menschenrechte einsetzt, besonders für die der unterprivilegierten, indigenen Bevölkerung, hat zum 50jährigen Jubiläum des Xingu-Parks, im Jahr 2011, eine Reihe von Initiativen gestartet, die, über dieses denkwürdige Ereignis hinaus, der Bevölkerung qualifizierte Informationen über den Park, seine Geschichte und seine Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft Brasiliens vermitteln.

“Wir erwarten, dass die Zelebrierung des 50jährigen Jubiläums des ’Parque Indígena do Xingu’ mehr Bedeutung hat, als nur eine verdiente Feier zu sein – dass sie die nationale Bevölkerung aufrüttelt, Vorurteile beseitigt und ihnen die Existenz der Ureinwohner dieses Landes näherbringt“, so die NGO damals.

Aufrütteln – das ist immer noch überfällig und so dringend wie nie zuvor, um die Suche nach menschenwürdigen Lösungen für die Probleme zu intensivieren, von denen die verschiedenen ethnischen Völker Brasiliens gepeinigt werden – sie sind heute, im Jahr 2015, immer noch weit entfernt von einer zuverlässigen Sicherung ihrer Rechte und von einer adäquaten Lebensqualität auf die sie, so wie alle anderen Bewohner dieses Landes, einen berechtigten Anspruch haben.

Vorurteile beseitigen – jedem Bürger Brasiliens die Gelegenheit geben, im Parque Indígena do Xingu und seinen Bewohnern Beispiel und Stimulanz für neue Erfahrungen in einem harmonischen Zusammenleben mit den verschiedenen Segmenten der brasilianischen Gesellschaft und der Natur zu entdecken. Dem haben auch wir uns verschrieben, und möchten deshalb auch unseren Lesern verschiedene Eindrücke aus Sitten und Gebräuchen dieser Eingeborenen näherbringen.

nach obenZeremonien und Rituale der Indios im Xingu-Park

Kuarup

Zeremonielle Praktiken gehören zum täglichen Leben in den indigenen Dörfern. Sie sind untrennbar verbunden mit der körperlichen und geistigen Lebensqualität ihrer Bewohner, und sind aus ihrer unterschiedlichen Schöpfungs-Mythologie, ihrer traditionellen Geschichte, aus ihrem speziellen Umgang mit der Natur entstanden – und sie haben sich, nicht zuletzt auch aus dem Kampf gegen die Invasoren ihres Kulturkreises weiter entwickelt und jedes indigene Volk in seiner Individualität geformt.

Um die nachfolgenden Beschreibungen verschiedener Rituale besser zu verstehen, sollte man wissen, dass vor der Gründung des Parks, dieses Gebiet am Oberen Xingu nur für einige wenige indigene Stämme traditionelle Heimat war, die andern wurden von der FUNAI (Indio-Schutzorganisation) aus ihren ursprünglichen Lebensräumen in den neu gegründeten Park am Xingu-Fluss umgesiedelt, um mit den überall im Land fortschreitenden Zivilisationsfronten nicht in lebensbedrohende Konflikte zu geraten. So kam es, dass Ethnien mit ganz unterschiedlicher Kultur und Sprache plötzlich zu Nachbarn wurden – allerdings war ihr neuer Lebensraum gross genug, um sich langsam kennenzulernen und an einander zu gewöhnen, und zur Zufriedenheit seiner Initiatoren gelang dieses Experiment. Einerseits hat jedes der im Park angesiedelten Völker sich seine traditionelle Kultur und die mit ihr verbundenen Rituale bewahrt, andererseits haben sie aber auch von ihren Nachbarn das eine oder andere Ritual übernommen, wenn es ihnen gefiel, das heisst, wenn es sich mit ihrer eigenen Kultur vereinbaren liess. Inzwischen sind alle sechzehn im Park lebenden Völker einander in Freundschaft und auch wirtschaftlich verbunden, und sie haben Rituale und Zeremonien entwickelt, die sie gemeinsam durchführen und zu denen sie sich, als gute Nachbarn, gegenseitig einladen – und die jedesmal in einem anderen Dorf stattfinden.

Das Jawari-Ritual

Ist eine Art Kriegsspiel – ein Wettkampf zur Erinnerung an einen bereits verstorbenen Champion dieses Turniers. Und es ist ein typisches Ritual der Indios vom Oberen Xingu, zu dessen Teilnahme man andere Dorfgemeinschaften einzuladen pflegt – in der Regel wird es im Monat Juli veranstaltet. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Wettkämpfen, jeder zwischen zwei Gegnern aus unterschiedlichen Ethnien, die sich in ungefähr sechs Metern Abstand voneinander gegenüberstehen. Jeder schleudert Speere auf den Gegner und versucht, ihn von der Gürtellinie abwärts irgendwo zu treffen. Dieser versucht seinerseits, dem gegnerischen Speer irgendwie auszuweichen, sich zu krümmen, zu bücken oder im richtigen Moment hinter ein Stangenbündel zu springen, das nicht vom Boden versetzt werden darf. Die Spitzen der Speere sind mit Wachsklumpen abgedeckt, und ihr Schaft ist von einer, mit Löchern präparierten, Tucum-Nuss umgeben (die heisst “Jawari“ in der Sprache des Kamaiurá-Volkes, und nach ihr ist das Ritual benannt). Durch die Löcher in der Nuss, machen die Speere ein pfeifendes Geräusch, wenn sie geworfen werden, und das geschieht mittels eines “Propulsors“, einem den Speer beschleunigenden Instrument aus Holz, das in früheren Zeiten von vielen indigenen Völkern benutzt wurde, heute aber nur noch am Xingu gebräuchlich ist – und nur bei diesem rituellen Turnier.

Zu dieser Veranstaltung sendet das veranstaltende Dorf drei Boten zum eingeladenen Dorf – einen Prinzipal und zwei Assistenten. Die Gäste treffen dann am vereinbarten Tag ein und werden von denselben Boten empfangen, die sie mit “Cauim“ (fermentiertes Getränk aus Maniok oder Mais) und “Beijus“ (Fladenbrot aus Maniok) bewirten. Dann kampieren die Gäste ausserhalb des Dorfes, um am darauf folgenden Tag zur Durchführung des rituellen Turniers anzutreten.

Die nun folgenden Zweikämpfe laufen in offensichtlicher, nervöser Spannung ab – es kommt einem Zuschauer so vor, als ob die Kontrahenten sich zu einem todernsten Kampf aufstellen, die Gegner behandeln sich plötzlich aggressiv und nicht wie Partner in einem Spiel. Und das ist es in diesem Moment auch nicht – es gilt die Ehre der Angehörigen zu verteidigen, und das ist eine ernste Sache. Die Körper der Kontrahenten sind für das Jawari-Ritual frei nach Gutdünken bemalt – aber selbst diese Bemalung drückt eine gewisse Aggressivität aus: Viele Teilnehmer präsentieren einen etwa handbreiten schwarzen oder roten Streifen quer über den Augen, das Symbol der Raubvögel, und die stilisierten Zeichnungen auf Brust und Armen stellen Schlangen, Fische und Insekten dar – unregelmässige schwarze Flecken, verteilt über den gesamten Körper, sind das Zeichen des mächtigen Jaguars.

In den Tagen vor dem Ereignis haben sowohl Gastgeber wie Gäste eifrig trainiert, um bei dem Turnier eine gute Figur zu machen – für das Training benutzen sie eine Puppe aus Blättern, die mit Embira-Stricken zusammengehalten werden. Und sie haben alle sexuellen Aktivitäten und den Konsum von Fisch vermieden – so schreibt es das Reglement des zeremoniellen Turniers vor.

Nach dem Wettkampf werden die Gäste üppig bewirtet. Ein paar Speere und Propulsoren sowohl der Gastgeber wie der Gäste werden zerbrochen und dann verbrannt, zum sichtbaren Zeichen des Friedens zwischen beiden Parteien. Nach dem gemeinsamen Essen machen sich die Gäste wieder auf den Heimweg in ihr Dorf.

Die Kwarup-Zeremonie

KuarupIhr Name, (den man auch “Kuarup“ oder “Quarup“ schreiben kann), entstammt ebenfalls der Sprache (Tupi-Guarani) des Kamaiurá-Volkes, sie hat die allergrösste Bedeutung für alle im “Parque Indígena do Xingu“ lebenden indigenen Völker und ist inzwischen sogar den meisten Bürgern der brasilianischen Grossstädte durch Medienberichte bekannt. Es handelt sich dabei um eine Abschieds-Zeremonie zu Ehren Verstorbener, in deren Verlauf die indigenen Mythen zur Erschaffung der Menschheit, die hierarchische Klassifizierung in den Kommunen, die Initiation der Jugend und die Beziehungen zwischen den einzelnen Dörfern, eine Rolle spielen.

Sowohl ein Anführer (Häuptling) oder “Herr des Dorfes“, als auch die “Herren der Häuser“ (Familienoberhäupter) werden auf unterschiedliche Weise bestattet. Im Fall eines verstorbenen “Normalbürgers“ wird dessen Körper in seine Hängematte eingerollt und in eine Grube gelegt, dann mit einer Matte bedeckt, die man anschliessend mit der ausgehobenen Erde bedeckt. Für Häuptlinge und Führungspersönlichkeiten gibt es mindestens zwei Arten von Begräbnis. Bei der einen wird der Leichnam an einer hölzernen, treppenartigen Konstruktion befestigt und damit in eine tiefe Grube versenkt, sodass er aufrecht darin steht – das Gesicht nach Osten gerichtet. Bei der anderen Begräbnisart werden zwei Gruben ausgehoben, in etwa drei Metern Abstand voneinander, verbunden durch einen Tunnel. In jede Grube wird ein Holzpfosten eingelassen. Der Leichnam wird in eine Hängematte gelegt, die durch den Tunnel geschoben und mit beiden Enden an den versenkten Pfosten befestigt wird. In beiden Fällen werden die Gräber mit Matten und umgestülpten Keramiktöpfen verschlossen und zuletzt mit Erde abgedichtet.

Einige Zeit nach dem Begräbnis eines Anführers, bitten jene, die den Leichnam hergerichtet und ihn ins Grab gelegt haben, die nächsten Verwandten des Verstorbenen, einen Zaun um die Grabstätte zu errichten. Wenn dieser Bitte entsprochen wird, so ist dies der Anfang des Kwarup-Rituals, das sich über einen relativ langen Zeitraum hinzieht. Sein Abschluss fällt auf das Ende der Trockenperiode, in die Zeit der Eiablage der Wasserschildkröten, zirka zwischen August und September. Und diese Abschlusszeremonie ist der eigentliche Höhepunkt des Kwarup, zu dem andere ethnische Dorfgemeinschaften dann von den Angehörigen des verehrten Verstorbenen eingeladen werden.

Jener Verwandte des Verstorbenen, der die Erlaubnis zur Errichtung eines Zauns um das Grab gegeben hat, wird der “Herr des Kwarup“, das heisst, er ist verantwortlich für die gesamte Organisation des Rituals und für die Verköstigung aller Eingeladenen mit Fladenbrot aus seinen persönlichen Maniok-Beständen und geräucherten Fischen, die er mit seiner ganzen Hausgemeinschaft einige Tage vor dem Fest organisieren muss. Darüber hinaus werden Verwandte anderer beliebter Persönlichkeiten, die ebenfalls gestorben sind, den “Totengräbern“ konsultiert und, falls sie annehmen, zu sekundären “Herren“ desselben Kwarup erklärt. Der oberste “Herr“ und seine zweiten laden nun ihrerseits Verwandte von verstorbenen Normalbürgern ein, sich dem Ritual anzuschliessen. Jedoch gibt es nur einen Zaun, der des verstorbenen Anführers. Die genannten Totengräber spielen noch eine weitere bedeutende Rolle, indem sie die “Herren des Kwarup“ dem Rest des Dorfes präsentieren und am Ende der Zeremonie sie auch den eingeladenen Gästen vorstellen.

Zu den wichtigsten Vorbereitungen gehört nun das Sammeln einer riesigen Menge von Pequi-Palmfrüchten, die in den Monaten November und Dezember reifen. Die eingesammelten Früchte werden innerhalb des Zauns angehäuft, bis die gesamte Innenfläche bedeckt ist. Dann werden sie gekocht, ihr Fruchtfleisch wird in grosse, mit Blättern ausgeschlagene Körbe gelegt und auf dem Grund einer Lagune deponiert. Auch die Samenkerne werden in kleinen Körbchen aufgehoben. Der Fischvorrat kann erst zirka fünf Tage vor dem Eintreffen der Gäste, also vor dem Höhepunkt der Zeremonie, angelegt werden, denn bei den tropischen Temperaturen kann man selbst die geräucherten Fische nicht besonders lange aufheben.

Während der folgenden Monate vor dem abschliessenden, festlichen Kwarup-Höhepunkt, finden in Abständen von ein bis zwei Tagen zwei Arten von Tänzen unter dem Klang langer Bambusflöten statt, die von den Kamiurá “Uruá“ genannt werden – jedesmal werden Tänzer und Musiker von den Herren des Kwarup verpflegt. Mittelpunkt dieser rituellen Aktivitäten ist stets der Zaun um das bewusste Grab.
Das Ideal, für die Abschlusszeremonie so viele Nachbardörfer wie möglich einzuladen, wird durch die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel bestimmt und durch den aktuellen Zustand der Beziehungen zwischen ihnen. Ein Bote aus der Gruppe der besagten Totengräber, mit zwei Begleitern, wird zu jedem Dorf geschickt, welches man einzuladen gedenkt, gerüstet mit einer Etikette, die ihnen bestens vertraut ist.

Im Dorf der Veranstalter des Rituals wird jeder zu ehrende Verstorbene durch einen Baumstamm von etwa zwei Metern Länge repräsentiert. Sie stammen von einem Baum, der in den unterschiedlichen Sprachen der “Xinguaner“ verschiedene Namen hat – die Kamaiurá nennen ihn “Kwarup“ – es ist das gleiche Holz, aus dem einst ihr mythologischer Held, Mavutsinim, die Frauen erschuf, die er dann zur Hochzeit mit dem Jaguar entsandte. Die Stämme werden nebeneinander aufgestellt – in Löchern von 50cm Tiefe. Sie werden bemalt und mit Federn und maskulinen Gürteln aus Baumwolle dekoriert. Auch die verstorbenen “Normalbürger“ haben Recht auf einen Baumstamm, jedoch sind die weniger dick und sparsamer dekoriert. Die Seelen der so geehrten Verstorbenen versammeln sich bei den Baumstämmen in der letzten Nacht der Zeremonie – so glaubt man – und daraus besteht ihre einzige Beteiligung.

Die Kwarup-Baumstämme werden zum Mittelpunkt ritueller Evolution, während der Zaun um das Grab abgebaut und zu Brennholz für die Lagerfeuer der kampierenden Gäste zerbrochen wird. Die sind schon am Nachmittag vor der Abschluss-Zeremonie eingetroffen. Empfangen wurden sie von den Boten, die ihnen die Einladung überbracht haben – die geleiteten jeden Anführer der jeweiligen Gäste, an der Hand, zu einem Empfangsbuffet, wo diese sich mit ihren hungrigen Angehörigen setzen und einen Imbiss einnehmen konnten, um sich dann auf einen angewiesenen Platz im Umkreis des Dorfes zurückzuziehen.

Bei Einbruch der Nacht werden Feuer vor jedem Kwarup-Stamm entzündet. Während die Bewohner des gastgebenden Dorfes sich abwechselnd vor den Kwarups in Trauer beugen und um die Verstorbenen weinen, betreten die Besucher in feierlicher Prozession – ein Camp nach dem andern – erneut den Dorfplatz mit Holzscheiten des Pindaíba-Baumes in Arm, um den Feuern vor den Kwarups neue Nahrung zu geben und damit ihr besonderes Beileid auszudrücken – eine sehr feierliche, aber auch bedrückende Szene, denn die trauernden Frauen stossen zwischendurch herzzerreissende Schreie aus.

Mit Anbruch des folgenden Tages bereiten sich die Gastgeber und ihre Gäste auf das “Huka-huka“ vor, einen Ringkampf, der in dieser Terminologie der Kamaiura an die Rufe der Kämpfer erinnert, die damit das Brüllen des Jaguars imitieren, mit dem sie sich gegenseitig anmachen, wenn sie aufeinander treffen. Die Ringer der Gastgeber stellen sich nacheinander ihren Gegnern aus den eingeladenen Dörfern – man beginnt mit individuellen Zweikämpfen der bewährtesten Champions. Es folgen simultane Kämpfe zwischen verschiedenen rivalisierenden Paaren, und zum Schluss die Zweikämpfe der ganz Jungen.

Die Ringer stellen sich einander gegenüber auf, schlagen mit dem rechten Bein auf den Boden und beginnen sich im Uhrzeigersinn zu umkreisen, wobei sie den linken Arm ausgestreckt halten und den rechten hinter dem Rücken – und dazu schreien sie: Hu! ha! hu! ha! Bis sie ihre rechten Hände plötzlich ineinander verkrallen und mit der linken den Hals des Gegners umschlingen. Der Kampf, er kann unter Umständen nur ein paar Sekunden dauern, endet, wenn einer der Gegner umgeworfen wird – was nicht unbedingt wörtlich zu nehmen ist, es reicht, wenn das eine oder andere Bein des Gegners von der Hand des andern umschlossen ist, was als ausreichende Voraussetzung für seinen Sturz gilt. Die eingeladenen Gäste kämpfen nicht gegeneinander. Mit dem Schmuck der Kwarup-Stämme werden die Sieger des Huka-huka beschenkt.

Nach den Ringkämpfen erscheint ein junges Mädchen auf dem Platz, die bereits seit Monaten von der Aussenwelt getrennt, in der so genannten “Reclusão pubertária“ (einer nach ihrer ersten Menstruation verordneten Trennung von der Gesellschaft) im Halbdunkel der elterlichen Behausung ausgeharrt hat, nur umsorgt von ihrer Mutter. Wegen der fehlenden Sonnenbestrahlung über Monate ist ihre Haut sehr hell, ihre Haare gürtellang, mit den unbeschnittenen Stirnfransen bis zum Kinn – sie bietet den Anführern eines der eingeladenen Gastdörfer Samenkerne der Pequifrüchte an, während die Normalbürger desselben Dorfes ihr die “Jarreteiras“ (Schmuckbänder unter den Knien) ausziehen. Dieser Akt enthält einen klaren sexuellen Symbolismus, denn sowohl in der Mythologie als auch im Alltag geschieht der Sexualverkehr ohne jene “Jarreteiras“. Ausserdem glauben die “Xinguaner“, dass der Geruch der Pequi-Frucht, durch einen mythologischen Helden, vom Geschlecht der Frauen auf diese Frucht übertragen wurde. Währenddessen erscheinen weitere “bleiche Jungfrauen“ unter den Gästen und derselbe Vorgang wiederholt sich solange, bis alle Anführer mit Pequi-Samen bedient worden sind.

Schliesslich werden die Gäste mit einem reichhaltigen Buffet bewirtet. Danach formieren sich die einzelnen Dorfgemeinschaften zu einer langen Prozession, voran die Musiker mit ihren “Uruá-Flöten“ – sowohl Gastgeber wie Gäste blasen auf diesen Instrumenten – begleitet von den bleichen Mädchen, deren Reclusion damit endet. Vor den Kwarup-Stämmen macht die Menschenschlange halt. Die jeweiligen Angehörigen der Verstorbenen treten vor und beginnen, den Schmuck von den einzelnen Stämmen abzunehmen – es ist unglaublich still in diesem Moment, die Stille von mehr als eintausend Menschen – und die bleiben so still, bis der ganze Schmuck abgenommen und in Bastkörben verstaut ist. Jetzt treten die Sieger des Huka-huka in Aktion: Die Stämme werden jeweils auf drei Seilstücke platziert, dann von den kräftigen Ringern aufgenommen und der Prozession voran getragen, die sich jetzt zum Ufer des Xingu-Flusses hinbewegt. Dort lassen sie die Stämme langsam ins Wasser gleiten – sie tauchen erst mal unter, kommen wieder hoch, treideln langsam aus der Bucht und werden schliesslich von der Strömung erfasst – nun können die Seelen der Verstorbenen befreit diese Welt verlassen.

Tawarawanã

In diesem Fall kann man tatsächlich von einem “Fest“ sprechen, das einen eher vergnüglichen als zeremoniellen Charakter hat, und ebenfalls von den Trumai-Indios unter den Völkern des Parque Indígena do Xingu eingeführt wurde – so wie das bereits beschriebene Jawari-Ritual. Einfach und fröhlich, wird das Tawarawaná in der Regel während der Morgenstunden veranstaltet.

Die Männer tragen eine Art Bastrock aus Buriti-Palmfasern und schmücken sich zusätzlich mit Bananenblättern, mit einem Federkopfschmuck und den wohlriechenden Blättern eines Baumes, den sie “Hik’ada xudak“ nennen, und die sie an den Armen und im Gesicht anbringen. Sie tanzen zur Musik zweier Männer in ihrer Mitte – in der Regel der Schamane des Dorfes, der eine mit Kieseln gefüllte, grosse Kürbisrassel schwingt, und der Häuptling, der den Rhythmus auf Taquara-Trommel akzentuiert – beide singen dazu.

Die Frauen, in vollendeter, schwarzer Ganzkörperbemalung, bilden den äusseren Kreis und bewegen sich, getrennt von den exaltiert herumspringenden Männern, im Rhythmus der Musik – mit den Händen beschreiben sie kreisförmige Bewegungen vor ihrem Bauch. In einer nächsten Phase vereinen sie sich mit den Männern, ergreifen einen Zipfel des Bastrocks und umrunden anschliessend mit ihnen den Dorfplatz.

Mapulawá

Anlässlich der Ernte der Pequi-Palmfrüchte führen die Waura-Indios das Mapulawá-Fest durch – der Name bedeutet Kolibri, der kleine Vogel ist nämlich einer der bedeutendsten Bestäuber der Pequi-Blüten und Verbreiter der Pequi-Samen. Das Fest ist in zwei Events unterteilt – der erste, “Matabu“, findet statt, wenn die reifen Früchte anfangen herunterzufallen, wozu man eine Art von “Summer“ benutzt, dessen Vibrationen die Reife der Früchte beschleunigt – und zum zweiten Event, “Mapulawá“, bereitet man Figuren aus Holz vor, welche die Vögel und die anderen Tiere darstellen, denen die Befruchtung der Blüten und die Verbreitung der Samen zu verdanken ist.

Jedes Familienoberhaupt fertigt solche Figuren an, um damit alle anderen Besitzer von Pequi-Palmen seines Dorfes zu beschenken. Diese nehmen die geschenkten Tierfiguren in Empfang und deponieren sie später unter ihren jeweiligen Palmen. Die meisten Dorfgemeinschaften des Oberen Xingu haben dieses Manifest von den Waurá übernommen, jedoch mit kleinen Unterschieden entsprechend ihres kulturellen Hintergrundes.

Yamuricumã

Das “Haus der Flöten“, ein Männerhaus im Zentrum des Dorfplatzes, um dessen Peripherie sich die Behausungen (Ocas) der Indio-Familien im Parque Indigena do Xingu gruppieren, verbirgt Musikinstrumente, die von den Frauen zwar gehört, aber niemals gesehen werden dürfen. Die bis zu anderthalb Meter langen Flöten sind am zentralen Dachsparren aufgehängt und können zu jeder Zeit von einer Gruppe dreier Männer im Innern des Hauses gespielt werden. Und nachts, wenn die Frauen sich zurückziehen, können sie sich auch mit ihnen auf den Dorfplatz begeben. Anlässlich bestimmter kollektiver, rein maskuliner Aktivitäten – die von dem Auftraggeber mit Nahrungsmitteln “bezahlt“ werden – bewegen sich die Flötenspieler auch mal im Tageslicht über den Dorfplatz, aber dann sorgt man vorher dafür, die Frauen in ihren Häusern einzuschliessen.

Die Frauen kehren diese Situation um mit dem Yamurikumã-Ritual (ebenfalls eine im Park allgemein gebräuchliche Bezeichnung aus der Kamaiurá-Terminologie), das während der Trockenperiode stattfindet, und zu dem die Frauen mit Waffen agieren, typisch männliche Bewegungen imitieren, sich mit Federn und anderem männlichen Körperschmuck ausstatten – und sie veranstalten sogar Huka-huka-Ringkämpfe untereinander.

Dazu empfangen sie auch geladene weibliche Repräsentantinnen, die wie beim Kwarup an der Peripherie ihres Dorfes kampieren, und alle Teilnehmer intonieren Gesänge, welche sich auf die Sexualität der Männer beziehen. Es gibt verschiedene Arten von Gesängen, einige erwähnen die Wurzeln dieser Zeremonie, andere beziehen sich auf die Struktur der maskulinen Performance mit den Flöten, und wieder andere simulieren auf explizite Art und Weise das aggressive Sexualverhalten der Männer gegenüber bestimmten Frauen.

Die Männer, die während dieser Demonstration femininen Frustes den “Monster-Weibern“ aus dem Weg gehen, die vorübergehend die Macht übernommen haben und nun eine exklusiv feminine Gesellschaft bilden, ist es tatsächlich gefährlich, sich während des Yamuricumã im Dorf blicken zu lassen – sie würden sofort angegriffen und könnten ernstlich verletzt werden, ohne dass dies irgendwelche spätere Folgen für die Angreiferinnen hätte, die an diesem denkwürdigen Tag die uneingeschränkten Herrinnen des Dorfes verkörpern und eine absolute Emanzipation verteidigen.

Das Ritual entwickelt sich zu einem grossen Fest, mit den Symbolen aggressiver und unverhaltener Femininität. Und das Überraschendste daran – vor allem für die Männer: Jedwede unzufriedene Frau hat das Recht, jederzeit ein Yamuricumã-Ritual zu organisieren! Übrigens dürfen Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts daran teilnehmen.

Jakuí

Das Ritual der heiligen Flöten, “Jakuí“, vereint und symbolisiert die maskuline Gesellschaft des Dorfes (oder die gesamte Gesellschaft des Oberen Xingu), und den Frauen ist es strikt verboten, sie sehen zu dürfen. Die Flöten selbst sind Reliquien mythologischer Instrumente, deren Herkunft aquatischen Geistwesen zugesprochen wird. Die Zeremonie demonstriert die Macht der Männer über die Frauen. Es ist ein Ritual in feierlichen Tönen und heiligem Inhalt – seine symbolische Basis sind Verbot und Enthaltung.